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Lifestyle | 15.03.2022

Die Online-Falle

Für Kinder und Jugendliche sind soziale Medien und Internet selbstverständlich. Was die Fallen sind, worauf Eltern achten sollten und was Kinder brauchen – wir haben eine Expertin gefragt.

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© Shutterstock

Mit Barbara Buchegger, Pädagogische Leiterin bei Saferinternet.at, Mutter von zwei jugendlichen Töchtern, führten wir ein zweistündiges Gespräch über alles, was Eltern in Bezug auf ihre Kinder und Cybermobbing, Fake News, Gaming-Begeisterung und Surfen im Netz wissen sollten.

"Bei Cybermobbing brauchen auch die Täter Hilfe.", Barbara Buchegger, Pädagogische Leiterin saferinternet.at



Instagram, Facebook, TikTok, YouTube, WhatsApp – Kinder kennen sich auf den Social-Media-Plattformen oft besser aus als ihre Eltern und sind auch meist intensiver darin eingebunden. Wie schaffe ich es als Elternteil, den Überblick zu behalten?

Facebook ist für Kinder und Jugendliche eher nicht interessant, weil sich da ihre Eltern herumtreiben (lacht). Snapchat kommt zu den oben Genannten noch hinzu. Den Überblick verschaffen sich Eltern am besten dadurch, indem sie sich zuerst mal dafür interessieren, was das für Videos und Kanäle sind, die das Kind gerne schaut – auch wenn das für viele Eltern schwer ist, weil sie es als Unsinn ansehen. Glauben Sie mir, es ist gut investierte Zeit und bringt Sie Ihrem Kind näher, wenn Sie Interesse zeigen. Stellen Sie sich die Fragen: Was fasziniert mein Kind an diesen Inhalten? Was sagt das über mein Kind aus? Welchen Nutzen zieht es aus den Inhalten? Fragen Sie es, warum es sich dafür interessiert, schauen Sie, wo seine Augen zu leuchten beginnen.

 

Online-Gaming, ständiges Streamen auf Plattformen und Computerspiele werden von Eltern meist als Zeitverschwendung angesehen. Wie baue ich diesbezüglich zu meinem Kind eine Vertrauensbasis auf?

Versuchen Sie, die Grundstruktur des Computerspiels oder des TikTok-­Accounts zu verstehen. Kinder fühlen sich zurückgesetzt und abgewertet, wenn die Eltern das, was die Kinder so sehr lieben, nicht mögen oder als Blödsinn abtun. Für viele Kinder ist die virtuelle Welt ein Herunterkommen vom stressigen Alltag. Vor allem die Erst- und Zweitklässler haben es derzeit besonders schwer, weil sie durch die anhaltende Pandemie keinen geregelten Schulalltag kennen. Viele Kinder leiden massiv unter diesen Unsicherheiten: Hab ich nächste Woche Schule oder wird wieder Distance Learning sein? Wer wird morgen beim Testen positiv sein, wer in Quarantäne? Wenn ein Kind Schule als unsicher und chaotisch erlebt, daheim beim Computerspielen aber epische Siege erzielen kann, ist ganz klar, wo es sich wohler fühlt. Es gibt auch viel weniger schulische Ausflüge und Gruppenbildungsaktivitäten, zudem ist auch das Lehrpersonal verunsichert. In dieser Zeit ist es für Kinder – egal ob in der Volksschule, der Unterstufe oder in einer höheren ­Schule  – nicht leicht. Hier als Eltern Verständnis und auch Mitleid zu zeigen, macht es für die Kinder leichter, ihre Pflichten dennoch zu erfüllen.

 

 


Zeitliche Beschränkungen oder inhaltliche Verbote führen manchmal dazu, dass die Kinder außerhalb von zu Hause anders zu den von ihnen gewünschten Inhalten kommen – bei Freunden mitschauen etc. Was wäre hier Ihr Ansatz?

