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People | 19.10.2020

„Deine Haut gehört nur dir“

Gut zeichnen zu können, ist die eine Sache – die Kunstwerke in faszinierender Manier unter die Haut zu bringen, die andere. Wir besuchten das Ausnahmetalent unter den Tätowierern, Klaus „Hu“ Fruhmann, zu Hause in Kobersdorf.

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Bild 2010_B_hu_tattoos-6.jpg
© privat

Was ist der Unterschied zwischen einem 17-jährigen Mädchen und einem 53-jährigen Bauarbeiter? Neben ein paar unerheblichen Details ist es vor allem die Beschaffenheit der Haut. Und auf die stellt sich Klaus „Hu“ Fruhmann jedes Mal aufs Neue ein. Als er vor rund 14 Jahren zum ersten Mal eine Tätowiermaschine in den Händen hielt, begann eine Karriere, die damals fernab seiner Vorstellung lag. Hu kündigte sofort seinen Tischler-Job, als die Tätowier-Legende „Hissi“ in Oberwart ihn unter seine Fittiche nahm. „Dann ging es sehr schnell. Ich habe ein paar Jahre lang fast rund um die Uhr nichts anderes getan, als zu tätowieren.“

 

"Sich einzuschränken, ist gegen die Natur des Menschen.", Klaus „Hu“ Fruhmann, Tattoo-Künstler © Vanessa Hartmann

 

Bereits nach rund fünf Monaten war Hu einer der besten zehn Nachwuchstätowierer im deutschsprachigen Raum. In den Folgejahren gewann er viele Preise, reiste um die halbe Welt, begeisterte einen der größten Sponsoren für sich, wurde auf internationale Messen eingeladen, baute sich eine riesige Fangemeinde auf und erarbeitete sich den Respekt seiner Kollegen. Bis vor einigen Jahren tätowierte der heute 34-Jährige in seinem eigenen Studio in Wien, doch es zog ihn wieder in seine Heimat – ins Mittelburgenland. In Kobersdorf fand Hu gemeinsam mit seiner Partnerin ein Haus am Waldrand, auf dessen Grundstück er eigenhändig mit Freunden sein Tattoo-­Studio aus Holz baute. „Ich weiß, ich könnte heute in jeder Metropole der Welt ein Tattoo-Studio eröffnen und Erfolg haben, aber ich habe mich bewusst für das Burgenland entschieden.“ Denn als Ausgleich zum Tätowieren braucht Hu die Natur, seine Hunde, seine Falken, das Jagen, den Hochstand. Neben täglichem Kraft­sport lernt er auch noch Russisch und übt den Kampfsport HMB aus. Noch nie gehört? Wir auch nicht – und staunten nicht schlecht, als er uns die Utensilien dafür zeigte. HMB bedeutet Historical Medieval Battle, also Vollkontaktkampf in historischer Rüstung mit Schwert oder Axt. Klingt also nach sehr vielen Hobbys und Tätigkeiten für nur einen Menschen. „Ich nutze jede Stunde so effizient wie möglich. Ich habe seit acht Jahren keinen Fernseher und kein Radio, das spart viel Zeit“, lacht Hu. So speziell wie seine Hobbys sind auch seine Tattoos. Und das kommt nicht von ungefähr. Denn seine Bilder verewigt Fruhmann nicht nur auf Haut, sondern auch auf Leinwand. Neben dem Tätowieren zählt das Malen zu seinen großen Leidenschaften. Während sich internationale Kunsthändler für Hus Werke interessieren, möchte er noch zuwarten, bis er genug Material für eine ganze Ausstellung beisammen hat.


Noten gegen Zeichenstift

Die Grundlage für dieses Talent zeichnete sich schon sehr früh ab. „Schon im Kindergarten wurde mein Talent fürs Zeichnen entdeckt. In der Schule waren meine Noten schlecht, weil ich immer nur gezeichnet habe. Deutsch, ­Mathe, Englisch – das hat mich alles nicht interessiert. An der Grafischen in Wien wurde ich wegen meiner schlechten Noten nicht genommen. Meine Zeichnungen haben sie sich nicht mal angesehen. Das österreichische Schulsystem ist einfach verkehrt.“


Bewusstsein neu ausrichten

Auch manche Einstellungen, die in der Gesellschaft vorherrschen und von denen sich viele Leute beeinflussen lassen, fühlen sich für Hu verkehrt an. Dass sich Ästhetik im Laufe der Jahrzehnte verändert und das, was „schön“ ist, immer wieder neu definiert wird, hat auch mit Traditionen zu tun. Bei den Generationen seien die Unterschiede oft am stärksten zu bemerken. „Wenn ein junger Mensch zu seiner Oma sagt, er lässt sich tätowieren, wird sie es wahrscheinlich nicht gut finden. Aber wenn einem acht Monate alten Mädchen Ohrlöcher gestochen werden, ist das normal. Das finde ich gestört. Leider ist es so, dass wir das, was wir vorgelebt bekommen, meist als richtig empfinden. Wir sollten das Bewusstsein der Menschen wieder neu ausrichten. So normal wie es ist, sich die Haare zu färben oder Schmuck zu tragen, so normal ist es auch, seine Haut zu schmücken. Sich einzuschränken, ist gegen die Natur des Menschen.“ Dabei ist das Tätowieren eine Tradition, die so alt ist wie die Menschheit selbst. Im Laufe der Jahrhunderte veränderte sich lediglich der Zugang und Klischees wurden aufgebaut.

 

Hu zeigt Chefredakteurin Nicole Schlaffer einige Entwürfe auf dem Tablet. © Vanessa Hartmann

 


Bis zu 15 Stunden Vorarbeit

In den Sozialen Medien wird heute ebenfalls einiges aufgebaut, das der Branche schadet. Hu sieht die Fake-­Bilder im Netz als Problem im Tattoo-­Business, vieles werde geschönt und unrealistisch dargestellt. Auf seinem eigenen Instagram-Account sehen die Fans ausschließlich real abgebildete Tattoos, von ihm persönlich gestochen. Auch wenn sich der Betrachter manchmal nicht vorstellen kann, tatsächlich ein Tattoo vor sich zu haben, das freihändig und ohne Vorlage in die Haut gestochen wurde. „Wenn ich arbeite, möchte ich ein schönes Ergebnis. Ich möchte, dass wir dort hinkommen, dass Tätowieren als Kunsthandwerk angesehen wird und von den Menschen auch die geleistete Vorarbeit honoriert wird.“ Bevor er zu tätowieren beginnt, braucht es oft bis zu 15 Stunden an kreativer Vorarbeit. Besprechen, recherchieren, Motive überlegen, skizzieren, gestalten – ein echter „Hu“ ist immer ein Unikat. Deswegen ist die Liste der Anfragen bei Fruhmann lang. „Ich habe mir den Luxus erarbeitet, mir aussuchen zu können, welche Tattoos ich mache. Ich bin nicht reich, aber ich verdiene gut und mache das, was mir Spaß bringt. Das ist mein Reichtum.“ Hu selbst sieht sich als eine Mischung aus Grafiker, Künstler und Handwerker. „Dass du gut zeichnen kannst, ist die künstlerische Voraussetzung, aber das dann in Haut reinzustechen, ist Handwerk. Du arbeitest mit verschiedenen Materialien, weil jede Haut anders beschaffen ist.“ Sein Ziel dabei ist, dass seine Tattoos Aufmerksamkeit erregen, ihre Träger darauf angesprochen werden. „Die Leute müssen hinschauen, es muss schön sein, wie Körperschmuck. Niemand möchte ein Tattoo ausschließlich für sich selbst, das niemand sieht und von dem niemand weiß. Ein Tattoo möchtest du herzeigen können, es ist ein Kunstwerk. Jeder hat seinen eigenen Zugang. Wichtig ist, dass jeder frei entscheiden kann, ob und wie er sich tätowieren lässt. Niemand sollte etwas unter dem Druck der Gesellschaft tun oder lassen. Jeder soll so aussehen, wie er möchte. Deine Haut gehört nur dir.“


Instagram: @klaushufruhmann

Facebook: Klaus Hu Fruhmann

Tattoos
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Gemälde
Bild 2010_B_hu_tattoos-3.jpg

Die beiden Bilder oben und links wurden von Hu nicht auf Haut, sondern auf Leinwand gemalt.

Bild 2010_B_EM_fruhmann.jpg