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Lifestyle | 10.01.2022

Scheiden tut weh?!

Eine Scheidung ist im ersten Moment für alle Beteiligten nicht einfach. Doch was daraus gemacht wird, liegt in der Hand der agierenden Personen. Wir checken für dich: Was sind die ersten Schritte, was die größten Fehler?

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Schlammschlacht, Rosenkrieg oder einvernehmliche Scheidung mit gutem Gewissen beider Partner? Im Jahr 2020 sank die Scheidungsrate auf 36,9 Prozent (2019: 40,7 Prozent, Quelle: Statistik Austria). Laut Experten lag dies an den Lockdowns und den damit verbundenen Sorgen, finanziellen Nöten und dem Mangel an Privatsphäre, um Beratungsgespräche wahrzunehmen. Für das Jahr 2021 und 2022 wird ein signifikanter Anstieg an Scheidungen erwartet. Die durchschnittliche Ehedauer der geschiedenen Ehen liegt bei etwas mehr als zehn Jahren. Die Rechtsanwältin Beate Simon berät mit fachlicher Kompetenz und Einfühlungsvermögen sowohl in ihrer Kanzlei in Eisenstadt als auch in der Frauen- und Familienberatungsstelle „Der Lichtblick“ in Neusiedl am See vor allem Frauen zum Thema Trennung und Scheidung. Wir sprechen mit ihr über die Fehler, die bei Scheidungen oft passieren, wie Corona die Scheidungssituation verändert hat und wie ein guter Scheidungsanwalt/eine gute Scheidungsanwältin zu erkennen ist.

 

"Der größte Fehler besteht darin, die Angelegenheit schnell hinter sich bringen zu wollen.", Rechtsanwältin Beate Simon  © Emmerich Mädl



BURGENLÄNDERIN: Welche ersten Schritte würden Sie einer Frau empfehlen, die überlegt, sich scheiden zu lassen?

Beate Simon: An erster Stelle steht eine umfassende Beratung. Eine Beratung bedeutet ja nicht automatisch, dass der nächste Schritt auch gegangen werden muss. Aber man weiß, wo man steht, welche Möglichkeiten man hat, welche Hindernisses es zu überwinden gilt. Vielleicht ist es auch empfehlenswert, nicht nur einen Beratungstermin wahrzunehmen, sondern zwei oder drei, bis man das Gefühl hat, gut aufgehoben zu sein. Ein Scheidungsverfahren kann zwar schnell abgeschlossen sein, jedoch kann es sich samt den Begleitverfahren (Aufteilung, vielleicht sogar Obsorgeverfahren) über Jahre ziehen, da benötigt man eine verlässliche Partnerin/einen verlässlichen Partner an der Seite, der/dem man vertraut. Immerhin ist man im Notfall dazu gezwungen, intimste Geschichten preiszugeben, also „Schmutzwäsche zu waschen“.


Was sind die größten Fehler rund um das Thema Scheidung?

Der größte Fehler besteht meiner Meinung nach darin, die ganze Angelegenheit schnell hinter sich bringen zu wollen. Bis das Wort „Scheidung“ endlich ausgesprochen auf dem Tisch liegt, hat sich ja bereits ein Druck aufgebaut und dann möchte man es schnell hinter sich haben. Natürlich ist man in einer belastenden, unangenehmen Situation, braucht vielleicht schnell Geld, um sich eine neue Wohnmöglichkeit schaffen zu können, und steht unter immensem Druck. Aber gerade dann entstehen Fehler. Es werden vielleicht Zugeständnisse gemacht, die einem bei späterer Betrachtung leid tun. Und wenn sich dann alles gelegt hat, bereut man im Nachhinein, es nicht doch durchgestanden zu haben und in manchen Dingen hart geblieben zu sein. Immerhin werden Entscheidungen getroffen, die das gesamte weitere Leben beeinflussen können und immense finanzielle Auswirkungen haben können. Dies sollte gut überlegt sein und nicht überstürzt entschieden werden, nur damit die Scheidung schnell erledigt ist und man sich nicht mehr mit dem anderen auseinandersetzen muss. Noch schwieriger wird das Ganze natürlich dann, wenn Gewalt im Spiel ist.

 

"Durch die immense Belastung seit Beginn der Pandemie sind viele Ehen gescheitert, die Auswirkungen werden jetzt erkennbar.", Rechtsanwältin Beate Simon



Und welche Fehler passieren Ihrer Erfahrung nach immer wieder?

