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People | 11.11.2020

Eine Fülle von Leben

Eva Hecht war der Inbegriff der Lingerie in den 90er-Jahren. Dann kam der Moment, der alles veränderte. Ein ganz persönliches Porträt über Luxus, Verlust und Neubeginn.

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Eva Hecht © Nicole Schlaffer

Sie revolutionierte die Wäsche-Industrie, traute sich, Schnitte anzufertigen, von denen andere dachten, sie seien nicht umsetzbar, sie pokerte hoch bei ihren Vorgesetzten und erarbeitete sich den Dank und die Anerkennung von Größen wie Wolfgang Joop und Karl Lagerfeld. Begonnen hat alles ganz beschaulich in Deutschkreutz im Mittelburgenland. Dort wurde Eva 1952 geboren, in ihrem 9. Lebensjahr zogen die Eltern mit ihr nach Pöttsching. Sie sollte Deutschkreutz für viele Jahrzehnte nicht wiedersehen, dafür aber halb Europa.


Luxus pur in Seide

Ihr Talent zum Zeichnen wurde schon früh erkannt. Ein Onkel nahm sich ihrer an und brachte sie in die Modeschule nach Hetzendorf, wo der Direktor ihr den Gang an die Kunstakademie nahelegte. Doch ihre Eltern wollten davon nichts wissen. „Meine Mutter sagte zu mir: ‚Wozu brauchst du eine Ausbildung? Du heiratest und bekommst Kinder!‘ Zudem hatte ich vier jüngere Brüder und mein Vater war Alleinverdiener“, erinnert sich die heute 68-jährige Eva Hecht. Sie musste also die Schule abbrechen und einen Job in der Triumph-­Fabrik in Wr. Neustadt antreten, wo ihre Kreativität sie jedoch schnell nach oben brachte. Sie lernte von der Pike an, Modelle zu entwerfen und zu schneidern. „Das waren sieben Jahre harte Schule, aber sie haben mir den Grundstein für meinen Erfolg gelegt.“ Danach kam sie zu Fürstenberg, DIE Adresse für Lingerie in den 70er- und 80er-Jahren. In einem neuen Atelier in der Wiener Innenstadt kreierte Eva mit ihrem Team für das Unternehmen acht Jahre lang Luxus pur in Seide. 1981, als ihr Sohn Florian drei Jahre war, trennte sie sich von ihrem Ehemann. 1988 wählte sie zwischen vielen internationalen Jobangeboten den großen Schweizer Wäscheproduzenten Calida und zog mit Florian nach Luzern. „Ich habe hoch gepokert, ich wusste, ich muss gut verdienen, damit es meinem Sohn und mir gut geht.“ Dort bescherte sie dem Wäschehersteller in zehn Jahren fast eine Verdoppelung des Jahresumsatzes durch ihre kreativen Ideen. Sie galt als Grand Dame der Wäscheindustrie und setzte Kollektionen für viele bekannte Namen aus der Branche um.

 

Die Kreationen von Eva Hecht begeisterten zwei Jahrzehnte lang die Modewelt.

 


Von Spießbürgern und Qualität

Eine erfolgreiche Frau in den 90ern, alleinerziehend und ehrgeizig, mit Zielen im Fokus. Das zog nicht nur positive Reaktionen nach sich. Mobbing war durch einige Kolleg*innen an der Tagesordnung, doch Eva Hecht ließ sich nicht erschüttern. Sie wusste, was sie konnte, und durch den permanenten Erfolg erarbeitete sie sich den nötigen Respekt. „Natürlich waren meine entworfenen Kollektionen etwas Neues. Ich habe eigene Spitzen entwickelt. Einige Näherinnen hatten ihren Horror mit mir und meinten, das gehe nicht, das können sie nicht. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen aufstehen, habe mich an ihren Platz an die Nähmaschine gesetzt und ihnen gezeigt, dass und wie es geht.“ Auch wenn Eva mit dem Schweizer Volk bis zum Schluss nicht so richtig warm wurde, weiß sie die Qualitäten der Schweiz zu schätzen. „Die Schweizer sind ein Spießbürgervolk. Den Anspruch an Qualität und Ordnung teile ich mit ihnen. Ich konnte in den 20 Jahren in der Schweiz sehr viel an Erfahrung mitnehmen, jedoch menschlich sind sie sehr verschlossen und misstrauisch.“

Dessous
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Arbeitsskizzen aus den 80er- und 90er-Jahren. Eva Hecht kreierte für große Hersteller wie Schiesser, Hanro, Michel Jordi und Calida, mit Kampagnen unter anderem für Karl Lagerfeld und Wolfgang Joop, die sich des Öfteren persönlich bei ihr für ihre Kreationen bedankten.

