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Lifestyle | 09.04.2021

„Lost Generation“? Mitnichten!

Distance-Learning, fehlende Sozialkontakte und Schüler*innen-Bashing – drei Landesschulsprecher*innen im Talk.

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© Shutterstock

Ängste, Schlafstörungen, suizidale Gedanken – mehr als die Hälfte aller Schüler*innen in Österreich leidet durch die Corona-Pandemie unter einem dieser psychischen Symptome. Das geht aus einer Studie der Donau-Universität Krems in Kooperation mit der Medizinischen Universität Wien mit Unterstützung des Bildungsministeriums hervor. Tendenz steigend. Ein weiteres Ergebnis ist der deutliche Anstieg der Handynutzung: Mittlerweile verbringt rund die Hälfte der Lernenden täglich fünf oder mehr Stunden am Smartphone. Im Vergleich zu 2018 hat sich diese Zeit verdoppelt. Gleichzeitig zeigt sich eine deutliche Abnahme der körperlichen Bewegung. Hinzu kommen Unkenrufe aus verschiedenen Ecken, dass die Jugend heutzutage – und besonders in Zeiten von Corona – nichts leistet. Über diese Vorwürfe, ihre Einstellungen zu den Corona-Maßnahmen und den Unterschieden zwischen den Generationen sprachen wir mit:

• Johanna Maier (19), Landesschulsprecherin der BHS (Berufsbildende Höhere Schulen), Schülerin an der ecole Güssing, wo sie heuer maturiert.

• Bernhard Matouschek (18), Landesschulsprecher der AHS (Allgemeinbildende Höhere Schulen), Schüler am BRG Mattersburg, wo er heuer maturiert.

• Petra Hasler (43), Landesschulsprecher-Stellvertreterin der BS (Berufsschulen), Berufsschülerin im zweiten Bildungsweg an der Berufsschule Eisenstadt, heuer Lehrabschlussprüfung zur Köchin.


Wie geht es euch an den Schulen derzeit? Wie läuft euer Alltag?

Johanna: Den Umständen entsprechend. Es gehört mehr Bewusstsein dafür geschaffen, dass Schüler*innen unter großem psychischem Druck stehen. Das Distance-Learning war für alle eine Umstellung, die sozialen Kontakte fehlen uns. Das Positive ist, dass es derzeit zumindest Schichtbetrieb an den Schulen gibt. Weiters sehen wir als positiv, dass die mündliche Matura nun freiwillig ist. Wird sie nicht gemacht, ergeben sich die Noten aus dem Jahreszeugnis, und das wird dann auch im Maturazeugnis vermerkt. Mein Alltag sieht so aus: Ich stehe morgens auf wie immer, mache mein Fitness-Workout gleich in der Früh statt am Nachmittag, ab 8 Uhr werden dann die Unterrichtseinheiten gestreamt und ich sitze mehr oder weniger den ganzen Tag vor dem Laptop. Die Konzentration ist über die Stunden schwer zu halten. Die Ablenkungsgefahr durchs Handy ist natürlich auch groß.

Bernhard: Das Unangenehmste am Distance-Learning ist das stundenlange Sitzen vor dem Laptop oder PC. Von 8 Uhr bis 13.30 Uhr bei den Video-­Einheiten die Konzentration zu halten, ist schwierig. Danach noch Arbeitsaufträge zu erledigen oder zu lernen, ebenso. Bei vielen macht sich auch die schwierige familiäre Situation zu Hause bemerkbar. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass jedes Kind einen Laptop zu Hause hat.

Petra: Beim Präsenzunterricht war ich von meiner Heimat Lockenhaus rund eine Stunde in der Früh unterwegs nach Eisenstadt. Der Unterricht begann um 7.45 Uhr und endete um 17.05 Uhr. Im Distance-Learning fällt die Autofahrt weg, was angenehm ist. Aber die nicht vorhandenen sozialen Kontakte und der Austausch fehlen sehr. Andererseits fordern die Distance-Maßnahmen mehr Selbstständigkeit, das ist positiv.


Hat die Pandemie Einfluss auf eure Jobwahl bzw. auf das, was ihr nach der Schule machen möchtet?

Bernhard: Bei mir nicht, weil ich derzeit noch nicht genau weiß, was ich nach der Schule machen möchte. Es herrscht ein bisschen allgemeine Verunsicherung vor bei vielen.

Johanna: Ich möchte nach der Matura für ein Jahr als Au-pair nach Amerika gehen. Durch die Pandemie habe ich mir einen Plan B überlegen müssen. Wenn ich nicht nach Übersee fliegen kann, mache ich ein freiwilliges Jahr in Österreich beim Roten Kreuz.

Petra: Ich habe während der Ausbildung bereits als Köchin im Gesundheitsresort in Bad Tatzmannsdorf gearbeitet. Mittlerweile habe ich meinen Job verloren, da ich aus gesundheitlichen Gründen keine Maske tragen darf und mich nicht ständig testen lassen möchte, wenn ich nicht krank bin. Mit über 40 Jahren habe ich nun endlich meine Berufung gefunden und mich neu orientiert. Dass das jetzt einfach so zerplatzt, macht mich traurig. Aber jetzt konzentriere ich mich mal auf die Lehrabschlussprüfung im Juni und dann sehen wir weiter.



