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Lifestyle | 13.04.2022

Mental Load – immer an alles denken müssen

Wir kennen es alle – manchmal fühlen wir uns von all den Aufgaben und To-dos überfordert. Ein Abriss über die Tiefen und Ursachen von Mental Load. Garniert mit persönlichen Meinungen, Erfahrungen und Tipps.

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Während ich diesen Artikel schreibe, rasen unzählige Gedanken abseits davon durch meinen Kopf. Der Arzttermin wegen der Allergie meines Sohnes sollte vereinbart werden (und wo ist eigentlich sein Impfpass?), der Wäscheberg schreit nach Abbau (welche Hose wollte meine Tochter morgen noch mal anziehen?), das Angebot vom Handwerker wartet auf eine Antwort (und das Gespräch mit dem Lebensgefährten darüber auch), fürs Abendessen wollen noch Zwiebel und Tomaten besorgt werden (und wenn wir die nicht roh essen wollen, muss der Geschirrspüler aktiviert werden), und kümmert sich eigentlich schon jemand um die Tickets fürs Kabarett nächste Woche, wo wir hingehen wollen – ach ja, wer fährt mit der Tochter übermorgen zum Geigenunterricht, während ich bei einem Termin bin? Und das ist nur ein klitzekleiner Auszug meines derzeitigen Gedankenkarussells. Doch meine Hauptaufgabe im Moment ist ja eigentlich dieser Artikel. Und der erfordert Konzentration. Also, weg mit all den Nebengedanken und tauchen wir ein in die Welt des Themas Mental Load. Der Begriff beschreibt die unsichtbare Denk-Arbeit, die Belastung, die durch das Organisieren von Alltagsaufgaben entsteht. Und liebe Leser*innen, diese Belastung betrifft vor allem uns Frauen. Das bedeutet nicht, dass Männer nicht auch viele Dinge im Kopf haben, während sie andere tun. Aber wenn es um die Organisation des Alltags geht, sind es immer noch vorrangig wir Frauen, die die Zügel in der Hand halten (müssen, dürfen, sollen, wollen). Und diese Denk-Arbeit beinhaltet so einiges: vorhersehen, identifizieren, entscheiden und überwachen. Unser (bezahlter) Job ist hier nicht inbegriffen, in diesem müssen wir natürlich zusätzlich nicht gerade wenig organisieren und an Aufgaben denken. Um unter Mental Load nicht zu leiden, gibt es einige Tricks und Tipps. Der Gedankenstau im Kopf lässt sich auflösen oder zumindest erleichtern. Für die Erarbeitung dieses Artikels hole ich mir eine Expertin auf diesem Gebiet an die Seite: Eva Brandstetter, klinische Psychologin, Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin und Biofeedbacktherapeutin aus Bad Sauerbrunn. Und ich habe eine interessante Bloggerin aus Deutschland gefunden, die ein gutes Buch zu diesem Thema verfasst hat.


Das Problem und die Definition

Warum sind vor allem Mütter so gestresst? Aus rein rechtlicher Sicht ist heute ein Kind oder Kinder zu haben in vielen Dingen einfacher als noch vor einigen Jahren. Recht auf Teilzeitarbeit, Rechtsanspruch auf Kindergarten- und Krippenplatz, Vatermonat, geteilte Karenzmodelle – es hat sich vieles getan. Aber immer noch ist die Vereinbarkeit immens stressig, vor allem für uns Frauen. Der Großteil der Alltags­aufgaben und des Haushalts bleibt an uns kleben. Und der größte Punkt dabei: Immer noch kämpfen wir mit den gesellschaftlichen Erwartungen, die vorgeben, was es heißt, eine gute Mutter zu sein. Teilt sich die emanzipierte Frau nicht eh den Haushalt mit dem Mann (sofern vorhanden)? Die Mehrzahl nimmt sich das auf jeden Fall vor. Doch allen guten Vorsätzen zum Trotz verschiebt sich das Verhältnis – Studien zufolge gelingt es gerade einmal 14 Prozent der Paare, Arbeit und Kindererziehung tatsächlich fifty-fifty zu teilen. Kaum aus dem Kreißsaal draußen, sehen sich moderne, aufgeklärte Paare plötzlich in alte Rollenmodelle zurückgeworfen, die mit der Geburt des Kindes wieder lebendig werden. Vormals Vollzeit arbeitende, gut ausgebildete Frauen übernehmen rund 80 Prozent der Hausarbeit, dazu kommt der Großteil der Verantwortung für die Erziehungsarbeit. Die Frau, die so gleichberechtigt sein will, sieht sich plötzlich mit den traditionellen Erwartungen der Gesellschaft konfrontiert, die ihr immer noch die klassische Mutterrolle zuweisen. Die Spezies der Väter, die mehr als „nicht die Mama“ sein wollen, ist heute zum Glück schon weiter verbreitet als noch vor einigen Jahren, aber wir sehen es alle an unseren eigenen Lebensumständen, dass es bis zur Gleichberechtigung noch ein weites Stück ist.

