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Lifestyle | 13.07.2021

Die Froschau-Kapelle ist es nicht

Spannend-sportliche Horizonterweiterung: Wir wagten uns mit dem Fahrrad auf eine „Zeitreise ins Ungewisse“.

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Idylle pur. Der Neusiedler-­See-Radweg ist immer eine Reise wert. © Viktória Kery-Erdélyi

Ich gestehe: Ich habe geschummelt.

Wobei … Nein. Vielmehr muss ich hier – ist ja nicht gerade ein Pioniers­akt – eine Lanze für E-Bikes brechen. „Die Strecke ist ein bisschen mehr als 40 Kilometer lang, wenn ihr dann von Rust die Fähre nach Podersdorf nehmt“, sagte Nina Meran, als wir ihre neue Krimitour rund um den Neusiedler See besprachen. Welcher Teufel mich bei diesem Telefonat auch ritt, ich lehnte das E-Bike-­Leih-Angebot zunächst ab. Wenig später rief ich zum Glück erneut an und bat doch um eines. Halleluja! Schließlich reicht doch der Thrill, sich womöglich beim Scheitern an Rätseln die Blöße zu geben. Ich hätte hier ungerne in die Schlagzeile „Beim Selbsttest (am wirklich kommoden Neusiedler-See-Radweg) kollabiert“ geschrieben. So viel sei also vorweg verraten: Ich bin erfolgreich durchs Ziel gerauscht. Nach 65 gefahrenen statt 43 geplanten Kilometern. Aber ich kann das alles erklären.

"Das Einzigartige der Lake’s-Escape-Touren ist: Man löst die Rätsel mit allen fünf Sinnen.", Nina Meran, Lake’s-Escape-Erfinderin. © Barbara Amon



Der Hintergrund

Als im Vorjahr die Pandemie begann, unser aller Leben auf den Kopf zu stellen, rief das parallel auch viele kreative Köpfe auf den Plan. Zu ihnen zählt die Volksschulpädagogin Nina Meran aus Parndorf. Seit Jahren nimmt sie gerne mit Freund*innen an sogenannten Escape-Spielen teil; im Ursinn geht es dabei darum, durch das Knacken verschiedener Rätsel sich aus einem Raum zu befreien. Mittlerweile gibt es davon eine Vielzahl abenteuerlicher Abwandlungen, auch im Internet. Im Nordburgenland klaffte hingegen eine Lücke, fand sie. Als die Welt coronabedingt eine Vollbremsung einlegen muss, gibt Nina Meran Gas: Sie hebt 2020 „Lake’s Escape“ aus der Taufe, konzipiert – mit Support ihres Verlobten Christoph Schnitter – die erste Krimitour in Podersdorf. Der Zeitpunkt kann besser nicht sein: Die Teilnehmer*innen bekommen einen Rucksack mit Utensilien ausgehändigt; dann geht die Rätselrallye durch Podersdorf los – kontaktlos und „coronakonform“. Hunderte Hobby-Detektive jeden Alters suchten seither den vermissten Surfstar Ben. „Es macht den Leuten total Spaß, im Team Rätsel zu lösen, gemeinsame Erfolgserlebnisse zu haben“, beschreibt Nina Meran. Im Herbst darauf erweitert sie das Angebot um „Novinophobia“, eine genussvolle Escape-­Tour, die zu drei Weingütern führt, im Winter schenkt sie ihren Fans das Online-Spiel „Frostiges Delirium“, „damit man den Rätselspaß nicht verliert und die Gehirnzellen auch im Lockdown angeregt werden“, lacht sie. Im Frühsommer 2021 und unterstützt von Burgenland Tourismus prescht Meran mit einer „History-Bike-Escape-Tour“ vor: Inspiration für die „Zeitreise ins Ungewisse“ ist der 100. Geburtstag des Landes; die Route führt via Rad rund um den Neusiedler See. „Wir haben hier einen der insgesamt nur zwei Fünf-Sterne-Radwege Österreichs; die ideale Route, um die Geschichte spielerisch zu erforschen“, findet sie. Fand ich auch, bezirzte meine Eltern und meldete uns an, um eine authentische Burgenländerin-Reportage zu Papier bringen zu können.


Impressionen
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Teamwork. Erfolge (und Misserfolge) schweißen zusammen.