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Als das Leben stoppte

Ein Schöngeist durch und durch sei sie, sagt sie über sich. Auch eine Perfektionistin. Der Job und die Jahre in der Schweiz haben sie geprägt. Nach vier Jahren bei den Eidgenossen heiratete sie ihren zweiten Mann, doch es war eine schwierige Ehe, die sie nach neun Jahren mit der Scheidung beenden wollte. Was dann passierte, hat Eva Hecht jegliches Leben entzogen. „Ich konnte nicht mehr kreieren, weder sprechen noch essen. Ich weiß, diese Kugel war für mich bestimmt – er wusste, mein Sohn bedeutet mir alles.“ Die Kugel traf ihren 23-jährigen Sohn Florian im Schlaf, danach richtete sich der Ehemann selbst. „Ich stand am Ende von allem, was sich Leben nannte. Es war lange Zeit Nacht um mich.“ Die sieben folgenden Jahre verbrachte Eva zwischen Trancezustand, Trauer und Todesgedanken. Sie lebte mit ihrer Hündin Maggie alleine, arbeitete zwischendurch zwar für einige Projekte und entwarf auch wieder Lingerie, aber nichts von alledem machte ihr Freude. Mit der großen Frage nach dem Warum hat sie sich oft beschäftigt, wollte verstehen, warum das ausgerechnet ihr passierte. „Das Leben wollte mich stoppen. Du bist nicht auf dieser Erde, um der Überflieger zu sein. Die Buddhisten sagen, Leben ist Leid. Und so ist es. Du hast Phasen, wo dich das Leben streichelt und du hast Phasen, wo du deinen Zoll bekommst. Je nachdem wie du diesen meisterst und aushältst, dementsprechend laufen die Dinge weiter. Ich habe dann Menschen gefunden, die mir ein anderes Verständnis gezeigt haben. Das hat mir geholfen, das auszuhalten. Zu begreifen gibt es nichts. Man kann nur lernen, damit zu leben.“ Im Jetzt leben. Einige Jahre später lernte sie im Internet ihren jetzigen Mann kennen, obwohl sie sich sicher war, nie wieder Nähe zulassen zu können. Lange Zeit gab es nur virtuelle Kommunikation. „Beim ersten realen Treffen sagte er zu mir: ‚Weißt du, vielleicht wurde ich in dein Leben geschickt, um dir die Hand zu reichen, damit du wieder in dieses Leben zurückfindest.‘ In so einer Tiefe hat noch nie ein Mensch mit mir gesprochen. Ab diesem Zeitpunkt waren wir unzertrennlich. Er ist die Liebe meines Lebens. Ich musste meinen Sohn geben, aber ich habe ihn bekommen. Du kannst die Zeit nicht zurückdrehen, sondern immer nur das leben, was gerade passiert.“


Neid und Missgunst

Von exquisiten Empfängen in Fürstenhäusern, luxuriösen Wohnorten, hohen Honoraren, vielen Geschäftsreisen bis hin zu Kooperationen mit einflussreichen Menschen und der Anerkennung einer ganzen Branche und darüber hinaus erkämpfte sich Eva Hecht über drei Jahrzehnte in der Seidenbranche einen Höhepunkt nach dem anderen. All das ist eine schöne Erinnerung an ein Leben in Fülle und Erfahrungen. Denn mit Neid und Missgunst kämpfte sie ihr Leben lang. „Ein spiritueller Freund hat einmal zu mir gesagt: ‚Eva, du musst achtgeben, bei dir werden Freunde schnell zu Feinden. Du weckst etwas in den Menschen, den Neid, das macht dich zur Zielscheibe.‘ Ich habe mich oft gefragt warum. Ich habe immer geholfen und gegeben, wo ich konnte. Worum kann man mich denn noch beneiden? Ich habe mein einziges Kind auf brutalste Weise verloren und bin danach fast selbst verreckt. Doch heute kann ich sagen, ich habe mit dem Leben und dem Schicksal meinen Frieden gefunden.“ Eva pendelt seit vier Jahren zwischen Salzburg, wo sie und ihr Mann ein Hörakustik-Unternehmen führen, und Deutschkreutz, wo sie seit 2016 ein kleines, aber fein eingerichtetes Häuschen am Ortsrand bewohnen. „Ich weiß, was man mit Einfluss erreichen kann – nicht immer nur Gutes, wie auch oft in der Welt zu sehen ist. Ich weiß nun auch, was es alles gibt, bleibe aber heute lieber in meinem bescheidenen kleinen Universum. Die Fülle meines Lebens und der schwere Schicksalsschlag haben mich geprägt. Heute genieße ich ein glückliches und zufriedenes Leben mit meinem Herzenspartner an meiner Seite.“

Impressionen
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Beim bewegenden Gespräch mit Chefredakteurin Nicole Schlaffer
sprach Eva Hecht erstmals öffentlich über ihre Geschichte.

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Eva Hecht mit ihrem Herzenspartner Dipl.-Ing. Ion Dutu

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Am Wiener Opernball zu Beginn der 80er-Jahre