Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 24.09.2021

Anleitung zum Streckhofglück

Klimaveränderung, Flächenversiegelung und Abrisse wertvoller Bauten: Das Szenario bewog Architekt Klaus-Jürgen Bauer zum Umdenken. Er appelliert von Herzen: Rettet die Streckhöfe!

Bild 2109_B_WO_RettetdieSt1.jpg
Erweitert. Im rückwärtigen Teil dieses renovierten Streckhofs befindet sich ein turmartiger Zubau. © Manfred Horvath

Ein Kollege im „Falter“ schrieb unlängst pointiert: Wer mit Klaus-Jürgen Bauer unterwegs ist, riskiert Leib und Leben. Das liegt daran, dass er die Mitspazierenden, und zwar Kinder wie Erwachsene, dazu animiert, nach den Besonderheiten der Fassaden Ausschau zu halten. Mit dem Kopf im Nacken kann es dann schon passieren, dass man gegen eine Laterne läuft oder über einen Hund stolpert. „Der Fassadenleser“ nennt sich der Architekt in dieser Funktion, die er auch als Instagrammer auslebt.
Die Mission, die hier beschrieben wird, ist vergleichsweise nackenschonend, aber nicht weniger spektakulär. Die Gebäude, die wir ins Rampenlicht rücken, ragen nicht allzu hoch gen Himmel; bauliche Juwelen sind die Streckhöfe im Burgenland aber zweifelsfrei. Und die liegen Bauer mit solch einer Vehemenz am Herzen, dass er – nach der Veröffentlichung von „Streckhöfe. Ein Lookbook“ (siehe S. 72) – nun an einem Buch und einer Ausstellung für Kinder arbeitet. Mitstreiterin ist die Illustratorin Carola Hesse; 2022 soll das erste Werk aus einer Reihe, die junges Publikum durch die Welt der Architektur führt, erscheinen.

Die Vision. Das Umdenken, das sich Klaus-Jürgen Bauer auch von verantwortlichen Stellen wünscht, fand bei ihm vor ein paar Jahren statt. „Ich habe weitgehend mit dem Bauen aufgehört“, sagt er. Der Verlust alter schöner Gebäude, die Klimaveränderungen und die Flächenversiegelung hätten ihn dazu bewogen; „wir müssen endlich neue Wege gehen“. Konkret wird das Problem im Burgenland am Beispiel der Streckhöfe, ist er überzeugt. An die 10.000 bis 20.000 solcher Bauten stünden derzeit leer und blicken häufig in eine triste Zukunft.
Vor zwei Jahren initiierte er das Projekt „Rettet die Streckhöfe!“; via Website und Newsletter bietet er Informationen und Tipps an, macht Beratungen vor Ort und hält Vorträge in Gemeinden. Sein Credo lässt aufhorchen: „Es gibt kein abbruchreifes Gebäude, nur zu wenig Wissen über Reparaturmöglichkeiten.“

 

Nachhaltig. Architekt Klaus-Jürgen Bauer legt den Fokus auf das Erhalten und Reparieren alter Bauten.



Status quo. Wer seinen Wohntraum in einem Streckhof verwirklichen will, sieht sich allerdings mit einigen Hürden konfrontiert, das will er nicht verschweigen. So gestalte sich die Suche nach Handwerkern, die mit historischen Bauweisen vertraut sind, zunehmend schwierig; im Landessüden ist man da etwas besser dran.
Hinzu kommt, dass manche Auflagen für die Altbausanierung aus seiner Sicht kontraproduktiv sind. „Eine Dämmung auf einen alten Streckhof picken ist ein barbarischer Akt“, sagt Bauer. Ein Haus ist stets viel Feuchtigkeit ausgesetzt: Von außen sind das beispielsweise Regen oder Nebel, im Inneren wird gekocht oder geduscht. „Wird ein altes Haus feucht, muss es immer wieder abtrocknen. Wenn aber bei der Sanierung abgedichtet wird, schädigt das ein Haus, das zuvor 200 Jahre gesund war: Die Feuchtigkeit kann nicht entweichen.“ Das sieht man häufig an den Wirtschaftsräumen im hinteren Trakt: Dort, wo nicht in den 70ern, 80ern beispielsweise Folien am Dach angebracht wurden, sind oft die Wände trocken.
Was den Architekten persönlich schmerzt, ist, dass in Österreich bislang kaum Hausforschung betrieben wird; das führe nicht zuletzt häufig zum leichtfertigen Abreißen alter Schätze. „Wenn ich Häuser besichtige, höre ich: Der Opa hat es in den 30er-Jahren gebaut. Sehe ich im historischen Kataster nach, lässt sich aber anhand der Form ablesen, dass das Haus schon im 17. oder 18. Jahrhundert gestanden sein muss. Manchmal finden wir sogar mittelalterliche oder Teile von Stadtmauern.“

