Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 21.12.2021

Wenn das Bettchen leer bleibt

Gut gemeinte Ratschläge sind wenig hilfreich, zuhören und verstehen wollen hingegen schon. Wie der Weg zurück ins Leben gelingen kann, beschreibt die Psychologin Brigitte Benczak.

Bild 2112_B_EM_Psychologin.jpg
© Shutterstock

Das bunte Babytragetuch liegt fein säuberlich zusammengefaltet auf dem Fensterbrett. Sie starrt regungslos ins Leere, während er Omas frisch restaurierten Stubenwagen von einer Ecke des Zimmers in die andere rollt. Leugnen, nicht wahrhaben wollen, Schock. Damit beginnen die Phasen der Trauer, unabhängig davon, wen man wann verliert. In der Beschreibung der Abfolge orientiert sich die Klinische und Gesundheitspsychologin Brigitte Benczak an den von Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross definierten fünf bzw. an den vier Phasen der Trauer, die die Psychologin Verena Kast benennt.
„In der zweiten Phase folgen Wut bzw. das Aufbrechen der Emotionen wie Zorn und Schuld. Man ist wütend auf den Arzt, aufs Leben, auf andere Frauen, die Kinder kriegen“, erklärt Benczak. Danach folgt die Phase des Verhandelns mit teilweise abstrakten, mythischen Gedanken wie „wenn ich etwas Bestimmtes tue, passiert das nicht wieder“, gefolgt von der Phase der Depression bzw. des Suchens und Trennens; der Besuch bedeutsamer Orte kann hier helfen. Die letzte Phase der Trauer ist die Akzeptanz bzw. der neue Selbst- und Weltbezug: „Das bedeutet: Auch wenn der verstorbene Mensch oder das Baby immer etwas ganz Besonderes bleiben wird, kann man weitergehen.“ Trauerbewältigung ist das Durchleben aller Phasen. Die Menschen erleben sie in unterschiedlicher Intensität, manchmal gelingt es nicht allein, wieder „rauszukommen“, sodass sich eine chronifizierte Trauer manifestiert. Helfen können dann Expert*innen wie Brigitte Benczak, die in ihrer Arbeit einen Fokus auf das Verarbeiten von Fehl- und stillen Geburten legt. Wir haben mit ihr einige wichtige Gedanken zu Sternenkindern besprochen.

Wie erleben Sie den Begriff Sternenkind?

Brigitte Benczak: Statt der Dramatik der Situation assoziiert man mit dem Begriff Sternenkind etwas Märchenhaftes; das ist etwas Tröstliches, sofern man bei Fehl- oder Totgeburt von Trost reden kann. Ich vertrete aber auch die psychologische Sicht: nämlich die Dinge beim Namen zu nennen, sie nicht ausschließlich zu beschönigen, denn das ist für die psychische Verarbeitung nicht produktiv. Besser ist es, Begriffe abzuwechseln. Manche sprechen vom Sohn oder der Tochter, manche geben ihnen Namen.


Welchen Unterschied macht es, ob ein Ungeborenes oder ein Baby stirbt?

Wenn es „im Außen“ noch nichts gegeben hat, fühlen sich Frauen mit ihrem Verlust zumeist sehr allein: Niemand kannte das Kind, außer vielleicht ein einfühlsamer Vater oder Geschwister. Das kann im Hinblick auf das Verabschieden schwierig sein.


Wie ordnet man die Reaktionen des Umfelds ein?

Wenn wir Menschen von etwas Schlimmem erfahren, versuchen wir das Dramatische, die eigene Betroffenheit abzuwehren. Das passiert häufig durch Verharmlosen mit Sätzen wie „War doch erst die 15. Woche“ oder „Ist besser so, wahrscheinlich wäre das Baby krank gewesen“. Tatsache ist, dass niemand von außen beurteilen kann, wie betroffen jemand persönlich ist. Für eine Frau, die sich seit Jahren nichts sehnlicher wünscht als ein Kind, kann eine Fehlgeburt in den ersten Wochen so schlimm sein wie für eine andere, wenn sie knapp vor dem Termin eine stille Geburt erlebt.

 

"Tatsache ist, dass niemand von außen beurteilen kann, wie betroffen jemand ist.",
Brigitte Benczak, Klinische und Gesundheitspsychologin  © Tschank

 

 



Wie kann man Betroffenen helfen?

Wie bei jedem Trauma: zuhören und verstehen. Der Frau und dem Mann, unabhängig davon, wann sie ihr Baby verloren haben. Gut gemeinte Ratschläge sind nicht hilfreich, aber man kann beispielsweise Hilfe bei der Organisation von Abschiedsritualen oder einer Trauerfeier anbieten. Gleichzeitig ist es wichtig, Grenzen aufzuzeigen: „Niemand, der das nicht erlebt hat, kann sich vorstellen, was du durchmachst.“ Es ist schön, wenn es Bezugspersonen gibt, die der Frau oder Paaren etwas Genussvolles ermöglichen. Es geht hierbei nicht um eine Ablenkung, sondern darum, etwas zu finden, wo man Energie tanken kann. Für eine Frau, bei der sich nach einer stillen Geburt auch hormonell sehr viel tut, können das beispielsweise sanfte Massagen sein.


Wie wird man Schuldgefühle los?

Schuld gehört zur emotionalen Verarbeitung dazu; ebenso der Versuch, verstehen zu wollen. Die Frage ist: Wo kann ich Antworten finden? Bei Schuldfragen kann man viel Aufklärungsarbeit leisten. Anstatt zu sagen, „Das ist ein Blödsinn, dass du dein Baby wegen eines großen Streits verloren hast“, lieber gemeinsam recherchieren und Fragen an Fachpersonen richten, um Mythen zu entkräften. Medizinische Ursachen akzeptieren viele leichter.


Was kann Vätern und Geschwisterkindern helfen?

Zunächst einmal: nicht bewerten. Wenn der Vater – auch biologisch bedingt – rascher wieder „funktioniert“, bedeutet das nicht, dass er nicht trauert. Es ist gut, über das Baby zu reden; da helfen Rituale und Gespräche atmosphärisch zu gestalten. Es gibt die Möglichkeit, Totgeborene fotografieren zu lassen, man kann das Bild und eine Kerze aufstellen. Männern hilft es, wenn sie etwas tun können. Sie können mit den Geschwisterkindern Bücher (siehe S. 58) zum Thema anschauen, ein Kreuz für die Trauerfeier bauen. Und klar auch an sie die Frage richten: Wie geht es dir?


Wie viel Zeit sollte man sich nehmen, ehe man die Familienplanung fortsetzt?

Die Frage ist zunächst: Wie geht es uns als Paar? In welcher Phase der Trauer sind wir jeweils? Man sich sollte Zeit für sich nehmen, um einander wieder als Paar zu begegnen. Häufig möchten Frauen bald wieder schwanger werden, während Männer zurückhaltender sind, weil sie Angst haben, den Schmerz der Frau wieder „aushalten“ zu müssen. Es gibt keine zeitliche Empfehlung, man muss nur wissen: Die Trauer geht weiter. Man kann es nicht verhindern, dass man sich später denkt: Heute wäre es fünf Jahre alt geworden. Das verlorene Kind wird immer ein Teil bleiben.


www.psychologen.at/benczak.brigitte