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People | 20.07.2018

Grande Dame mit Herz

Sie gibt nur sehr selten Interviews – für uns macht sie eine Ausnahme und spricht über ihr bewegtes Leben, die Gesellschaft und das Älterwerden: Ágnes Ottrubay.

Frau Ottrubay, viel findet man im Internet nicht über Sie. Warum?
Ich habe bisher bewusst keine Interviews gegeben, weil ich mich lieber im Hintergrund halte. Aber die BURGENLÄNDERIN ist ein positives Magazin und wir hatten so netten Kontakt, da habe ich es mir anders überlegt.

Sie unterstützen Kinder aus bildungsfernen Familien mit Ihrem Verein VisFontis. Wie haben Sie Ihre eigene Kindheit erlebt?
Ich komme aus einer sehr geborgenen Familie und war immer schon ein positiver Mensch. Es war für meine Eltern nach dem Krieg nicht einfach, sie waren sogenannte „Klassenfremde“. Aber meine Schwester und ich haben davon nichts gespürt. Ich habe von meinen Eltern viel fürs Leben mitbekommen. Ich bin in Budapest aufgewachsen, zwar nicht in Armut, aber meine Mutter hat als Lehrerin in einem Bezirk gearbeitet, wo viele benachteiligte Kinder lebten. Dadurch habe ich die Situation ein bisschen miterlebt und ich denke, wir sind heutzutage verpflichtet, etwas weiterzugeben, wenn es uns gut geht. Kinder brauchen nicht nur Liebe, sondern auch Sicherheit und Geborgenheit.

Wie tragen Sie dazu bei?
Unser Verein VisFontis unterstützt Partner aus vielen Ländern, derzeit Slowakei, Rumänien, Serbien, Ungarn und Österreich. Das sind Vereine und junge Ehrenamtliche, die mit den Kindern vor Ort arbeiten und mit ihnen spielen, etwas unternehmen, lernen und so weiter, also das, was die Eltern tun sollten. In erster Linie wollen wir die Bildung der Kinder fördern, ihnen aber auch Erlebnisse schaffen. Wir unterstützen all diese Projekte finanziell und helfen bei der Organisation. Ich fahre auch überall hin und lerne die Leute vor Ort kennen und rede mit den Kindern, verbringe Zeit mit ihnen. Dadurch bin ich viel unterwegs, letztes Jahr fuhr ich 20.000 Kilometer.

 

Wie erleben Sie diese Situationen?
Natürlich macht es mich oft traurig. Letztes Wochenende war ich in einem Roma-Dorf in Mittel-Ost-Ungarn. Schön langsam haben wir es geschafft, zu den Eltern vorzudringen, ihnen bewusst zu machen, wie wichtig Bildung für ihre Kinder ist. Vielen ist das leider nicht klar. Ich gehe in ein Dorf, das hoffnungslos zu sein scheint – und benachteiligte Kinder sind leider zu 95 Prozent Roma-Kinder – und ich denke mir: Wir können ihr Leben zwar nicht ändern, aber wir können ihnen etwas geben, wovon es ein Stück schöner wird und das ihnen Hoffnung gibt. Wir als VisFontis haben noch Kapazitäten, sind auch noch auf der Suche nach neuen Partnern.

Kommen wir zu Ihrem Leben in Eisenstadt. Wie lange sind Sie bereits hier und wie war es für Sie, Ihre Heimat zu verlassen?
Ehrlich gesagt: nicht leicht. Ich habe nicht gewusst, was mich erwartet. Ich bin ein Mädchen aus der Großstadt, war aber absolut keine Weltbürgerin, und es war mir nicht bewusst, was es bedeutet, in eine kleine Stadt zu ziehen. Es war am Anfang schwer für mich, dass jeder jeden kennt, die Anonymität hat mir sehr gefehlt. Ich hatte das Gefühl, die Leute beobachten mich genau, was sie vielleicht gar nicht gemacht haben. Sie müssen bedenken, ich war schon über 40, als wir herkamen, das war vor 18 Jahren. Doch dann habe ich auch die Vorteile der Situation kennengelernt. Ich hatte ja drei kleine Kinder, so konnte ich schnell Bekanntschaften machen und ich fühlte, dass die Kinder hier gut behütet aufwachsen können.