 

"Es gibt kein ­abbruchreifes ­Gebäude, nur zu wenig Wissen über Reparatur­möglichkeiten." 

Klaus-Jürgen Bauer, Architekt




Streckhöfe alt & neu
Bild 2109_B_WO_RettetdieSt7.jpg

Geöffnet

Großzügige, loftartige Räume können entstehen, wenn nicht tragende Innenwände fallen und bis zum Dach aufgemacht wird.

Bild 2109_B_WO_RettetdieSt6.jpg

Kostprobe

Die Fotos entstammen Klaus-Jürgens Buch „Streckhöfe.
Ein Lookbook“ (siehe unten)

Bild 2109_B_WO_RettetdieSt3.jpg

Dornröschenschlaf

 Juwelen, die auf ihren Weckruf warten

Bild 2109_B_WO_RettetdieS12.jpg
 
Bild 2109_B_WO_RettetdieS14.jpg

Streckhof reloaded

Mit viel Feingefühl in die Gegenwart geführt

Bild 2109_B_WO_RettetdieS15.jpg (1)

Viel Licht

Fenster bis zum Boden in Richtung Innenhof

Bild 2109_B_WO_RettetdieSt9.jpg

Detail

Ein historisches Holzportal durch entsprechende Pflege gut erhalten

Bild 2109_B_WO_RettetdieSt2.jpg
 
Bild 2109_B_WO_RettetdieSt5.jpg

Nachher

Die Belohnung für einen mutigen Weg. „Der schwerste Schritt ist immer der erste“, sagt Klaus-Jürgen Bauer.

Bild 2109_B_WO_RettetdieS11.jpg
 
Bild 2109_B_WO_RettetdieSt4.jpg
 

Naturereignis. Dass die Kosten beim Reparieren eines alten Hauses unkalkulierbar wären – Stichwort „Hinterholz 8“ (Kultfilm mit Roland Düringer und Nina Proll über eine Renovierung, die in einer existenziellen Krise gipfelt, Anm.) – verneint Klaus-Jürgen Bauer vehement. Es müsse allerdings akribische Vorarbeit geleistet werden.
Das Prozedere beschreibt er an einem konkreten Beispiel. Ein ambitioniertes Paar zog ihn kürzlich vor einem Kauf im Bezirk Mattersburg zurate. „Es ist ein großartiges Haus, einige Teile stammen bereits aus dem 17. Jahrhundert.“ Nachdem der Kauf unter Dach und Fach war,  wollten die neuen Besitzer*innen auch einiges selbst machen; um den Putz abzuschlagen oder nicht tragende Mauern umzuschmeißen, luden sie Freunde ein. „Das ist überhaupt das Beste“, sagt Bauer. „Das Bauen selbst ist dann wie ein Naturereignis. Da heißt es: Augen zu und durch. Damit daraus keine Naturkatastrophe wird, muss aber gut geplant werden.“
Die Reihenfolge der ersten Schritte ist essenziell: Zunächst wird ein Aufmaß durch einen Geometer genommen und die Statik überprüft; danach gilt es, sich zu entscheiden, wie man das Haus „betreibt“, also vorrangig beheizt, denn Klimaanlagen braucht es zwischen den alten Mauern kaum.

