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People | 20.02.2018

Auf dem Schiff am Flugplatz

Birgit Sauer lässt sich nicht beirren: Die Künstlerin, die sich immer wieder neu erfindet, arbeitet und lebt mit ihren drei Kindern in einem spektakulär umgebauten Hangar in Trausdorf. Wir wollten dort gar nicht mehr weg.

Sie galt von Beginn an als Phänomen. Birgit Sauer war erst 22, als bei einer internationalen Kunstmesse in Düsseldorf die Menschen Schlange um ihre Radierungen standen. „Das war überwältigend“, sagt sie und bläst eine Rauchwolke in die Kälte der Nacht.

 

„Ich bin ein Mensch, der tun muss.“ Birgit Sauer

© Emmerich Mädl

 

 


Dort draußen auf der Veranda ist es stiller als drinnen. In ihrem Hangar am Flugplatz von Trausdorf geben knarrende Holzböden und Tramdecken fortlaufend ein Konzert. „Wie in einem großen Schiff“, lächelt sie. Wie groß ihr Zuhause ist? „Ich müsste einmal alles zusammenrechnen“, zuckt sie mit den Achseln. An die 400, 500 Quadratmeter werden es schon sein, schätzt sie. „Am liebsten würde ich hier sofort einziehen“, entfährt es mir beim Betreten von einem der magischen Räume. Dort hängen jene großformatigen Arbeiten, mit denen sie erst im Vorjahr in der Klosterkirche St. Peter an der Sperr in Wiener Neustadt verblüffte. Malerei auf Metall. Unter anderem. Aber das Reden über die Technik findet sie nicht so essenziell. Da lässt sie ihr Publikum auch gerne raten. Lieber diskutiert sie, was den Frauen auf diesen Bildern durch den Kopf geht. Und was ihr durch ihren ging, als sie immer wieder zwischen den Gemäuern aus dem 13. Jahrhundert das sakrale Gebäude auf sich wirken ließ. „Ich wusste, dass meine Bilder stark sein müssen. Sonst hätte die Kirche gegen mich gewonnen.“
Die Frage, wie sie zur Kunst kam, erscheint bei Birgit Sauer fast unpassend. Es fühlt sich an, als fragte man, warum jemand braune Augen hat. Klavier hatte sie in jungen Jahren gespielt, später Querflöte. „Das Haydn Konservatorium habe ich aber nie verstanden.“ Den Zugang zu ihrem kreativen Ich hatten Lehrer am Gymnasium freigelegt. Der Schriftsteller Sigi Kleinl war so einer und der Künstler Johannes Haider.


Künstlergruppe

Als Birgit Sauer an der Uni für Angewandte Kunst ihr Studium begann, war sie längst in eine Künstlergruppe eingebettet. Gemeinsam mit den Genannten und anderen Weggefährten gründeten sie die NN-Fabrik. Zunächst in Eisenstadt, später in Siegendorf, in der ehemaligen Zuckerfabrik. Beflügelt von einer gemeinsamen Energie, erweckten sie dort alte Druckerpressen zu neuem Leben; Haider konstruierte auch neue, die sogar mehrfach nachgebaut wurden. Sie waren keine Fantasten. Im Hintergrund ließ man erste digitale Katalogsysteme für die Kunstwerke programmieren, Ausstellungen im In- und Ausland wurden organisiert und abgewickelt. „Eine unglaublich intensive, großartige Zeit“, erinnert sich Birgit Sauer, der es nach gut zehn Jahren zu eng wird. Sie verlässt die Gruppe, will auf eigenen Beinen stehen, stößt damit aber freilich nicht nur auf Verständnis.