 

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Muttermythos

Es stimmt ganz einfach nicht, dass Frauen die besseren „Mütter“ sind. Ja, nur wir können gebären und nur wir können stillen. Aber die Person, die sich am häufigsten mit den Alltagsaufgaben rund um Haushalt und Kinder beschäftigt, die kann sie logischerweise auch am besten. Versorgen kann der-/diejenige am besten, der/die es hauptsächlich tut. Wir werden einfach so erzogen, dass Frauen dafür zuständig sind. Egal ob mit oder ohne Kinder, es gehört für viele wie selbstverständlich zum Frausein dazu, für alles im Haushalt und in der Beziehung zuständig zu sein. Und das in der Regel mit wenig Wertschätzung und null Gehalt für diese Arbeit. Dabei geht es nicht immer um eine harte 50:50-Teilung. Es müssen sich einfach beide Partner damit wohlfühlen und das auch ehrlich sagen dürfen.


Überraschende (?) Ansichten

Unlängst diskutierte ich erst in einer privaten Runde mit Männern und Frauen zu diesem Thema. Seitens der maskulinen Stimmen am Tisch kam immer wieder der Vorwurf, Frauen sollen sich nicht so anstellen, sie sollen nicht jammern, genießen sie doch eh schon so viele Privilegien heute. Ich musste mich stark zusammenreißen, um nicht zum grünen Hulk zu mutieren, der mit einem Arm den Tisch aushebelt und ihn durch den Raum wirft. Dann kam der Einwurf einer älteren Frau, die meinte, sie habe früher auch immer gearbeitet und ihr Sohn wurde fremdbetreut, sie verstehe das Problem der jungen Frauen nicht. Da kann ich nur sagen: Gratulation. Wenn du als Frau so weit bist, dass es dir egal ist, was die Gesellschaft von dir erwartet/denkt, und du einfach dein Ding durchziehst, dann hast du eigentlich gewonnen. Doch da bleibt das Wort „eigentlich“. Denn ob die vielen seither vergangenen Jahre die Erinnerung nicht vielleicht doch aufgehübscht haben und es damals vielleicht auch nicht ganz so einfach war, Kind und Karriere unter einen Hut zu bekommen – ich bin mir nicht sicher. Und wenn ich dieselbe Frau dann sehe, mit welcher Selbstverständlichkeit sie jeden Tag kocht, dem Mann seinen Mittagsschlaf gewährt und währenddessen die Küche sauber macht, sich um die Besorgung der Geburtstags-Geschenke für die Enkelkinder kümmert und den Lebensmitteleinkauf erledigt, dann weiß ich einfach, was das Geheimnis ist: akzeptierte Gewohnheit. Doch was, wenn ich diese Gewohnheit in meinem Leben nicht akzeptieren möchte? Wenn ich alle Agenden gleichberechtigt verteilen möchte? Und ja, dazu gehören vielleicht auch kleinere Reparaturen oder körperlich anspruchsvollere Arbeiten, die im Haus anfallen. Grundsätzlich sage ich immer: Jeder das, was er am besten kann. Doch die Aufgaben sollen so verteilt sein, dass alle Beteiligten gut damit leben können, gerne auch abwechselnd.


Lösungsmöglichkeiten

Die deutsche Bloggerin Patricia Cammarata alias „Das Nuf“ widmete ein ganzes Buch dem Thema „Raus aus der Mental-Load-Falle“. Der wichtigste Schritt für sie ist der, erst mal zu erkennen, dass es da eine unsichtbare Last gibt. Viele Frauen kennen die Erschöpfung zur Genüge, glauben aber, selbst irgendwie ein Problem zu haben. Dem einen Namen zu geben, tut sehr gut und so kann es auch mit dem Partner besser besprochen werden. Die meisten Paare haben viele Aha-Momente, wenn es darum geht, gemeinsam eine Liste zu machen, wer wann was andenkt, initiiert und macht. Das Umsetzen ist in vielen Beziehungen besser aufgeteilt als das „daran Denken/Initiieren“, das sollte offen ausgesprochen werden und in regelmäßigen Wochenbesprechungen diskutiert werden, in denen festgelegt wird, wer für die einzelnen Punkte verantwortlich ist. Der Clou: Es sollen keine Einzelaufgaben verteilt werden, sondern eine Person ist für einen ganzen Prozess verantwortlich. Beispiel: Das Kind ist zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Mental Load verringert sich nicht, wenn die Frau den Mann mit der Aufgabe betraut, das Geschenk zu besorgen, und ihm auch noch erklären muss, was er besorgen soll. Der ganze Prozess soll auf eine Person übertragen werden: Wann und wo findet die Feier statt; Rückmeldung geben, dass das Kind kommt, und klären, wie es hinkommt; nach Geschenkewunsch fragen; Geschenk besorgen, verpacken und auf die Feier mitgeben; fragen, ob es Besonderheiten bei der Feier zu bedenken gibt, ob etwas Bestimmtes mitzunehmen/anzuziehen ist; klären, wer das Kind abholt und wann.