 

"Bauen ist wie ein Naturereignis. Irgendwann heißt es: Augen zu und durch.“

Klaus-Jürgen Bauer, Architekt


Danach geht es an die (Um-)Baupläne, wobei Elektrik und Installationen bzw. Küche und Bad ebenso detailliert kalkuliert werden müssen wie bei einem Neubau; hier gäbe es auch kaum preisliche Unterschiede. Wichtig sei es, möglichst alle Entscheidungen im Vorfeld zu treffen, „damit sie im Umbauprozess nicht jemand anderer für die Bauherren trifft. Ich empfehle immer, die Planungsphase möglichst rauszuziehen.“ Sogenannte Moodboards, die mit Visionen und Fotos gespickt sind, unterstützen die Kommunikation zwischen Auftraggeber*innen und den ausführenden Partner*innen. Für etwaige Überraschungen – wenn beispielsweise durch eine undichte Dachrinne ein Stück morsche Decke zum Vorschein kommt – sollte man einen Polster von gut 20 Prozent der Investitionssumme einkalkulieren.
Der Plan für das Objekt im Bezirk Mattersburg: Der klassische Wohnbereich des Streckhofs an der Straßenfront – er besteht traditionell aus Küche, Stube und ein bis zwei Kammern – wird aufgebrochen, ebenso wird bis zum Dach aufgemacht. „So entsteht ein rund 80 Quadratmeter großer, loftartiger Wohnraum mit einer Höhe von etwa sieben bis acht Metern; ein Herzstück wird ein Kachelofen sein. Im hinteren Bereich, wo zuvor die historischen Ställe waren, entstehen die Schlafräume und das Bad. In den Innenhof werden Fenster bis zum Boden eingebaut“, beschreibt Klaus Jürgen-Bauer. Wenngleich das Haus nicht denkmalgeschützt ist, empfiehlt der Architekt, die Fassade von einem Restaurator wieder auf Vordermann bringen zu lassen. „Dann hält sie auch wieder 100 Jahre.“

Das Schlussplädoyer. „Streckhöfe sind im Burgenland das wichtigste und gleichzeitig am meisten gefährdete Kulturmonument. Jeder einzelne Hof, der verschwindet, ist ein großer Verlust – wie ein Zahn in einem Gebiss“, zeichnet Klaus-Jürgen Bauer ein anschauliches Bild, um schließlich noch einmal in seine üppig bestückte Argumente-Sammlung zu greifen: „Diese Höfe sind jeweils ein wunderbares Kleinod; sie alle bieten die Möglichkeit, einen Wohnraum von 150 bis 170 Quadratmetern zu schaffen. Die Devise heißt: Reparieren statt sanieren – wenn man weiß, wie, geht das sogar um die Hälfte der Investitionssumme eines Neubaus und man verlängert die Lebensdauer um weitere 200 Jahre.“

 

Buchtipp

Klaus-Jürgen Bauer

Streckhöfe.

Ein Lookbook; Leitfaden zur Sanierung, erschienen in der Reihe SchoenheitderDinge #004.

Zur Person

Klaus-Jürgen Bauer, Jahrgang 1963, studierte Architektur an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien (heute: Universität für angewandte Kunst) und an der Bauhaus Universität Weimar. Er lebt heute in Wien und Eisenstadt, wo er ein Architekturbüro betreibt. Bauer ist zudem Architekturtheoretiker und Autor mehrerer Bücher und unterrichtet derzeit an der Technischen Universität Wien sowie an der New Design University St. Pölten. Er war von 2000 bis 2006 Vorsitzender des Vereins Architektur Raumburgenland und kuratiert weiterhin Ausstellungen für die Architekturgalerie „Contemporary“ des Vereins. Außerdem ist er Initiator verschiedener Projekte: Als „der Fassadenleser“ betreibt er einen Instagram-Kanal, mit speziellem Fokus auf das Burgenland gründete er das Streckhof­institut „Rettet die Streckhöfe!“.

www.rettetdiestreckhöfe.at

 

 

 

Fotos Klaus-Jürgen Bauer, Zoltán Papp, Manfred Horvath