Unsere Gesprächspaterner*innen
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Johanna Maier,

Landesschulsprecherin BHS

 

© privat

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Bernhard Matouschek,

Landesschulsprecher AHS

 

© privat

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Petra Hasler,

Landesschulsprecher-Stellvertreterin BS

 

© privat

Die Maßnahmen zur Corona-Pandemie polarisieren. Gibt es da – pauschal gesagt – in der Denkweise einen Unterschied zwischen den Generationen?

Petra: Wenn man krank ist, bleibt man zu Hause, aber wenn ich mich gesund fühle und mich trotzdem testen lassen muss, dann macht das für mich keinen Sinn. Ich bin keine Corona-Leugnerin, aber die Maßnahmen sind für mich total überzogen.

Johanna: Es kommt mir so vor, als würden bei der älteren Generation mehr Skepsis und Zweifel vorherrschen. Wir Schüler*innen sind einfach nur froh, wenn der Präsenzunterricht wieder beginnt, auch wenn es anstrengend ist, den ganzen Tag Maske zu tragen. Aber es ist ein notwendiger Schritt, damit wir wieder zurück an die Schulen dürfen. Man gewöhnt sich mit der Zeit auch ans regelmäßige Testen. Mittlerweile ist es Normalität, wir Jungen haben uns da schnell angepasst.

Bernhard: Dem stimme ich zu. Ich glaube auch, dass die Impfbereitschaft bei den Schüler*innen höher ist als bei den Älteren. Ich selbst lasse mich sicher auch impfen, sobald ich dran bin. Wir nehmen oft Dinge zu uns, von denen wir nicht wissen, was sie alles beinhalten. Daher sehe ich das nicht so kritisch. Ich will mich einfach wieder mit mehreren Freunden treffen, mein normales Leben zurück. Dafür lasse ich mich auch gerne impfen. Wie sollen wir sonst aus der Krise kommen?

Johanna: Es gibt natürlich unterschiedliche Meinungen, aber ich habe das Gefühl, dass bei den Jüngeren die Impfbereitschaft größer ist.

Petra: Mich schockiert das gerade sehr, dass die Jungen so bereit sind, sich impfen zu lassen, nur um am sozialen Leben wieder teilnehmen zu können. Mir fehlt eine kritische Haltung, das Hinterfragen von Dingen, die man vorgesetzt bekommt.

Inwiefern seht ihr Konfliktpotenzial zwischen den Generationen? Schüler*innen von heute werden medial oft als „Lost Generation“ propagiert, die im Corona-Jahr nichts gelernt hätte. Wie geht es euch damit?

Johanna: Das ärgert mich, weil es einfach nicht stimmt. Ich möchte, dass sich die Leute auch in beide Seiten hineinversetzen. Wir Schüler*innen mussten von einem Tag auf den anderen lernen, uns umzustellen, vieles alleine erarbeiten, viele hatten zu Hause keine Unterstützung. Wir mussten im letzten Jahr viel über uns ergehen lassen. Mit „Lost Generation“ fühle ich mich komplett unverstanden, weil all das, was wir geleistet haben, nicht wertgeschätzt wird. Ein richtiges Konfliktpotenzial sehe ich nicht. Im Gegenteil, wir konnten viel voneinander lernen. Wir tun uns mit der Digitalisierung leichter, da haben die Lehrer*innen viele Tipps von uns dankend angenommen. Corona hat auch einigen Berufsfeldern in Bezug auf Digitalisierung und Social Media neue Bedeutung zugeschrieben. Ich finde, mehr Fortbildungen für das ältere Lehrpersonal wären nicht schlecht.

Petra: Als etwas ältere Schülerin habe ich sicher auch einiges von meinen jüngeren Mitschüler*innen gelernt. Mein Fokus war jedoch klarer. Ich wusste genau, warum ich in der Schule bin und was ich aus meinem Leben machen möchte. Ich wollte das lernen, was ich als meine Berufung ansehe.

Was kann die jüngere Generation von der älteren lernen und umgekehrt?

Bernhard: Ich denke, dass die Jugend heute generell offener ist – in Bezug auf Kulturen, Religion und Sexualität zum Beispiel. Wir sind auch anpassungsfähiger und weniger konservativ im Denken.

Johanna: Wir sind risikobereiter. Als ich meinen Eltern erzählt habe, dass ich ein Jahr nach Amerika möchte, haben sie mich zwar unterstützt, aber meine Mama sagte, sie hätte sich das in meinem Alter nie zugetraut. Die Krise zeigt uns auf jeden Fall, dass wir mehr aufeinander aufpassen sowie alle Meinungen akzeptieren und anhören sollten. Gemeinsam können wir viel mehr erreichen, denn schließlich sitzen wir alle im selben Boot.

Petra: Meine Generation ist vielleicht nicht so anpassungsfähig, wir hinterfragen mehr. Das fehlt mir an der jungen Generation ein bisschen. Toleranz ist ganz wichtig, jeder sollte gehört und alle unterschiedlichen Meinungen sollten akzeptiert werden.