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People | 26.10.2020

Die Macht der Worte

Sie verschrieben sich dem Schreiben: Katharina Tiwald und Clemens Berger im Talk über Kindheit, Klimawandel, inszenierte Politik und Visionen für die nächste Generation.

Leider schien die Sonne. Nur zu gerne hätten wir die Bücherwand von Katharina Tiwald bestaunt, die sie als Schlechtwetter-Alternative als Kulisse für das Interview anbot. Doch weil auch die Corona-Situation ständig zur Vorsicht mahnte, blieben wir bei der nicht minder fesselnden Outdoor-Variante: dem Wiener Arne-­Carlsson-Park, „da steht der Bunker, der auch in meinem Buch vorkommt“, schickte die Autorin voraus. Ihre Faszination für Geschichte führte uns zum mit buntem Graffiti umhüllten Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg; bis zu 800 Menschen fanden dort Haut an Haut Zuflucht, wenn die Sirenen heulten. Vor wenigen Jahren gestalteten darin Schüler*innen mit Expert*innen eine Dauerausstellung. Für den Talk mit Katharina Tiwald und Clemens Berger, beide wuchsen im Burgenland auf und leben heute in Wien, nutzten wir den idyllischen Park rund um das Mahnmal.


BURGENLÄNDERIN: Unsere Idee für ein gemeinsames Interview basierte darauf, dass ihr heuer beide ein neues Buch vorlegt und jeweils auf unterschiedliche Weise scharfsinnige politische Beobachtungen integriert. Dann stellte sich bei der Recherche heraus, dass ihr euch schon aus der Schule kennt …

Katharina Tiwald: Oberstufe Oberschützen (lacht).

Clemens Berger: 5a bis 8a.

Hattet ihr da schon schriftstellerische Ambitionen?

Katharina: Ja, schon.

Clemens: Heimlich. Ich war Fußballer, das war uncool (lacht).

Wie seid ihr aufgewachsen?

Katharina: Mein Vater hat in Großpetersdorf die Eisenwarenhandlung gehabt, meine Mutter war Englisch-Lehrerin. Heute habe ich als Lehrerin dauernd damit zu tun, was man bildungsferne Familien nennt. Da wird mir noch mehr bewusst, was das für ein Schatz ist, wenn man als Kind mit den Eltern singt, Geschichten vorgelesen bekommt. Noch dazu hab’ ich einen Großvater gehabt, der sehr gerne und lebendig erzählt hat. Ich selbst war ein stilles Kind und hab’ dauernd gelesen.

Es sind sicher viele, aber ein Buch, das dich geprägt hat?

Katharina: „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ (Milan Kundera, Anm.), ich war aufgewühlt und begeistert.

Clemens, wie war deine Kindheit?

Clemens: Ähnlich wie es Kathi beschrieben hat. Ich bin mit den Sagen des klassischen Altertums aufgewachsen, noch dazu hat meine Mama Englisch mit mir gesprochen, so hab’ ich früh Englisch gelernt. Aber ich war kein stilles Kind (lacht). Ich wollte nicht in den Kindergarten, meine Freund*innen waren älter, ich wollte nicht zu den Kleinen. Ich erinnere mich, wie mein Opa, der Polizist war, mich bei der Tür reinschieben musste; das hat ihm das Herz gebrochen. Ich hab’ geheult und mich dann schnell mit den bösen Buben angefreundet. Aber ich war ein großer Leser. Auch später, als ich schon Geld mit dem Fußballspielen verdient habe. Der Kapitän hatte den Playboy unterm Arm und ich Handkes „Wunschloses Unglück“.

Wann kam der Wunsch, Autor*in zu werden?

Katharina: Ich wollte immer schreiben. Als die erste Honorarnote von Ö1 kam, hat meine Mutter gesagt: „Das musst du weitermachen.“ Vorher war das nicht ganz so. Sie hat mir lange zugeredet, dass ich auch Rechnungen werde zahlen müssen – das stimmt ja –, so bin ich Lehrerin geworden. Heute mache ich knapp über eine Hälfte Lehrverpflichtung; aber mittlerweile ist auch das so etwas Organisches, dass mir Zeit zum Schreiben bleibt, und ich hab’ ein Gefühl von Sicherheit.

Clemens: Ich hab’ mich nie dafür entschieden, es ist passiert. Ich hab’ am Gymnasium einen Literaturwettbewerb gewonnen und durfte dann nach Brüssel, Straßburg und nach Israel; dort ist mir bewusst geworden: Hey, du bist durchs Schreiben hergekommen! Während des Philosophie-Studiums hab’ ich erste Geschichten publiziert, aber ich wollte eigentlich meine Dissertation schreiben und an der Uni bleiben. Dann ist das erste Buch erschienen, ich hab’ ein Autorenstipendium bekommen, dann kam das nächste Buch …

 

Katharina Tiwald & Clemens Berger

In „Der Präsident“ erzählst du die Geschichte von Jay Immer, einem gebürtigen Burgenländer, der in den USA zum Ronald-Reagen-Double avanciert. Was ist der Hintergrund?

