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People | 16.11.2020

Abends gibt es immer eine Handgeschichte

Kommt Ihnen Marietta Gravogl bekannt vor? Sie war via TV-Schirm vermutlich schon öfter in Ihrem Wohnzimmer. Diesmal ließ die Gebärdensprachdolmetscherin uns in ihres und das ihrer Familie in Neusiedl am See.

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Kräuterfee. Einen Ausgleich zum anspruchsvollen „Kopfjob“ als Gebärdensprachdolmetscherin findet Marietta Gravogl in der Welt der Kräuter – das tut sie auch kund: via Insta-Blog „hyggelove.at“. © Vanessa Hartmann

Nein, Marietta Gravogl lernte nicht ihrem Mann zuliebe die Gebärdensprache. Das wäre auch schön, die wahre Geschichte ist noch schöner. Aus Interesse und Faszination hatte sie einen Lehrgang für visuelle Kommunikation und Gebärdensprache abgeschlossen. „Eine Sprache kannst du aber nur gut lernen, wenn du Kontakt mit der Community hast“, sagt sie. Also pilgert die damals 29-Jährige zu einem Club­abend des Wiener Gehörlosenvereins. Dort fühlt sie sich auf Anhieb so wohl, dass sie zur passionierten Wiederholungstäterin wird. „Das war immer schon so: Ich bin total gern in Gesellschaft, aber mir wird es schnell mal zu laut. Ich finde es entspannend, wenn es ruhig ist und man trotzdem alles sagen kann.“ Beim zweiten Clubabend lernt sie Florian kennen, Amor fackelt nicht lange, „die Chemie passte sofort“, lacht sie. „Es fühlte sich schnell so an, als wären wir schon ewig zusammen“, ergänzt Florian. So wie seine Eltern und seine Brüder ist auch er gehörlos, Marietta dolmetschte freundlicherweise auch beim BURGENLÄNDERIN-Interview. Nur wenige Monate später zieht er bei ihr ein, bald darauf hält er auf einer gemeinsamen Reise, in einem klirrend kalten finnischen See um ihre Hand an. „Ich hab’ mich immer gefragt, wie lang es dauern wird, bis sich dieses besonders Schöne verflüchtigt, das man anfangs hat. Aber das ist nie weggegangen“, sagt sie. Heute sind Florian und Marietta seit neun Jahren verheiratet und Eltern der zauberhaften jungen Damen Fanni, 3, und Charlotte, 6. Wir durften die Familie in Neusiedl am See besuchen.

 

Herzlich offen. Florian und Marietta mit Charlotte (auf Papas Schultern) und Fanni.

 


Haus am Land

Marietta wuchs im Mostviertel, in einem Dorf mit 80 Einwohner*innen auf, Florian in Wien. „Ich bin ein Wassersportler und kite urgern in Podersdorf. Ich wollte unbedingt ein Haus am Land, da hat Marietta ein Veto eingelegt“, verrät der Weltenbummler, der bislang 54 Länder bereiste. Die Wahl-Wienerin meinte, unerfüllbare Bedingungen zu stellen: Nur wenn Florian ein leistbares Grundstück in Bahnhofsnähe und in einer kleinen Stadt findet, wollte sie zustimmen. Kaum zwei Wochen später triumphiert er mit einem Inserat; die Abendsonne inszeniert bei der Besichtigung eine magische Stimmung „und auf einem Feld in der Nähe stehen ganz kitschig ein Hirsch und ein Reh – da hab’ auch ich nicht mehr gezweifelt“, sagt Marietta. Seit nunmehr sieben Jahren lebt das Paar in Neusiedl am See, „Fanni und Charlotte sind somit echte Burgenländerinnen“. Die Mädchen sind hörend; Charlotte präsentiert uns sofort ein entzückendes, selbstgezeichnetes Willkommensgeschenk, Fanni wirbelt mit ihrem kuscheligen Einhorn durchs Wohnzimmer. Doch wenn die Kinder mit ihrem Vater reden, werden sie ruhig, sehen ihm in die Augen und gebärden. „Die Babyzeit war super, weil Kinder schon total früh – viel früher als reden – gebärden können. Charlotte und Fanni haben mit acht Monaten angefangen“, beschreibt Florian. „Wenn sich Kinder so früh ausdrücken können, erleben sie weniger Frustration; es gibt sogar Kurse für Hörende, um die Eltern-Kind-Kommunikation zu erleichtern.“ Schwierig war hingegen leider die erste Geburt für das Paar. Aufgrund ihrer Beckenendlage sollte Charlotte mit Kaiserschnitt auf die Welt kommen. Doch hatten es alle Beteiligten verabsäumt, die OP-Situation im Detail zu besprechen. „Es war schlimm: Ich musste eine Maske tragen“, sagt Florian, „und ich wurde an den Händen fixiert“, ergänzt Marietta. Dem Paar, das sich ausschließlich über Gebärdensprache, mit Händen und Mimik verständigt, blieb damit jegliche Kommunikation verwehrt. Als auch drei Jahre später bei Fanni zum Kaiserschnitt geraten wird, „hab’ ich sofort gesagt, dass das nur geht, wenn ich meine Hände frei habe. Die zweite Geburt hat mich dann zum Glück mit der ersten versöhnt.“

 

"Ich finde es entspannend, wenn es ruhig ist und man trotzdem alles sagen kann.", Marietta Gravogl



Erste Fremdsprache Deutsch

Die positive Ausstrahlung der beiden und ihre herzliche Offenheit vermögen ein bisschen darüber hinwegzutäuschen, welche Hürden es für Gehörlose und Gehörbeeinträchtigte zu nehmen gilt. Das beginnt schon bei der eingeschränkten Auswahl an Bildungsmöglichkeiten und reicht bis hin zum Fehlen von Dolmetscher*innen für TV-Sendungen, erklärt Florian: „Man vergisst, dass für uns Deutsch die erste Fremdsprache ist und einigen somit schon das sinnerfassende Lesen von Untertiteln schwerfällt.“ Auch ihr Beziehungsstart barg Herausforderungen. „Zwischen uns war es unkompliziert“, sagt er. „Die große Umstellung war für mich, durch Marietta plötzlich so viel Kontakt zur hörenden Community zu haben.“ Sie musste hingegen lernen, dass man je nach Gruppe und Thema zwischen verschiedenen Sprachregistern switchen muss. „Mein Gebärdensprach-Wortschatz ist explodiert; das war in der ersten Zeit anstrengend, ich hab’ Kopfweh bekommen.“ Umgekehrt ist das Paar berührt, mit welcher Offenheit man ihnen in Neusiedl am See begegnet. „Im Laufe der Jahre haben sich Freundschaften entwickelt, viele haben eigens Gebärdensprach-Kurse besucht“, sagt Marietta. Zu ihnen zählen etwa die Kindergartenpädagogin und die Amtsleiterin, die mit ihrem Ehrgeiz auch weitere Kolleg*innen ansteckte. Florian arbeitete übrigens nach erfolgreicher Gesellenprüfung als Elek­triker, ehe er eine Abendschule mit Fokus auf Filmproduktion besuchte. Seit Jahren ist die historische Dokumentation beim Gehörlosenverein Wien sein Baby; er recherchiert, führt Interviews, dreht und schneidet Videos. Marietta schloss nach dem Lehrgang für visuelle Kommunikation und Gebärdensprache die anspruchsvolle Gebärdensprachdolmetscher*in-Ausbildung ab und machte sich selbstständig. Sie übersetzt etwa an Schulen und Unis, die burgenländischen Landtagssitzungen und für das Sozialministerium und ist stets gut ausgelastet.

