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Lifestyle | 19.10.2021

Diagnose: Krebs

Der Tumor war 8 ≈ 8 cm groß und verdrängte bereits ihren linken Lungenflügel. Es musste schnell gehandelt werden. Birgit ­Ruisz aus Neudörfl hat den Krebs besiegt.

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"Auch wenn sich dein Körper gleich nach der Diagnose nicht anders anfühlt, die Unsicherheit lässt dich an nichts anderes mehr denken.", Birgit Ruisz, Krebspatientin © Birgit Machtinger

Als sie letztes Jahr im Sommer merkte, dass sie beim Tennisspielen schneller außer Atem war als sonst, begann die heute 39-Jährige, medizinische Routine­untersuchungen durchführen zu lassen – keine Auffälligkeiten. Es bestanden auch keinerlei Vorbelastungen oder -erkrankungen. Erst als der Internist sie zu einem Lungenfacharzt schickte und dieser ein Röntgenbild machen ließ, war er sichtbar: ein 8 ≈ 8 cm großer Tumor, der bereits den linken Lungenflügel verdrängte. Die Biopsie ergab: B-Zell-Lymphom. Vereinfacht gesagt, ein weißes Blutkörperchen, das sich polymerisiert und wuchert. Bei Birgit eben im Brustkorb. „Diese Diagnose am 27. Dezember 2020 war wie ein Hammerschlag. Ich arbeite als Zytotechnikerin in einem pathologischen Labor. Dadurch habe ich Erfahrung mit medizinischen Begriffen und Befunden. Meine erste Reaktion war eine sehr rationale. Ich habe mich zum Computer gesetzt und Spezialisten für Lymphome gesucht. Während meine Freunde und Familie geweint haben und nervlich am Ende waren, hab ich gesagt, ich hab keine Zeit dafür, ich muss schauen, was ich als Nächstes mache.“ Ein Primar im Wiener Hanusch-Krankenhaus war von Birgits Nachricht so ergriffen, dass er sie noch am selben Tag sehen wollte. Anfang Jänner 2021 begannen die Untersuchungen – in einer Zeit, in der Covid vieles noch schwieriger machte, als es ohnehin schon war. „Am 12. Jänner hätte die Chemotherapie beginnen sollen, dann war jedoch ein Corona-Cluster auf der Station, das war sehr nervenaufreibend. Der Beginn meiner Behandlung musste verschoben werden. Diese ungewisse Warteposition war schrecklich.“

Hoffnung und Verzweiflung

Den Moment der Diagnose empfinden viele Krebspatient*innen als irrational. „Auch wenn sich dein Körper zunächst nicht anders anfühlt als am Tag vor der Diagnose, aber der psychische Druck und die Unsicherheit lassen dich an nichts anderes mehr denken.“ Mitte Jänner war es dann so weit und die Chemotherapie konnte beginnen. Insgesamt hatte Birgit sechs Zyklen im Abstand von jeweils drei Wochen. Während des ersten Zyklus war sie zehn Tage lang im Spital, dieser Aufenthalt verkürzte sich mit jedem Zyklus. Die Zeit im Krankenhaus war eine Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung. Die Chemotherapie zeigte ihre Wirkung: „Mein Bewegungsradius war mein Bett, das WC und das Waschbecken. Die Übelkeit, die Krämpfe, die Schmerzen – anfangs dachte ich, ich halte das auch ohne Medikamente aus, aber ich merkte schnell, ohne Medikation vergehen die Schmerzen nicht. Während der Zyklen reagiert der eigene Körper komplett anders. Die Schleimhaut bricht auf, Magen und Darm krampfen, Knochen schmerzen, die Nervenenden spielen verrückt. Jede Berührung schmerzt, sogar die Stelle, wo man aufliegt. Das Gehirn wird durch die Chemo zugenebelt, man kann sich auf nichts konzentrieren. Dieser Zustand hat mich mehr erschreckt als die körperlichen Schmerzen.“ Hinzu kamen die strengen Covid-Regeln im Spital, die keinen Besuch erlaubten und auch keinen Spaziergang zwischen den Stationen. Daher waren die Krankenhaus-Mitarbeiter*innen eine enorme Unterstützung für Birgit: „Es war ein tolles Team, jeden Tag kamen eine Physiotherapeuthin und eine Diätologin. Sie gaben mir viele zusätzliche Tipps, wie z. B. gefrorenen Ananassaft lutschen. Das regt die Produktion der Mundschleimhaut an, lindert Schmerzen und Entzündung.“

 

 

