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People | 15.12.2020

Eine Sonnenblume war noch gelb

Karin Ivancsics schnupperte in die Modewelt, rockte die „Seitenblicke“ in den 1980ern und avancierte zur feministischen und feinfühligen Autorin. Ausschnitte aus einem sehr vollen Leben.

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"Der Mensch hat sich sehr von der Natur entfernt. Je älter ich werde, desto wichtiger ist sie mir.", Karin Ivancsics© Ramona Hackl

Kurz bevor die Sonnenblumen braun werden, muss die Blumendiebin im gleichnamigen Werk aufs Land, um sie zu raffen. Nur wenige Tage nachdem uns Karin Ivancsics von einer Neubearbeitung ihres Buches erzählt, die im Februar erscheint, tut sie es ihrer Protagonistin gleich: Sie lässt das im Winter ergrauende Wien hinter sich. Die Autorin postet eine Sonnenblume aus ihrem Garten in Deutsch Jahrndorf. Vor einem Jahr entdeckte sie Facebook für sich. Die Jagd nach Likes interessiert sie nicht, „aber es ist toll, wie viele Leute ich wiedergefunden habe“. Ebendort postete sie am Tag nach der Terrornacht, dass sie und ihre  Kolleg*innen gut heimgekommen waren nach der jährlichen „In Memoriam“-Veranstaltung der Grazer Autor*innenversammlung im Wiener Literaturhaus. Und dass ihr Sohn als Sanitäter im Einsatz war. Sie war froh, als der 20-Jährige dann daheim war, aber Angst hatte sie nicht um ihn; sie kennt seine Besonnenheit. „Wenn du aufhörst, dich zu fürchten, fällt so viel weg“, sagt sie später im Interview.  


Der Anfang

Karin Ivancsics wuchs im Dreiländereck, in Deutsch Jahrndorf, auf. „Das war damals das Ende der Welt“, sagt sie. Die Pforten zu anderen Welten öffnete sie sich durch das Lesen; ihre Mama belohnte gute Noten mit Pixiebüchern, ihr Papa – er war damals Amtmann – baute die Bücherei in Deutsch Jahrndorf auf. Dort verschlang sie, was ihr unterkam, und brachte parallel erste literarische Gehversuche zu Papier. Den kreativen Flow bremste ausgerechnet das Germanistik-Studium aus, erzählt sie, und ein rebellisches Funkeln blitzt in ihren Augen. „Das war zu viel Theorie, ich konnte von einem Tag auf den anderen nicht mehr hin.“ Da lernt sie den Modeguru Herbert „Lord“ Rieger kennen und ihr Gespür für Mode wird ihre Eintrittskarte zu einer schillernden Szene: Sie ist mitverantwortlich für die Auswahl der Modelle, pendelt zwischen Wien und Paris. Nach einem eineinhalbjährigen Exkurs packen sie der Hunger nach mehr Tiefe und der Wissensdurst: Sie wird Mitarbeiterin des Wiener Frauenverlags und studiert Werbung und Marketing an der Wirtschaftsuni.

 

1989. Erfolgreiches Romandebüt

 

Sie beginnt erneut zu schreiben

„Es ist mir leicht von der Hand gegangen.“ 1989 erscheint „Frühstücke“ – sogar das Cover gestaltet sie selbst – und wird zum großen Erfolg. Karin Ivancsics kreiert mit ihrem Debütroman ein neues Autorinnenimage: Mit wilder Mähne und keckem Outfit strahlt sie aus dem Klappentext, ihre Medienpräsenz reicht von den „Seitenblicken“ bis hin zu den Tageszeitungen. „Ich habe offen über Sexualität geschrieben, das war damals neu. Ich war rotzfrech, aber damit auch gleich in einer Schublade“, reflektiert sie. Stipendien und Reisen nach L. A. und Berlin folgen. Die Verlage wollen weiterhin die provokante Draufgängerin, „aber da war ich schon wieder weiter“. Die schöpferische Pause füllte sie diesmal mit einem Intermezzo im Architektur-Zentrum Wien. „Ich hab’ gern Ausreißer. Ich bin keine, die ohne das Schreiben nicht leben kann.“ 1994 entscheidet sie sich doch für einen Weg, der bis heute vielfach preisgekrönt ist: Sie wird freie Schriftstellerin. Nach „Aufzeichnungen einer Blumendiebin“ (1996) sorgt sie mit „Warteschleife“, einem Theaterstück über Abtreibung, das Angelika Messner inszeniert, erneut für viel Gesprächsstoff. In vielerlei Hinsicht Erstaunliches vollzieht sich, als sie Mama wird. „Das war das Schönste“, schwärmt sie über die Ankunft jenes jungen Mannes, der sich an dieser Stelle auch physisch zum Interview gesellt. „Aber man hat mich nicht mehr als feministische Autorin gesehen. Dagegen habe ich mit ,Anna hat zwei Tage‘ angeschrieben. Aber den Mechanismus verstehe ich bis heute nicht.“

