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Lifestyle | 16.11.2022

Auf der Überraschungsbox

Auf so etwas habe ich noch nie gesessen: Wie ich mich von Scham und drohendem Lachkrampf befreite, um in meiner ersten Yoni-Yoga-Stunde Entspannung und Empowerment zu erfahren.

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© Birgit Machtinger

Ich habe mich in der BURGENLÄNDERIN schon ab und an geoutet: Ich bin gschamig. Diese Tatsache kollidiert manchmal mit der Charaktereigenschaft, ohne die journalistische Arbeit nicht funktioniert: meiner unbändigen Neugier. Das brachte mich kürzlich in die (für mich) nicht alltägliche Situation, untenrum nackig auf einer Holzbox zu thronen – und dabei zu singen. Ich spoilere: Es war toll, sollten Sie auch versuchen.


Wie es dazu kam: Eine wundervolle Freundin empfahl mir ihre Doula für einen Artikel über Yoni Yoga, das klang vielversprechend. Als wir für diese Ausgabe, in der wir weibliche Lust fokussieren, brainstormten, platzte ich begeistert heraus: „Ich mach’ einen Selbstversuch Yoni Yoga!“ Ein Augenblick der Stille und das Schmunzeln ließen mich vermuten, dass andere mehr Vorwissen hatten als ich.

 

Feiert das Frausein. Jelena Drofenik-Premauer  © Birgit Machtinger


Die Eisenstädterin Jelena Drofenik-­Premauer freute sich jedenfalls über mein Interesse. Für gewöhnlich gehen ihre Yoni-Yoga-Workshops über mehrere Stunden, mir bot sie netterweise für Recherchezwecke eine komprimierte Version an.
Am Morgen davor: Gewandkrise. Nicht der Sorte „Welche Bluse passt zu der Hose?“, sondern: In welchem Höschen fühle ich mich wohl? Oder wie ein Teenager vor einer gynäkologischen Untersuchung: Welches Shirt ist lang genug?
Ich bin nervös, Jelenas herzlicher Empfang und das Räuchern mit Salbei beruhigen mich ein bisschen. Bis zum Anblick des zuvor gegoogelten Möbelstücks: der Yoni Steam Box (siehe rechts). Ich hatte im Vorfeld Sorge, ich könnte wie ein Schulmädchen einen Lachkrampf kriegen, aber Jelena geht so entspannt mit meiner Anspannung um, dass ich diesen Gedanken vergesse.


Sie klappt den Deckel hoch, ein Topf mit warmem Wasser und duftenden Kräutern – sie werden jeweils auf die individuellen Bedürfnisse der Frauen abgestimmt – wird in der Mitte platziert, dann schließt sie den Deckel mit dem Loch in der Mitte. Sie reicht mir ein Hamamtuch und zwei Minuten später sitze ich auf der Box, spüre sanft den Dampf hochsteigen und folge mit geschlossenen Augen Jelenas Anweisungen. Wir atmen, meditieren, sie singt für mich und wir tönen für uns – und dann für all die Frauen, die weltweit so viel Ungerechtigkeit, Leid und Schmerz erfahren. Ich denke an die Frauen im Iran und stelle plötzlich selbst überrascht fest, dass meine Stimme lauter wird. Eine kraftvolle gemeinsame Erfahrung.
Danach ziehe ich mich wieder an und wir setzen das Yoni Yoga auf der Matte fort. Im Vorfeld stresste mich auch der Umstand, dass mich der Husten einer abklingenden Erkältung in der Konzentration stören könnte. Doch selbst das passierte nicht, obwohl das meiste im Liegen geschah. Mit den Übungen beginnen wir quasi oben, „Stirn, Kiefer und Schultern sind sehr eng mit dem Becken und dem Beckenboden verbunden“, erklärt sie, schließlich wird der ganze Körper integriert. Als konkret das Becken drankommt, bekomme ich auf dem Boden liegend einen kleinen Ball unter meinen Hintern und soll mit dem Becken darauf kreisen. Ich beginne zunächst recht „kantig“, bis die Bewegungen irgendwann fließen.
Schon vorab gab es ein bisschen Anatomie-Nachhilfe von Jelena, im Anschluss besprechen wir nach.

 

Impressionen
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Yoni Steam Box, von einem befreundeten Tischler gebaut

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Instrument für die Meditation

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Entspannt nach dem Steamen:
Redakteurin V. Kery-Erdélyi

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Buchtipp: „Weibliche Unsichtbarkeit“ von Marylène Patou-Mathis 

Der Begriff „Yoni“ wird unterschiedlich ausgelegt; während die einen da­runter die weiblichen Genitalien verstehen, umfasst das Wort für Jelena die gesamte zyklische Weiblichkeit. Sie legt Zeichnungen auf und erklärt, worauf sie vorrangig (aber nicht ausschließlich) den Fokus legt: „Ich arbeite viel mit dem äußeren Gerüst, den Beckenknochen, und den Mutterbändern, die die Gebärmutter in ihrer Position halten. Es ist wichtig, dass all das gut beweglich ist, es soll weder durch Verspannungen zu steif sein noch zu locker“, sagt sie.


Jelena unterrichtet seit gut zehn Jahren Yoga, die Erfüllung mit ihrem Doulasein und dem Yoni Yoga fand sie parallel zur eigenen Schwangerschaft; ihre Tochter ist zwei Jahre alt.
Ihre Arbeit mit Frauen hat auch viele inhaltliche Anteile, sie motiviert, sich mit der „heiligen weiblichen Wut“ anzufreunden und sie in Energie zu transformieren: „Wir wurden lange genug unterdrückt, mussten brav sein und das Rockerl unten halten.“ Sie ersetzt auch konsequent das Wort „Scham“ und spricht etwa von Geschlechtsbein oder Vulvalippen. „Wenn man Schambein sagt, macht uns das klein in unserer Sexualität, im Ausleben unseres Selbst.“
Einige  Frauen kommen mit konkreten Anliegen zu ihr; die Yoni-Yoga-­Workshops lösten auch schon Magisches aus, sagt sie, wie etwa dass Frauen nach langer Pause wieder zu bluten beginnen oder schwanger werden, obwohl es zuvor lange nicht funktioniert hat. Wobei sie im gleichen Atemzug betont: „Ich bin keine Therapeutin; wenn wir herausfinden, dass es Traumata aufzuarbeiten gibt, habe ich ein gutes Netzwerk an Expert*innen.“
Lust und Sexualität kommen bei Jelenas Yoni Yoga erst „später“ dran. Zunächst sollen die Frauen Schritt für Schritt das Bewusstsein für ihre Weiblichkeit und ihre Kraft, für ihr Becken und ihre Gebärmutter schärfen, den Körper beweglich machen und durch Atmung und Meditation reinigen. „Für die explosive Kraft von Sex muss zunächst das Gewebe entsprechend gelockert werden“, beschreibt sie. Je nach Offenheit dafür gibt sie auch den Frauen Hausaufgaben mit, um etwa mit den Fingern bis zum Muttermund zu spüren oder mit einem Yoni-Ei den Beckenboden zu erforschen und Blockaden zu lösen.


www.jelena.at