Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 14.04.2020

Heldinnen der Krise

Danke, dass Sie weiterarbeiten: Home-Office geht freilich nicht in jeder Branche, wir sprachen mit Frauen, die unsere Versorgung sichern und für unsere Sicherheit sorgen.

Themen:
Bild HEAD_2004_B_ME_Berufe_3.jpg
© Shutterstock

Gerlinde Steindl

Kassierin

Es ist etwas länger als ein Jahr her, als der Merkur-Markt in Bruckneudorf brannte. Das Feuer war auf einer benachbarten Baustelle entfacht, zig Feuerwehrleute kämpften stundenlang gegen die Flammen. Der Supermarkt musste komplett renoviert werden, die Mitarbeiter*innen pendelten in dieser Zeit zum Großteil in andere Filialen. Die Wiedereröffnung fand erst vergangenen Sommer statt, nun erlebt das Team abermals einen Ausnahmezustand: die Coronavirus-Krise. Gerlinde Steindl aus Purbach arbeitet seit 2013 an der Kassa und hält auch jetzt engagiert die Stellung. Der Mann der frisch verheirateten 52-Jährigen sorgt sich um sie, gesteht sie, „aber für mich war klar: Ich will weiterarbeiten“. Nicht zuletzt sei sie „ihrem“ Merkur-­Markt dankbar für die Chance: Den Job hatte sie mit Mitte 40 nach längerer Arbeitslosigkeit bekommen. Hätte sie Bedenken, würde sie diese äußern, „aber ich hab’ tatsächlich keine Angst“. Seit Wochen schon beobachtete die Mutter zweier erwachsener Kinder, wie die Kund*innen immer mehr auf Vorrat kauften. „Aber das richtige Hamstern begann am 12. März: vor allem Klopapier, Germ, Mehl, Reis, Konserven und Tiefkühlprodukte“, beschreibt sie. Am Tag darauf, also am viel zitierten Freitag, dem 13. März, war so viel los, dass sich bereits gegen acht Uhr Schlangen vor den Kassen bildeten. „Die Kunden waren aber nett und geduldig.“ Die Situation hat sich an den Folgetagen eingependelt; danach fanden tendenziell am Vormittag mehr Einkäufe als am Nachmittag statt. Die Schutzmaßnahmen für die Mitarbeiter*innen wurden sukzessive strenger. Als wir das telefonische Interview führten, hatte sie gerade den ersten Tag mit Gesichtsmaske (siehe Bild) hinter sich. Gerlinde Steindl nahm das mit ein bisschen Humor: „Als der erste Kunde schmunzeln musste, hab’ ich gefragt: Lachen Sie mich jetzt an oder aus?“

Kleine Aufmerksamkeiten.

Die wäscht sich häufig die Hände, das Desinfektionsmittel wurde ihr ständiger Begleiter, sie trägt stets Handschuhe und geht auf Abstand. „Es ist nur jede zweite Kassa besetzt und auch die Kunden achten sehr auf die Vorschriften. Wenn ich mich mit dem Scanner dem Einkaufswagen nähere (um größere Produkte einzulesen, Anm.), machen die Leute schon einen Sprung auf die Seite, bevor ich etwas sage“, schildert sie. Sie spürt sogar etwas mehr Zusammenhalt im Team und die Klientel sei besonders freundlich. Immer wieder würden sich die Kund*innen für ihre Arbeit bedanken, das sei ganz ungewohnt. Sie bekommt sogar kleine Aufmerksamkeiten geschenkt, etwa Schokolade, „normalerweise ja nicht, aber jetzt dürfen wir das sogar annehmen“, schmunzelt sie. Gefreut hat sie auch das Dankeschön seitens REWE: Rosen und ein Guthaben zum Einkaufen. Wenn sie heimkommt, zieht es Gerlinde Steindl zum Ausspannen in die Natur, zu ihren Hühnern oder zum Nordic Walking, während ihr Mann mit dem Hund spazieren geht. „Kontakt zu Familie und Freunden haben wir jetzt natürlich nur via Handy.“ Als Heldin fühlt sich die sympathische Kassierin nicht, will sie betont wissen. „Hätten wir keine Kunden, hätte ich keinen Arbeitsplatz“, sagt sie. „Helden sind für mich Ärzte, Krankenschwestern, Pflegepersonal und all die Ehrenamtlichen, die jetzt in der Krise mithelfen. Ihnen gebührt unser Dank.“

