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Lifestyle | 24.03.2021

Öffnen Sie die Blackbox!

Ohne Angst geht es nicht, aber wie viel ist zu viel? Ein Gespräch über Alarmzeichen, Gegenstrategien und beflügelnde Energien mit Sozialarbeiterin Susanne Kienleitner und Facharzt für Psychiatrie Karl Heinz Lippl.

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© Shutterstock

Wovor haben Sie Angst? Wie erleben Sie Angst? Ist sie vorbei, wenn Sie etwa eine Blutabnahme hinter sich haben, oder gehen Sie erst gar nicht hin? Angst ist (über)lebensnotwendig – aber wenn ihr das ganze Leben untergeordnet wird, wenn die Entspannung nicht mehr gelingt, kann sie zur Krankheit werden.
Der Psychosoziale Dienst (PSD) Burgenland betreut und behandelt Menschen mit psychischen Erkrankungen und ihre Angehörigen; sogenannte multiprofessionelle Teams aus Fachärzt*innen, Diplom-Sozialarbeiter*innen, Psychotherapeut*innen, Klinischen Psycholog*innen und Diplomkrankenpfleger*innen erarbeiten individuelle Behandlungskonzepte für die Klient*innen. Manchmal hilft schon ein beratendes Gespräch, manchmal liegen schwere psychiatrische Erkrankungen vor; die Kooperation mit den Betroffenen basiert ausnahmslos auf deren Freiwilligkeit.
Angststörungen sind ein Teilbereich der täglichen Arbeit mit den Klient*innen von Susanne Kienleitner, Klinische Sozialarbeiterin, seit 16 Jahren beim PSD und Verwaltungsleiterin des sozialpsychiatrischen Ambulatoriums Oberpullendorf, sowie von Karl Heinz Lippl, Facharzt für Psychiatrie und Chefarzt des PSD.

Im Talk
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Fesselnder Talk

PSD-Expert*innen Susanne Kienleitner und Karl Heinz Lippl mit Redakteurin V. Kery-Erdélyi

© Vanessa Hartmann

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Susanne Kienleitner, Klinische Sozialarbeiterin

© Vanessa Hartmann

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Karl Heinz Lippl, Facharzt für Psychiatrie

© Vanessa Hartmann

BURGENLÄNDERIN: Was ist Angst?

Susanne Kienleitner: Es ist ein Gefühl, das jeder kennt: ein Gefühl der Beklemmung, der Bedrohung, prinzipiell unangenehm und begleitet etwa von Zittern und Muskelanspannung, aber nicht gefährlich. Angst ist lebensnotwendig. Sie schützt und warnt uns, dient als Alarmsignal, damit wir auf eine gefährliche Situation vorbereitet sind und reagieren können.

Karl Heinz Lippl: Angst bringt uns in einen Zustand, in dem wir besser funktionieren; das ist etwas Normales.


Wann beginnt es, den gesunden Rahmen zu verlassen?

Lippl: Die Übergänge sind fließend und die Grenzen werden je nach Sozialisation und Gesellschaften unterschiedlich gesetzt. Nach psychiatrischem Ermessen ist Angst dann krankhaft, wenn sie sich verselbstständigt, wenn sie nie aufhört.

Lippl: Wovor haben Sie Angst?

BURGENLÄNDERIN (V. Kery-Erdélyi): Vor Perchten beispielsweise.

Kienleitner: Das könnte eine spezifische Phobie sein.

Lippl: Das ist eine reale Angst, Angst vor etwas, das sie kennen. Sie ist situationsabhängig. Sie werden schon gelernt haben, dass diese Angst vergeht, dass die Perchten weiterziehen, ohne dass etwas Schlimmes passiert ist. Zum Beispiel bei der Angst, das Haus zu verlassen, müssen sie aktiv werden, um eine positive Erfahrung zu machen. Wir kennen die Prozesse, wenn die Angst kommt, zunimmt, aber wir haben in der Regel die Erfahrung gemacht, dass es besser wird. Wenn das nicht passiert, sind wir in Dauerpanik. Stellen Sie sich vor, Sie hätten die Perchten jeden Tag, die ganze Zeit. Jeder gesunde Mensch kann sich vorstellen, wie schlimm das sein muss, wenn dieser Ausnahmezustand nicht aufhört, wo unser Körper in Alarmbereitschaft ist, die Neurotransmitter quasi explodieren, sich die Haare aufstellen. Das laugt den Körper aus; wenn man das gewohnte Leben nicht mehr führen kann, dann ist es krankhaft. Spätestens dann sollten Sie sich professionelle Hilfe suchen.