Junge Kinder kann ich gut mit technischen Maßnahmen beschränken (Familieneinstellungen, Bildschirmzeit etc.), durch klare Regeln oder einfach durch Ablenkung. Je älter, umso schwieriger wird das. In Wirklichkeit geht es darum, dass Kinder noch vor der Pubertät lernen sollten, sich selbst zu organisieren, selbstständig zu agieren. Wenn sie dir von sich aus das Handy bringen und sagen, sie machen jetzt Hausübung und holen es sich danach wieder, dann hast du gewonnen. Manchmal hilft es auch, mit den Kindern darüber zu sprechen, dass z. B. Apps und Plattformen mit fiesen Tricks arbeiten, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Es kann mit ihnen gemeinsam überlegt werden, welche Tricks die Algorithmen anwenden, um sie ans Handy zu fesseln. Das erzeugt Reflexion. Und dann die Frage: Schaffst du es, dich dem Algorithmus zu widersetzen oder dem, was dir der Typ auf TikTok oder Instagram unterjubeln will? Bist du stärker als das Programm?


Cybermobbing ist ein Begriff, der in den letzten Jahren immer mehr an Gewicht bekam – wie kann ich mein Kind vor Mobbing in der digitalen Welt schützen?

Wir haben erst kürzlich eine neue Studie zum Thema Cybermobbing in Österreich veröffentlicht. 17 Prozent aller 11- bis 17-Jährigen waren schon mal Opfer von Cybermobbing, 10 Prozent Täter und 42 Prozent haben es als Zuschauende mitbekommen. Die Zuschauenden sind oft der entscheidende Faktor, wie heftig ein Fall wird. Wenn sie gewähren lassen, signalisieren sie, es ist okay, die Täter können weitermachen. Somit werden die Zuschauenden selbst zu Tätern. Ich muss damit rechnen, dass mein Kind in seiner Jugendzeit irgendwann mit dem Thema Cybermobbing konfrontiert wird. Aber ich kann viel zur Prävention beitragen. Wichtig ist es, mit den Kindern darüber zu sprechen, wie man Konflikte online behandelt, welche Umgangsformen es bei Computerspielen geben sollte. Ich kann mich über jemanden ärgern und das auch sagen, aber muss dabei nicht untergriffig werden und schimpfen. In den Whatsapp-Familiengruppen kann ein schönes Miteinander vorgelebt werden. Das klassische Mobbing betraf früher meist die Außenseiter. Cybermobbing kann aber auch die Stars der Klasse treffen. Dabei handelt es sich um ein absichtliches gezieltes Fertigmachen einer Person. Nicht, wenn beste Freunde miteinander streiten. In den vielen Gruppenchats, in denen sich die Kinder bewegen, entsteht eine ganz andere Dynamik als früher ohne Social Media.

 

 


Was sind die häufigsten Gründe für Cybermobbing?

Der häufigste Grund ist: Die Täter können zwischen Spaß und Ernst nicht unterscheiden. Es beginnt mit einer Hänselei, das ist noch irgendwie Spaß. Doch ab wann wird es ernst? Die, die gehänselt werden, müssen die Möglichkeit haben, Stopp zu sagen, wenn sie es nicht mehr als Spaß empfinden. Das ist schwierig, weil viele Kinder nie gelernt haben, ihre Gefühle auszudrücken. Ein weiterer Punkt ist, dass viele nicht mit Zorn umgehen können. Daher kommt es oft vor, dass frühere Opfer zu Tätern werden und zurückschlagen wollen. Eltern sollten ihren Kindern bereits früh zeigen, wie sie mit Frust, Zorn und negativen Gefühlen umgehen können.


Wenn es zu Cybermobbing kommt: Was können Eltern am besten tun?

