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Lifestyle | 20.10.2021

Was passiert, wenn …?

… Sie einen Knoten ertasten oder Sie Sorge haben, von familiärem Brustkrebs betroffen zu sein? Wir suchten aktuelle Antworten auf Fragen, die uns auf der Seele brennen.

Bild 2110_B_EM_Brustkrebs.jpg (1)
© Shutterstock

Die Tabus bröckeln immer lauter. Gut so. Das Thema Brustkrebs darf und muss jederzeit öffentlich besprochen werden dürfen und können; Brustkrebs ist – laut Statistik Austria – die häufigste Krebs­erkrankung der Frau mit jährlich rund 5.500 Neu­erkrankungen. Wichtige Fragen, von ganz praktischen, wie wann man sich an die Brustgesundheitszentren wenden kann, bis hin zu Fragen, die aktuelle Entwicklungen hinsichtlich genetischer Untersuchungen betreffen, stellten wir der Chirurgin Irmgard Luisser. Die Oberärztin leitet das Brustgesundheitszentrum (BGZ) Pannonia Süd in Güssing.


BURGENLÄNDERIN: Wer kann sich an das Brustgesundheitszentrum Pannonia Süd wenden (siehe auch Infokasten), wie kommen die Patientinnen zu Ihnen?

Irmgard Luisser: Alle Frauen und auch Männer, die Schmerzen in der Brust haben und auch Auffälligkeiten wie Knoten, Rötungen oder Einziehungen der Haut, können in unser Brustgesundheitszentrum kommen. Meistens kommen die Patientinnen über Zuweisung von den niedergelassenen Radiolog*innen, Gynäkolog*innen und von den praktischen Ärzt*innen.

 

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Sie arbeiten in einem interdisziplinären Team, wie sieht dieses aus bzw. welche Abteilungen kooperieren miteinander?

Wir arbeiten innerhalb der KRAGES (Burgenländsiche Krankenanstalten, Anm.) mit den Radiolog*innen, Patholog*innen, Gynäkolog*innen und Onkolog*innen zusammen. Zum Team gehören speziell ausgebildete „Breast Care Nurses“, die im ambulanten, tagesklinischen und im stationären Bereich eingesetzt sind, Pflegepersonal und auch eine Klinische Psychologin. Die Kooperationen außerhalb des Hauses finden mit den niedergelassenen Radiolog*innen und mit den Spezialist*innen im Brustgesundheitszentrum des AKH Wien, unserem Partner, statt. Jede Patientin wird im sogenannten Tumorboard vorgestellt: Radiolog*innen, Patholog*innen, Onkolog*innen, Strahlentherapeut*innen und Chi­rurg*innen besprechen dabei jeden einzelnen Fall und geben eine Therapieempfehlung ab.


Welche Therapie können Sie Betroffenen vor Ort anbieten?

Die Patientinnen werden über die Therapieempfehlung des Tumorboards informiert. In Güssing können wir brust­erhaltende, onko-plastische Operationen – dabei wird der Defekt nach Entfernung des Knotens durch Gewebeverschiebungen in der Brust ausgefüllt – und ebenso Entfernungen der Brüste durchführen. Wir machen Chemotherapien vor und nach den Eingriffen und beraten über medikamentöse Therapien und Nebenwirkungen. Der Erhalt der Knochengesundheit ist uns wichtig. Die Patientinnen kommen circa zehn Jahre lang zu den Nachsorgeuntersuchungen.


Sollte eine Brustentfernung notwendig sein: Kann beim selben Eingriff auch die Rekonstruktion erfolgen?

Rekonstruktionen können sofort oder nach Abschluss der Therapie – etwa nach Chemo- oder Strahlentherapie –gemacht werden. Der Wiederaufbau kann mit Eigen- oder Fremdgewebe, also Implantaten, erfolgen. Dafür haben wir einen Kooperationsvertrag mit den Spezialist*innen des Brustgesundheitszentrums AKH Wien. Dabei begleiten wir unsere Patientinnen nach Wien und sind auch aktiv in die Operation eingebunden.


Welche Bedeutung hat eine Rekons­truktion für Betroffene?

Bei vielen Frauen treten erhebliche Verunsicherungen im körperbezogenen Selbstwert auf. Die Entfernung der Brust ist ein Eingriff an einem zentralen Merkmal der weiblichen Identität und sexuellen Attraktivität. Wesentlich dabei ist auch, dass die Frau täglich damit konfrontiert ist. Sollte eine Entfernung notwendig sein, ist oft die Aussicht auf eine gleichzeitige Rekonstruktion hilfreich; damit muss die Frau den Verlust der Brust nicht erleben. Das gilt vor allem für die prophylaktische Mastektomie (vorsorgliche Brustentfernung, Anm.). Ist die Entfernung der Brust wegen eines Karzinoms notwendig, entscheiden onkologische Kriterien, ob eine Sofortrekonstruktion gemacht werden kann.

 

"Ein negatives Gentest-Ergebnis „schützt“ nicht vor Brustkrebs.", Oberärztin Irmgard Luisser, Leiterin BGZ Pannonia Süd. © Thomas Luef



Zum Thema „familiärer“ Brustkrebs: Wann werden genetische Blutuntersuchungen veranlasst und was sagt das Ergebnis aus?

