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People | 24.11.2020

„Die Geige war wie eine Puppe für mich“

Als Solistin spielte Bojidara Kouzmanova-Vladar mit namhaften Ensembles rund um den Erdball, führte eigens für sie komponierte Stücke auf und berührte viele Tausende Menschen. Im Burgenland hat sie nun ihre Heimat gefunden.

Es war eine durchgetaktete Woche – Konzerte auf der ganzen Welt, CD-Aufnahmen, die viele Reisen mit sich brachten. Dann kam Corona und veränderte alles. Die Geigerin Bojidara Kouzmanova-Vladar verlegte in dieser Zeit ihren Lebensmittelpunkt ins Burgenland und ist gekommen, um zu bleiben. Die Violine nährt ihre Seele und dieses Gefühl möchte die 43-Jährige vom Burgenland in die Welt hinaustragen.


Sie sind in Bulgarien geboren – wie kamen Sie nach Österreich?

Das war vor 24 Jahren, ich war 19. Wien war damals – wie auch heute – das Zentrum der Musik für mich. Ich hatte zwar ein Stipendium für eine gute Uni in den USA, entschied mich jedoch dagegen, weil es mich nicht interessiert, in so einer Umgebung zu lernen. Wien ist die einzige Großstadt, die Kultur, Geschichte, Theater und Musik für mich vereint. Und obwohl ich die Sprache nicht konnte und kein Geld hatte, bin ich nach Wien gegangen (lacht). Es war ein sehr schwerer Weg. Wenn ich schon vorher gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich Angst gehabt. Aber es hat sich ausgezahlt.


Sie haben zahlreiche internationale Wettbewerbe gewonnen und sind um die halbe Welt gereist bzw. haben sie bespielt. Wie hat Ihr Alltag ausgesehen?

Ich war sehr viel unterwegs, aber nicht lange am Stück. Wenn mein Mann mit dem Orchester (Anm.: Wolfgang Vladar, Hornist bei den Wiener Philharmonikern) reist, ist er immer gleich zwei bis drei Wochen weg. Meine Reisen sind kürzer, dafür öfter, rund zwei Mal die Woche für 1 bis 2 Nächte. Ich habe im Jahr 60 bis 70 Konzerte gespielt, mit den dazugehörigen Proben, meiner Familie und meiner Funktion als Lehrerin an der Bach-Musikschule in Wien hatte ich mehr als genug zu tun. Doch dann kam der März 2020 …


Wie ist es für eine Künstlerin, von einem Tag auf den anderen nicht mehr auftreten zu können? Wie haben Sie die Zeit verarbeitet und was ist davon zurückgeblieben?

Es war erschreckend, wie groß der Eingriff in unser tägliches Leben von einem Tag auf den anderen sein kann. Ich komme aus einem kommunistischen Land, der Lockdown hat mich sehr daran erinnert – wenn du etwas, was du möchtest und normalerweise machst, plötzlich nicht mehr machen darfst. Natürlich habe ich es freiwillig gemacht, ich bin ja ein vernünftiger Mensch und möchte niemanden gefährden. Ich war aber trotzdem erstaunt, dass man gesagt bekommt, wir dürfen nicht mehr arbeiten, bekommen kein Geld mehr dafür – und wir haben alle gesagt: „Okay, machen wir“. Das war so eine absurde Situation.


Welches Fazit haben Sie als Künstlerin aus dem Lockdown gezogen?

Kunst ist für mich Seelennahrung. Wenn wir sie nicht haben, nützt uns der ganze Luxus und Schnickschnack nichts, denn wenn die Seele des Menschen nicht gefüttert wird – was machen wir dann überhaupt noch hier? Ich wurde darin bestärkt, wie wichtig Kunst und Musik sind. Ich habe gesehen, wie ausgehungert die Leute waren, als wir dann wieder gespielt haben, der Kontakt zum Publikum hat mich sehr berührt. Von der Politik bin ich unglaublich enttäuscht, wie die Kunst abgeschmettert wird, wie etwas, das eine nette Zugabe ist, aber eigentlich nicht notwendig. Ich finde das entsetzlich. Ich habe mich gefragt: Will ich in 30 Jahren von einer Generation regiert werden, die ohne Kunst – also ohne Musik, Theater, Literatur und Poesie – aufgewachsen ist? Nein, danke!

