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Lifestyle | 22.04.2021

Sehnsucht nach Sicherheit

Ein Gespräch mit der renommierten Expertin für Jugendforschung Beate Großegger.

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© Shutterstock

BURGENLÄNDERIN: Wie ticken unter 30-Jährige heute? Was hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert?

Beate Großegger: Jugendliche und junge Erwachsene werden zunehmend sicherheitsorientierter. Im Vergleich zur Jugend von vor 30 Jahren geht die junge Generation heute einerseits in eine zwar mit vielen Chancen ausgezeichnete, aber andererseits mit vielen Unsicherheiten verbundene Zukunft. Lebensplanung, wie sie früher möglich war, ist heute nicht mehr möglich. Junge Menschen reagieren darauf mit ihrem Bauchgefühl: Sie entwickeln ein hohes Sicherheitsbedürfnis.

Subjektiv hat man das Gefühl, umgeben von Start-ups zu sein. Woher kommt der Mut?

Die Generation Start-up, diese High Potentials, auf die die Wirtschaft so sehnsüchtig schielt, ist eigentlich eine qualifizierte Minderheit; es handelt sich tatsächlich um eine kleine Gruppe, die sich vom breiten Mainstream in der Grundmentalität massiv abhebt. Die breite Mehrheit sucht Sicherheit und Planbarkeit und trennt sehr klar zwischen Beruf und Privatleben. Man bringt am Arbeitsplatz seine Leistung, will auch arbeiten – gerne „from nine to five“ und nicht am Wochenende. Viele sagen: „Ich arbeite, um zu leben. Ich will nicht leben, um zu arbeiten, und später einmal draufkommen, dass das die falsche Entscheidung war.“ Die kleine visionäre Gruppe möchte hingegen durchstarten und braucht dafür entsprechende Rahmenbedingungen.

Welche sind das?

Die Herausforderung an uns als Gesellschaft und an die Wirtschaft besteht darin, fair mit diesem Potenzial umzugehen. Wir sprechen hier von jungen Leuten zwischen Mitte 20 und Mitte 30 und tatsächlich ist es so, dass diese Start-ups häufig von der Wirtschaft aufgesogen werden. Kantiger formuliert: Die Ideen werden abgezogen und auf einer breiteren Ebene implementiert. Manche können gut damit leben, ihnen reicht es, eine Idee eingebracht zu haben, die weiter wirkt. Andere haben sehr wohl die Idee, ein Lebenswerk zu schaffen, für die kann das schon ein Schlag vor den Kopf sein.

Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf das Leben der jungen Leute?

Sie sind mit digitalen Technologien groß geworden, sie sind die Treiber der digitalen Transformation. Sowohl die Sicherheitsorientierten als auch die High ­Potentials, die durchstarten wollen, verfügen über Kompetenzen, die die Mid-Agers oder diejenigen, die Schritt für Schritt auf die Pension zusteuern, nicht in dem Ausmaß haben. Jung und Alt haben in der Arbeitswelt jeweils unterschiedliche Qualitäten; es gilt, diese jeweils als Produktivfaktor entsprechend wertzuschätzen.

Welche Qualitäten sind das beispielsweise?

Ältere haben in der Regel ein realistischeres Timing, Projekte zu planen, sie haben mehr Projektmanagement-Erfahrung und mehr Kompetenz, mit schwierigeren Kund*innen umzugehen und Lösungen zu finden. Sie sind im direkten Gespräch stärker team- und dialogorientiert. Bei den Jungen läuft alles über digitale Schienen. Da kommt es dann zu Missverständnissen: Die digital sozialisierten Jungen finden Projekt-Meetings, die die Älteren organisieren, super langatmig. Die Älteren sagen wiederum, die Jungen schauen ständig nur aufs Smartphone.

 

„Die Wirtschaft ist gefordert, fair mit dem Potenzial der Start-ups umzugehen.“, Beate Großegger, Sozialforscherin © Vreni Arbes Fotografie



Was kann man von der jungen Generation lernen?

Man kann wunderbar von ihren Skills im Bereich der Nutzung digitaler Technologien profitieren. Sie organisieren Teams über räumliche Distanzen, das ist durch die Pandemie gerade ein großes Thema geworden. Ihre Teams sitzen im Homeoffice, die Prozessabläufe funktionieren trotzdem, obwohl man sich nicht am Gang oder im Büro begegnet. Die Jungen sind da sehr geschickt, haben keine Berührungsängste und sind fokussiert. Die sagen: „Ich hab’ schlecht geschlafen und schau’ heute furchtbar aus“ – da schalten sie die Kamera weg und niemand diskutiert drüber. Sie haben ganz spezielle Skills, über digitale Technologien Kontakt zu halten. Doch natürlich empfinden es auch die Jungen schon auf die Dauer mühsam ohne persönliche Kontakte. Der andere Aspekt ist: Wir haben diese digital hochkompetente junge Generation, die in der Pandemie zu Hause sitzt und beruflich kaum neue Kontakte aufbauen, kaum netzwerken kann, um für die berufliche Zukunft zu punkten. Hier ist die ältere Generation gefragt, die über diese Kontakte bereits verfügt, unterstützend zu agieren.

Mitunter kommt es aber zwischen den Generationen auch zum Konkurrenzdenken …

Was wir häufig beobachten, ist: Junge arbeiten lieber mit Jungen zusammen, Ältere lieber mit Älteren. Das liegt an unterschiedlichen Arbeitsstilen, an unterschiedlichen Einstellungen gegenüber der Arbeit. Die Älteren finden oft, die Jüngeren würden ihren Job nicht so ernst nehmen. Die Frage ist, ob man ihn selbst mit 25 schon so ernst genommen hat. Es ist logisch, sich mit dem zu umgeben, was nicht für Irritationen sorgt. So bleibt man in der eigenen Blase. Dass es gelingt, diese in der Arbeitswelt zu durchbrechen, ist auch eine Frage des Personalmanagements.

Es müssen für einen fruchtbaren Austausch also bewusst Schritte gesetzt werden?

Generationensensitives Personalmanagement ist etwas enorm Wichtiges und zugleich enorm Herausforderndes. Die meisten glauben, das ergibt sich alles von allein, aber so ist es eben nicht. Je mehr wir gefordert und überfordert sind, desto mehr tendieren wir dazu, uns in unsere Blasen zurückzuziehen und uns nicht mit etwas zu konfrontieren, das uns im ersten Schritt anstrengend erscheint und erst im zweiten Schritt als konstruktiv erlebt wird.

Vor dem Hintergrund der Pandemie: Wie blicken die Jungen in die Zukunft?

Sie schauen in eine unsichere Zukunft und verdrängen das ein klein wenig. Sie haben Angst, dass die Arbeitslosigkeit steigt, dass der wirtschaftliche Aufschwung lange auf sich warten lassen könnte und um ihre persönlichen Zukunftschancen. Die Jungen sind in unterschiedlichen Lebenssituationen sehr belastet, da geht es ihnen gerade vor allem darum: „Wie fühle ich mich? Wie komme ich über die nächsten Monate?“ Aber die bedrohten Zukunftschancen werden uns alle massiv beschäftigen.

 

 

Voneinander lernen. Für einen fruchtbaren Austausch ist generationensensitives Personalmanagement gefragt.

 

 

Kurzbio

Dr. Beate Großegger

Beate Großegger gilt über Österreichs Grenzen hinaus als Expertin für Jugend und Generationen; die promovierte Kommunikationswissenschaftlerin ist Mitbegründerin des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien und mit einer Dependance in Hamburg. Sie leitet seit 2001 die Forschungsabteilung des Instituts und betreut seit 2016 das sogenannte „generationlab“, wobei Jugendforschung mit Generationenforschung kombiniert wird. Für ihre gendersensitive Jugendforschung wurde sie mit dem Käthe-Leichter-Preis für Frauenforschung, Geschlechterforschung und Gleichstellung in der Arbeitswelt ausgezeichnet. Neben einer Vielzahl an Publikationen ist sie als Lektorin in der akademischen Lehre tätig.

www.jugendkultur.at