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Lifestyle | 15.09.2021

Wie viel muss ein Mensch ertragen?

Kennen Sie das Gefühl, nirgends so richtig hinein­zupassen? Gibt es Situationen, die Sie überfordern oder mit denen Sie nur schwer umgehen können? Vielen Menschen geht es so. Der Verein Nestwärme Österreich möchte das Miteinander und Verständnis untereinander fördern.

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© Ronnie Veró Wagner/Verein Nestwärme

Selbst die sonnigsten Gemüter streifte im vergangenen Jahr ein Gefühl der Vereinsamung und Überforderung, doch für manche Menschen war das nie der Ausnahmezustand: In Österreich kämpfen sich jeden Tag unzählige Familien und Alleinerziehende durch einen erschwerten Alltag. Vor allem wenn chronisch kranke Kinder und Kinder mit Behinderung im Spiel sind, bleibt den Eltern kaum Zeit für soziale Kontakte oder Freizeitaktivitäten. Sie fühlen sich allein gelassen und isoliert. Doch auch für alle anderen Menschen ist das Thema „Resilienz“ (Anm.: Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen) von Bedeutung. Wir alle haben Situationen, in denen wir uns überfordert fühlen, es passieren Ereignisse, mit denen wir kämpfen und hadern. Jeder und jede von uns kennt Gefühle, die uns scheinbar den Verstand rauben und uns verzweifeln lassen. Der Verein „Nestwärme Österreich“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Brücke zwischen belasteten Familien und der restlichen Gesellschaft zu schlagen und sie wieder aktiv an einer Gemeinschaft teilhaben zu lassen sowie Menschen durch schwere Zeiten zu helfen oder sie bei ihrem Weg zu unterstützen. Der Trainer und Bühnendarsteller Stefan Konrad leitet den Verein. Mit der BURGENLÄNDERIN spricht er über die Grenzen des Ertragen-Müssens und was Nestwärme damit zu tun hat.


Mit dem Namen „Nestwärme“ verspricht der Verein, Menschen, die an die Grenzen des Erträglichen stoßen, nicht allein zu lassen. Wie machen Sie das?

Stefan Konrad: Eine Welt zu ermöglichen, in der man so sein darf, wie man ist, und sich auch entwickeln darf, das ist die Grundidee unseres Vereins. Wir wollen ein Umfeld schaffen, in dem Menschen einen gewissen Schutz erfahren, eben wie Küken in ihrem Nest. Für ein freudvolleres, erfüllteres Leben braucht es oft nicht viel: ein nettes Wort, ein freundlicher Blick, ein gutes Gespräch. Unsere Nestwärme-Angebote – sei es Persönlichkeitscoaching, Nachbarschaftshilfe oder gemeinsame Freizeitgestaltung wie ein Zeichenkurs oder ein Konzert – dienen als Saatkörner, aus denen etwas Wunderbares entstehen kann.

 

Auch Sie verwenden in Ihrem Angebot das vielgebrauchte Wort „Resilienz“, das meist auf eine Stärkung der Widerstandskraft abzielt. Gerade jetzt geraten viele Menschen an ihre Grenzen – wie viel muss ein Mensch denn aushalten können?

Man muss gar nichts aushalten. Resilienz wird oft damit verwechselt, dass man sich eine Rüstung anzieht und sich gegen alle Widerstände und Kämpfe des Lebens wappnet. Genau das soll es nicht sein! Resilienz bedeutet vielmehr: einen Weg zu mir selbst zu gehen, durchlässiger zu werden, zu spüren, wo ich gerade stehe und was ich in diesem Moment brauche. Es heißt mitunter auch, zu sagen, dass ich etwas nicht schaffe oder nicht aushalte. Die Gestaltung einer resilienten Gesellschaft beginnt immer mit der Einzelperson – das ist unser Credo bei Nestwärme!

 

© Ronnie Veró Wagner/Verein Nestwärme

 


Wer darf in welcher Situation die Hilfe des Vereins „Nestwärme“ in Anspruch nehmen?

Das Schöne an unserem Angebot ist, dass es keine Ausweispflicht gibt, weder in sozialer noch in gesundheitlicher Hinsicht. Wir sind zwar auf Familien mit kranken Kindern oder Kindern mit Behinderung spezialisiert, aber im Prinzip kann jeder und jede zu uns kommen, von der alleinerziehenden Mutter über die weltverbessernde Studentin bis hin zum Pensionisten, der Lust am gemeinsamen Gestalten hat – wir freuen uns sogar herzlich über Multi­millionäre, die mitanpacken wollen! Anfangs gab es im Verein Diskussionen, da Stimmen laut wurden, Menschen mit einer bestimmten politischen Gesinnung hätten hier nichts verloren. Aber ich sage, alle sollen kommen, wir möchten alle hier haben. Nicht, um ihnen ein Podium zu bieten, sondern um Hürden zu überwinden und Gemeinsamkeiten aufzuzeigen. Bewusstseinserweiterung geschieht am schnellsten durch Begegnung – das ist gegenwärtig essenzieller denn je in unserer diversen Gesellschaft. Wenn man sich beispielsweise bei unserem Zeichenkurs gegenseitig über die Schulter schaut und die Kunstwerke der anderen Teilnehmer*innen bewundert, dann kommt man ins Gespräch. Da ist es doch egal, wo man herkommt, es geht in dem Moment nur um das gemeinsame Tun. Das ist wie bei Kindern in der Sandkiste. Und die Menschen gehen mit einem Lächeln und neuer Energie nach Hause. Das ist ein vortrefflicher Weg zur Inklusion!