 


Edith Rodinger

Pharmazeutin

Da waren SARS, die Vogel- und die Schweinegrippe – Edith Rodinger von der Bahnhofapotheke in Bruckneudorf erlebte in den vergangenen Jahren mehrere Virusepidemien. Einmal mehr beobachtete sie seit Jänner aufmerksam das Geschehen und die Entwicklungen zunächst in China, bekam mit, wie die Nachfrage nach Gesichtsmasken und Desinfektionsmitteln sukzessive stärker wurde, bis am Samstag, dem 14. März, „Security vor unserer Apotheke stehen musste“. Dabei mangelte es nicht an der Disziplin der Kund*innen. Um eine Ansteckung zu verhindern, sollte man nur nacheinander und maximal zu zweit eintreten. Als erfahrene Pharmazeutin will Edith Rodinger nicht von Angst sprechen, „aber wir alle sind in dieser Situation sehr gefordert“, sagt sie. Wenn sie Dienst hat, wäscht sie sich an einem Tag an die 20 Mal die Hände. „Ich kann nur empfehlen, sich zu Hause danach auch immer die Hände einzucremen.“ Selbst ihren erwachsenen Sohn, der erst kürzlich ausgezogen ist, kann sie nicht treffen. All diese Maßnahmen dienen bei ihr und ihren Kolleg*innen nicht einzig dem Selbstschutz. „Wir haben mit unserem Beruf eine Verantwortung, wir dürfen uns nicht gefährden“, erklärt sie. So wurden die Mitarbeiter*innen in zwei Teams eingeteilt, die einander in der Krisensituation auch nicht begegnen, damit selbst bei einer etwaigen Erkrankung die Versorgung gesichert ist. Die Stimmung in der Apotheke und der Alltag haben sich eklatant verändert, „aber die Kunden stellen sich gut darauf ein, dass sie beispielsweise warten müssen“. Sie betreten den Verkaufsraum – wie außen beschildert – diszipliniert jeweils einzeln, mit entsprechendem Abstand.  Securitypersonal sei längst nicht mehr notwendig dafür. „Das funktioniert hervorragend, dafür möchte ich mich wirklich bei unseren Kunden und Kundinnen bedanken“, sagt die Pharmazeutin. Auch bekommen sie und ihre Kolleg*innen häufig positives Feedback, „viele bedanken sich, dass wir für sie da sind“.

Individuelle Bedürfnisse.

Während bei Ausbruch der Coronavirus-Krise so manche bekrittelten, dass die Menschen auch Produkte kauften, die anderen möglicherweise als „nicht lebensnotwendig“ erschienen, will Edith Rodinger die Besorgungen der Einzelnen keinesfalls bewerten. „Gerade in einer Ausnahmesituation empfinden wir Dringlichkeiten alle unterschiedlich“, betont sie. Zum Großteil werden Rezepte eingelöst und der Bedarf an Desinfektionsmitteln ist noch immer sehr groß. Hier sei man auch gut bestückt – mit selbst hergestellten bzw. Produkten diverser Unternehmen. Die klare Empfehlung der Apothekerin: „Schauen Sie weiterhin, dass Sie so wenig wie möglich soziale Kontakte haben. Erledigen Sie auch Ihre Besorgungen im Idealfall nur einmal in der Woche.“ Um insbesondere ältere Menschen und andere Risikogruppen besser schützen zu können, bietet die Bahnhofapotheke Bruckneudorf auch Hauszustellungen an. In der Ausnahmesituation ist auch die Freizeit der Pharmazeutin Edith Rodinger geschrumpft, der Organisationsaufwand etwa für die Einteilung des Personals ist größer. Für Yoga fehlt ihr nun die Ruhe, beschweren möchte sie sich aber nicht, „das tägliche Spazierengehen tut mir sehr gut“. Ebenso versucht sie nun, das Kochen und gemeinsame Essen daheim mit ihrem Mann bewusst zu genießen. „Wenn es wärmer wird, freue ich mich auch schon sehr auf das Radfahren, wobei man dann natürlich wieder genauer darauf achten muss, dass man nicht zu vielen Menschen begegnet.“

