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People | 19.11.2020

Bemerkenswert offen

Anfangs war das Schreiben ihr Refugium, heute ist es ihr Sprachrohr. Jaqueline Scheiber gewährt Einblicke in ein Leben voller Schicksalsschläge und bricht Tabus. Rund 34.000 Menschen folgen ihr.

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Jaqueline Schreiber © Vanessa Hartmann

In ihrer Lieblingsbuchhandlung treffen wir sie zum Fotografieren, den heißen Kakao trinkt sie danach beim Interview im charmanten Lokal namens „franzundjulius“ nebenan. Wenngleich ihr Herz auch parallel für die Sozialarbeit schlägt, in diesem kreativen Universum fühlt sich die im Bezirk Mattersburg aufgewachsene Autorin Jaqueline Scheiber angekommen. Und sie ist es auch. Auf einem hohen Tisch im Herzen des üppig ausgestatteten „Buchkontor“ im 15. Wiener Gemeindebezirk liegt ein schöner Stapel druckfrischer Bücher, die ihren Namen tragen. In ihrem Werk „Offenheit“ verwebt Jaqueline Scheiber Biografisches mit starken philosophischen Erkenntnissen und bietet damit viel Stoff zum Reflektieren. Zuallererst über uns selbst.


BURGENLÄNDERIN: Du hast 2010 mit einem Blog angefangen; da wussten viele noch nicht einmal, was das ist. Was war dein Antrieb?

Jaqueline Scheiber: Ich hab’ gern geschrieben und wollte mich anonym ausprobieren. Selbst meine Freundinnen durften das nicht wissen. Ich hab’ damals schon mit Depressionen zu kämpfen gehabt, mich aber in dieser Community wohlgefühlt. Meine ersten Einträge waren Gedichte.

 

"Manche würden das Erfolg nennen, ich nenne das Sitzfleisch.", Jaqueline Scheiber


Wie waren die Reaktionen?

Überwältigend. Ich habe in dieser Blog-Blase viel Anerkennung bekommen, selbst Kritik wurde dort wertschätzend formuliert. Eine gute Freundin, die heute Lyrikerin ist, habe ich dort kennengelernt; es war ein gemeinsamer Anfang, ein gemeinsames Aufwachsen.
Du hast 2012 sogar dein erstes Buch veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Das war der Cut. Das Buch ist zwar unter dem Pseudonym Minusgold erschienen, trotzdem war es für mich ein Schritt, mich zum Schreiben zu bekennen. Ich hab’ ganz naiv zwei, drei Verlage erfolglos angefragt, dann habe ich’s mit der Hilfe einer Freundin, die Grafik studierte, selbst herausgegeben; 700 Stück konnte ich verkaufen, das war schon cool. Natürlich hatte ich damals ein anderes Niveau, aber für mein 19-jähriges Ich war das schon okay (lacht).

Diesmal trat Kremayr & Scheriau an dich heran. Du beschreibst in deinem Buch auch eine Utopie von einer besseren Welt. Was braucht es dazu?

Offenheit. Meine Utopie ist, dass die Menschen in ihrem Dasein, ihrer Individualität und ihren Eigenheiten sich repräsentiert fühlen und uneingeschränkt ihr Leben gestalten können. Ich wünsche mir, dass psychische Erkrankungen entstigmatisiert werden, man mit Trauer offener umgehen kann, man sich für die Vielfalt der Körperbauten und der Liebe öffnet. Es geht nicht um ein blumiges Miteinander, sondern um eine Grundakzeptanz für unterschiedliche Wege.

Du bist Anhängerin der Body-Neu­trality-Strömung. Was bedeutet das?

Das wurde aus der Body-Positivity-Bewegung abgeleitet; hier geht es darum, den Körper als Werkzeug wahrzunehmen: Man schreibt ihm keine Bewertungen zu, weder schön noch hässlich. Das schließt ein ästhetisches Empfinden nicht aus, ich richte mich auch gern schön her. Body Neutrality gibt einem die Freiheit zu sagen: Heute fühl ich mich schiach oder schön, aber ich bin nicht gezwungen, allem eine positive Note zuzuschreiben.

Du liebst deinen Job als Sozialarbeiterin. Das fordert aber auch viel …

… und holt mich immer wieder auf den Boden der Realität zurück. Ich bin teilweise in einer Kunstblase unterwegs, umgeben von Künstler*innen. Wenn ich in der Arbeit bin und mir Frauen erzählen, wie es ist, von Wohnungslosigkeit betroffen oder mit drei Kindern alleinerziehend zu sein, dann wird mir immer bewusst: Das ist die eigentliche Welt.

