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Lifestyle | 07.01.2022

Das erste und das Letzte Bild

Der Begriff Sternenkinder statt Fehlgeburten oder stille Geburten soll ein bisschen trösten. Mit viel Herz engagiert sich ein betroffenes Paar gegen das Schweigen, für mehr Empathie und Unterstützung.

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Mit Liebe und Humor. Vera und Rainer Juriatti sind Eltern von zwei erwachsenen Kindern und fünf Sternenkindern. Mit ihren Initiativen wollen sie mehr Offenheit und Sensibilität im Umgang mit dem Thema erreichen. © Vanessa Hartmann

Sie wussten es am ersten Tag: Es ist Liebe. Und am dritten planten sie eine gemeinsame Familie. Sie, die seit sie denken konnte, Kinderkrankenschwester werden wollte und schon im Volksschulalter die Babys in der Nachbarschaft versorgte. Und er, der Zivildiener, der nach dem Abschluss einer Tourismusschule später unter anderem Künstler, Autor und Verleger wurde. Im Krankenhaus in Bludenz begegneten sie einander und heirateten bald, „richtig bieder eigentlich“, lacht Rainer Juriatti. Wenig später wird Vera schwanger, doch es folgen Blutungen, der Herzschlag hört etwa in der achten Woche auf, das erste Kind „geht“. Das zweite auch. Und das dritte will erst gar nicht kommen. „Sie hat gemeint, ich soll mir eine andere Frau suchen, mit ihr würde es nicht klappen. Da war ich grantig“, sagt er. „Als Mama sucht man zuerst die Schuld bei sich. Was habe ich gemacht? Zu viel Sport? Zu viel Kaffee?“, sagt sie.
Vera und Rainer Juriatti lassen sich durchchecken. Die Diagnose ist gnadenlos. „Man sagte uns, wir seien nicht kompatibel“, erzählt Vera Juriatti. „Wie kann man so etwas sagen: Findet euch damit ab, euch jemand anderen zu suchen?!“, ärgert sich Rainer bis heute. Das Paar sucht einen Gynäkologen, der an ihre „Kompatibilität“ glaubt – wenige Monate später ist Vera schwanger. Voller Freude und voller Angst. Wieder kommen Blutungen. „Jedes Mal, wenn ich aufs Klo bin, habe ich gehofft, dass sie nicht stärker werden. Ich hab’ ein Sofa durchgelegen, es hat eine richtige Mulde gehabt“, schmunzelt sie und ihr Mann pflichtet ihr bei: „Du warst zum Schluss wirklich sehr schwanger.“ Lachen, das können die beiden. Trotz allem. Doch die schmerzhaften Erfahrungen, die sich später weiter summieren, hinterlassen Narben. Wegmachen kann man die nicht. Aber erträglicher sollen sie für Sternenkind-Eltern sein, deswegen ihre Initiativen, werden sie später betonen. „Man hat mir gesagt: Du musst stark sein für deine Frau. Dabei wusste ich selbst nicht, wie ich die Nase über Wasser halten soll“, sagt Rainer Juriatti. „Ich hab’ ihr gesagt, egal, dann haben wir keine Kinder, das ist auch eine Option. Die Machtlosigkeit, das wirft uns Männer aus unserem Kosmos.“
Die dritte Schwangerschaft schreitet im Schneckentempo voran. Diesmal geht es gut. Blasensprung, am nächsten Morgen ist Tonio da. „Nach der Geburt war ich so voller Adrenalin, dass ich kein Auge zugetan habe“, strahlt Vera Juriatti selbst 28 Jahre später. „Ich hab’ ausgeschaut wie ein zerknittertes Laken, Vera war wunderschön“, lacht Rainer. 1994 folgt eine weitere Fehlgeburt, wenig später abermals eine Schwangerschaft. Von Anfang an plagen Vera schlimme Träume, bei denen sie in Blut aufwacht. Ab der 13. Woche ist das Blut real, eine Cerclage (Naht um den Gebärmutterhals) soll eine Frühgeburt verhindern. In der 25. Woche kommen dennoch starke Wehen. Als die beiden die Aussichtslosigkeit der Situation erkennen, lässt Vera die Cerclage entfernen, bald darauf kommt Pablo. Still. „Er starb zur Welt, schreibe ich in meinem Buch. Pablo hat gelebt, er ist durch die Geburt gestorben. Die grässlichste Nacht, die wir je erlebt haben“, sagt Rainer und diesmal wird seine Stimme leiser, der bis dahin stets offene, herzliche Gesichtsausdruck friert für einen Augenblick ein. „Als die Geburt begonnen hat, habe ich sofort gesagt, dass ich das Kind nicht sehen will. Das bereue ich bis heute“, sagt Vera Juriatti. Das ändert vieles. Nachhaltig. Als sie wenig später als Krankenschwester im Dienst eine stille Geburt miterlebt und die betroffene Mutter ihr Kind auch nicht sehen möchte, sucht Vera sanft das Gespräch. „Ich würde eine Mama nie überreden wollen. Ich habe nur gesagt: Sie haben einen wunderschönen Sohn und er hat riesige Füße.“ Dann lachte die Oma, erzählt sie, und die Mutter sagte: „Wir schauen uns jetzt unseren Sohn an.“

