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People | 12.12.2020

Das war’s noch lange nicht

Aus Schuberts „Winterreise“ macht Clara Frühstück Popsongs, im Musikverein erforscht sie das Klavier im Ganzkörperanzug. Den Mut gibt’s nicht geschenkt.

Frühstück mit Seife“: ein Konzert mit dem „Frühstück Trio“ und der Sängerin und Komponistin Anja Plaschg („Soap & Skin“). Ich konnte den Abend im Musikverein im November kaum erwarten. Nur wenige Tage vorher fand das BURGENLÄNDERIN-Interview mit der Pianistin und leidenschaftlichen Performance-Künstlerin aus Horitschon in ihrer Wiener Wohnung statt. Dort, wo ihr schwarzer Hengst steht, wie sie ihr Klavier nennt. Dort, wo sie kurz zuvor mit dem Popmusiker Oliver Welter („Naked Lunch“) arbeitete. Die Zeit raste während des Gesprächs dahin, die Luft vibrierte von der Euphorie der Künstlerin für die vielen bevorstehenden Kooperationen mit Kolleg*innen.


BURGENLÄNDERIN: 2017 markiert einen Wendepunkt in deiner Bio. Du hast dein Spektrum mit „Oh Magic“ von und mit dem Performance-Künstler Simon Mayer erweitert und verlässt seither oft den Klavierhocker. Was ist passiert?

Clara Frühstück: Ich hatte das schon lange in mir, dass ich nicht ausschließlich Konzerte spielen will. Ich hab’ nur nicht gewusst, wie man das nennt. Für meine Masterarbeit habe ich Geld aufgestellt, mit der Landesgalerie kooperiert, Bilder einer Ausstellung von einem Komponisten bearbeiten lassen und mit Elektronik, Visuals und Live-Malerei gearbeitet.
Simon Mayer hat mir die Rutsche gelegt, dass ich sehe, wohin ich gehöre. Er hat gesagt: „Clara, improvisiere, wir schauen dir zu.“ Was sollte ich als klassische Pianistin improvisieren? Ich bin aufs Klavier gesprungen und über die Tasten gegangen (lacht). Er war überrascht und begeistert: „Ich will sehen, was noch in dir schlummert. Es gibt keine Fehler.“ Zwei Jahre intensive Arbeit an einem Stück („Oh Magic“, Anm.) und an mir selbst haben mich sehr geprägt und gestärkt. Ich habe Konzertfach studiert und bin und bleibe voller Ehrfurcht vor dem, was ich gelernt habe. Für mich tauchten aber irgendwann Fragen auf wie: Wie kann man das wunderbare Material weiterdenken? Wie löse ich mich von der Angst, Fehler zu machen?

Manche hören mit dem Studium auf, weil es sie einengt …

Daran habe ich nicht gedacht und ich wollte immer alles auf der Bühne geben, aber es sind auch Fehler passiert und ich bin dafür angeklagt worden. Dann habe ich angefangen zu nähen und war knapp davor, die Musik hinzuschmeißen.

… weil dich der Druck so zermürbt hat?

Ich hatte das Gefühl, dass meine Eigenständigkeit nicht geschätzt wurde. Es hieß, ich schieße übers Ziel hinaus, warum ich fortissimo spiele, wenn forte dasteht. Dabei hab’ ich es cool gefunden, wenn jemand auf der Bühne sein Ding macht. Es hieß immer üben, üben, üben, aber warum Liszt ein bestimmtes Stück geschrieben hat, war kein Thema. Bei meinem aktuellen Beethoven-Projekt beschäftige ich mich nicht nur mit seinen Sonaten, sondern mit der Person, wann es mit der Schwerhörigkeit losging und was er zu dieser Zeit komponierte.

Wie beschreibst du „Oh Magic“? Oder salopp gefragt: Was habt ihr zwei Jahre lang gemacht?

Es war ein Ausloten davon, was mit dem Klavier alles geht, wie weit ich gehen kann. Für mich war es neu, auch als Tänzerin (teilweise nackt, Anm.) dabei zu sein. Ich habe mit meinem ganzen Körper Klavier gespielt. Dieser Schritt, sich über klassische Spieltechniken hinwegzudenken, war eine Herausforderung, aber ich war in einer Crew, die mich motiviert hat.

Ihr wart viel im Ausland mit der Show, gab es kulturell unterschiedliche Reaktionen?

Ja, total. Einer der schönsten Auftritte war in der Ukraine bei einem Festival. Man hatte uns in ein Theater eingeladen, wo die Struktur, die wir gebraucht haben, zunächst nicht da war. Also haben sie aus anderen Häusern alles zusammengekratzt: den Tanzboden, die Lichter, das Klavier wurde extra aus Wien hintransportiert. 800 hätten reingepasst, dann haben sie weitere Leute in die Zwischengänge – das war vor Corona – reingelassen, die Bude war bummvoll. Die Leute sind aufgesprungen, haben gejubelt. Letztes Jahr hat mich jemand von damals bei den Musiktheatertagen in Wien angesprochen: „Are you Clara Frühstück? You changed my life completely.“ – „Oh Magic“ hat mir sehr gut getan, es war befreiend. Nicht dass ich nicht noch immer Zweifel hätte, aber es hat mich in die richtige Bahn geleitet.

Wie gehst du mit Zweifeln um?

