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Lifestyle | 17.08.2021

Gute Freunde verlängern das Leben

Ist Blut dicker als Wasser? Was sind die größten Gefahren für eine Freundschaft, die Unterschiede zwischen Männer- und Frauenfreundschaften, warum sind platonische Freundschaften zwischen den Geschlechtern schwierig und wie verlängern gute Freunde unser Leben?

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Am 30. Juli feiern wir weltweit den Internationalen Tag der Freundschaft. Grundsteine dieser Beziehung sind Vertrauen, Wertschätzung und Zuneigung. Doch wir Menschen sind komplizierte Wesen, wir durchleben Krisen, Ups and Downs und haben Gefühle und Befindlichkeiten – und nicht immer können Freunde damit umgehen. Ein ausführliches Gespräch über Freundschaften und ihre Bedeutung mit Mediatorin und Supervisorin Nicola Christ-Widmann.


Intuitiv spüren wir, welche Freunde uns guttun und welche nicht. Was genau sind „toxische Freundschaften“ und wie erkennen wir sie?

Normalerweise ist eine gute Freundschaft ein Ausgleich zwischen Geben und Nehmen, was sie ausmacht, ist individuell verschieden. Bei einer toxi­schen Freundschaft gerät diese Balance aus dem Gleichgewicht, z. B. eine Person gibt ständig, die andere nimmt nur. Wenn die andere Person gerne im Mittelpunkt steht, regelmäßig Unterstützung braucht, aber keine anbietet, gerne die Kontrolle hat und nie fragt, wie es einem geht, dann wird es einseitig.


Wie verhalten wir uns dann am besten?

Wenn jemand in einer Krise steckt, ist es klar, dass er mehr Zeit in Anspruch nimmt. Da gibt es naturgemäß Schwankungen, aber wenn dies die Regel ist, dann sollte ich es ansprechen. Problem dabei ist meist, dass dieser Typus Mensch mit Kritik nur schwer umgehen kann. Wenn doch, reagiert er selten mit Verständnis und entschuldigend. In toxischen Freundschaften ist es so, dass der Gegenpart mit Unverständnis, Wut und Vorwürfen reagiert.

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Viele Menschen sind selbst nicht in der Lage, Konflikte anzusprechen, weil sie Angst haben oder unsicher sind – kann man mit einer Freundin/einem Freund „Schluss machen“?

Wenn sich jemand schwertut, Konflikte auszuhalten, tut er sich auch schwer mit dem Schlussmachen. Es gibt noch andere Möglichkeiten. Zuerst sollte ich mich fragen: Was bringt mir diese Freundschaft? Toxische Freunde neigen dazu, den anderen abzuwerten, seine Erfolge schlechtzumachen. Da sollte ich versuchen, sanft aus der Geschichte rauszukommen. In der Fachsprache wird das „graduelle Entfremdung“ genannt. Die Jugend nennt es „Ghosting“ – nicht mehr antworten oder regelmäßig sagen, dass man keine Zeit hat. Dann besteht die Möglichkeit, dass sich das ausschleicht. Ich kann es natürlich auch ansprechen, muss dann aber mit Schuldzuweisungen rechnen. Aber selbst wenn eine Gegenwehr kommt, kann ich das als Bestätigung nehmen, dass es wirklich eine toxi­sche Freundschaft war, die ich nicht brauche. Es macht Sinn, die Situation so sachlich wie möglich anzugehen, wertschätzend über die bisherige Zeit zu sprechen, aber sich dann zurückzuziehen und sich Zeit für sich zu nehmen. Und vor allem: nicht in die Rechtfertigung zu gehen, denn dann entsteht eine schwächende Dynamik.


Gibt es einen Unterschied zwischen Männer- und Frauenfreundschaften?

Definitiv, dazu gibt es viele Untersuchungen. Jedoch sind sich Männer und Frauen darin einig: Eine Freundschaft soll einen Raum von Vertrautheit, Geborgenheit, Sicherheit, Rückhalt, Zugehörigkeit und Wertschätzung schaffen. Eine Freundin/ein Freund soll mich stärken, auffangen, mich verstehen und mir auch ehrlich sagen, wenn etwas falsch läuft, damit ich wieder auf den Weg komme. Doch in der Art, wie Männer und Frauen das erleben, sind sie unterschiedlich. Pauschal gesagt: Frauen lieben persönliche Nähe und brauchen ganz stark emotionale Verbundenheit. Man nennt das Face-to-Face-Freundschaften. Da werden Probleme besprochen, es geht um Intimes, es wird geherzt und umarmt. Männer haben eher Side-­to-Side-Freundschaften. Sie finden das Gefühl der Verbundenheit in gemeinsamen Aktivitäten (z. B. Sport, Basteln, Reparieren, Bauen) oder in praktischen Dingen (sich gegenseitig Geräte borgen, bei der Arbeit helfen, etwas Trinken gehen). Aber da ist meist nicht so viel emotionale Nähe, es wird nicht viel über Intimes oder Probleme gesprochen. Sie bekommen Nähe und Stärkung aus gemeinsamen Erlebnissen, Scherzen, Blödeln, sich gegenseitig Herausfordern und Ausprobieren. Jedes Geschlecht bekommt dasselbe, aber auf eine andere Art und Weise.

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Wie viele „echte“ Freunde haben die meisten Menschen und hat sich in den letzten Jahren beim Thema Freundschaft etwas geändert in der Gesellschaft?

