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Lifestyle | 22.02.2022

Wenn der Exekutor klingelt

Elisabeth vertraute den Falschen und sah sich eines Tages mit einem enormen Schuldenberg konfrontiert. Wie der vierfachen Mutter der Weg in ein neues Leben gelingt.

Bild 2202_B_EM_Konkurs-2.jpg
© Shutterstock

Wo fängt man an, wenn man all das Unglück beschreiben möchte, das Elisabeth (Name von der Redaktion geändert) in ihren 51 Jahren erlebte? Bei der Gewalt, die sie in mehreren Beziehungen erlebte, ihren vier Bandscheibenvorfällen oder bei dem Schuldenberg in der Höhe von knapp einer Million Euro, mit dem die vierfache Mutter konfrontiert war? Bei der Gegenwart, die macht Mut. „Heute geht es mir gut. Ich muss keine Angst mehr haben, wenn es läutet, dass es der Gerichtsvollzieher ist“, sagt sie. Als sie jung war, überlegte Elisabeth, Automechanikerin oder Tischlerin werden zu wollen. Dem konnte ihr Umfeld wenig abgewinnen; man machte ihr den Weg in eine Fabrik schmackhaft, um gleich nach den Pflichtschuljahren eigenes Geld zu verdienen. Mit 18 wird sie das erste Mal schwanger, die Beziehung hält nicht lange. Mit ihrem zweiten Ehemann bekommt sie drei Kinder, aber von Familienglück keine Spur. Immer wieder schlägt er sie; wenn sie ihn verlassen will, droht er mit dem Umbringen und auch, ihr die Kinder wegzunehmen. Dem nicht genug, wo er nur kann, lässt er seine Frau unterschreiben; er überredet sie, die Geschäftsführung seines Unternehmens zu übernehmen. Weist sie ihn auf Ungereimtheiten hin, auf Forderungen des Finanzamts oder der Gebietskrankenkasse, redet er sich stets raus. Elisabeth weiß, wie das heute, viele Jahre später, klingt, aber sie hatte ihm damals vertraut. „Er war so manipulativ, er hätte einem Eskimo einen Kühlschrank verkaufen können“, sagt sie. Irgendwann bringt sie die Kraft auf, ihn zu verlassen; noch einmal gelingt es ihm, sie zu sich zurückzuholen, aber als er sie nach nur wenigen Monaten von der Treppe runterstoßen will, packt Elisabeth die Kinder zusammen und zieht zu ihren Eltern. „Ich hab’ die Kinder auf der Couch verteilt und hab’ selbst am Boden im Wohnzimmer geschlafen, Hauptsache weg.“ Es kommt zur Scheidung, er weigert sich, Alimente zu zahlen.



Wieder der Falsche

Ihr dritter Ehemann hätte sie glücklich machen können, grübelt sie, „wäre da nicht der Alkohol gewesen. Nach dem vierten, fünften Bier war er ein anderer Mensch.“ Erneut kommt es zu gewalttätigen Konflikten. Eine ihrer Töchter erkrankt psychisch schwer, das Mädchen versucht sich das Leben zu nehmen. Elisabeth beendet die Beziehung, eine burgenländische Frauenberatungsstelle hilft ihr Schritt für Schritt auf die Beine. Es gelingt ihr, im Rahmen eines Sozialprojekts einen Job zu bekommen, und sie absolviert die Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. „Mit ausgezeichnetem Erfolg“, strahlt sie, die Gefallen am Lernen findet und sogar eine weitere Ausbildung dranhängt. Doch da ist eine Sache, die ihr Leben Tag und Nacht begleitet: die Schulden. „Ich hab’ vermutet, dass es ungefähr 60.000 oder 70.000 Euro sein dürften“, erinnert sie sich. Sie findet Menschen, denen sie sich anvertraut, sie ermuntern sie, sich an die Schuldenberatungsstelle zu wenden. „Man hat mir dort sehr geholfen, ich bin unglaublich dankbar“, betont sie. Fachleute unterstützen und bestärken sie, alle Gläubiger anzuschreiben, alle relevanten Dokumente zusammenzusuchen. „Das war so viel, manchmal dachte ich mir: Ich lass’ es einfach, soll doch der Gerichtsvollzieher kommen, mir kann man ja eh nichts mehr wegnehmen“, gesteht sie. Der Schock folgt, als sie die Endsumme erfährt: mehr als 900.000 Euro.

 

 

"Es war mir wichtig, meinen Kindern zu zeigen: Es gibt für alle Probleme Lösungen."

Elisabeth, 51, in Privatkonkurs



Ungeöffnete Kuverts

Mehr als zehn Umzüge hat Elisabeth hinter sich, wenn die Kuverts mit den Forderungen sie fanden, entsorgte sie sie. Sie fand, sie hatte sie eigentlich nicht zu verantworten, und doch wusste sie, dass es nicht für immer so weitergehen konnte. Elisabeth muss schließlich Privatkonkurs anmelden, sie befindet sich derzeit in einem sogenannten Schuldenregulierungsverfahren (siehe Kasten); jeder Euro, den sie über das Existenzminimum hinaus einnimmt, geht an die Gläubiger, insgesamt fünf Jahre lang. „So boxe ich mich durch und wieder raus“, betont die 51-Jährige. „Es war so wichtig, dass ich das endlich durchziehe und meinen Kindern zeige, dass es für alle Probleme Lösungen gibt.“ Die Schuldgefühle gegenüber den Gläubigern quälen sie häufig, gerne hätte sie ihnen schlussendlich alles zurückgezahlt, wenn es gegangen wäre, sagt sie. Auf großem Fuß habe sie selbst nie gelebt, „ich bin immer wieder zur ,Tafel‘ einkaufen gegangen, aber nicht dort, wo ich gelebt habe, weil ich mich so geschämt hab’, sondern in einer anderen Stadt“. (Die Organisation gibt genusstaugliche Lebensmittelspenden zu einem Unkostenbeitrag an jene weiter, die darauf angewiesen sind, pannonischetafel.com). Elisabeth ist nunmehr seit Jahren Single: „Ich habe diese Zeit für mich gebraucht, um alles aufzuarbeiten“. Sie blickt positiv in die Zukunft und hat einen festen Vorsatz: „Für mich gibt es nur noch: Sofortüberweisung. Ich werde nie wieder Schulden machen.“


Service

Schulden­beratung: Hilfe zur Selbsthilfe

Die Teams der burgenländischen Schuldenberatungsstellen setzen sich aus verschiedenen Fachleuten zusammen; die Beratung basiert auf Freiwilligkeit und ist kostenlos. Zunächst werden gemeinsam der Schuldenstand und die Möglichkeiten zur Rückzahlung analysiert. Von einer Überschuldung spricht man dann, wenn die fälligen Zahlungen nicht innerhalb einer angemessenen Frist getilgt werden können. Es kann dann Privatkonkurs angemeldet werden, das Schuldenregulierungsverfahren beginnt vor Gericht. Der/die Schuldner*in wird in Folge für mehrere Jahre auf ein Existenzminimum gepfändet; Einnahmen über diese je nach Einkommen gesetzlich geregelte Grenze werden an die Gläubiger verteilt. In dieser Zeit soll eine „bescheidene, aber menschenwürdige“ Lebensführung möglich sein. Ziel ist es, einsichtigen und motivierten Schuldner*innen nach Ablauf der vereinbarten Zeit und einer „Restschuldbefreiung“ die Chance auf einen wirtschaftlichen Neubeginn zu geben.


Kontakte, Tipps und Infos: www.schuldenberatung.at