 

Nicole Strubreiter

Internistin im Krankenhaus Eisenstadt

Auch der Alltag von Nicole Strubreiter hat sich verändert: Als Internistin im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Eisenstadt wurden Schichtteams gebildet, die nun abwechselnd arbeiten, um das Ansteckungs- und Verbreitungsrisiko auch innerhalb des Gesundheitspersonals gering zu halten: „An den Tagen, an denen ich im Dienst bin, kümmert sich mein Mann im Homeoffice um die Kinder. Meine Tochter ist 14, mein Sohn 8 Jahre alt, sie sind sehr tüchtig und diszipliniert.“ Dass Strubreiter als Oberärztin und Mitglied des krankenhausinternen Hygieneteams konsequent die Einhaltung der vorgegebenen Hygieneregeln auch zu Hause einfordert, ist für die Familie selbstverständlich. Ebenso bringt der Beruf und das Mindset einer Ärztin den Respekt vor dieser Viruserkrankung mit sich. „Natürlich beschäftigt mich die Ungewissheit, was da konkret auf uns zukommt. Vor allem, in welchem Ausmaß es uns treffen wird. Aber wir versuchen, uns professionell vorzubereiten! Mittlerweile gibt es die ersten Daten aus China und Italien, die wir in unseren Prozessabläufen berücksichtigen und die uns helfen, die Krankheit besser zu verstehen, wobei sich die Erkenntnisse nahezu täglich ändern. Auch die Testkapazitäten werden deutlich aufgestockt, Personalschulungen laufen auf Hochtouren.“ In ihrem Freundes- und Bekanntenkreis gilt Strubreiter als Ansprechpartnerin, wenn es um Fragen und Ängste zu diesem Thema geht. „Ich versuche, zu beruhigen und Sicherheit zu vermitteln, mit der Botschaft, dass das Gesundheitspersonal wirklich sein Bestes gibt, um auf die Situation gut vorbereitet zu sein.“ Ebenso betont sie, dass das Krankenhaus natürlich weiterhin für Not- und Akutfälle jeder Art da ist. Das Versorgungssystem sei gut organisiert. Es gehe nur darum, bewusst zu steuern, wer welche Hilfe benötigt. Für Infektionsfälle müssen vorher entsprechende Vorkehrungen getroffen werden, um das Gesundheitspersonal zu schützen. Dass Not aber auch erfinderisch macht, stellt Strubreiter nun vor allem in ihrer Freizeit fest: „Da derzeit der Frisör geschlossen hat, hat mir meine Tochter zum ersten Mal die Haare gefärbt, das ist ihr perfekt gelungen! Ich bin sehr stolz auf sie!“ Überhaupt intensivieren sich die Beziehungen in der Familie sehr. „Wir spielen wieder Gesellschaftsspiele, lesen, musizieren gemeinsam. Das war schon lange nicht mehr der Fall.“ Derzeit kann Strubreiter nach der Arbeit in Ruhe nach Hause fahren und muss nicht gehetzt Taxidienste von einem Kindertermin (Fußball, Tanzen, Tennis, Schlagzeug etc.) zum nächsten verrichten. Es fühle sich alles sehr entschleunigt an. Natürlich komme es auch zu neuen Herausforderungen, denn die Kinder brauchen Unterstützung bei den Schulaufgaben, Bewegung, gesundes Essen und einen geregelten Tagesablauf. „Am Tag 2 unserer Isolation hat es so richtig gepoltert, dann haben wir uns zusammengesetzt und gemeinsam einen Plan festgelegt, wie das ‚neue Leben‘ gut strukturiert funktionieren kann. Seither geht es besser – mit ein paar kleinen Ausnahmen, wir sind ja alle schließlich nur Menschen.“ Dass diese Zeit aber viele Familien oder vor allem alleinerziehende Mütter an ihre persönlichen und auch finanziellen Grenzen führt und es zu mehr Gewalt in manchen Familien kommen könnte, bereitet Strubreiter Sorge. Psychologen-Hotlines, Rat auf Draht, Caritas etc. sind in dieser herausfordernden Zeit unabkömmliche Hilfsdienste. „Die Krise wird uns alle an gewisse Grenzen führen, umso mehr ist der Zusammenhalt gefragt.“