Deine Eltern trennten sich früh, du und deine Mutter, ihr habt das selbst erlebt …

Ja und meine Mutter hat keinen Tag in ihrem Leben daran gezweifelt, dass es irgendwann anders wird; sie sollte recht behalten – auch für sich. Meine Kindheit war herausfordernd. Ich habe es irgendwann zusammengezählt: Wir sind 23 Mal umgezogen, wenn auch oft innerhalb des Bezirkes.

Impressionen
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Tattoo-Fan. „Es entspricht meiner Ästhetik und meiner Selbstbestimmung, meinen Körper so zu verändern, wie er mir gefällt“, sagt Jaqueline Scheiber. Manche Motive sollen sie etwa an wichtige Ereignisse in ihrem Leben erinnern.

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Hast du je protestiert?

Ja, schon im Kindegarten. Ich war immer die Neue, war nirgendwo integriert; vor allem im Jugendalter hatte ich eine tiefe Sehnsucht, an einem Ort bleiben zu wollen. Als mein damaliger Partner dann in meiner Wohnung verstorben ist, war das neben der Tatsache, dass er gestorben ist, sehr schlimm, dass mein Zuhause wieder weg war. Ich konnte nicht mehr in diese Wohnung zurück.

Wie hat dich deine Kindheit geprägt?

Es gab Situationen, die ein Kind nicht miterleben sollte, vor denen mich meine Mama, die selbst sehr jung war, nicht bewahren konnte. Finanzielle Probleme hat sie früh mit mir geteilt; ich wusste, wann ich keine Wünsche äußern sollte.
Ich war auch viel allein; so ist das mit dem Schreiben entstanden. Aber obwohl ich so viel Abwesenheit erlebte, habe ich eine irrsinnig enge Beziehung zu meiner Mutter.Wenn es um meine Schulbildung ging, hat meine Mutter keine Kompromisse gemacht. Ich bin die erste in der Familie, die eine Matura hat, geschweige denn ein abgeschlossenes Studium.

In deinem Buch beschreibst du viele starke Kämpferinnen in deiner Familie. Machte dir das auch Druck?

Der Zusammenhalt war sehr stark; aber es hieß auch: Das Leben ist hart, aber wir schaffen das. Dass ich Depressionen hatte und auch stationär behandelt wurde, konnten sie nicht nachvollziehen. Großen Respekt habe ich für meine Mutter; sie ist mit mir gemeinsam gewachsen, hat auch mit dem Tod von meinem Freund dazugelernt. Sie sagt heute nicht: „Kopf hoch!“ Sie fragt: „Kann ich dich unterstützen? Soll ich vorbeikommen?“

Du lebst mit einer bipolaren Erkrankung. Wie beeinflusst das dein Leben?

Ich hab’ die Diagnose letztes Jahr erhalten. Dem ging voran, dass ich eine hypomane Phase, eine Vorstufe zu Manie, erlebt habe: Ich habe viel gearbeitet, bin ausgegangen, habe kaum geschlafen; da waren keine Grenzen mehr. Mit Stichtag 1. Juli bin ich dann total lahmgelegt worden. Ich war nicht traurig, ich war auf einem völligen Nullton. Ich konnte mich nicht bewegen, ich war leer, hatte Sprach- und Konzentrationsschwierigkeiten. Ich kam zu einem guten Psychiater, der mir erklärte, dass meine bipolare Störung eine chronische Erkrankung ist. Heute bin ich medikamentös eingestellt; ich hab’ ab und an Einbrüche, aber es bewegt sich in einem normalen Rahmen.

 

"So heilsam Authentizität sein kann, so tückisch ist die Last der Bewertung durch andere.", Jaqueline Scheiber

 

Du warst Anfang 20, als dein Freund plötzlich an Lungenembolie starb …

Das war unbegreiflich, ich finde bis heute keine Worte dafür. Ich musste zur Arbeit und ich konnte ihn nicht wecken. Im Krankenhaus habe ich dann erfahren, dass er bereits seit Stunden tot war. Ich habe gut drei Jahre gebraucht, um jeden Aspekt der Trauer begreifen zu können; ich kämpfte lange mit Angstzuständen.