Sie arbeiten neben dem Verein auch in einem ganz anderen Bereich. Sie sind Schauspieler, Musicaldarsteller, Gesamtkünstler. Wo finden Sie in dieser Branche die „Nestwärme“?

Im Grunde ist das tiefe Bedürfnis eines Künstlers ja genau jenes, Begegnung, Anerkennung und Selbstentfaltung zu suchen. Ich kann mich noch an meine ersten Klavierstunden erinnern, wie ich mit meiner Lehrerin gelacht und geweint habe, einfach, weil uns die Musik so sehr berührt hat. Wenn wir da anfangen, in „richtig“ und „falsch“ zu denken, kann diese Magie sehr schnell verschwinden. Kunst an sich ist wertfrei, tiefst menschlich und verbindend – das hat mich schon immer fasziniert! Wir verbrauchen am meisten Energie, wenn wir ein zu schönes Selbstbild aufrechterhalten wollen, das Ego. Ich bin leistungsfähig, ich bin schön, ich bin super. Das kostet unheimlich viel Kraft. Ich tappe auch oft in die Falle, zu glauben, dass die sogenannte Sonnenseite des „Stefan Konrad“ die ist, die angenommen wird, die bei den Leuten gut ankommt. Und dass mein Schattenkind, das unsicher ist, traurig ist und Bedürfnisse hat, weniger wert sei. Ich brauche noch immer Zeit, um in mich zu gehen und zu merken: Es gibt Leute, die finden gerade das an mir super, dass ich scheitere, wieder aufstehe, dass ich auch einmal zweifle.


In unserer Leistungsgesellschaft wird aber ein Ruf nach Hilfe auch immer ein bisschen mit einem Scheitern assoziiert. Zu sagen, „Das schaffe ich nicht“, erfordert viel Mut.

Ein Kursteilnehmer hat einmal gesagt: „Das Leben ist dort, wo die Angst sitzt.“ Ich lebe mittlerweile auch so, dass ich meine Lebensenergie nicht mehr dazu verwenden will, diese perfekte Fassade aufrechtzuerhalten, jeden Riss zuzukleistern. Jetzt möchte ich durch diesen Riss durchschauen, sehen, was sich dahinter verbirgt, auch Chancen darin erkennen. Diese Haltung will ich ins Leben einbetten und mich fragen: „Wer bin ich, wenn ich verletzlich bin, wer bin ich, wenn ich traurig bin, wer bin ich, wenn ich wirklich glücklich bin?“ Viele Menschen haben nie gelernt, dass sie all dies sein dürfen, dass es ihre Wahl ist. Sie schrecken davor zurück und halten lieber den Schein aufrecht.


Warum brauchen wir Nestwärme und warum brauchen wir den Verein „Nestwärme Österreich“?

Nestwärme ist die nachhaltigste Form der Klimaerwärmung! Ich halte es da ganz mit Lotte Tobisch, die meinte: „Im Grunde will jeder nur geliebt werden“ – und dazu braucht es ein Nest aus Sicherheit und Respekt. Jeder Tag ist ein Geschenk und wenn ich etwas dazu beitragen kann, das Leben in unserer Gemeinschaft glücklicher und auch spaßiger zu machen, dann habe ich meine Lebenszeit gut investiert.


Der Verein

Vor 20 Jahren in Deutschland von Petra Moske und Elisabeth Schuh für Eltern von kranken Kindern und Kindern mit Behinderung gegründet, wirkt der Verein gegenwärtig in allen deutschsprachigen Staaten Europas und seit Anfang 2020 in Österreich. International sind 120 Mitarbeiter*innen (davon entfällt ein Zehntel auf Österreich) und 1.600 Mitwirkende aktiv bei Nestwärme e.V. Der Verein finanziert sich über Spendeneinnahmen. „Nestwärme Österreich“ ist ein Inklusionsnetzwerk, ein Netzwerk, in dem sich alle interessierten und mitgestaltungswilligen Menschen einbezogen fühlen dürfen. Es ist von den vier Grundpfeilern Herzensbildung, Inklusion, gemeinsames Erleben und resiliente Gesellschaft, einer Gesellschaft mit Widerstandskraft, gestützt. Der Sitz des Vereins ist in Wien, die Vereinsarbeit geschieht mit Blick auf Ostösterreich, wobei die Themenbereiche Resilienz-Kurse, psychosoziale Beratung und Persönlichkeitscoaching überregional abgehandelt werden.

Informationen zu bevorstehenden Terminen und Kursen gibt es unter:

www.facebook.com/nestwaermeoesterreich/

www.nestwaerme-oesterreich.at

Generelle Anfragen an:

[email protected]

Infos zu den kostenlosen Trainings­angeboten:

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