Kienleitner: In der Regel besteht ein hoher Leidensdruck, bevor jemand professionelle Hilfe in Anspruch nimmt. Das beobachte ich in meiner täglichen Arbeit mit Klient*innen.

… weil die Angst im Alltag behindert?

Kienleitner: Genau. Wenn Sie beispielsweise Situationen vermeiden, die aber notwendig sind, wenn Sie Ihre Kinder nicht mehr versorgen können.

Wieso ist Angst aber generell negativ besetzt, wo sie so wichtig ist?

Lippl: Ob Angst positiv oder negativ besetzt ist, hängt davon ab, wofür sie steht. Wir leben in einer Zeit der Angst; es wird uns permanent Angst gemacht. Mit einer gesellschaftlichen Angst kann man gut manipulieren, dazu gibt es genug Beispiele. Menschen, die Angst haben, reagieren anders, als wenn sie entspannt sind. Wenn ich den Menschen sage, dass sie Angst haben müssen, dass sie verhungern, dass ihnen die Jobs weggenommen werden, wenn die Flüchtlinge kommen, dann ist das eine ganz andere Form von Angst als eine persönliche Angst oder eine Angststörung. Dann gibt es auch die Angst, die mehrere Menschen gleichzeitig haben können: wie dass diese Pandemie nie aufhört oder dass die Welt wegen der Klimaerwärmung untergehen wird. Solche Angstphänomene sind ein Nährboden für persönliche Ängste. Das merken wir bei unseren Klient*innen, die auch sonst Angst haben und Schwierigkeiten, mit der Realität umzugehen; diese Situation tut ihnen nicht gut.


Wie erleben Sie das in der täglichen Arbeit mit den Klient*innen?

Kienleitner: Die Menschen fürchten sich, die Pandemie beschäftigt sie. Unsere Klientel sind oft schon Menschen, die wenig Kontakte haben; wenn wir nun Gruppenangebote aussetzen mussten, waren das große Einschnitte. Wenn jene ihren Job verlieren, die auch sonst schwer einen gefunden haben, sind da finanzielle Einbußen und Zukunftsängste; wir nehmen das alles in der Behandlung mit auf, sind um regelmäßigen Kontakt bemüht. Manche Ängste relativieren sich vielleicht, andere sind leider auch realistisch.

Lippl: Unser Lebens- und Gefühlsraum wird durch aktuelle Ängste gerade „zusammengedrückt“. Wir wollen in der Behandlung entspannend, deeskalierend wirken. Wenn der allgemeine Druck zunimmt, nehmen die Symptome für unsere Klient*innen deutlich zu. Selbst viele Gesunde sind mittlerweile an der Grenze des Aushaltbaren. Wenn Sie nicht mehr in die Entspannungsphase kommen, sondern durchgehend angespannt bleiben, haben Sie einen fürchterlichen Energieverlust. Der Tag-Nacht-Rhythmus kann kippen, Sie können sich nicht mehr konzentrieren; das permanente In-Bereitschaft-Sein kostet viel Energie.

 

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Gibt es aktuell „Gegenstrategien“?

Kienleitner: Sehr viele: den Alltag strukturiert gestalten, die sozialen Kontakte trotzdem pflegen – wenn vielleicht auch nicht persönlich –, jeden Tag an die frische Luft gehen, sich Entspannungstechniken aneignen, den Medienkonsum kritisch überdenken – und sich generell überlegen, was die persönliche Situation verbessern kann.

Woher kommen krankhafte Angststörungen und warum sind Frauen häufiger betroffen als Männer?