 

Impressionen

Immerhin haben Sie in dieser Zeit gänzlich Ihre Liebe zum Burgenland entdeckt und sich dafür entschieden …

Ja, das ist richtig. Es war ein Segen für uns, dieses Haus in Neckenmarkt schon seit vier Jahren zu haben. Wir waren hier, sooft wir konnten. Aber mit dem Lockdown haben wir dann sofort all unsere Sachen gepackt und waren drei Monate durchgehend hier. In dieser Zeit haben wir festgestellt, wie sehr uns diese Ruhe, die gute Luft, das fantastische Essen hier fehlen würde, wenn wir wieder nach Wien ziehen. Hier ist alles langsamer, freundlicher, persönlicher. Unser Sohn Daniel (Anm.: 7 Jahre) hat sich hier sehr gut eingelebt – er liebt die Schule und die Menschen hier. Zuerst hatte ich Angst davor, aber ich war überrascht, wie leicht es für ihn war. Das Lehrpersonal ist fantastisch, die Leute grüßen auf der Straße und man spricht miteinander. Wir fühlen uns hier rundum wohl.


Haben Sie deshalb auch die Konzertreihe „Edler Klang und feine Weine“ ins Leben gerufen?

Ja, Neckenmarkt liegt mir sehr am Herzen, ich habe mich in diesen Fleck Erde verliebt. Die Corona-Situation hat meine Pläne leider vereitelt, aber ich bin zuversichtlich, dass wir nächstes Jahr dort weitermachen können, wo wir aufgehört haben.


Was fasziniert Sie an Musik? Was muss ein Musikstück können, damit es Sie berührt?

Es muss ehrlich sein, etwas bewirken. Wenn ich es höre, muss es etwas in mir auslösen. Erst später kommt das Gefühl, ob es mir gefällt oder nicht. Zunächst muss es eine Reaktion hervorrufen, mehr als nur berieseln können.


Ihre Liebe zur Geige entdeckten Sie bereits mit 4 Jahren. Wie kam es dazu?

Meine Eltern haben mein musikalisches Talent früh erkannt und mich für eine der größten nationalen Musikschulen (Anm.: Ljubomir Pipkov in Sofia) angemeldet. Mit vier Jahren habe ich die Prüfung dort gemacht und wurde genommen. Zuerst wollten sie, dass ich Klavier lerne, doch mein Lehrer hat mich damals zur Geige gebracht. Gott sei Dank – ich wäre keine gute Pianistin geworden (lacht). Die Geige war zuerst wie eine Puppe für mich, die dann wie ein Teil von mir wurde, in meiner Fantasie war sie etwas Lebendiges. Ich kann mich noch an den Satz erinnern: „Du schaust wie ein Menschlein aus, aber erst mit der Musik beginnt deine Seele zu schwingen.“ Die Geige ist ein faszinierendes Instrument. Das kleine Stück Holz in der Geige – auf Deutsch hat es leider den unromantischen Namen Stimmstock, auf Bulgarisch heißt es Seele – ist der wichtigste Teil. Es überträgt die Schwingung der Decke zum Boden und dieser befördert sie durch die F-Löcher wieder hinaus. Ich habe viele Stradivaris und Guarneris bespielt, die mehrere Millionen Euro Wert sind und über 200 Jahre alt. Das war wie unglaubliche Affären – ich war so verliebt in diese Instrumente, konnte nicht mehr essen und schlafen, war nervös und aufgekratzt, voller Energie, wenn ich eine dieser Geigen bespielte.


Apropos Liebe – wie haben Sie Ihren Mann (Wolfgang Vladar, Hornist, Wiener Philharmoniker, Anm.) kennengelernt?

Das war bei einer Probe in der Oper. Es war das einzige Mal, dass mein Mann mit diesem Ensemble ein modernes Stück gespielt hat, das kam davor und danach nie wieder vor. Er sagt, er hat mich schon zwei Wochen lange beobachtet, ich habe ihn nicht bemerkt. Nachdem ich ihn jedoch „gehört“ habe, wollte ich ihn kennenlernen. Sein Klang auf dem Horn ist wunderschön, wie fließendes Gold, unaufdringlich und warm. Als er mich nach einem Konzert auf seinem Motorrad nach Hause gebracht hat, war es um mich geschehen. Ich liebe Motorräder und Geschwindigkeit. Der Altersunterschied von 14 Jahren war plötzlich unwichtig (lacht).


Was haben Sie nun für die Zukunft geplant?

Es waren viele Reisen und CD-Aufnahmen in den USA geplant. Corona hat das alles nun verändert. Die Welt hat sich verkleinert, es wird vieles persönlicher, regionaler, maximal auf Europa beschränkt. Ich möchte mich persönlich bei meinen Projekten stärker einbringen und arbeite jetzt mit verschiedenen Menschen intensiver zusammen und auf kleinere Projekte hin. Das ist anders als bisher, aber auch sehr erfüllend.

 

Nächstes geplantes Konzert im Burgenland: 2. Juni 2021, Weingut Lang, Neckenmarkt


www.edlerklangundfeineweine.com

www.kreislertriowien.weebly.com