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People | 28.09.2020

Patchwork: Wie das Leben so spielt …

Sheena und Dominic waren zehn Jahre lang ein Paar. Dann kamen sie zu dem Entschluss, dass sie kein Liebespaar mehr sind, aber noch Freunde. Nun leben sie mit neuen Partnern und zwei gemeinsamen Kindern in Neufeld an der Leitha.

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Patchwork-Family – oben: Thomas und Sheena mit Connor, unten: Zsuzsanna, Dominic und Rhea. Obwohl sie seit zwei Jahren getrennt sind und nicht mehr gemeinsam leben, halten Sheena und Dominic als Elternpaar zusammen, die neuen Partner der beiden unterstützen das. © privat

Es war fast wie im Film

Bei einem Hundespaziergang lernten sich Sheena und Dominic auf einer Parkbank kennen und verliebten sich ineinander. Das war 2008. Zehn Jahre, zwei Kinder und zwei Wohnsitze später kam die Scheidung. „Wir hatten schon länger Schwierigkeiten in der Ehe, haben aber versucht, uns darum zu kümmern, haben uns Hilfe geholt. Wir wollten die Beziehung nicht aufgeben, auch wegen der Kinder“, erzählt uns Sheena Piégsa bei ihr zu Hause am Küchentisch, während ihre beiden Kinder Connor (9) und Rhea Ainu (5) sich neben uns mit den Buntstiften austoben. Die 36-Jährige hat sich die Entscheidung damals nicht leicht gemacht – sie war es, die letztendlich im Sommer 2018 die Trennung wollte. „Es ist für alle Beteiligten besser, seit wir aufgehört haben, etwas zu leben, was wir nicht sind. Ich habe meine Beziehung zu Dominic nicht beendet, sie hat sich nur verändert. Wir sind gute Freunde, ein Elternpaar.“ Die 36-Jährige war jahrelang Hausfrau und Mutter, seit der Scheidung ist sie wieder berufstätig – ihr beruflicher Traum wäre es, sich als Lebens- und Sozialberaterin selbstständig zu machen. Die Ausbildung ist vorhanden, die Zeit jedoch (noch) nicht.

 

Sheena mit Connor (9) und Rhea Ainu (5). © Vanessa Hartmann

 


Vermeintlich heile Welt

In das Haus, das sie noch gemeinsam mit ihrem Ex-Mann vor drei Jahren in Neufeld an der Leitha gekauft hat, hat sie sich auf Anhieb Hals über Kopf verliebt. Heute lebt sie dort mit den zwei Kindern und führt eine Fernbeziehung mit ihrem neuen Partner, der in Tirol lebt. „Wir sehen uns leider nicht so oft, wie wir wollen, aber wenn er hier ist, sind wir mit Connor und Rhea eine neue Familie.“ Auch Dominic hat eine neue Partnerin, mit der er in Neufeld lebt. „Kinder sollten sich nie entscheiden müssen zwischen Mama und Papa. Es ist ganz normal, dass ihnen ein Elternteil manchmal fehlt, wenn sie beim anderen sind. Das ist in Ordnung, es wird geäußert und dann reden wir darüber. Es wird von Jahr zu Jahr besser. Aber ein Teil von ihnen wird wohl immer diese vermeintlich heile Welt herbeisehnen, als sie mit Mama und Papa noch zusammen unter einem Dach gelebt haben.“

 

Rhea hatte einen schweren Start ins Leben: Die Darmschlingenverwachsung bescherte ihr vier Operationen in den ersten sechs Lebensmonaten, heute ist sie ein glückliches Kind. © Vanessa Hartmann

 