Impressionen
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Sternenkindbox.

Nimmt man das Buch heraus, passen Mutter-Kind-Pass, Ultraschall-Bilder und andere Winzigkeiten hinein. Sie kann ins Regal gestellt und zur Hand genommen werden, wenn man sich erinnern möchte. Rechts: Vereine nähen, stricken und häkeln Hauberl und Gewand für das erste und letzte Foto.

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Sternenkindbox.

Nimmt man das Buch heraus, passen Mutter-Kind-Pass, Ultraschall-Bilder und andere Winzigkeiten hinein. Sie kann ins Regal gestellt und zur Hand genommen werden, wenn man sich erinnern möchte. Rechts: Vereine nähen, stricken und häkeln Hauberl und Gewand für das erste und letzte Foto.

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Sternenkindbox.

Nimmt man das Buch heraus, passen Mutter-Kind-Pass, Ultraschall-Bilder und andere Winzigkeiten hinein. Sie kann ins Regal gestellt und zur Hand genommen werden, wenn man sich erinnern möchte. Rechts: Vereine nähen, stricken und häkeln Hauberl und Gewand für das erste und letzte Foto.

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Inspirierende Gesprächsatmosphäre.

In Birgit Sauers aktueller Ausstellung „stillleben“ (bis 23. Dezember) in der Landesgalerie Burgenland

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Inspirierende Gesprächsatmosphäre.

In Birgit Sauers aktueller Ausstellung „stillleben“ (bis 23. Dezember) in der Landesgalerie Burgenland

