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Lifestyle | 17.01.2023

Vom Krankenbett auf den Berg

Stirbt ein Mensch, können seine Organe das Leben eines anderen retten. Selbst über Grenzen hinweg, aber das Zeitfenster dafür ist winzig. Ein Blick hinter die Kulissen am Beispiel von Lungentransplantationen.

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© Shutterstock

Organtransplantationen werden in Österreich derzeit an vier Standorten durchgeführt: in den Universitätskliniken Graz, Innsbruck und Wien sowie im Krankenhaus der Elisabethinen in Linz. Die erste Lunge wurde in Österreich 1989 von Professor Walter Klepetko transplantiert; er gründete das international angesehene Zentrum für Lungentransplantationen am AKH/MedUni Wien. Der Spezialbereich gehört zur Universitätsklinik für Thoraxchirurgie; die Leitung hat dort heute Professor Konrad Hötzenecker inne, wir baten ihn zum Interview. Allein aufgrund von Covid-Erkrankungen wurden dort während der Pandemie 32 Lungentransplantationen durchgeführt.

 

Im Gespräch.
Prof. Konrad Hötzenecker 

© zVg

 

BURGENLÄNDERIN: Wann wird eine Lungentransplantation notwendig?

Prof. Konrad Hötzenecker: Grundsätzlich bei allen Lungenkrankheiten im Endstadium. Das betrifft Patient*innen etwa mit Lungenemphysem, mit Fibrose, zystischer Fibrose oder mit Lungenhochdruck. Das Entscheidende ist, dass alle Therapiealternativen ausgeschöpft sind; eine Lungentransplantation ist die letzte Option. Dafür dürfen Patient*innen ausschließlich lungenkrank sein, die anderen Organsysteme müssen gut funktionieren. Das wird im Rahmen eines Evaluierungsprozesses genau angeschaut, weil wir gewährleisten müssen, dass die Organe, die zur Verfügung stehen, nur dann verpflanzt werden, wenn es Sinn macht; es sollte nicht passieren, dass die Person zwei Monate später zum Beispiel an Herzversagen stirbt.

 

Wenn die entsprechenden Kriterien erfüllt sind: Wie ist das Prozedere einer Transplantation?

Die Patientin oder der Patient kommt zunächst auf die sogenannte Warteliste. Sobald ein Organ verfügbar wird, wird es über die Organvermittlungsagentur Eurotransplant (siehe Info) eine/r Patient*in bzw. einem Transplantationszentrum zugeteilt. Danach muss viel gleichzeitig organisiert werden – das machen eigene Transplant-Koordinationsteams –, denn Ex- und Implantation müssen beinahe parallel stattfinden. Ein Organ kann nicht lange außerhalb des Körpers überleben. Bei der Lunge spricht man von sechs bis acht Stunden.

Wenn das Organ entnommen wurde und es eine ausreichend gute Qualität hat, wird die Empfängerin oder der Empfänger narkotisiert; zunächst wird eine Seite entfernt und das neue Or­gan implantiert, dann die andere Seite, wenn es eine Doppellungentransplantation ist. Das klingt einfach, ist aber tatsächlich sehr aufwendig, weil ein Großteil des Blutes durch die Lunge fließt. Oft braucht man sogenannte ECMO-Systeme, also Lungenersatz- und herzunterstützende Systeme, damit die Patientin oder der Patient stabil ist. Eine Transplantation dauert im Schnitt zwischen sechs und zehn Stunden.


Wann haben Sie Gewissheit, dass es gut geklappt hat?

Der erste wichtige Erfolg zeigt sich im Anschluss: wenn am Ende der Operation das Or­gan vermessen wird und es ausreichend den Körper mit Sauerstoff versorgt. Der nächste kritische Moment ist die Exturbation. Patient*innen bleiben nach der Transplantation für gewöhnlich rund sieben Tage auf der Intensiv-, und danach noch drei Wochen auf der Normalstation. Eine Lungentransplantation ist eine sehr ressourcenintensive Therapie, die ein großer Erfolg rechtfertigt: Damit kann man wirklich Leben retten. Zwei große Komplikationen können noch im Laufe der Zeit eintreten: eine Infektion oder die Abstoßung des Organs. Damit die Lunge nicht vom Immunsystem abgestoßen wird, bekommen die Patient*innen Medikamente. Sind sie zu hoch dosiert, droht ein Infekt, sind sie zu niedrig dosiert, kommt es zur Abstoßung. Darin liegt nun die Kunst unserer Pulmolog*innen: die Immunsuppression richtig zu dosieren.


Wie ist das Leben mit einer transplantierten Lunge?

Patient*innen können vor der Transplantation so schwer krank sein, dass sie buchstäblich bei vollem Bewusstsein ersticken. Die Faszination für dieses Gebiet liegt darin, dass die Menschen nach einer – wenn auch sehr aufwändigen – Operation wieder ein normales Leben führen können. Wenn die Rehabilitation abgeschlossen ist, ist alles möglich. Wir haben einen Transplantierten, der jedes Jahr die Großglockner-Hochalpenstraße hochradelt. Es gibt die berühmte Expedition mit Transplantierten auf den Kilimandscharo. Es ist nachgewiesen, dass transplantierte Lungen zu Höchstleistungen fähig sind; natürlich nicht von einem Tag auf den anderen. Der einzige Wermutstropfen: eine transplantierte Lunge hält nicht ewig; man geht im Mittel von acht Jahren aus, aber wir haben auch Transplantierte, die seit 20 oder 30 Jahren mit der Lunge leben. Tatsache ist, dass die Patient*innen ein Leben lang Medikamente einnehmen müssen, die können auch Nebenwirkungen haben, die neue Lebensqualität ist dennoch unbeschreiblich.



Kann eine Lungentransplantation auch ein zweites Mal erfolgen?

Ja, fünf Prozent unseres Volumens am AKH sind Retransplantationen. Es gibt auch einige wenige, die schon drei Mal transplantiert wurden und sogar eine Patienten mit vier Transplantaten. Allerdings gilt für die zweite Transplantation das gleiche wie für die erste: Die restlichen Funktionen des Körpers müssen gut erhalten sein.



Sie haben das knappe Zeitfenster beschrieben. Es kann also auch nachts eine Transplantation stattfinden?

Immer, 24/7. Wir haben zu Weihnachten und zu Neujahr transplantiert, es sind immer Implant- und Explantchirurg*innen verfügbar, das ist die Grundvoraussetzung.


Eurotransplant

Service-Organisation. Für die Zuteilung von Spenderorganen ist Eurotransplant verantwortlich; sie erfolgt auf medizinischen und ethischen Kriterien. Die Matchliste wird mittels eines komplexen Computerverfahrens erstellt, für die vier Prinzipien von Bedeutung sind: der erwartete Erfolg nach der Transplantation, die durch Expert*innen festgelegte Dringlichkeit, die Wartezeit und die nationale Organaustauschbilanz. Mitglieder von Eurotransplant sind Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Ungarn und Slowenien. In Österreich gilt die sogenannte Widerspruchslösung. Sie besagt im Kern, dass eine Organentnahme an einer/m hirntoten Verstorbenen dann zulässig ist, wenn diese/dieser einer Organentnahme nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen hat.