Meiner Erfahrung nach gibt es sowohl bei Männern als auch bei Frauen maximal ein bis zwei wirklich Vertraute bzw. Verbündete. Diese haben eine enorme Bedeutung, sind meist wichtiger als Geschwister oder Eltern. In den letzten Jahren gleichen sich die typischen Geschlechtseigenschaften mehr und mehr an: Männer werden „weicher“, „sanfter“, „emotionaler“, Frauen eher „tougher“ – das ist spannend zu beobachten.



Wie gehen wir am besten mit dem Verlust von Freundschaften um?

Wenn wir einen Vertrauensbruch oder Verlust der Freundschaft erleben, kann uns das den Boden unter den Füßen wegziehen. Wir sollten uns das bewusst machen und auch betrauern. Es ist ein Trauerprozess, wie wenn ich einen Angehörigen verliere: Zuerst das Nicht-wahrhaben-Wollen, dann Ablenkung, Wut, Schuldgefühle, dann kommt die Trauer und die gehört verarbeitet. Es passiert auch oft, dass Freundschaften schleichend auseinandergehen. Wir neigen dazu, Konflikte zu vermeiden und nicht anzusprechen – das ist die größte Gefahr für eine Freundschaft. Ich sollte ein Pro­blem klar ansprechen, z. B.: Ich habe das Gefühl, wir sehen uns weniger, liegt es an mir? Ich möchte mich auskennen, möchte es wissen. Das ist wichtig, sonst zweifeln wir an uns selbst und sind verunsichert. Eine gut funktionierende Freundschaft hält es aus bzw. kann stärker werden, wenn Konflikte oder Unsicherheiten angesprochen werden. Wenn ich mich in ein klärendes Gespräch hineintraue, zeige ich auch, wie wichtig mir mein Gegenüber ist. Wenn Menschen das nicht probieren, nehmen sie sich die Erfahrung, dass der andere beweisen kann, dass er ein echter Freund ist. Wenn er es nicht beweisen kann, weiß man zumindest, woran man ist.



Wie hat die Pandemie unsere Freundschaften verändert?

Bei vielen Menschen hat eine radikale Innenschau stattgefunden. Was ist mir wichtig, welche Freundschaften brauche ich? Durch die Isolation haben viele festgestellt, wer ihnen wirklich fehlt. Wer sind echte, tiefe Freunde, um wen bemühe ich mich, wen vermisse ich und auf welche Freundschaften kann ich verzichten?

 



Während des Lockdowns galten getrennt lebende Paare als ein Haushalt. Aber beste Freunde nicht (evtl. nur als „Bezugsperson“). Für Singles war das schwierig. Ist hier ein unterschiedlicher Stellenwert von romantischen Beziehungen gegenüber platonischen zu erkennen?

Echte, tiefe Freundschaften haben erwiesenermaßen eine lebensverlängernde Wirkung, mehr als Verwandte und Ehepartner. Von Experten wird vermutet, dass für viele Krankheiten, die zum Tod führen – wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle – die Ursache Isolation ist. Und dass echte Freunde genau davor schützen können. Das finde ich beeindruckend. Echte Freundschaften senken nachweislich den Cortisolspiegel, der für Stress verantwortlich ist. Durch Corona ist diese Bedeutung noch bewusster geworden, weil darüber geredet wurde. Die Pandemie hat sicher mehr Paare ins Wanken gebracht als Freundschaften. Von einer Partnerschaft werden andere Dinge erwartet als von einer Freundschaft. Von Partnern hat man meist übersteigerte Erwartungen, gute Freundschaft ist da „realistischer“. In meinen Online-Beratungen in dieser Zeit ging es fast immer um fehlende soziale Kontakte.



Wie steht es um platonische Freundschaften zwischen zwei Menschen, die sich auch sexuell anziehend finden könnten?

Freundschaft definiert sich klar so: eine zwischenmenschliche Beziehung, geprägt durch Vertrautheit und Sympathie, die auf Freiwilligkeit und Wechselseitigkeit basiert, aber nicht sexuell oder mit intimen Zärtlichkeiten verbunden ist. Es können jedoch leicht Spannungen in irgendeiner Form entstehen. Homosexuelle Interessen sind da ebenso ein Thema – oder eben zwischen Mann und Frau. Es kann zu Missverständnissen kommen, unter anderem auch mit dem Partner, denn er bzw. sie muss eine solche Freundschaft aushalten können, und das ist für viele oft nicht leicht. Kommt die sexuelle Komponente bzw. eine erotische Anziehung ins Spiel, wird es ohnehin schwierig. Es entsteht eine Imbalance, über die viele nicht so leicht sprechen können. Angst, Konfliktvermeidung trägt dazu bei. Die Folge ist, dass sich einer unwohl fühlt, aber nicht sagen kann, warum. Die beste Lösung ist hier: ansprechen. Aber solange sich alle Beteiligten wohlfühlen, ist alles wunderbar.


© Doris Mitterer

 

Widmann Wirkt

Praxis für Problemlösung und Persönlichkeitsentwicklung

Nicola Christ-Widmann hat zehn Jahre in Baden gelebt und dort ihre Praxis aufgebaut, danach wohnte und coachte sie für zwei Jahre in der Schweiz, wovon sie letztes Jahr coronabedingt nach Österreich zurückkehrte und in Großhöflein ihre neue Heimat fand. Mit dem Neusiedler See fühlt sie sich sehr verbunden, ihr Herz hängt an drei Orten: Mörbisch, Großhöflein und Baden.

Praxis bei Eisenstadt
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