Verlust des Lebenskonzeptes

Der Anfang nach der Trennung war natürlich für alle schwer. Doch Sheena und Dominic war es wichtig, den Kindern nichts vorzuspielen und sie aber auch nicht unnötig zu belasten. Auch für Sheena gab es eine Trauerphase, obwohl sie diejenige war, die die Beziehung beendete. „Wenn du dich von einem langjährigen Lebenspartner trennst, ist das nicht einfach, auch wenn es deine Entscheidung ist. Es war auch für mich ein Verlust eines Lebenskonzeptes. Ich hätte mir auch gewünscht, mit meinem Mann ein Leben lang zusammen eine glückliche Familie zu sein. Es haben Verletzungen stattgefunden und ich habe für mich erkannt, dass wir diese Verletzungen umwandeln und in die Versöhnung gehen müssen. Der verletzte Stolz und ein gekränktes Herz können sehr biestig sein. Daher ist die Versöhnung das Um und Auf, um eine gute Basis als Eltern zu schaffen.“ Sheena ist davon überzeugt, dass Kinder nicht vor jedem emotionalen Schmerz abgeschirmt werden können. „Die perfekte Familie gibt es nicht. Wir sind alle mit einem emotionalen Schmerz aufgewachsen, egal ob unsere Eltern zusammen oder getrennt waren. Es werden noch genug Dinge im Leben von Connor und Rhea passieren, die sie emotional belasten. Wichtig ist, dass wir diese Hürden gemeinsam meistern.“ Und solche Hürden gab es schon einige. Bei Rhea wurde bereits im Mutterleib eine Darmschlingenverwachsung festgestellt, sie wurde in ihren ersten sechs Lebensmonaten vier Mal operiert. Als sie vier Jahre alt war, kam die nächste Hiobsbotschaft: Diabetes Typ 1. Es gab viel zu klären und zu lernen – Insulin-Pumpe, Blutzuckermessung, Broteinheiten etc. Damals waren Sheena und Dominic seit einem halben Jahr getrennt und hatten bereits neue Partner, doch sie haben als Eltern zusammengehalten und sich gegenseitig unterstützt.

 

Sheenas familiäre Wurzeln liegen in Irland, deshalb gab sie ihren Kindern auch irische Vornamen und spricht mit ihnen zu Hause Englisch. Die Selbstbestimmtheit von Connor (9) und Rhea Ainu (5) zu fördern, ist der ausgebildeten Lebens- und Sozialberaterin ein großes Anliegen.  © Vanessa Hartmann

 


Glückliche Erwachsene

Neben der Unterstützung der Kinder setzt Sheena aber auch auf deren Selbstständigkeit. Sie mischt sich so wenig wie möglich in ihre Konflikte ein und fördert ihre Selbstbestimmung. „Ich möchte den Kindern mitgeben, dass sie täglich selbst entscheiden können, wie sie mit Situationen umgehen. Da ist eine Situation, die mir nicht taugt – dann habe ich die Möglichkeit, mich zu ärgern und mich hineinzusteigern. Oder ich versuche, die Situation zu verändern und besser zu machen. Natürlich ist das nicht immer leicht. Zwischen Sagen und Tun liegt das Meer“, lacht die Hobbymusikerin. Ihre Liebe zur Musik lenkt Sheena auch vom stressigen Alltag als Working Mum ab. Doch auch dieser Stress ist etwas, mit dem man nicht hinter dem Berg halten muss. „Es ist okay, dass die Kinder manchmal sehen, dass ich überfordert bin, auch mit ihnen. Andere sind vielleicht der Meinung, dass Kinder das überfordert. Manche Situationen belasten einfach, das darf sein. Nur wenn man das erkennt und annimmt, kann man es in etwas Gutes verwandeln. Wenn ich authentisch bin in meinen Entscheidungen, dann bin ich die beste Mama, die ich sein kann. Es gibt kein Richtig und Falsch.“ Bei vielen Trennungen, die sie in ihrem Bekanntenkreis wahrnimmt, hört Sheena immer wieder, dass die Eltern streiten und die Kinder darunter leiden. Vor allem auch dann, wenn neue Partner im Spiel sind. Bei den Piégsas hält man Kommunikation für den Schlüssel. „Nur weil wir als Liebespaar nicht mehr funktionieren, heißt das nicht, dass wir als Menschen nicht gut miteinander auskommen können. Wir sehen uns weiterhin als Familie. Und ich bin glücklich, dass wir beide Partner gefunden haben, die das nicht als Problem sehen und nicht mit Eifersucht reagieren. Feste wie Weihnachten, Ostern oder Geburtstage feiern wir alle gemeinsam. Die Kinder brauchen uns als glückliche Erwachsene.“