Impressionen

Abschied

Während sie an ihrem neuen Lebenskapitel zimmert, geht ein anderes zu Ende. Mit ihrem damaligen Partner, einem namhaften Tänzer, ist sie gerade in den USA unterwegs, als sie eine schlimme Nachricht erreicht. Ihr Papa war in sein geliebtes Kroatien gefahren, um ein letztes Mal auf seinem Motorboot zu übernachten, ehe er es verkauft. Doch der renommierte Chirurg, der erst 61 Jahre alt war, wachte nicht mehr auf. Herzstillstand. Ohne Vorzeichen. „Wir hatten uns vor der Abreise noch SMS geschickt. ,Ich hab dich lieb‘, habe ich ihm geschrieben. Das war gut, das war wichtig“, erinnert sie sich.
Der Schmerz reißt eine tiefe Kluft in die Beziehung des Künstlerpaars, die unüberwindbar wird. Sie wendet sich verstärkt der Vision zu, den zunächst angemieteten Hangar am Flugplatz Trausdorf in ihr Zuhause, in ihr Atelier umzuwandeln. „Ich glaube, ich habe schon etwas Eigenbrötlerisches“, grübelt sie irgendwann im Interview. Ihrer Einladung in die riesigen Hallen mit russischen Graffitis aus der Besatzungszeit folgen mehrere Architekten. „Sie alle brachten mich zum Weinen. Fritz Brandlhofer (Architekt, Anm.) war der Einzige, der mich verstanden hat“, erzählt sie. Sie muss schmunzeln, wenn sie daran denkt, dass er ihr ohne Aufforderung im Wohnbereich Kinderzimmer eingeplant hatte. Ein Leben als Mama schien damals in weiter Ferne.

 

ZEUGEN DER GESCHICHTE. Russische Graffitis ließ Birgit Sauer bewusst nicht übermalen.

 

Flugplatzgeburt

2004 zieht sie in ihr neues Zuhause ein; Grischa kommt nur wenige Wochen später bereits „am Flugplatz“ auf die Welt. Weitere 19 Monate drauf bekommt der junge Mann Gesellschaft: die Zwillinge Nuria und Nando. Die klassische Mama-Papa-Sache klappt nicht, ihre Kinder zieht Birgit Sauer zum Großteil allein auf. „Bei allen Modellen, die es gibt, war es schwer, das eigene Mutterbild zu erarbeiten. Mir hat es auch lange leidgetan, keine ,normale‘ Familie zu sein“, sagt sie. Und doch ist es für sie ganz klar: „So viele Bilder hätte ich gar nicht malen können, um das zu bekommen, was ich heute habe: Ich weiß, wie viel Halt mir meine Kinder geben.“

 

DIE GROSSE LIEBE. Birgit Sauer und ihre drei Kinder Nando (neben ihr), Nuria und Grischa (lieber im Hintergrund).

 

Immer in Bewegung

Als ihr Trio im Kindergartenalter ist, erhält sie von einem renommierten Galeristen eine Einladung in die USA. So engmaschig sie ihr Netz aus Mama, Schwester und Nannys geknüpft habe, schief beäugt fühlt sich die Mutter, die für drei Monate ins Ausland geht, dennoch. „Es fiel mir nicht leicht, aber es war wichtig, künstlerisch wieder zu mir zu kommen; das hat viel in Bewegung gesetzt“, sagt sie.
Der Begriff ist für Birgit Sauer überhaupt ein wichtiger. „Ich bin ein Mensch, der tun muss.“ Auch staubsaugen oder rasenmähen oder für die geliebte Oma die Wohnung in Wien barrierefreier gestalten, damit wichtige Denkprozesse stattfinden können. In Bewegung sind selbst die Werkstätten im Hangar und ebenso die Art, sich kreativ auszudrücken. In Bewegung sind die Frauen auf vielen aktuellen Bildern; oft erwecken sie den Eindruck, nur für einen Augenblick innezuhalten …
Wer das Gespräch über ihre Arbeiten vertiefen will, dem sei ihre Website (www.birgitsauer.at) ans Herz gelegt: Birgit Sauer ist scheinbar ohne Pause im kreativen Fluss – und lädt auch gerne zu sich ins Atelier ein. Voraussichtlich noch Ende Februar steigt am Flugplatz wieder ein künstlerisch-kulinarisches „Alles wurscht“-Event. Gute Musik inklusive.

 

Fotos: Emmerich Mädl, Paul Szimak