Viele wissen zum Beispiel nicht, dass man im Falle einer Scheidung zunächst nicht einfach aus dem gemeinsamen Haushalt ausziehen sollte, weil dies eine schwere Eheverfehlung darstellen kann, welche den Ehepartner zur Führung einer Verschuldensscheidungsklage berechtigen kann. Das ist natürlich eine schwierige Situation, da man gezwungen ist, in der gemeinsamen Ehewohnung zu bleiben, um nicht Gefahr zu laufen, einen Scheidungsgrund durch „böswilliges Verlassen“ zu setzen. Vor dem Auszug sollte daher vom Ehepartner wenn möglich die schriftliche Zustimmung zum Auszug eingeholt werden. Natürlich könnte man es auch so begründen, dass ein Zusammenleben nicht mehr zumutbar sei, dies ist jedoch wiederum mit einem gewissen Risiko verbunden, denn darüber entscheidet das Gericht.

 

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Inwiefern spielt die Frage des ­Verschuldens derzeit eine Rolle?

Momentan ist die Gesetzeslage noch so, dass beim anderen zumindest die überwiegende Schuld am Scheitern der Ehe festgestellt werden muss, damit dieser unterhaltspflichtig ist. Sollte dies nicht der Fall sein, entfällt der Unterhaltsanspruch. Dazu muss in einem Scheidungsverfahren nachgewiesen werden, dass der andere Scheidungsgründe gesetzt hat, während man sich selber nichts hat zuschulden kommen lassen. Gibt es parallel dazu auch noch ein Obsorgeverfahren, wird die Sache noch schwieriger, da in diesen Verfahren der Fokus darauf liegt, eine Gesprächsbasis zwischen den Eltern zu finden und die Konflikte rauszunehmen. Das bedeutet, man hat ein Verfahren, in dem man nachweisen muss, dass der andere Schuld ist am Scheitern der Ehe und Scheidungsgründe gesetzt hat, und gleichzeitig ein Verfahren, in dem ein Einvernehmen hergestellt werden soll.


Wie hat Corona Ihrer Wahrnehmung nach die Scheidungssituation verändert?

Im „Corona-Jahr“ sind Scheidungen etwas zurückgegangen. Zum einen fehlte es aufgrund der unterschiedlichen Herausforderungen vermutlich an der Zeit und Kraft, diesen Schritt zu gehen. Und natürlich ist es auch eine Geldfrage, die Unsicherheit aufgrund von Kurzarbeit oder vielleicht sogar Jobverlust. Wenn man ohnehin nicht weiß, wie es weitergeht, lässt man sich auch nicht auf ein Scheidungsverfahren mit unsicherem Ausgang ein. Zum anderen war es aufgrund von Homeoffice, Homeschooling, Kurzarbeit – alle waren quasi zu Hause – usw. schlicht schwieriger, Beratungstermine wahrzunehmen. Vor allem bei Gewaltbeziehungen, die durch diese Belastung natürlich noch verschärft wurden, gestalteten sich die Beratungen während des Lockdowns schwierig und fanden oft per Telefon zwischen Tür und Angel statt, da der Ehepartner ja ständig in der Nähe war und ein „Schlupfloch“ gefunden werden musste.
Durch die immense Doppel- und Dreifachbelastung sind jedoch bereits viele Ehen gescheitert, die Auswirkungen werden erst jetzt sichtbar. Die Hauptprobleme im Corona-Jahr lagen vor allem bei den Kontaktrechtsregelungen.


Wie erkenne ich einen guten Scheidungsanwalt/eine gute Scheidungsanwältin?

Eine gute Scheidungsanwältin/ein guter Scheidungsanwalt zeichnet sich – abgesehen von der fachlichen Kompetenz natürlich – vor allem dadurch aus, dass er sich Zeit nimmt und nicht nach einem 08/15-Schema vorgeht. Jede Scheidung muss individuell betrachtet werden, hat ihre eigene Dynamik. Die Mandanten müssen einerseits vor vorschnellen Aktionen geschützt werden, andererseits muss man ihnen manchmal die Augen öffnen. Nicht selten hört man Sätze wie „So ist er/sie nicht“, „Das macht er/sie nicht“ … und dann kommt es ganz anders und die Partnerin/der Partner ist ganz entsetzt darüber, sich in der Realität wiederzufinden. Hier benötigt man schon ein Gespür und auch Verständnis dafür. Es ist ein Prozess, der seine Zeit braucht. Nicht jede Scheidung erfolgt im Einvernehmen, aber nicht jede Scheidung muss in einer Schlammschlacht enden.

 

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