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Lifestyle | 13.05.2022

Zerlegen wir Die Schubladen

Unsere Mission: Das Aufbrechen von starren Mustern. Wir suchten vier Frauen, die sich mit beruflichen Männerdomänen auskennen. Sie hatten gutes verbales Werkzeug dabei.

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© Shutterstock

„Frauen- und Männerdomänen – ich führe darüber Diskussionen seit mehr als 35 Jahren, ich kann’s nicht mehr hören!“, schmetterte Ingrid Puschautz-Meidl, Geschäftsführerin der Industriellenvereinigung Burgenland (IV), durchaus überraschend in die Runde. „Hoppla, falscher Film?!“, dachten wir uns für einen Augenblick. Mitnichten.
Ihre Auflösung folgte eine Sekunde später: „Warum reden wir nicht endlich über Stärken und Talente?! Für Frauen und Männer muss es gleichermaßen darum gehen, herauszufinden, an welchen Berufen sie Freude haben.“
Wie vielen Pädagogen begegnen Sie, wenn Sie morgens Ihren Zwerg in Kindergarten oder Volksschule bringen, und wie oft hatten Sie es schon mit einer Schlossermeisterin zu tun? Wir hatten in unserer Talkrunde das Vergnügen und diskutierten mit der eingangs zitierten IV-Geschäftsführerin, weiters mit Metallbau-Biribauer-Chefin Caroline Biribauer, AMS-Burgenland-Geschäftsführerin Helene Sengstbratl und Sara Kurbasic, Mechatroniklehrling bei Dr. Bohrer Lasertec.

 

Talkrunde. Helene Sengstbratl (Geschäftsführerin AMS Burgenland), Ingrid Puschautz-Meidl (Geschäftsführerin Industriellenvereinigung Burgenland), Sara Kurbasic (Mechatroniklehrling Dr. Bohrer Lasertec), Caroline Biribauer (Geschäftsführerin Metallbau Biribauer) mit dem BURGENLÄNDERIN-Team  © Vanessa Hartmann



BURGENLÄNDERIN: Wieso eine Mechatroniklehre und wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Sara Kurbasic: Ich mag das Technische: Wir produzieren und reparieren Laseranlagen. Meine Mama hat sich gefreut, dass ich das mache – sie hat auch einen technischen Job und ist außerdem Tanzlehrerin –, und meine beste Freundin arbeitet im selben Betrieb. Nur meine Oma hat am Anfang gesagt: „Mach doch einen Mädchenberuf.“ Aber später hat’s ihr dann auch gefallen. (lacht)

Caro Biribauer: Eine gute Lehre ist viel wert. Wenn Sara fertig ist, könnte sie überall arbeiten, Mechatroniker*innen sind gesucht.

Helene Sengstbratl: Ein entsprechendes Unternehmen in der Region bietet gute Chancen: auf gute Arbeitsbedingungen und viele Karrieremöglichkeiten; das ist bei typischen Frauenberufen in Handel und Büro weniger der Fall, sie sind zumeist auch schlechter entlohnt. Aber eine Mechatroniklehre kann ich eben nicht in jedem Ort machen, eine im Handel schon.


In Ihren Berufen und Positionen gibt es immer wieder Situationen, wo Sie als Frau in der Minderzahl bzw. unerwartet sind. Wie erleben Sie das?

Sengstbratl: Als ich vor gut 20 Jahren zum AMS kam, waren wir 28 Prozent Frauen in der Führung, jetzt sind es 66 Prozent. Ich war zuletzt bei zwei unterschiedlichen Sitzungen die einzige Frau; das hat mich überrascht, dass es noch solche Biotope gibt. Aber natürlich gibt es männerdominierte Bereiche, als Schlosserin in der Wirtschaftskammer bist du vermutlich auch die einzige Frau?

Biribauer: So ist es.

Sara: In der Berufsschule waren wir die einzige Klasse, in der über die Hälfte Mädchen waren. Und im Betrieb waren wir zu Beginn zwei, jetzt sind fast die Hälfte weiblich.

Puschautz-Meidl: Als ich 1986 zur IV kam, war alles schwarz: also nur Männer in Anzügen. Als ich 2005 das zweite Mal wiederkam, waren wir österreichweit fünf Geschäftsführerinnen und vier Geschäftsführer. Wir wissen heute, dass gemischte Teams besser funktionieren; wir haben einen großen Fach- und Arbeitskräftemangel. Man kann aber nur aus dem Pool schöpfen, der da ist. Darum kann ich in bestimmten Bereichen auch der Quotendiskussion nichts abgewinnen; man kann keine Technikerin für eine Position verlangen, wenn keine da ist. Das ist eine gesellschaftliche Herausforderung: endlich zu sehen, Mädels können das Gleiche, wenn sie sich dafür interessieren.