Kienleitner: Es gibt einige Erklärungsmodelle; Angststörungen können durch gesellschaftliche, neurobiologische oder genetische Faktoren beeinflusst sein – wobei nun nicht eine Angststörung selbst genetisch manifestiert ist, sondern dass man beispielsweise sensibler ist. Dass Frauen doppelt so häufig betroffen sind, kann hormonelle Gründe haben, es kann am Rollenbild liegen, das uns von vielen Seiten zugeschrieben wird; es motiviert demnach eher zu einem Vermeidungsverhalten bzw. nach innen gerichteten selbstwertmindernden Lösungsmustern in bedrohlichen Situationen. Nicht zu unterschätzen sind zudem die Mehrfachbelastungen, denen Frauen ausgesetzt sind.

Lippl: Es handelt sich zumeist um multifaktorielle Phänomene, das heißt: Es gibt ganz selten den Auslöser. Aber: Sich mit seiner Geschichte zu beschäftigen, nicht zu vermeiden, auf das Unangenehme hinzuschauen, darauf, was mit Angst besetzt ist, das kann helfen, dass man mit bestimmten Situationen gut zurechtkommt. Andernfalls hat man es immer mit einer Blackbox zu tun.



Abseits ernstzunehmender Angststörungen: Es gibt also auch nicht DIE Erklärung für die Angst vor Perchten?

Kienleitner: Mit professioneller Unterstützung könnten Sie vielleicht eine Antwort für sich finden.

Lippl: Warum der einzelne Mensch auf bestimmte optische Reize mehr anspringt als der andere, weiß man nicht. Es gibt Menschen, die – ohne dass das pathologisch ist – vor Spinnen höllische Angst haben, aber Schlangen machen ihnen gar nichts. Oder umgekehrt.



Kann man Ängste besiegen?

Kienleitner: Angststörungen sind gut behandelbar.

Lippl: Wir müssen uns bei jeder Klientin, bei jedem Klienten gut überlegen, ob es etwas ist, wo wir einschreiten müssen oder sollen. Es kann passieren, dass wir der Meinung sind: Das schaffen Sie selbst auch. Manchmal reicht ein beratendes Gespräch und die Menschen gehen beruhigt wieder. Das heißt nicht, dass sie nachher keine Ängste mehr haben, aber sie wissen, dass es nicht gefährlich ist, was sie haben. Etwas unnötig zu pathologisieren macht auch krank. Das Schlechteste ist es, wenn man jemandem sagt: „Du nervst mit deiner Angst.“ Das kann dazu führen, dass sich Betroffene nicht mehr damit auseinandersetzen wollen. Es geht immer darum, für das empfundene Leiden der Menschen ein adäquates Angebot zu machen.



Wie viel Angst um die eigenen Kinder halten Sie für sinnvoll?

Lippl: Man kann von Kindern sprechen oder von anvertrauten Menschen; um meine Patient*innen habe auch ich Angst, dass sie sich umbringen, dass ihnen etwas Schlimmes passiert. Das ist normal, aber es sollte mich nicht bei meiner Arbeit behindern. Meine Arbeit ist es – das ist vergleichbar mit Eltern –, die Menschen in ein Leben zu führen, das lebenswert ist, aber dieses Leben hat Gefahren. Es wäre eher wichtig als Elternteil, dass man den Kindern beibringt, wie man mit Angst umgeht. Angst um jemanden zu haben ist wichtig und gut, aber es gehört überprüft: Ist es normal, dass eine Mutter Angst hat, dass den Kindern auf der Straße was passiert? Aber rechtfertigt das, dass die Kinder nicht rausdürfen? Ein weiterer wichtiger Punkt ist: Wir kennen alle die Angst vor neuen Aufgaben, vor etwas, das man noch nie gemacht hat. Wie toll ist es, wenn man es dann schafft? Die Angst davor, dass etwas nicht gut geht, ist ein Teil der Energie, die wir brauchen, um zu bestehen, um dieses Neue zu überflügeln.

 

 

Psychosozialer Dienst Burgenland

Multiprofessionelle PSD-Teams betreuen Menschen mit sozialen, psychischen und psychiatrischen Problemen an den Standorten Neusiedl am See, Eisenstadt, Mattersburg, Oberpullendorf, Oberwart, Güssing und Jennersdorf.

www.psychosozialerdienst.at