Wieso hast du beschlossen, mit deiner Trauer öffentlich umzugehen?

Das Schreiben half, so habe ich das immer gemacht: Ich habe es formuliert und auf eine Bühne gestellt. Also habe ich einen Instagram-Post verfasst, aus dem eine Art Trauertagebuch entstanden ist. Ich war überwältigt von den Reaktionen. Dann kam aber die mediale Aufmerksamkeit. Ich habe viele Sachen abgelehnt und fünf Monate nach Felix’ Tod das erste Interview angenommen. Ich war hin- und hergerissen. Einerseits habe ich realisiert, dass meine Offenheit, mit der Trauer umzugehen, eine positive Auswirkung auf Menschen hat. Aber andererseits hatte ich Angst vor dem Ausgesetztsein und auch schlechte Erfahrungen gemacht.

Schließlich warst du auch sehr jung …

Ja, und naiv. In den letzten Jahren habe ich versucht, es rückgängig zu machen, das Gesicht junger Trauer zu sein. Es war schwierig, auf einen Punkt festgenagelt zu werden, von dem man sich ja auch weiterbewegt. Umso großartiger war es, als sich die Selbsthilfegruppe „Young Widow_ers Dinner Club Wien“ formiert hat (sie ist Mitbegründerin, Anm.), weil wir heute als Expert*innen Auskunft zu Trauer geben können und nicht mehr als individuelle Geschichten im Vordergrund stehen.

Unter deinen Posts steht viel Schönes, aber vereinzelt Unschönes. Wie geht es dir damit?

Manchmal ärgert es mich, manchmal trifft es mich, meistens tangiert mich das nicht, weil ich mich nicht so sehr auf die Rückmeldungen stütze. Natürlich wäre es unsinnig zu sagen, dass man völlig befreit ist davon, was mit einer Erwartungshaltung von 34.000 Menschen einhergeht. Aber: Ich wähle nicht danach aus, was gut ankommt, sondern was ich gerade wirklich sagen will.

Wie geht es dir mit der Bezeichnung Influencerin?

(Lacht) Nicht so gut. Es heißt jetzt manchmal: die Influencerin, die ein Buch geschrieben hat. Ich definiere mich aber andersrum. Für mich stand immer das Schreiben im Vordergrund und es hat einen langen Weg gebraucht, bis ich das Selbstbewusstsein erlangt habe, mich Autorin zu nennen. Diese Werbedeals, so wie sie auch eine Filmproduktion hat, mache ich ab und an, um meinen Lebensunterhalt zusätzlich zu sichern, damit ich kreativ arbeiten kann.

Wie siehst du deine Zukunft?

Ich habe heuer den Mut gefasst, dem weiter nachzugehen, wozu ich mich immer schon berufen gefühlt habe. Ein Tag in der Woche gehört nun dem Schreiben, aber die soziale Arbeit bleibt weiter wichtig; sie gibt mir auch Sicherheit. Und wenn ich oft Zukunftsängste habe, schaue ich zurück und denke mir: Ich habe mich immer durchgewurschtelt, es kann fast nichts mehr kommen, das mich komplett aus der Bahn wirft.

 

Vertieft. Jaqueline Scheiber im Gespräch mit Viktória Kery-Erdélyi

 


Kurzbio & Lesung

Jaqueline Scheiber wurde 1993 geboren, ihre Eltern – ihre Mutter ist gebürtige Ungarin, ihr Vater Wiener – trennten sich früh; sie wuchs bei ihrer Mutter im Bezirk Mattersburg auf und verbrachte viel Zeit bei ihrer Familie in Ungarn, sodass sie auch fließend Ungarisch spricht. Mit 16 Jahren begann sie unter dem Pseudonym Minusgold ihre Texte zu veröffentlichen; heute trägt ihr Instagram-Account denselben Namen. Dort fokussiert sie gesellschaftskritische Themen, oft mit feministischem Background. Derzeit hat sie rund 34.000 Follower. Sie ist Mitbegründerin der Selbsthilfegruppe „Young Widow_ers Dinner Club“ (für junge Trauernde), Kolumnistin beim Online-Magazin „Bam!“ und Sozialarbeiterin.

www.minusgold.com

Aus „Offenheit“, ihrem aktuellem Buch (Kremayr & Scheriau, € 18), liest Jaqueline Scheiber am 13. November um 19 Uhr im „Buchkontor“ (Kriemhieldplatz 1, Wien, www.buchkontor.at).