Es gibt auf die Berufswahl bezogen also keine Unterschiede?

Puschautz-Meidl: Ich bin fest überzeugt davon. Wenn es heißt, die Metallteile wären für eine Frau zu schwer zu heben, sage ich: Dafür gibt es Hebevorrichtungen, auch Männer heben nicht mehr. Wenn sie es tun, weil sie zeigen wollen, wie stark sie sind, haben auch sie mit 30 ein kaputtes Kreuz.


Es gibt das Ungleichgewicht auch umgekehrt: Wir haben wenige Männer in den Pflegeberufen und wenige Kindergarten- und Volksschulpädagogen.

Sengstbratl: Um die geschlechtsspezifische Berufswahl aufzuweichen, initiierte man in Schweden institutionalisierte Programme; die Betriebe waren offen dafür, die Erfolge ersichtlich. Aber als man verstärkt versuchte, Männer in die Kindergärten zu bringen, war man damit konfrontiert, dass sie wegen Pädophilie verdächtigt wurden.

Biribauer: Das überrascht mich total, daran hätte ich nie gedacht. Mir war lange nicht klar, dass es noch immer dieses Mann-Frau-Thema gibt. Bei uns galt: Mach, was du machen willst und kannst. Mit Schubladen wurde ich erst von außen konfrontiert; wir sollten uns im Alltag bemühen, das Schubladendenken mit überlegten Formulierungen aufzuweichen.

Sengstbratl: Der Kampf muss an vielen Fronten stattfinden. Wir haben auch sehr wenige Männer in der Pflege – und mitunter den am stärksten geschlechtsspezifisch segmentierten Arbeitsmarkt. Wir als AMS haben den Auftrag, dagegen zu kämpfen und Männer zu motivieren, in solche Bereiche zu gehen und Frauen in die Technik.


Im Talk
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"Die gesellschaftliche Herausforderung ist: endlich zu sehen, Mädels können das Gleiche."

Ingrid Puschautz-Meidl,
Geschäftsführerin Industriellenvereinigung Burgenland

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"In meiner Familie galt zum Glück: Mach, was du machen willst und kannst."

Caroline Biribauer,
Chefin Metallbau Biribauer

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"Ich mache keinen Männerberuf. Das ist ein Beruf."

Sara Kurbasic,
Mechatroniklehrlingbei Dr. Bohrer Lasertec

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"Junge Leute haben leider bis heute oft gefestigte Bilder im Kopf."

Helene Sengstbratl,
AMS-Geschäftsführerin

Was braucht es, um das Problem an der Wurzel zu packen?

Puschautz-Meidl: Die Familie. Wenn ich zu Hause auch das Mädchen mit einem Hammer ausstatte und Nägel einschlagen lasse, nehme ich ihr schon einmal nicht die Kompetenz, solche Dinge zu können. Und ich bin auch der Meinung, dass mehr Männer in Kindergärten und Volksschulen gehören; aber das Vorurteil mit der Pädophilie kommt leider immer wieder.

Warum entscheiden sich junge Leute noch immer für „Frauen- und Männerberufe“?

Sengstbratl: Ein Beispiel: Wir haben Lehrlingscastings gemacht, ich treffe Burschen, die grad keinen Termin haben, und sage zu ihnen: Beim Baubetrieb ist grad keiner, schaut dorthin. Sie haben gesagt, das machen sie auf keinen Fall. Das heißt: Sie haben gefestigte Meinungen und Bilder im Kopf, was sie machen wollen und was nicht. Viele wollen gar nichts anderes ausprobieren, das gilt für Mädchen wie für Burschen.

Biribauer: Ich glaube, es fehlt Jugendlichen auch an finanzieller Bildung. Wie finanziere ich mein Leben, was verdiene ich in welchem Beruf …

Puschautz-Meidl: Das ist längst überfällig, damit die jungen Leute eine Ahnung kriegen, wie das Leben finanzierbar ist. Es gibt bereits verschuldete 16-Jährige, weil sie so hohe Handyrechnungen haben. Eine Wirtschafts- und Finanzbildung wird jetzt in den Lehrplan eingeführt. Dabei geht es nicht darum, globale wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, sondern die Fixkosten, die man täglich abarbeiten muss: Strom, Gas, Wohnen.


Inwieweit sollte man im Kopf haben, dass man als Friseurin weniger verdient als als Mechatronikerin?

Biribauer: Mit allem, was ich lerne, kann ich gut verdienen, wenn ich motiviert bin. Ich kenne Friseurinnen, die einen super Salon haben und viel einnehmen. Wenn ich unmotiviert bin, ist es egal, wo ich bin, da kann das in der bestbezahlten Branche sein, ich werde den Job nicht lange haben. Wichtige Fragen sind: Was will ich arbeiten, was macht mir Spaß?