Eltern von Jugendlichen neigen oft dazu, dem Kind selbst die Schuld zu geben. Beispiel: Die 16-jährige Tochter schickt ihrem Freund Nacktfotos, später irgendwann kommt es zur Trennung, er verbreitet die Fotos via Social Media. Die Reaktion der Eltern: „Wie konntest du nur so dumm sein und Nacktfotos von dir verschicken?“ Das hilft dem Kind in dieser Situation gar nicht. Die Tochter hat ihrem Freund vertraut, was grundsätzlich etwas Gutes ist. Ein häufiger Fehler von Jugendlichen ist, zu glauben, dass ihnen das nicht passieren kann. Darüber im Vorfeld zu sprechen, ist die beste Prävention. Wenn mein Kind sich an mich wendet und sagt, es wird gemobbt, ist der Leidensweg oft schon ein langer, weil Eltern meist als Letzte eingeweiht werden. Wichtig ist zuerst: sich ein Bild von der Lage machen, die ganze Geschichte betrachten, Screenshots sichern, auch mit Datum, Beweise sammeln, schauen, wer beteiligt ist. Kinder können in unterschiedlichen Rollen beteiligt sein. Manchmal sagen sie, sie sind Opfer, dabei sind sie eigentlich die Täter. Womit sich wiederum viele Eltern schwertun. Und auch Täter brauchen Unterstützung, um da wieder rauszukommen! Anschuldigungen bringen in dieser Situation nichts. Es gilt, einen Ausweg zu finden, es zu stoppen und sich zu entschuldigen. Als Eltern eines Opfers mit den Eltern des Täters zu sprechen, kann in manchen Situationen gut sein, wenn ich die Eltern gut kenne zum Beispiel. Oft eskaliert es aber noch mehr, weil die anderen Eltern ihr Kind verteidigen wollen, und der Streit geht auf Eltern-­Ebene weiter. Cybermobbing kommt hauptsächlich im schulischen Umfeld vor – und die Schule ist verpflichtet, etwas dagegen zu tun, sonst kann sie wegen unterlassener Hilfestellung verklagt werden. Der erste Weg sollte also der zum/zur Klassenlehrer*in sein. Und für das betroffene Kind ist am wichtigsten, dass es neben der Schule einen Lebensraum hat, der angenehm ist, in dem es sich zu leben lohnt – andere Freunde, Hobbys, Aktivitäten. Denn Cybermobbing kann Kinder so sehr verstören, dass sie nicht mehr leben wollen.


Nicht nur Social-Media-Plattformen, sondern auch die Internetnutzung und Internet-Recherche gehört für viele Kinder und Jugendliche zum Alltag. Wie können sie für Fake News und unseriöse Webseiten sensibilisiert werden?

Große Gefahrenquellen von Fake News sind die Vorbilder aus den sozialen Medien, z. B. ein Influencer, der bestimmte Theorien oder Produkte propagiert. Seit Corona ist all das massiv mehr geworden. Kinder können das nur schwer differenziert betrachten und überprüfen. Daher ist es wichtig, ihnen Seiten wie mimikama zu zeigen, wo Faktenchecks zu sämtlichen Themen zu finden sind. Und dass sie sich immer mehrere Quellen ansehen und hinterfragen sollten, was die Verantwortlichen damit bezwecken möchten. Beispielsweise: Wird der Influencer gesponsert? Für die Schule empfehlen wir Suchmaschinen wie fragFINN oder Blinde Kuh – die sind vielleicht nicht so cool, aber dort sind Inhalte, mit denen die Jugendlichen ihr Referat schneller fertigstellen als mit Google.

Auch die Wahrnehmung von Körperbildern wird durch das Internet und Social Media stark geprägt. Was sollten Kinder und Jugendliche dabei beachten?

Das ist nicht ganz so einfach. Wenn eine Influencerin den Jugendlichen vorlebt, dass schlank, hübsch und durchtrainiert das Nonplusultra ist, wissen sie zwar, dass das inszenierte Bilder sind, sie wissen, welche Filter verwendet oder welche Körperpartien verändert wurden. Aber dieses Wissen schützt vor dem Eindruck nicht, den die Bilder hinterlassen. Sie erzeugen ein Bedürfnis bei den Jugendlichen. Ähnlich wie bei jüngeren Kindern mit Werbung, wenn sie einen Pudding, eine Puppe, ein bestimmtes Spielzeug sehen – sie wissen wahrscheinlich, dass es nicht so funktioniert wie in der Werbung, aber das Bedürfnis, dass es so ist, ist viel größer als das Wissen. Dieses Bedürfnis ist das, worüber man mit den Kindern sprechen muss, damit sie reflektieren können.


Weitere Infos: saferinternet.at

Das Österreichische Institut für angewandte Telekommunikation, ÖIAT, koordiniert die Initiative Saferinternet.at. Das ÖIAT wurde 1997 gegründet und ist ein unabhängiger, gemeinnütziger Verein. Es unterstützt Unternehmen, Privatpersonen, NGOs und die öffentliche Hand beim verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien.