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People | 22.10.2020

Du bist schön

Schönheit liegt im Auge des Betrachters, heißt es. Wessen Urteil sollte da wohl am meisten zählen? Fotograf Paul Szimák will das innere Leuchten festhalten und damit nachhaltig positiv wirken.

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Plaudern über Schönheit. Dagmar Tinhof, Fotograf Paul Szimák, Redakteurin Viktória Kery-Erdélyi, Make-up-Artistin Daria Heis (v. l.) im Studio. © Paul Szimák

Dagmar Tinhof klettert, ohne mit der Wimper zu zucken, auf einen 3.000er. Die Abenteuerlust packte sie justament nach zwei Bandscheibenvorfällen. Zwei Operationen lagen hinter ihr, als die Müllendorferin auf der Reha das Klettern für sich entdeckte (und mit ihrer Leidenschaft auch ihren Mann ansteckte). Zimperlich ist die frühere Tagesmutter – die Bandscheibenvorfälle zwangen sie, kürzerzutreten – und heutige Kindergartenhelferin also nicht. Ganz anders sah es bis vor Kurzem bei ihr aus, wenn man ihr mit der Kamera „drohte“. Eben das tat der Fotograf Paul Szimák, freilich mit guten Hintergedanken: Er lud sie zu einem Fotoshooting ein. Quasi in einem schwachen Moment habe sie zugesagt, gibt sie zu. „So nervös, wie vor diesem Shooting, war ich vor meiner Bandscheiben-Operation nicht“, lacht Dagmar Tinhof. Was dann allerdings beim mehrstündigen Termin passierte, ist bemerkenswert. „Das Shooting gab mir einen richtigen Energieschub; ich hätte die Welt niederreißen können“, erzählt sie, als wir sie, den Fotografen und seine feinfühlige Make-up-Artistin im Studio in Müllendorf treffen. Doch der Reihe nach.

 

"Der Wert liegt darin, mit wie viel Selbstvertrauen die Menschen nach dem Shooting heimgehen.", Paul Szimák, Fotograf


Paul Szimák ist selbstständiger Berufsfotograf

Seine Brötchen verdient er beispielsweise mit Aufträgen für Werbefotografie, zuletzt etwa für den Burgenland Tourismus. Doch in seiner „Freizeit“ widmet er sich künstlerischen Projekten mit Tiefgang. Seine aktuelle Serie trägt den Titel „Rebirth of Feminity“; hierfür lässt er sich von Gemälden alter Meister wie etwa eines Caravaggio inspirieren; diese Bilder setzt er mit professionellen Models um. Regelmäßig initiiert Paul Szimák außerdem „Dankbarkeitsprojekte“, wie er sie nennt, bei denen er etwas verschenken möchte. So öffnete er einmal einen Sommer lang sein Studio unter dem Titel „Sommer der freien Liebe zur Fotografie“; kreative Gäste durften ihre Visionen unter seinem Dach verwirklichen. Eine seiner Herzensinitiativen ist die Serie „Sensual Souls“, also „empfindsame Seelen“. Immer wieder lädt er dafür Menschen, deren Ausstrahlung bzw. Lebensgeschichten ihn faszinieren, zu einem kostenlosen Shooting ein.

 

"Das Shooting gab mir einen Energie­schub. Ich hätte die Welt niederreißen können.", Dagmar Tinhof

 


Shooting mit Dagmar

Als Paul Szimák die sympathische Gipfelstürmerin Dagmar Tinhof kontaktierte, konnte sie es sich gar nicht vorstellen, dass ihr auch nur eines der Bilder gefallen wird. „Vor dem Shooting hab’ ich mich nur gefragt, warum ich zugesagt habe, so unwohl habe ich mich gefühlt.“ Für Paul Szimák war das nicht neu. Wenn er nicht mit Models arbeitet, „sagen die meisten vor dem Shooting, dass sie unfotogen sind und auf sämtlichen Bildern fürchterlich aussehen“, sagt er. „Unfotogen gibt’s aber für mich nicht. Auch ein Bauarbeiter in einem dreckigen Leiberl, aber mit leuchtenden Augen ist schön!“ Die harte Selbstkritik hat auch damit zu tun, dass Fotografien nicht das Bild wiedergeben, das wir im Spiegel sehen, erklärt der Fachmann. Die Person, die uns entgegenblickt, ist schließlich spiegelverkehrt und der menschliche Körper ist nun einmal nicht symmetrisch.

 

Fotos von Paul Szimák
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Genossen.

Dagmar Tinhof wollte sich zunächst nicht fotografieren lassen. Schließlich beflügelte sie das Shooting, erzählt sie.

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Heile Welt auf der Haut

Das Modeln ließ Daria Heis sein, sie wurde Make-up-Artistin und lässt sich mitsamt ihren märchenhaften Tattoos nur für ausgewählte Projekte ablichten.

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Kunstprojekt

Inspiriert von Gemälden alter Meister ensteht Szimáks Serie „Rebirth of Feminity“.

Ein anderer, viel wesentlicherer Grund bzw. gleichsam auch die Motivation für seine „Sensual Souls“-Serie ist: „Es fehlt oft an Selbstliebe und das Gefühl, nicht zu genügen, herrscht vor. Ausgelöst wird das oft durch mangelnde Wertschätzung in der Gesellschaft“, ist der Fotograf überzeugt. Dem will er mit seiner Arbeit entgegenwirken. „Entscheidend bei einem Porträtfoto ist der Ausdruck, Herzensgüte ist Schönheit.“ Mit „Sensual Souls“ hat es sich Paul Szimák zur Aufgabe gemacht, den Menschen vor seiner Linse ihre Schönheit vor Augen zu führen. Dass er dafür mit Daria Heis zusammenarbeitet, ist kein Zufall. Die Neunkirchenerin wurde jung als Fotomodell entdeckt, hauptberuflich wollte sie das nicht machen. „Ich fühlte mich irgendwann nur noch als Objekt, ich wollte nicht auf mein Äußeres reduziert werden“, sagt sie. „Das hat mir nicht gut getan.“ Sie wechselt die Seite, legt den Fokus auf Styling und Make-up. Sie hatte auch Dagmar Tinhof für das Shooting geschminkt. Das allein war für die Müllendorferin schon ungewohnt, „ich schmink’ mich ja sonst nie“, schmunzelt die 56-Jährige. Darias dezentes Vorgehen beeindruckte sie. „Oft mache ich nur ein paar Pinselstriche; es geht nur darum, das Richtige zu betonen“, beschreibt sie. Das bedarf eines behutsamen Kennenlernens, die Make-up-Artistin ist von Anfang an bei Paul Szimáks Shootings dabei. „Die beginnen aber nie mit der Kamera im Studio“, betont er. „Sondern bei Kaffee und Mannerschnitten.“

 

 "Manchmal reicht ein roter Lippenstift, um die Selbstwahrnehmung zu verändern.", Daria Heis, Make-up-Artistin

 


Tränen der Rührung

Erst wenn die erste Aufregung schwindet und seine Gäste zu vertrauen beginnen, werden sie geschminkt und gestylt. Wenngleich Paul Szimák für seine „Sensual Souls“-Reihe sowohl Frauen als auch Männer zum Shooting einlädt, so seien insbesondere die Reaktionen der Frauen bewegend. „Im Studio sind sie nicht Mutter, Ehefrau, Angestellte oder Chefin, sie dürfen einfach sie selbst sein. Frauen vergessen im Alltag oft auf sich, auf ihre Me-Time; bei unserem drei-, vierstündigen Shooting bekommen sie einen neuen Blick auf sich selbst, manchmal kullern die ersten Tränen schon, wenn Daria sie geschminkt hat und sie sich das erste Mal bewusst im Spiegel sehen.“ „Ich kann mich noch genau erinnern, wie Paul zu mir sagte: ,Denk daran, wie du dich fühlst, wenn du auf dem Gipfel stehst‘“, erzählt Dagmar Tinhof. Das Shooting, das die Mutter zweier erwachsener Töchter – sie ist auch schon stolze Oma – so gar nicht wollte, wurde richtig gut. Die Wirkung erstaunte sie. „Ich hab’ mich total selbstsicher gefühlt. Ich wollte gar nichts einkaufen und tue das sonst gar nicht, aber ich hab’ danach zu meinem Mann gesagt: Wir gehen jetzt einfach so in der SCS bummeln“, lacht sie. Ihr Lieblingsfoto aus der Serie wählte sie als Hintergrundbild auf ihrem Computer. Immer wieder einen Blick darauf zu werfen, ist ihr Seelenbalsam, verrät sie.


Geschichten in Bildern

Wenngleich Daria das professionelle Modeln bleiben ließ, vor Paul Szimáks Kamera steht sie immer wieder gerne. „Ich finde es spannend, meine verschiedenen Lebensphasen festzuhalten“, schildert sie. Auf allen Bildern strahlt sie nicht so wie auf dem hier abgedruckten (S. 41). Wichtig seien für sie aber auch jene Fotos, auf denen sichtbar ist, wenn es ihr mal nicht gut ging. „Viele versteifen sich auf die Technik“, weiß Paul Szimák. „Ich finde aber, dass ein gutes Bild immer eine Geschichte erahnen lassen sollte.“
Manche verheimlichen die Shootings vor ihren Partnern und Partnerinnen, andere kommen mit gebrochenem Herzen. Manchmal reiche ein roter Lippenstift, um die Selbstwahrnehmung und das Auftreten zu verändern. „Oft wirkt es, als würde dann ein Vorhang fallen“, sagt Daria Heis. Paul Szimák ergänzt: „Es ist immer wieder auch unglaublich schön, erleben zu dürfen, wie ein bisschen Farbe und Fotos einen Menschen aufblühen lassen können.“ „Dabei sind die Bilder eigentlich ein Nebenprodukt“, überrascht der Fotograf mit seiner Aussage, um sogleich tieferzugehen: „Der wahre Wert liegt darin, dass die Menschen danach oft mit sehr viel mehr Selbstwertgefühl nach Hause gehen.“


Weitere Infos:

www.paulszimak.at

www.daria-heis.weebly.com