Sengstbratl: Leider können das viele zwischen 14 und 18 nicht beantworten. Die Berufswelt ist kompliziert geworden, man muss sich interessieren, Schnuppertage machen.

Puschautz-Meidl: Da wären wir beim Thema Berufsorientierung und mehr Praxis in der Schule. Es macht Sinn, Lebenseinkommensprofile zu erstellen: Wo kann ich mich weiterentwickeln, welche sind meine Karrieremöglichkeiten. Es kommen immer wieder neue Berufe dazu, neue Techniken und Herausforderungen, beispielsweise im Klimaschutz.

Biribauer: Karriere sollte nicht ein Abspulen von Positionen in verschiedenen Firmen sein. Eine Fluktuation bedeutet immer Wissensverlust, nicht nur für die Firma. Komme ich neu wohin, muss ich mich erst zurechtfinden: Da sind neue Kolleg*innen, Abläufe und Werkzeuge. Es ist schon auch super, 35 Jahre in einem Betrieb zu bleiben; man kann sich auch innerhalb der Firma weiterentwickeln. Viele sind gar nicht so interessiert an „großen Positionen“, sondern an anderen Inhalten. Wir sind im Betrieb 45 Personen, davon sind bereits acht Frauen: eine Technikerin, ein Lehrling, eine Marketingmitarbeiterin, eine Einkäuferin, eine Sekretärin, Mama und ich sowie eine Putzfrau. Seit ich mehr in den Medien bin, bewerben sich mehr Mädels bei uns.


Sara, wie kamen Sie überhaupt auf Mechatronik?

Kurbasic: Mein Lehrer hat mich auf Dr. Bohrer Lasertec aufmerksam gemacht.

Puschautz-Meidl: Zuletzt konnte coronabedingt kaum Berufsorientierung stattfinden, das fehlt sehr. Ab Herbst soll es wieder möglich sein, Schüler*innen in die Unternehmen zu bringen; sie sollen was angreifen und mitarbeiten können.
Wir sind im Burgenland Vorreiter auf diesem Gebiet. Berufsorientierung wurde früher einfach einem Lehrer umgehängt, jetzt gibt es viel Know-how, es wurde viel entwickelt. Lehrer*innen sind der größte Hebel: Sie können viele Schüler*innen mit Infos versorgen. Mittlerweile gibt es Berufsorientierungslehrer, die an der Pädagogischen Hochschule ausgebildet werden; das ist ein wichtiger Schritt.

Sengstbratl: Ein weiterer wichtiger Aspekt: Frauen denken bei der Berufswahl stark die Familie mit. Wir kämpfen an vorderster Front mit, damit Arbeit und Kinderbetreuung gut kombiniert werden können. Wir haben in Österreich eine der höchsten Teilzeitquoten, die Hälfte der Frauen arbeitet in Teilzeit. Aber irgendwann sind die Kinder groß und das Berufsleben danach ist noch sehr lang. Umso wichtiger ist es, etwas zu machen, das einem Spaß macht. In Frankreich gibt es einen ganz anderen Umgang mit institutioneller Kinderbetreuung, Kinder werden dort schon mit acht Wochen fremdbetreut. Das muss zwar nicht sein, aber: In Frankreich werden die Kinder auch groß und geliebt.

… was somit zeigt, dass die Frage der Kinderbetreuung  eine gesellschaftliche Frage ist.

Puschautz-Meidl: Das Verständnis des näheren Umfelds, dass man Kind und Beruf vereinen will, ist nötig. Die Betreuung der Kinder ist eine Stellschraube. Es muss gesichert sein, dass das Kind gut versorgt wird, eine qualitätsvolle Betreuung erfährt und eine Sozialisierung mit Gleichaltrigen stattfindet. Es muss in die Köpfe rein, dass Kinderbetreuungsstätten nicht nur ein Aufbewahrungsort sind, sondern dass Kinder dort sinnvolle Lebenszeit verbringen.
Sengstbratl: Das muss nicht nur in die Köpfe rein, sondern auch zur Umsetzung kommen.


Obwohl wir explizit vorhatten, über Frauen- und Männerdomänen zu sprechen, haben wir uns immer weiter wegbewegt …

Sengstbratl: Wenn ich die Welt verändern und Frauen alle Möglichkeiten öffnen will, kann ich nicht immer im gleichen Kochtopf rühren und sagen, das ist weiblich, das ist männlich.

Puschautz-Meidl: „Mädchen in die Technik“ bzw. Chancen aufzuzeigen ist schon super. Verabschieden wir uns aber von diesen Domänen und lenken den Fokus dorthin, was die Leute möchten und können. Willst du ein Schiff bauen, lehre den Menschen die Sehnsucht nach der See.