Clemens: Die Ausgangssituation war ein USA-Stipendium für eine literarische Reportage über Auswander*innen aus dem Burgenland. Ich hab’ mit vielen in der zweiten, dritten Generation gesprochen und mit solchen, die selbst ausgewandert waren; heute bezeichnet man solche Leute so widerlich als Wirtschaftsflüchtlinge, dabei ist das der Hauptgrund in der Geschichte der Menschheit, einen Ort zu verlassen. Mich haben die Lebensgeschichten interessiert und die Parallelgesellschaften, in denen sie leben, mit Oktoberfest, Tiroler Hut, Sissi und DJ Ötzi. Aber auch diese existenzielle Frage, wenn du immer mit jemandem verglichen wirst (wie sein Protagonist, Anm.). Zudem war die Reagen-Zeit der Beginn des Öffentlichwerdens des Klimawandels …

Ein Thema, das sehr aktuell ist …

Clemens: Ich war total fertig beim Recherchieren, als ich herausgefunden habe, dass die Wissenschaft es seit den 1980ern beschreibt. Das Schlimme ist, das dieses Lobbying von damals und das Kaufen von Wissenschaftlern zu dem geführt hat, wo wir heute sind: dass der Klimawandel eine Glaubensfrage geworden ist. Das ist kompletter Wahnsinn!

Katharina, in „Macbeth Melania“ ziehst du eine Parallele zwischen Shakespeares Lady Macbeth und Trumps Ehefrau.Welchem Thema gilt deine politische Neugier im Buch?

Katharina: Die heutige Politik ist eine Form von Dramatik: Es wird inszeniert, es werden Rollen gespielt. Das sollte Politik nicht sein. Begonnen habe ich mit dem Roman, nachdem ich die Angelobung von Trump gesehen hatte. Er und Melania haben einen gespenstischen Eindruck gemacht; da war vollkommene Absenz von Liebe oder Respekt gegenüber dem, was da jetzt anfängt. Dann gab es diesen Ausschnitt, wo Melania den Kopf senkt, das ging durch das Internet … Ich hab’ Monate darüber nachgedacht, welche Form von Theaterstück ich über so eine Figur schreiben könnte. Meine Überlegung war dann pragmatisch: Bevor ich mir wieder den teuren und mühsamen Inszenierungsprozess antue, baue ich eine Romanhandlung drumherum (lacht).

Orbán, Erdogan, Trump – wieso werden solche Staatsmänner zu Helden stilisiert?

Katharina: Viele finden cool, dass sich jemand etwas traut, was als unanständig gilt. Dieses „Ich scheiß’ mir nix“ entlastet natürlich von gesellschaftlicher Verantwortlichkeit – wie beim Klimaschutz. Wenn Trump sagt, ,Science doesn’t know‘ (Die Wissenschaft weiß es nicht, Anm.), denken viele, dann brauchen sie sich um nix kümmern und können weitertun wie bisher.

Clemens, du widmest dein Buch deinen Eltern, deiner Freundin und deiner Tochter Amalia.Warum ihnen?

Clemens: Ich war nach dem letzten Buch ziemlich geknickt. Ich habe Jahre daran gearbeitet, gute Kritiken bekommen, aber der Verkauf lief schlecht. Ich bin nachts aufgewacht und hab’ mir gedacht: Ist das wirklich passiert? Meine Freundin hat irgendwann gesagt: Setz dich hin und schreib wieder. Sie hat mich sehr im Entwicklungsprozess unterstützt. Meiner Tochter widme ich das Buch in gewisser Weise als Versprechen, dass wir unser Bestes dafür geben, dass die Welt besser wird.

Katharina, du widmest deinen Roman neben deiner Familie den Herren Urbanek, Mitterlehner und Patrik ohne c …

Katharina: Urbanek, Mitterlehner und Patrik ohne c kommen alle im Buch vor. Es gibt sie wirklich, obwohl ich mir Freiheiten genommen habe. Aber das sollte allen Leser*innen bewusst sein, dass Menschen, die in einem Buch auftauchen – solange es kein Sachbuch ist –, einer gewissen Bearbeitung unterliegen. Patrik ohne c ist übrigens ein Schüler von mir, der mir zum Schluss des Buches verholfen hat.

Was wollt ihr der nächsten Generation mitgeben?

Katharina: Sprache. Bei unseren Schüler*innen geht es darum, sich ausdrücken zu können und im Ausdruck einen Platz in der Welt zu finden. Wir arbeiten mit Literatur von Kafka und Goethe, weil warum soll ein Gymnasiast, der Goethe auch nicht gelesen hat, den Namen schon gehört haben und meine Mittelschüler*innen nicht? Ich lasse mir einiges einfallen, zuletzt waren wir im Sterbehaus von Kafka, haben die ersten Zeilen von „Die Verwandlung“ weitergeschrieben. Ein anderes Ziel von gutem Deutsch-Unterricht ist, ein Level zu erreichen, wo man gewisse Phrasen durchschauen kann.

