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Lifestyle | 18.01.2023

Ein zweites Leben

Ihre Mutter schenkte ihr das erste Leben, ihr Vater das zweite. Von ihm bekam sie mit 25 Jahren eine Niere, ohne die ein Weiterleben unmöglich gewesen wäre. Iris Klemenschitz verlor bei all dem Martyrium jedoch nie ihre Positivität und ihren Sinn für Humor.

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Iris Klemenschitz © Viktor Fertsak

Mit 16 Jahren litt Iris Klemenschitz unter einer Mandelentzündung, die wohl nie richtig behandelt wurde, sich dadurch auf die Nieren setzte und anfing, diese zu zerstören. Doch zu diesem Zeitpunkt wusste das noch niemand. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich von Jahr zu Jahr: zu hoher Blutdruck, Hautausschläge, allgemein schlechtes Wohlbefinden – niemand konnte genau sagen, woher das kam. Erst bei einer Biopsie wurde der Krankheitsverlauf rückwirkend festgestellt. Doch da war es schon zu spät. Der schleichende Prozess war nicht mehr aufzuhalten. Nierenversagen mit 24. Einige Monate vor dieser Diagnose feierte sie noch ihre Hochzeit, das war im Mai 1997. Im Februar 1998 stellte das Nierenversagen ihr Leben auf den Kopf.

 

Die Zeit mit ihrer 15-jährigen Tochter Anna genießt Iris besoders.

© Viktor Fertsak

 


Ein Jahr Unsicherheit

Die einzige Möglichkeit, die Iris blieb, war die Dialyse als Überbrückung bis zur Transplantation. Der Dialyse-Alltag sah folgendermaßen aus: Iris verbrachte jeden Montag, Mittwoch und Freitag von 20 Uhr bis 2 Uhr im Krankenhaus in Eisenstadt, um an eine Maschine angehängt zu werden, die durch eine dicke Nadel Blut abzapft, es filtert und das gereinigte Blut durch eine zweite dicke Nadel wieder dem Körper zuführt. Die Schadstoffe, die die Nieren hätten filtern sollen, wurden also von dieser Maschine abgefangen. An den Tagen dazwischen und an den Wochenenden hieß es für Iris immer aufpassen: auf die Flüssigkeit und das Essen, das sie zu sich nahm, auf die Aktivitäten, die sie ausüben wollte. Zu dem kamen körperliche Beschwerden wie Hautjucken, ein geschwächtes Immunsystem und der seelische Ballast. Die Prozedur dauerte ein ganzes Jahr lang und erforderte eine Erreichbarkeit rund um die Uhr, da Iris auf der Warteliste für eine Nierentransplantation stand und im Falle eines Anrufs innerhalb kürzester Zeit im Wiener AKH sein musste. „Ich war jung, frisch verheiratet und hatte mir mein Leben definitiv anders vorgestellt. Am Anfang wurde versucht, die Niere mit Cortison zu erhalten. Dadurch habe ich in kürzester Zeit 20 kg zugenommen. Ich habe mich gefühlt wie ein Ballon. Mein Mann war immer an meiner Seite und hat all das mitgetragen.“ Ihr Vater Franz bot ihr schon zu Beginn der Behandlung an, eine seiner Nieren für sie zu spenden, aber Iris wollte diese Operation dem damals 51-Jährigen nicht zumuten. Doch nach einem Jahr Dialyse und ungewisser Wartezeit nahm sie sein Angebot an und nach erfolgreichem Test – die Niere war kompatibel – wurde das Organ transplantiert. „Ich habe lange mit mir gerungen und wir haben innerhalb der Familie viel darüber gesprochen. Nach einem Jahr wollte ich einfach nicht mehr warten. Dass die Niere meines Vaters eine Lebendspende war, stellte sich als weiterer Vorteil heraus, da diese länger halten soll als die von einem Verstorbenen.“

 

Iris mit ihrem Vater Franz Schüller zu dessen 70. Geburtstag

© privat

 


Unsichtbare Verbundenheit

Zwei Jahre nach der Diagnose – mit 26 – fühlte Iris sich imstande, wieder zu arbeiten. Regelmäßige Untersuchungen und tägliche Medikamenten­einnahme gehörten ab da zu ihrem Lebensalltag. Heute lebt die 49-Jährige mit ihrem Mann Christian und ihrer 15-jährigen Tochter Anna in St. Margarethen und wenn sie über ihre Vergangenheit spricht, ist ihr die Verzagtheit und Angst nicht mehr anzumerken. „Ich versuche, immer das Positive zu sehen. Es gibt Menschen, Kinder, die hat es viel schlimmer getroffen als mich. Ich habe kein Todesurteil erhalten, es gab Hilfe. Mein Papa hätte alles gegeben, damit ich gesund werde. Meine Mutter hatte hohen Blutdruck, sie hätte gar nicht spenden können. Aber sie hat mir mein erstes Leben geschenkt und mein Vater mir das zweite.“ Ihr Vater starb mit 72 Jahren vergangenen Jänner an Herzversagen. Und wenn Iris an ihn denkt, fühlt es sich so an, als wäre sie durch das Organ noch immer mit ihm verbunden.