Gerade in der Umstellungs­phase rät Cammarata dazu, ein Mal im Monat eine Retrospektive zu machen und nicht über die konkreten Aufgaben, sondern über die Meta-Ebene zu sprechen: Was hat gut geklappt, was nicht und warum nicht? Was kann besser gemacht oder umverteilt werden? Von heute auf morgen geht es meist nicht, es ist ein stetiger Lernprozess für beide Seiten. Und im Endeffekt sollen alle davon profitieren. Denn wenn sich eine Seite nicht überfordert fühlt, hat der andere Part auch mehr von einem entspannteren Gegenüber.


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„Raus aus der Mental Load-Falle – Wie gerechte Arbeitsteilung in der Familie gelingt“ von Patricia Cammarata, € 18,95

Tipps

© Elisabeth Lechner

von Nicole Schlaffer (Chefredakteurin)

  • Beziehen Sie die Familie in Ihre Überlegungen mit ein – jeder soll seine Verantwortlichkeiten haben, auch die Kinder, sie müssen lernen, einen Teil der Verantwortung zu übernehmen, auch wenn sie dabei vielleicht nicht immer fröhlich sind.
  • Wenn die Kinder jammern: „Zimmeraufräumen macht mir überhaupt keinen Spaß!“, ist meine Antwort: „Tja, mir macht Zusammenräumen auch keinen Spaß, deswegen ist es ja wichtig, dass wir es uns teilen und zusammenhelfen.“
  • Wenn der Sohnemann kommt und nachfragt, wie er einen Screenshot am Laptop macht, obwohl es ihm schon drei Mal erklärt wurde, sage ich es ihm nicht. Er soll selbst draufkommen bzw. es recherchieren, sonst merkt er sich wieder nur „Die Mama weiß es eh“.
  • Ganz wichtig: Versuchen Sie den Mut aufzubringen, sich gegen soziale Erwartungen zu stellen!
  • Und eine große Bitte: Hören wir Frauen auf, uns gegenseitig Druck zu machen. Oft sind nicht die vermeintlich nicht-hilfsbereiten Männer das Problem, sondern der Druck und die Erwartungshaltung von einer Frau an die andere. Geben wir unseren Freundinnen und Bekannten doch lieber das Gefühl, dass nicht zusammengeräumt sein muss, wenn wir uns besuchen, oder beim Mädelsabend kein perfektes Festmahl zubereitet werden muss.
  • Perfektionismus im Familienverbund ist selten hilfreich. Holen Sie sich die Bestätigung von sich selbst oder den Zuspruch von Ihren Freundinnen. Klopfen Sie sich auf die Schulter, wenn Sie zufrieden sind, aber streuen Sie auch mal des Öfteren gedanklich ein „Was soll’s?“ ein, wenn es nicht so perfekt läuft.

 

© Nicole Oberhofer

von Eva Brandstetter (Klinische und Gesundheits­psychologin und Psychotherapeutin)

  • Fragen Sie sich selbst: Haben Sie genug Unterstützung? Sind es Ihre eigenen Ansprüche oder die Erwartungen der anderen?
  • Eine Liste für alle Alltagsaufgaben erstellen und Verantwortlichkeiten verteilen. Im Berufsleben ist das völlig normal: Vor Projektstart wird ein Aufgabenkonzept erstellt – warum gilt das also im Privatbereich oft als Erbsenzählerei?
  • Sich ein Mal in der Woche mit der Familie zusammensetzen und die kommenden Termine und Aufgaben durchgehen.
  • Probleme und Überforderungen ansprechen.
  • Die vergebenen Aufgaben unter der Woche ansprechen: ja; aber Kontrolle: nein – Eigenverantwortung fördern
  • Genug Freiräume für sich selbst und für Paarzeit schaffen
  • SOS-Übung gegen Mental (Over-)Load: die 4–6–8-Methode. Dabei wird eine Hand auf dem Bauch platziert, durch die Nase eingeatmet und währenddessen gedanklich langsam bis vier gezählt. Dann die Luft anhalten und langsam bis sechs zählen, durch den Mund ausatmen und dabei langsam bis acht zählen. Das Ganze fünf Mal wiederholen.
  • Schaffen Sie sich langfristig ein Netzwerk! Wer kann noch unterstützen? Verwandte, Nachbarn, Babysitter, Au-Pair etc.
  • Lernen Sie, auch mal Nein zu sagen! Erlauben Sie sich selbst, nicht alles bewältigen zu können, und fragen Sie sich: Was ist mir wirklich wichtig?