 

Beate Jagoschütz

Polizistin in Kobersdorf

Das Erste, das sie beim Antreten ihres Dienstes macht, ist: alle Oberflächen sowie PC-Tastaturen, Handys, Funkgeräte, Festnetztelefone, Lichtschalter, Türgriffe, Möbeltürgriffe zu desinfizieren. Ihren Dienst verrichtet Beate Jagoschütz seit 18.3. in 2er-Teams mit immer dem gleichen Kollegen. Bei der Dienstübergabe sowie auch während des gesamten Dienstes wird darauf geachtet, Abstand zu halten. „Die Angst, sich bei einer Amtshandlung im Dienst mit dem Virus zu infizieren, habe ich schon. Es kommen zwar derzeit keine Parteien auf die Dienststelle, weil vieles über das Telefon gemacht wird, aber ich hatte erst vor wenigen Tagen mit meinem Kollegen einen Einsatz, wo es nicht möglich war, den vorgegebenen Abstand einzuhalten.“ Ihren drei Kindern (14, 19 und 22), die alle noch zu Hause wohnen, hat sie von Beginn an beigebracht, wie mit der Coronavirus-Krise umzugehen ist. „Nicht nur über die gesundheitlichen Auswirkungen sprechen wir, sondern auch darüber, wie es nach der Krise weitergehen wird. Zum Beispiel wegen der Matura unserer 19-Jährigen oder dem FH-Abschluss unserer ältesten Tochter.“ Die Sorge, nach dem Abschluss einen Job zu finden, sei groß, „vor allem, da es jetzt so viele Arbeitsuchende gibt.“ Da auch ihr Ehemann Polizist ist und im Landeskriminalamt Eisenstadt arbeitet, können die Dienstzeiten der beiden Eltern variieren bzw. auch mal verlängert werden. „Da unsere Kinder bereits selbstständig sind, ist das kein Problem für uns und sie gehen mit der Situation sehr vernünftig um.“ Überhaupt gehe ein großer Teil der Bevölkerung im Überwachungsrayon von Jagoschütz (Polizeiinspektion Kobersdorf) verantwortungsbewusst mit der Ausgehbeschränkung um, auf den Straßen im Bezirk Oberpullendorf sei tagsüber mäßiges Verkehrsaufkommen und im Nachtdienst sei man derzeit fast komplett alleine unterwegs. „Vereinzelt wurden jedoch schon Personen, die nicht einsichtig waren, bei der Bezirkshauptmannschaft angezeigt. Mein Rat an die Bevölkerung ist, sich an die Maßnahmen zu halten, die von der Bundesregierung angeordnet wurden – vor allem zum Schutz der Personen mit Vorerkrankungen, der älteren Bevölkerung und auch zum eigenen Schutz, damit die Verbreitung des Virus bei uns in Österreich nicht so außer Kontrolle gerät wie in Italien. Die Bilder und Artikel in den Zeitungen, die von Italien berichten, machen sicher nicht nur mir Angst.“ Wie viele andere genießt auch Beate Jagoschütz ihre Freizeit jetzt zu Hause mit der Familie, um sich die Energie und Kraft für den kommenden Dienst zu holen. Oder sie geht mit dem Hund außerhalb des Ortsgebiets spazieren. Auch das Einkaufen ist so ein Punkt: Es müsse nicht jeden Tag sein, man könne auch mehrere Tage auskommen und nur dann fahren, wenn es wirklich notwendig ist. Da sei eine gute Planung vonnöten. „Trotz der Umstände, die wir zurzeit haben, habe ich es noch keine Sekunde bereut, Polizistin zu sein. Ich hoffe, dass ich und auch ganz viele andere Menschen nicht krank werden und dass die Maßnahmen bald greifen und die Neu-Infektionen zurückgehen. Wenn die Polizei gebraucht wird, sind wir da – wir gehören zum Team Österreich.“

 

Fotos: Mario Balogh, Ursula Mares/Urs Design, beigestellt