Sie blieben bei Ihren Kindern zu Hause, bis sie Teenager waren. Das wäre heute eine Ausnahme. Wie sehen Sie die gesellschaftliche Entwicklung?
Es gibt viele Wege. Manche Frauen müssen aus finanziellen Gründen arbeiten gehen, dann gibt es Karriereladys, die arbeiten wollen. Zu denen habe ich auch immer geglaubt zu gehören. Ich hatte viel vor und habe immer von einer großen Karriere geträumt. Ich habe im Tourismus gearbeitet und Incentives und Kongresse organisiert. Doch dann lernte ich Stefan kennen, die Kinder kamen, wir zogen um und alles war anders. Ich habe es genossen, zu Hause bei den Kindern zu sein. Ich bereue absolut nichts. Heute besuche ich meine Kinder gerne, die in München, Zürich und Wien studieren, oder meine Mutter in Budapest und Schwiegermutter in Luzern.

 

Wie haben Sie Ihren Mann, Stefan Ottrubay, kennengelernt?
Das war ganz romantisch. Es war in der Oper in Buda-pest. Er stand an der Treppe und ich kam gerade hinunter, als er hochschaute. Wir wurden einander von einem Bekannten vorgestellt. Stefan war im Verein der Opernfreunde. Damals sollte Lotte Tobisch den ersten Opernball in Budapest mitausrichten und ich sollte ihr dabei helfen. Sie sagt heute noch, sie hat damals sofort gewusst, dass wir zusammengehören, als wir es selbst noch nicht gewusst hatten (lacht). Wir haben uns also im April 1991 kennengelernt – ich war 30, Stefan 36, wir haben im Dezember darauf geheiratet und ein Jahr später wurde bereits unsere Tochter Judit geboren. 1994 kam unser erster Sohn Adam und 1996 unser jüngster Sohn Gustav zur Welt. Nach der Geburt der Kinder haben wir ein kleines Weingut gekauft, das ich betreut habe. Das war die interessanteste und arbeitsreichste Zeit meines Lebens. Als wir dann ein paar Jahre später nach Eisenstadt gezogen sind, war es eine große Umstellung für mich, die ich aber nie bereut habe.

Was ist Ihnen abgesehen von Ihrer Familie und Ihren sozialen Aufgaben wichtig im Leben?
Wichtig ist mir die Harmonie, dieser innere Frieden. Wenn ich um sechs Uhr aufstehe, durch den Garten gehe und sehe, dass die Blumen blühen, die Enten wieder beim Teich sind; oder zu wissen, dass es meinen Kindern gut geht und sie gesund sind.

Wie definieren Sie Glück?
Glück ist in uns drinnen. Ich kenne Menschen, die aufgrund ihres Lebenslaufs keinen Grund hätten, glücklich zu sein, es aber sind. Umgekehrt gibt es Menschen, da denkt man, die haben alles und sind sicher glücklich – sind es aber nicht. Egal, ob dick oder schlank, arm oder reich, schön oder hässlich, Glück kommt von innen und wie man die Welt sieht.

Apropos sehen: Wie gehen Sie mit Älterwerden und Äußerlichkeiten um?
Vielleicht werden jetzt viele Frauen böse auf mich sein, aber ich würde nie eine Schönheitsoperation machen. Ich finde es teilweise schrecklich, was Frauen heute mit sich machen. Natürlich habe ich viele Falten, ich habe ja auch gelebt. Und ich liebe meine Falten nicht, das wäre Blödsinn. Sicher hätte ich gerne keine. Aber wir müssen einfach lernen, alt zu werden, weil wir können nichts dagegen machen. Ja, wir können spritzen und operieren, aber die Organe und unser Leben können wir damit nicht am Älterwerden hindern. Früher, wenn ich von der inneren Schönheit gehört habe, habe ich immer gedacht, ach was, ich möchte außen schön sein. Aber langsam erkenne ich, was sie bedeutet. Älterwerden muss man akzeptieren. Die Alternative wäre, jung zu sterben, aber wer will das schon.