In Familien mit Häufung von Brust- und/oder Eierstockkrebs werden die Erkrankten angeschaut und nach internationalen Richtlinien die Empfehlung für eine genetische Abklärung gegeben. Es wird Blut abgenommen und auf Genveränderungen untersucht. Ein positives Ergebnis sagt weder aus, ob Brustkrebs auftreten wird, noch wie der Erkrankungsverlauf sein wird. Es sagt nur aus, dass ein erhöhtes Risiko vorliegt. Ein negatives Testergebnis „schützt“ nicht vor Brustkrebs.

 

Nachdem Angelina Jolies Mutter an Brustkrebs gestorben war, bekannte sich der Hollywoodstar 2013 öffentlich zu ihrer prophylaktischen Mastektomie; die Methode war damals bei uns der breiten Masse wenig bekannt. Was passierte seither?

Angelina Jolie hat dieses Thema enttabuisiert. Die Frauen achten mehr auf sich. Der Effekt war für uns, dass wir mehr Patientinnen mit Brustkrebs im Frühstadium behandeln konnten. Die beidseitige Entfernung der Brüste ist eine ebenso drastische wie sichere Methode zur Vorbeugung des Brustkrebses bei Frauen, die ein hohes Erkrankungsrisiko haben.

Wann ist eine prophylaktische Mastektomie empfehlenswert und was passiert dabei?

Eine genetische Veranlagung ist nur für wenige Fälle von Brustkrebs verantwortlich: Bei fünf bis zehn Prozent aller Frauen lassen sich Veränderungen in den Reparaturgenen nachweisen, die für ein erhöhtes Erkrankungsrisiko verantwortlich sind.
Eine vorsorgliche Brustamputation senkt das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, um mehr als 95 Prozent und das Risiko, in Folge von Brustkrebs zu sterben, um 90 Prozent. Ein geringes Restrisiko bleibt immer. Bei Mutationsträgerinnen senkt die vorsorgliche Entfernung der Eierstöcke die Wahrscheinlichkeit, an Eierstockkrebs zu erkranken, um 97 Prozent. Diese Operationen werden von unseren Gynäkolog*innen im Krankenhaus Oberwart durchgeführt. Jede Mutationsträgerin hat die Möglichkeit der Mastektomie und Sofortrekonstruktion. Bei der prophylaktischen Brustamputation wird die Brustdrüse aus dem Hautmantel ausgeschält. Die Rekons­truktion erfolgt in den meisten Fällen mit einem Silikonimplantat.


Wie werden die genetischen Tests bzw. die daran geknüpften weiteren Vorsorgemöglichkeiten von den Patientinnen und ihren Angehörigen angenommen? Wie hat sich das in den vergangenen Jahren verändert?

Sehr unterschiedlich. Manche Frauen reagieren mit Angst und Verunsicherung, andere wiederum sehen die Chance, ihr persönliches Risiko durch gezielte Vorsorge – durch Untersuchungen und Operation – zu senken.
Wir haben die Möglichkeit, zu handeln, bevor eine Erkrankung entstanden ist. Wir müssen nicht „hinterherarbeiten“, sondern können verhindern. Auf diese Botschaft reagieren Patientinnen und Familien mit Erleichterung.
Inzwischen werden mehrere Gene untersucht. Die genaue Bedeutung ist bei vielen Veränderungen noch nicht bekannt. Noch zu erwähnen ist, dass auch Männer in einem sehr geringen Prozentsatz – etwa ein Prozent der Brustkrebsfälle – an Brustkrebs erkranken können.


Wie blicken Sie in die Zukunft?

Ich bin zuversichtlich, dass die Forschung rasch weitere Aufschlüsse bringen wird und wir mehr Frauen und Männer vor Erkrankung bzw. mehr Erkrankte vor Fortschreiten der Erkrankung schützen können.
Die Therapien sind heute schon individuell. Viele Merkmale werden untersucht und die Patientinnen bekommen eine maßgeschneiderte Therapie. Menschen mit hohem Risiko für die Erkrankung herausfiltern und prophylaktisch tätig werden – das sehen wir als Zukunft der Medizin.


Brustgesundheits­zentren

im Burgenland

Als der Schlüssel zur bestmöglichen medizinischen und pflegerischen Betreuung von an Brustkrebs erkrankten Frauen gilt eine enge Zusammenarbeit vieler unterschiedlicher Fachdisziplinen. Darum stellte die Europäische Union die Forderung, dass bis 2016 möglichst alle betroffenen Frauen in zertifizierten inter­disziplinären Brustgesundheitszentren behandelt werden sollen; auch Österreich verpflichtete sich dazu. Die sogenannten zertifizierten Brustgesundheitszentren werden laufend auf die Qualität ihrer Arbeit geprüft, integriert ist hierbei auch der Aspekt der fortlaufenden Weiterentwicklung und Verbesserung der Ergebnisse.


Im Burgenland gibt es zwei Brustgesundheitszentren:

  • Brustgesundheitszentrum Pannonia Süd, Krankenhaus Güssing (affiliierter Partner zum Brustgesundheitszentrum AKH Wien)
    Grazer Straße 15, 7540 Güssing, Tel.: 05/79 79-31250

  • Brustambulanz im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Eisenstadt
    Johannes-von-Gott-Platz 1, 7000 Eisenstadt, Tel.: 02682/601-2710


Quelle: www.krebshilfe-bgld.at