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Geschafft. Im Finale einer unvergesslichen Tour

© Barbara Amon

Malerischer Start

Es war einer der ersten Sonnentage nach dem verregneten Mai, ich denke mit und schmeiße noch eine Sonnencreme in den Rucksack; zum Einsatz soll sie aufgrund diverser Vorkommnisse an diesem Tag leider nicht mehr kommen. Am Morgen ist es noch angenehm kühl, wir radeln in Podersdorf los; elf Rätsel gilt es insgesamt zu lösen. Die erste Diskussion gibt’s bereits beim Leuchtturm, gefolgt von einem „Heureka“, als wir den richtigen Code haben. Beim Aussichtssturm auf der Strecke nach Weiden am See habe ich den ersten Lachkrampf, weil wir uns gefühlt so ungeschickt anstellen. Trotzdem knacken wir das Rätsel und treten erneut euphorisch in die Pedale. Die Route führt vorbei an majestätischen Graurindern, an schattigen Stellen geben Vögel beeindruckende Konzerte, bunte Blüten tanzen im Wind – das Leben ist schön! Mit vereinten Kräften klappt’s auch in Weiden am See; eine Kapelle – ich spoilere keinen Namen – ist unser nächstes Ziel. Wir plaudern und lachen, legen motiviert Kilometer für Kilometer zurück. „Hoppala, das da vorne ist schon Jois“, sagt Mama plötzlich. Und wenn Mama, die Einzige von uns mit Orientierungssinn, so etwas sagt, dann hat sie meistens recht. „Sollte die Kapelle nicht in Neusiedl sein?“ Hochgezogene Augenbrauen, Stirne in Falten: Sind wir etwa vorbeigefahren? Ein hilfsbereiter, vermeintlich ortskundiger Herr will uns zur gewünschten Kapelle „zurückführen“. Er radelt mit einem Affenzahn voraus, ein Kind auf einem Dreirad könnte ihn überholen, und präsentiert uns sehr lange Minuten später stolz „seine“ Kapelle: ein romantisch-idyllisches Plätzchen hinter Bäumen und Büschen. „Wow“, denke ich mir, „das ist aber echt gefinkelt, liebe Nina“, und stapfe siegessicher in Richtung Romeos und Julias Versteck. „Froschau Kapelle“ steht da, das ist gar nicht gut. Eine solche kommt im ganzen Heft nicht vor. Okay, die Plaudernden bestraft das Leben; Google sagt uns, wir müssen die ganze Strecke retour. Ein bisserl ist die Stimmung getrübt, für mich ist es schließlich ein Arbeitstag; erwischen wir die vereinbarte Fähre in Rust nicht, steht die Fotografin alleine da. An einem freien Tag hätte ich den beachtlichen Umweg gewiss mit mehr Humor genommen. Entschädigung gibt’s dafür bei der richtigen Kapelle; gerade als ich wegen der Komplexität der Aufgabe die Nerven schmeißen will, haut mein sonst introvertierter Papa enthusiastisch ein Losungswort nach dem anderen raus. Mama fährt voraus, wir sind wieder auf Schiene.



Adrenalinkick

Beinahe jedes Rätsel wirkt auf den ersten Blick irre kompliziert; manchmal lesen wir es mehrmals, um die Aufgabenstellung überhaupt zu checken. Aber: Wir lösen sie nacheinander alle. Nina Meran flechtet dabei ganz charmant Burgenlands Geschichte ein, aber der größte Spaß liegt in der Tat in den gemeinsamen Erfolgserlebnissen. Zum Schluss läuft uns die Zeit mächtig davon und ich bin unendlich erleichtert über unsere E-Bikes, die wir mit 30 Sachen in Richtung malerische Freistadt Rust peitschen. Wer bitte braucht Bungee-Jumping? Die vor Zeitnot nicht eingeschmierte Haut kribbelt, aber wir erwischen noch rechtzeitig die Fähre und knüpfen uns an Bord in aller Ruhe das finale Rätsel vor. Und als wir triumphierend grinsend das richtige Kuvert öffnen, schießt das Adrenalin ein, als hätten wir gerade eine Bombe entschärft …

 

Familienausflug mal anders. Redakteurin V. Kery-Erdélyi testete mit ihren Eltern Nina Merans „History-Bike-Escape-Tour“ um den Neusiedler See. Fazit: Spannung und Spaß.

Familienausflug mal anders. Redakteurin V. Kery-Erdélyi testete mit ihren Eltern Nina Merans „History-Bike-Escape-Tour“ um den Neusiedler See. Fazit: Spannung und Spaß. © Barbara Amon

 

Lake’s Escape

Surfstar vermisst am See. Outdoor-Escape-Spiel durch Podersdorf, ca. zwei Stunden; ab € 40 (Zweierteam, inklusive Getränkegutschein).

Novinophobia. Indoor-Escape-Spiel in drei Weingütern in Podersdorf; ca. zwei bis drei Stunden; pro Detektiv: € 39 (inklusive drei Weinflaschen und neun Weinproben).

Frostiges Delirium. Kostenloses Online-Escape-Spiel, ca. eine Stunde.

Zeitreise ins Ungewisse. Outdoor-Escape-Spiel mit dem Rad, ca. sechs bis acht Stunden, ab € 45.

www.lakesescape.at