Die hat man jeden Tag, einmal in der Woche will ich alles hinschmeißen (lacht). Ich bin oft ungeduldig. Aber anscheinend habe ich einen Drang, der mich immer wieder motiviert. Es passieren viele gute Sachen, tolle Kooperationen wie die „Winterreise“ mit Oliver Welter oder „Frühstück mit Schmalz“, bei dem ich mit Ferdinand Schmalz Literatur und Musik verschmelzen lasse. Ich wünschte, Schubladen wären unwichtig. Musikvermittlung muss neue Wege finden, wenn Konzerthäuser wollen, dass junges Publikum nachrückt. Wir haben das Geschenk, dass wir so viel gute Musik haben: Haydn, Beethoven, Liszt, Mozart. Wenn ein kreativer Geist sagt: „Das ist eine super Mucke, aber aus dem einen Teil mache ich etwas Neues.“ – Warum ist das schlecht?

Apropos: Der Musikverein lud dich als Komponistin ein …

Ich hab’ sofort gesagt: „Sie wissen, dass ich nicht Komposition studiert habe?!“ Ich hab’ mein Konzept geschickt und gesagt, dass ich stark aus der Performance komme, und die Antwort war: „Super, wir freuen uns darauf.“ – Das kommt im März im Wiener Musikverein und es wird sehr speziell: eine Performance, die sowohl im Konzerthaus, in Theatern, aber auch in Clubs funktionieren kann.

Was wird passieren?

Mit dem Titel „Schwarzer Pilot / unravel_positions“ erarbeite ich eine choreografische „Minimal-Metal-Techno-Komposition“ für meinen Körper. Ich werfe die Konventionen des klassischen Klavierspiels über Bord und breche mit dem Ritual, das Klavier mit den Fingern auf den Tasten zu bespielen. Ich entwickle neue Spieltechniken, verändere meine Position, involviere meinen ganzen Körper und das ganze Instrument. Das geht so weit, dass ich Technobeats imitiere, die – wie die Tanzenden in einem Club – in Trancezustände versetzen können. Es gibt einen choreografischen Part und einen Teil, in dem Klangteppiche entstehen. Ich will meine Persönlichkeit einweben: das Temperament, das Gefühl von Ausbruch aus dem Klassischen, kombiniert mit meiner Sensibilität. Es wird auch melancholische, harmonische, ruhigere Momente geben.

Du lässt dir sogar ein Kostüm nähen?

Ich muss! Eine Kostümbildnerin aus Frankfurt macht für mich einen Ganzkörperanzug. Ich spiele mit dem ganzen Körper, mit der Stirn, den Oberschenkeln; es tut sonst weh, wenn ich stellenweise zur Drum Machine werde, wenn mein Körper zum Schlägel wird. Zum anderen will ich das Klavier nicht verletzen, meinem Partner darf ich nicht wehtun.

Wie ging es dir mit dem ersten Lockdown?

Ich war wie gelähmt. Die schönsten Sachen wurden abgesagt: eine Premiere im Akademietheater, ein Beethoven-Projekt vom Festival Bonn, bei dem ich auf einem riesigen Frachter gespielt hätte. Ich hab’ viele Jahre als Pianistin allein gearbeitet, dann sind all die Kooperationen mit Künstler*innen aus verschiedenen Sparten entstanden und plötzlich war dieser kreative Input wieder weg. Zuerst übte ich wieder stundenlang, bis ich gemerkt habe, wie unglücklich ich werde. Dann habe ich mich online auf mein Studium konzentriert (strahlt): ein Postgraduate-Studium für Angewandte Dramaturgie; ich möchte mir mehr Wissen aneignen, damit ich weitere neue Formate kreieren kann.

Was hat es nun mit der „Winterreise“ auf sich, die dich bei jeder Erwähnung zum Strahlen bringt?

Der Popsänger Oliver Welter und ich, die verrückte, klassische Pianistin, sind ein wunderbares Team und bereichern einander gegenseitig. Die Zusammenarbeit macht einen Riesenspaß. Als Martin Kusej (Burgtheater-Direktor, Anm.) von unserem Projekt Wind bekommen hat, wollte er sofort die Produktion übernehmen. Wir haben aus Schuberts „Winterreise“ Popnummern gemacht; die kannst du auf Ö1 oder auf FM4 spielen. Ich will’s ja nicht laut sagen, aber vielleicht sogar auf Ö3. Ich singe das erste Mal. Wir wollen mit „Winterreise 2.0“ direkt ins Herz, ich freue mich so darauf.

***

Wenige Tage nach dem Gespräch kam es zum zweiten Lockdown. Ich war unendlich traurig, dass ich „Frühstück mit Seife“ im Musikverein nicht erleben durfte. Clara Frühstück reiste zu ihrem Mann nach Frankfurt, der bei der Europäischen Zentralbank arbeitet. „Tja … Das war’s“, schrieb sie mir in einer kurzen Message, in der die Enttäuschung so spürbar war. Umso schöner war später ihre Reaktion auf die Frage, wie es mit der „Winterreise“ weitergehe. „Sobald die Theater wieder aufmachen, planen wir die Premiere“, sagte sie. Nicht unbeirrt von den Geschehnissen, aber fest entschlossen.

Impressionen

Fotos Moritz Schell, Franzi Kreis, Rania Moslam, C. Lessire