 

 

Bis Corona kam. Alles wurde abgesagt, Mariettas Kalender leerte sich mit einem Schlag. Was sie aber im ersten Moment noch mehr bewegte: „Da war die Krise und Florian ist vor dem Fernseher, vor den Pressekonferenzen gesessen und hat genau null Information in Echtzeit bekommen. Nicht untertitelt, nicht gedolmetscht. Er musste ein paar Stunden warten, bis er online nachlesen konnte. Das ist mir so arg eingefahren“, beschreibt Marietta. In Österreich gibt es rund 500.000 Personen, die gehörlos sind oder eine Gehörbeeinträchtigung haben. „Das hat mich so aufgeregt. In der UN-Konvention steht, dass barrierefreier Zugang zu Information und Kommunikation gewährleistet sein muss, aber es wird nicht umgesetzt“, sagt Florian. Er wurde via Twitter aktiv, Marietta mobilisierte in ihren Wiener Kreisen. Mit Erfolg. Wenig später kommt eine Kontaktaufnahme vom Bundeskanzleramt, freundlich entschuldigend. Marietta Gravogl wird ins Boot geholt, von da an dolmetscht sie – gemeinsam mit Kolleg*innen – simultan sämtliche Pressekonferenzen. „Die Community hofft, dass das über Corona hinaus bleibt. Seit ich die Landtagssitzung im Burgenland dolmetsche, bekomme ich Briefe aus der Steiermark und Tirol; die Leute schauen sich das an, weil es ein politisches Angebot in ÖGS (Österreichische Gebärdensprache, Anm.) ist. Die Wichtigkeit unterschätzt man leider noch immer.“

 

 


Kräuterkraft

Für eine Durchmischung der Communitys in entspanntem Rahmen engagiert sich Marietta Gravogl auch mit ihrer duftenden Passion. In den vergangenen Jahren grub sie das am Mostviertler Bauernhof von Mama erlernte Wissen über Kräuter aus und stockte es mit aktuellem auf. „Ich hab’ Wien genossen, hier hab’ ich aber wieder entdeckt, was man mit den Schätzen draußen alles machen kann.“ Ihre Begeisterung teilt sie via Instagram-Blog „hyggelove.at“ (siehe Info) – und initiierte kürzlich einen Workshop für Hörende und Gehörlose. Die Premiere klappt auf Anhieb, demnächst sollen weitere, bald auch für Kinder, folgen. Apropos Kinder – und damit der Titel dieses Artikels endlich aufgelöst wird: Wenn Mama Marietta ein Buch vorlas und Papa am nächsten Tag die gleiche Gutenachtgeschichte in Gebärdensprache vortrug, reklamierte die junge Generation im Hause Gravogl. So steckte sich Florian ein ambitioniertes Ziel: Er lässt sich jeden Abend eine lustige Story einfallen, die er für seine begeisterten Mädels zum Besten gibt: eine Handgeschichte.

Plaudern mit Papa
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Plaudern mit Papa.

Charlotte (l.) und Fanni begannen mit acht Monaten zu gebärden.

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Der Insta-Blog: hyggelove.at

 

 

Impressionen & Inspirationen. Der Begriff Hygge kommt aus Dänemark und steht laut Duden für Gemütlichkeit, Heimeligkeit als Lebensprinzip. Unter „hyggelove.at“ startete Marietta Gravogl ihren Instagram-Blog. Dort findet man nicht nur schöne Bilder, sondern auch viele Ideen und nützliches Wissen über Kräuter und Co. Zuletzt hielt sie mit Freundin und Gebärdensprachdolmetscherin Anna Reiter einen Workshop für Hörende und Gehörlose; gezaubert wurden etwa Hustenzuckerl, Schnupfen- und Lippenherpes-Balsam.

Weitere Workshops folgen, Infos via Instagram-Account „hyggelove.at“ oder man kontaktiert Marietta Gravogl: 0660/340 86 36 oder [email protected] (www.hyggelove.at).