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Lifestyle | 17.11.2022

Sex and Social Media

Definieren „Onlyfans“ und Social Media die Sexualität und sogar die Sexarbeit neu? Fakt ist: Influencer, Werbungen und Musikvideos pornografisieren sich deutlich.

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© Shutterstock

BURGENLÄNDERIN: Sie sind Sexualpädagoginnen. Welche Erkenntnisse sind mittlerweile relevant?

Karin Mühlwasser: Sexualität ist vielfältiger geworden. Es gibt weniger starre Vorgaben, wie Sexualität und Geschlecht zu sein haben. Erlaubt ist, was gefällt, solange alle Beteiligten ihr Einverständnis geben. Das macht uns auf den ersten Blick freier, insgesamt steigen aber die Ansprüche und es kann verwirrend sein, sich in der Vielzahl an Möglichkeiten zurechtzufinden und das Eigene zu finden.


Welche Aspekte der Gesellschaft definieren die Sexualität heute?

Mühlwasser: In den Jahren vor der Pandemie haben sich die Paradigmen Leistung, Optimierung und Verfügbarkeit noch einmal deutlich intensiviert. Diese Motive haben sich auch auf unseren Umgang mit Körper und Sexualität übertragen. Covid sowie mehr Bewusstsein dafür, dass unsere Ressourcen nicht unendlich sind, haben diesen Kurs zumindest etwas abgeschwächt. Die zunehmende Digitalisierung hat sich dadurch aber nochmals beschleunigt, und das ist im Bereich der Sexualität zu erkennen.


Welche Rolle spielen dabei Social Media und die Plattform „OnlyFans“?

Mona Fischer: Plattformen wie „Only Fans“ sowie die Verfügbarkeit von Online-Pornografie vereinfachen den Zugang zu sexuellen Inhalten. Pornografische Inhalte können problemlos über Smartphones abgerufen werden. Das macht es schwieriger, Altersbeschränkungen zu kontrollieren. Jugendliche werden aber auch oft unfreiwillig mit pornografischen Bildern und Videos konfrontiert, wenn auf Webseiten plötzlich Pop-up-Fenster aufgehen, die Pornoseiten bewerben.


Damit wird auch die Sexarbeit neu definiert – online trendiger und geschönter präsentiert.

Mühlwasser: Die Darstellung auf Plattformen wie „OnlyFans“ lässt Sexarbeit außerhalb des Rotlichts und selbstverständlicher erscheinen. Das kann dazu führen, dass Sexarbeit attraktiver wirkt und es auch für einige Frauen wird.

Wie sollen Eltern damit umgehen?

Fischer: Sexuelle Medieninhalte sind als Thema mittlerweile in Volksschulklassen angekommen, weil viele Kinder Smartphones besitzen und Kindersicherungen nicht überall greifen. Pornografische Inhalte sind etwa auch auf You­tube zugänglich. Für Eltern ist es deshalb wichtig, die Mediennutzung ihrer Kinder und Jugendlichen aktiv zu begleiten und Themen wie Pornografie von sich aus anzusprechen. Bei Jugendlichen geht es darum, dass sie lernen, Pornografie einzuordnen. Ein Porno ist keine Dokumentation, sondern ein sexueller Actionfilm.

 

Mona Fischer (l.) und Karin Mühlwasser, Sexualpädagoginnen von LIL* – Zentrum für Sexuelle Bildung in Graz  © Monika Reiter, beigestellt



Wie schnelllebig sind sexuelle Inhalte und wie werden diese von Jugendlichen (falsch) interpretiert?

Fischer: Social-­Media-­Inhalte sind insgesamt schnelllebig. Da Jugendliche mit diesen Plattformen aufwachsen, sind sie bis zu einem gewissen Grad daran gewöhnt, diese Schnelllebigkeit zu verarbeiten. In Bezug auf Pornografie kann mit Jugendlichen aber auch gemeinsam reflektiert werden, dass die Darstellung von Sexualität hier oft übertrieben wird.


Laufen Jugendliche Gefahr, Nacktheit und sexuelle Inhalte abgestumpfter wahrzunehmen?

Fischer: Ich denke, unser Zugang zu Nacktheit hat sich insgesamt verändert. Das liegt auch daran, dass in der Werbung oft mit nackter Haut und sexuellen Inhalten gespielt wird. In der sexual­pädagogischen Arbeit mit Jugendlichen merke ich aber oft, dass die Auseinandersetzung mit dem Körper nach wie vor schambehaftet ist. Jugendliche unterscheiden klar zwischen Nacktheit im digitalen Raum und Nacktheit im echten Leben.


Welches neue Bild von Sexualität prägen Social Media?

Mühlwasser: Es stellt sich die Frage: Prägen Social Media unser Bild von Sexualität oder greifen diese Plattformen lediglich die gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen in Bezug auf Freiheit, Verfügbarkeit, Leistung und Optimierung auf?


Ist das für eine gesunde sexuelle Entwicklung negativ?

Fischer: Für eine gesunde sexuelle Entwicklung ist es wichtig, dass „Only Fans“ und Pornos nicht die einzigen Informationsquellen für Fragen rund um das Thema Sexualität sind. Wenn Jugendliche Aufklärung über Bücher, Gespräche und qualitativ hochwertige Webseiten erfahren und sie in ihrem sozialen Umfeld ein wertschätzendes und vertrauensvolles Klima umgibt, dann können sie pornografische Inhalte besser einordnen und wenden sich an ihre Bezugspersonen, wenn sie sich von Videos überfordert fühlen.

 

"Eltern sollten die Mediennutzung ihrer Kinder und Jugendlichen aktiv begleiten.", Mona Fischer, Sexualpädagogin


Wie unterscheidet sich die Sexualität der Jugendlichen heute von früher?

Fischer: Ich finde es interessant, dass Jugendliche heute durchschnittlich älter sind, wenn sie das erste Mal Geschlechtsverkehr haben, als noch vor 20 Jahren. Dass Jugendliche immer früher Sex haben, ist demnach ein Mythos. Ich denke, dass sich vor allem die Herausforderungen verändert haben, denen Jugendliche heute begegnen. Heute müssen Jugendliche einen Weg finden, mit den vielen Gestaltungsmöglichkeiten, aber auch mit den Leistungsansprüchen in Bezug auf Sexualität und Körper umzugehen.


Wohin wird sich der Umgang mit Sexualität in den nächsten Jahrzehnten entwickeln?

Mühlwasser: Sexualität wird vermutlich im digitalen Raum zunehmend präsent sein. Oberflächlich betrachtet könnte der Umgang also noch enttabuisierter werden. Ich kann mir aber vorstellen, dass das Sprechen über tiefgreifende Sehnsüchte und Gefühle wie Angst, Druck, Unsicherheit, Scham oder Einsamkeit dadurch nicht leichter wird. Deshalb bieten wir mit unseren Angeboten für Eltern, Jugendliche und Erwachsene Möglichkeiten, um genau diese Empfindungen besprechbar zu machen.