„Ich habe Vera über die Abdeckung gesagt: Pablo hat dunkle Haare und ist so schön. Meine Frau hat mich für jeden Satz gehasst. Da war dieser Nebel des Schmerzes, da kommst du nicht durch“, beschreibt Rainer Juriatti. Er bittet den Gynäkologen um die Kamera, mit der man sonst Neugeborene fotografiert. „Die ist kaputt“, sagt dieser lapidar. „Bringen Sie sie mir, ich kriege da ein Foto raus“, besteht der technisch versierte Kreative darauf. Irgendwie klappt es. Ein einziges Polaroidbild. Dann wird Pablo weggebracht. „Zwei Stunden später wäre ich bereit gewesen, ihn zu halten, da durfte ich nicht mehr“, erinnert sich Vera zurück. Es bleibt das eine Foto, das ihr Mann ihr in die Schublade legt. „Das Bild steht heute bei uns am Schrank. Pablo ist ein Teil von uns, und das ist ganz normal“, sagt Rainer. Das ist die Verbindung zur Sternenkind-Fotografie, die das Paar ehrenamtlich anbietet, weil es um die Bedeutung weiß. „Es ist das erste und das letzte Bild eines Menschen.“ Pablos Bild war auch die einzige Möglichkeit für den großen Bruder, ihn zu sehen. Selbst für die Tochter, die Jahre später kommt, ist das Foto wichtig. Das Jahr nach Pablo ist bei Vera gelöscht. „Es war das schlimmste Ehe­krisenjahr“, sagt er. Ein totes Baby war damals noch mehr tabu als heute, das Umfeld verliert sich in Floskeln. „Es genügt ein ‚Es tut mir leid, ich weiß nicht, was ich sagen soll‘ oder die Frage: ‚Wie geht es dir?‘“, findet Vera. Es kommt aber eher ein „Ihr habt doch schon ein Kind“. „Ich wollte meine Mama damals nicht belasten, sie mich umgekehrt nicht. Heute lebt sie nicht mehr, wir haben diese Gespräche versäumt.“ Es dauert, aber die Zuversicht kommt wieder. Beteiligt daran ist auch eine liebe Familientherapeutin, eine Kollegin von Rainer Juriatti. In den Kaffeepausen hört sie ihm zu, gibt ihm wichtige Gedanken mit auf den Weg. „Das half, daher unser Appell: Legt die Scheu ab, geht zur Therapie, das Angebot gibt es heute.“ 20 Jahre dauert es, bis er die Erzählung „Die Abwesenheit des Glücks“ veröffentlicht. Manuskripte davor werden zerrissen, verbrannt, gelöscht. Immer wieder fängt er von vorne an, flicht Gedanken seiner Frau ein. Das Buch markiert den Start ihres öffentlichen Engagements. „Bei den Lesungen kommen oft Betroffene zu mir – mit den gleichen Ängsten, Bedürfnissen wie wir damals, es fehlt immer noch an Hilfe“, sagt Vera Juriatti. Schritt für Schritt erarbeitet das Paar – die Familie lebt seit 2011 in der Steiermark – die Sternenkindbox namens „Handreichungen“, die im Vorjahr mit Landesgeldern als Pilotprojekt startet. Jedes betroffene Paar soll sie bekommen; sie enthält unter anderem Rainer Juriattis Erzählung, ein Duftöl, mit dem das Baby zum Abschied eingerieben werden kann, eine Karte für den letzten Fußabdruck – und: Informationen über ­Gedenkstätten, Psycholog*innen und Hebammen, die Nachsorge und Rückbildungsgymnastik für Frauen ohne Baby am Arm anbieten. Ihre Vision ist es, eines Tages österreichweit allen betroffenen Eltern die Box in die Hand geben zu können. Dafür brauche es den Support der Politik, derzeit arbeitet sich das Paar durch alle zuständigen Stellen. In Eigeninitiative baut es parallel eine interaktive Karte auf (mein-sternenkind.net); ab Anfang 2022 sollen dort Eltern alle wichtigen Kontakte in ihrer Nähe vorfinden. Vera und Rainer Juriatti sind zudem Sternenkind-Fotograf*innen. „Fotos können wir auch machen“, hören sie manchmal von Mitarbeiter*innen im Spital. Und doch hat das, was sie tun, nicht nur eine andere Bildqualität. Kommt es zu einer stillen Geburt, kann jedes Krankenhaus die Plattform der Sternenkind-Fotograf*innen aktivieren. Die Mitglieder bekommen eine Nachricht via App zwecks Koordination untereinander. Die Juriattis sind fast in ganz Österreich unterwegs. Sie nähern sich den Müttern und Paaren behutsam. „Wir lassen dem Baby die Würde zuteilkommen, die ihm gebührt“, sagt Rainer. „Da ergeben sich schöne, nicht nur traurige Gespräche“, ergänzt Vera. Vor allem entstehen schöne Fotos, auf denen der Papa seine Zehen oder die Oma ihre Nase erkennt, erzählen sie.


Bücher
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Vera Juriatti:

„Leon & Louis oder: Die Reise zu den Sternen“

mit Illustrationen von Stefan Karch, Kollektiv Verlag

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Rainer Juriatti:

„Die Abwesenheit des Glücks“

Kollektiv Verlag


© Jenni Vass

„Das eigene Kind zu verlieren, ist mit das Schlimmste, was einem im Leben passieren kann. Wenn wir den Schmerz mit unserer Arbeit auch nur ein Prozent lindern können, hat es sich schon gelohnt. Und die Erfahrung zeigt, dass die Bilder einen großen Teil zur Trauerbewältigung beitragen. Wir Fotograf*innen frieren Momente für die Ewigkeit ein – nie war das wichtiger als in solchen Situationen. Ich bin stolz, zum Team zu gehören, und hoffe, dass sich uns noch viele anschließen.“


Jenni Vass, ehrenamtliche Sternenkind-Fotografin aus Stadtschlaining