Was möchtest du deiner Tochter mitgeben?

Clemens: Keine Angst haben, selbst denken, frei und frech sein, eigene Dinge ausprobieren. Bei Mädchen ist der Druck noch stärker, bestimmten Normen zu entsprechen. Das merke ich jetzt schon, wenn die Leute fragen: „Wie heißt er denn, der liebe Bub?“ – wenn sie kein rosa Kleid anhat.

2021 steht im Zeichen von „100 Jahre Burgenland“. Hat das eine spezielle Bedeutung für euch?

Katharina: Ich unterrichte auch Geschichte und bin fasziniert davon, warum was wie kommt. Ob das jetzt nun 99 oder 100 Jahre sind, das ist nur eine Zahl. Für meine Urgroßeltern war es selbstverständlich, dass die Leute ihre Lehre in Györ gemacht haben; viele konnten neben Deutsch Ungarisch bzw. Kroatisch. Ich hab’ viele Verwandte in Ungarn, die ich gerne treffe. 100 Jahre Burgenland hat eine familiengeschichtliche Bedeutung für mich, da geht es eher um dieses Aus­einanderbrechen von Burgenland und Ungarn.

Clemens: Ich wünsche mir, dass es zur Diskussion kommt zur Frage, auf die eh niemand eine Antwort weiß: Was ist das Burgenland? Was will es sein? Macht man auch im Burgenland die Grenzen zu, nimmt keine Menschen in Not auf, oder sind die Menschen aufgrund ihrer Geschichte, ihrer Vermischung doch toleranter? Kann man die Vielfalt umarmen, die Grenzenlosigkeit, in dem Sinn, weil die Grenzen immer woanders und nie ganz eindeutig waren? Wer wollen wir sein?


Clemens Berger: Der Präsident, Residenz Verlag, € 24,–

Clemens Berger

… wurde 1979 im Südburgenland geboren. Er studierte Philosophie (er absolvierte sämtliche Prüfungen, aber seine Romane verdrängten vorerst die Dissertation) und lebt mit seiner Lebenspartnerin und seiner Tochter als freier Autor in Wien. Er war Mitherausgeber des europäischen Onlinemagazins „Versopolis“ und unterrichtete am Mozarteum Salzburg und an der Bowling Green State University. Clemens Berger veröffentlichte Romane, Theaterstücke und Essays, darunter (Auswahl in chronologischer Reihenfolge) „Der gehängte Mönch“ (2003), „Und hieb ihm das rechte Ohr ab“ (2009), „Das Streichelinstitut“ (2010), „Im Jahr des Panda“ (2016). „Der Präsident“ (2020) basiert auf einer wahren Geschichte: Ein Südburgenländer avanciert in den USA zum Ronald-Reagen-Double. Clemens Berger schenkt ihm den Namen Jay Immer und spinnt die Geschichte spannend, herzlich und humorvoll weiter: Nicht lange währt die zunächst unreflektierte Freude über den Wohlstand durch den neuen Job, der ehemalige Polizist stellt fest, dass er als „Präsident“ auch verändern kann …

www.clemensberger.at


Katharina Tiwald: Macbeth Melania, Milena Verlag, € 22,–

Katharina Tiwald

... wurde 1979 geboren und wuchs im Südburgenland auf. Sie studierte Sprachwissenschaft und Russisch in Wien, Sankt Petersburg und Glasgow. Sie ist Lehrerin für Deutsch und Geschichte an einer Mittelschule in Wien und Schriftstellerin und lebt in Wien und im Südburgenland. Ihr erstes Buch „Schnitte – Portraits – Fremde“ veröffentlichte sie 2005, ihr erstes Theaterstück „Dorf.Interrupted“ inszenierte Peter Wagner im OHO. Seither hielt Katharina Tiwald eine Vielzahl an Workshops etwa im Dschungel Wien und im Literaturhaus Mattersburg, sie war außerdem Lehrbeauftragte an der Universität Wien für Slawistik. Für ihre Bücher und Theaterstücke erhielt sie mehrere Preise; zuletzt wurde sie für ihr Stück „Caruso – I did it my Wegas“ im Burgenland und in Wien gefeiert. Die Hauptrolle spielte Tony Wegas.
„Macbeth Melania“ ist quasi ein köstliches Making-of einer Theaterproduktion, in die Tiwald pointiert und erstaunlich leichtfüßig sonst schwere Kost einstreut: von #MeToo über Trump bis hin zu inszenierter Politik. Und Herzschmerz vom Feinsten darf auch sein.

www.katharinatiwald.at