Ein B-Zell-Lymphom wucherte in Birgits Brustkorb. © Birgit Machtinger 



Wahrnehmung von außen

Die Zeit zwischen den Zyklen verbrachte Birgt zwar daheim in Neudörfl, doch alles war anders. Um Haushalt und Kinderbetreuung mussten sich vorrangig andere kümmern, Birgit schaffte immer nur kurze Wege. Ihr Mann war ihr Fels in der Brandung, ihre Eltern und die Familie sowie viele Freundinnen haben alles getan, um sie zu unterstützen. Nachdem sich der Verlust der Haare bemerkbar machte, bat Birgit ihre Mutter, ihr den Kopf zu rasieren. Wenn sie danach mit Haube oder Perücke unterwegs war, musste sie erst lernen, mit der Reaktion ihres Umfelds umzugehen. „Beim Einkaufen kamen mir die Leute mit Tränen in den Augen entgegen. Ich bin sehr offen mit dem Krebs umgegangen und habe mich auch schnell an die Glatze gewöhnt, aber für das Umfeld war es ein Schock. Ich habe immer gesagt, wir spielen nicht „Was wäre, wenn“. Das sind die Tatsachen, das ist mein Befund, das sind meine Aussichten. Der Arzt hat gesagt, die Heilungschance beträgt 90 Prozent. Von dem Moment an habe ich gewusst, wenn ich die Chemo durchziehe, werde ich gesund.“ Was war die Veränderung, mit der sie selbst am schwersten umgehen konnte? „Das könnte ich nicht sagen. Ich hab immer versucht, alles positiv zu sehen. Wegen dem Haarverlust dachte ich mir, okay, dann probiere ich jetzt halt mal eine andere Frisur. Meine Fingernägel wurden schwarz und drohten abzugehen, also ich habe ich angefangen, Nagellack zu tragen. Diese Äußerlichkeiten haben mich nicht runtergezogen. Es waren eher die Schmerzen und die Übelkeit, da bin ich einige Male verzweifelt.“

 

"Ich weiß eh, dass ich krank bin, aber ich will nicht dauernd daran erinnert werden.", Birgit Ruisz, 39  © Birgit Machtinger

 


Hobbys verwehrt

Mitte Mai verließ Birgit das Krankenhaus nach ihrem letzten Zyklus. Heute ist ihr Immunsystem noch immer geschwächt und sie hat rund ein Drittel weniger Immunzellen als normal gesunde Menschen. Es wird noch einige Monate dauern, bis die Chemotherapie aus ihrem Körper verschwunden ist. Was sie besonders schmerzt, ist, dass sie ihren Lieblings-Hobbys wie Garteln und Kochen nicht nachgehen kann. „In der Erde sind so viele Viren, Bakterien und Pilze, mein Immunsystem hätte keine Chance dagegen. Ich kann auch nicht das Aquarium putzen oder das Katzenklo ausmisten. Ich liebe es, zu backen und zu kochen. Doch selbst das klappt noch immer nicht so wie früher, weil ich nicht so lange stehen kann, das macht der Kreislauf nicht mit.“

Sich „normal“ fühlen

Bei den „feel again“-Kursen (siehe S. 46) von Catharina Flieger und Birgit Machtinger, wo Krebspatientinnen gezeigt wird, wie sie sich trotz Chemotherapie und Haarverlust schminken und stylen können, stand für Birgit Ruisz vor allem der Austausch mit anderen Betroffenen im Vordergrund sowie auch das Abmildern der Außenwirkung. „Man weiß eh, dass man krank ist, aber man will nicht dauernd daran erinnert werden. Mit dem Hinzaubern eines ‚normalen‘ äußerlichen Erscheinungsbildes geht das leichter.“

 

 

Familien-Urlaub in Hallstatt 2020: Birgit mit ihrem Mann Johannes und den Kindern Alexander und Isabella. Da war von einem Lymphom  noch keine Rede.



Ein riesiger Lernprozess

Mittlerweile wachsen auch die Haare wieder, doch die Überforderungssymptome sind geblieben. Birgit hört deshalb ganz genau auf ihren Körper: Kreislaufschwäche, einengendes Gefühl im Hals, Rauschen in den Ohren. „Damit sagt mein Körper Stopp. Dann höre ich auf und verlasse die Situation, mache Atemtechniken oder lege mich kurz hin. Auf meinen Körper zu hören, ist etwas, das ich beibehalten möchte. Kurzes Innehalten, durchatmen und einen Schritt zurück machen dauert keine Minute, aber hilft, den Stress zu reduzieren. Es gibt so viele Dinge, die ich durch die Krankheit gelernt habe, so viele Menschen, die ich kennengelernt habe, die mein Leben bereichern. Es ist ein riesiger Lernprozess.“
Wie wichtig das Gespür für den eigenen Körper ist und auch der Wille zu handeln, möchte Birgit auch anderen ans Herz legen: „Mein gutes Körpergefühl und die Bereitschaft, alle Ärzte abzuklappern, hat mir mein Leben gerettet. Also: Spürt in euch hinein und folgt eurem Gefühl!“