Privat – Karin Ivancsics ist mit dem bildenden Künstler Paul Ritter liiert – beginnt eine aufregende Zeit. „Was wir alles gemacht haben! Unsere Wohnung war ein Kinderparcours mit Spielzeug und Kuscheltieren, mit denen wir Theaterstücke gespielt und Filme gedreht haben. Uns hat es so Spaß gemacht, noch einmal Kind zu sein.“ – „Ich hatte eine elternreiche, glückliche Kindheit“, pflichtet ihr Sohn David bei. „Ich durfte in einem sehr belesenen Haushalt aufwachsen und auf Lesungen und Vernissagen mit vielen tollen Leuten in Berührung kommen.“ Er selbst spielte zunächst Geige, dann Bratsche, mit neun schrieb er sein erstes Buch und wendet sich neuerdings der Film- und Fotoecke zu, verrät er. „Die Schattenseite der Medaille war: Wenn beide Eltern auf ein freies, kunstbezogenes Einkommen angewiesen sind, bedeutet das, dass ich schon als Kind den finanziellen Druck mitbekommen habe.“
Viel Wind will er um seinen Einsatz als Rettungssanitäter in der Terrornacht nicht machen. Er habe es gelernt, professionell mit den Geschehnissen „im Einsatzmodus“ umzugehen. Doch es ärgern ihn Entwicklungen, die teilweise daraus resultieren, „wenn man das jetzt wieder zum Anlass nimmt für neue Fremdenfeindlichkeit“, kritisiert er.
Seit dem Zivildienst ist der 20-Jährige beim Arbeiter-Samariter-Bund angestellt. Seine Kreativität will er in der Freizeit ausleben und Medizin studieren. Um drei Punkte ist er beim ersten Versuch an der Aufnahme vorbeigeschrammt, „wenn es im Sommer nicht klappt, muss ich nach Deutschland und den Numerus clausus geltend machen, wobei es keine große Option für mich wäre, aus Wien wegzugehen“, sagt er.

 

Mit ihrem Sohn. Seiner Kreativität widmet sich David Ivancsics in der Freizeit, er will Medizin studieren.

 


Heimat und Reisen

„David ist gern Wiener“, lacht Karin Ivancsics. Sie nicht? „Ich bin keine Wienerin“, antwortet sie fast empört und fügt prompt hinzu: „Ich finde diesen Heimatbegriff sowieso schwierig.“ Das Unterwegssein machte sie heuer zum Thema bei den Literaturtagen in Neusiedl am See, die seit 2018 ihr Herzensprojekt sind. Schreibende Pendler*innen, Flüchtlinge, Immigrant*innen hatte sie diesmal eingeladen, zu den prominentesten gehörte Ilija Trojanow. Seine gesellschaftskritische Rede, die er bei der „Buch Basel“ hätte halten sollen, postete die Neo-Facebookerin ebenso, weil er ihr vielfach aus der Seele spricht, wenn er kritisiert, „was wir für Sachen für eine Normalität brauchen, weil wir nie die anderen mitrechnen, weil wir nicht global denken“. Als sie am 13. März, kurz vor dem ersten Lockdown, von ihrer fünften Reise aus Sansibar heimkehrte, war Karin Ivan­c­sics ob des Anblicks übervoller Einkaufswägen geschockt: „Wir sind so verwöhnt, man könnte sich ein bisschen zurücknehmen und Demut zeigen.“


Diesen Weg wählte sie bewusst auf ihren Reisen: „Ich hab’ karge Unterkünfte gesucht, man braucht so wenig, um glücklich zu sein.“ Ob nun in ihrem kleinen Haus in Deutsch Jahrndorf, ihrem Sommerrefugium, oder während der Wochen, die sie für gewöhnlich im Winter in Afrika verbringt, die Natur und die Nähe zu ihr werden ihr Jahr für Jahr wichtiger. Auch wenn das in Sansibar bedeutet, „dass ich mich mit Ratten, Spinnen, Schlangen und Affen, die mein Bier austrinken, ‚gfretten‘ muss“, lacht sie. Aber all das nimmt sie in Kauf für die Sonne, dafür, barfuß sein zu können, für die Vielzahl an Geschichten, die sie dort für ihr gerade entstehendes Werk recherchiert und die vielen Begegnungen mit Sansibaren, deren sanfte Ausstrahlung noch nachwirkt, wenn sie nach der Ankunft durch das manchmal graue Wien in die mit vielen grünen Pflanzen bestückte Wohnung schlüpft …

 

Karin Ivancsics im Interview mit Redakeurin Viktória Kery-Erdélyi

 

 


Karin Ivancsics

… wurde 1962 geboren, sie lebt und arbeitet in Wien und im Burgenland. Zuletzt erschienen von ihr „Aus einem Strich die Landschaft“ (edition lex liszt 12) sowie „Die Gastgeberin“ (Bibliothek der Provinz); im Februar 2021 erscheint eine Neubearbeitung von „Aufzeichnungen einer Blumendiebin“ (Klever Verlag). www.karinivancsics.at