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People | 11.10.2016

„Ich habe mich im Spiegel nicht wieder­erkannt“

Im Burgenland erkranken jährlich 180 Frauen an Brustkrebs. Bei früher Erkennung liegt die Überlebensrate zehn Jahre danach bei 85 Prozent. Wir sprachen mit zwei Burgenländerinnen, die derzeit mit dem Brustkrebs kämpfen bzw. ihn vielleicht schon besiegt haben.

Ich habe von Anfang an gewusst, dass es Krebs ist, als ich den Knoten zum ersten Mal gespürt habe. Er hat nicht wehgetan, als ich ihn ertastet habe. Und das ist meist gefährlich“, erinnert sich Andrea Reiter aus Unterpetersdorf. Die heute 38-Jährige ertastete letztes Jahr im Mai selber bei sich einen kleinen Knoten in der Brust. Nach der Mammografie schien alles in Ordnung zu sein, erst nach dem Ultraschall erkannte man den bösartigen Tumor. Als ihr der Arzt die schreckliche Diagnose Brustkrebs mitteilte, war ihr erster Gedanke: „So, jetzt zeige ich euch allen, dass man aus diesem Dreck auch wieder gesund herausgehen kann.“ Ihr Vater starb wenige Jahre zuvor an Lymphdrüsenkrebs. „Ich weiß durch meinen Papa, wie es dir als Außenstehende geht und ich weiß, wie es dir als Kranke geht. Die Rolle der Kranken fällt einem leichter, weil daneben bist du einfach hilflos. Ich weiß bis heute nicht, woher ich diese Stärke hatte, aber ich habe zum Arzt gleich nach der Diagnose gesagt: ‚Okay, was machen wir?‘ Er hat zuerst geglaubt, dass ich nicht richtig verstanden habe.“

Danach ging alles recht schnell.

Ende Juni begann bereits die Chemotherapie. „Beim Rauffahren zur ersten Chemo habe ich mich gefühlt, als ob ich zum Scheiterhaufen gebracht werde.“ Die Nebenwirkungen ließen nicht lange auf sich warten: Müdigkeit, Verstopfung abwechselnd mit Durchfall, Geschmacksverwirrung, Nervenschädigung an Fingern und Zehen, Konzentrationsstörungen. Den Ausfall der Haare fand die gelernte Kindergartenpädagogin „gar nicht so schlimm“. „Aber als mir die Augenbrauen und Wimpern ausgefallen sind, das war schlimm. Mein Gesicht war nicht mehr mein Gesicht. Ich habe mich im Spiegel nicht wiedererkannt.“ Bis November erhielt sie alle drei Wochen eine Chemotherapie. „Am Anfang ging’s mir nur 4-5 Tage danach schlecht, zum Schluss waren es nach jeder Sitzung zwei Wochen. Ich hatte keine Kraft mehr in den Muskeln, mein Körper hat seine ganze Kraft für den Kampf gegen den Krebs verwendet.“ Im Dezember 2015 wurde sie operiert, die Tumore waren weg, das schlechte Gewebe darum herum wurde herausgeschnitten. Danach war für drei Monate Erholung angesagt. „Da bin ich dann in ein großes Loch gefallen. Da war nichts, ich sollte mich einfach erholen. Da musste ich lernen, mich zu beschäftigen mit Sachen, die mir guttun. Spazieren gehen, wandern, Leute treffen, reden. Irgendwann kam dann wieder der Punkt, wo ich mir gesagt habe, es geht mir gut, ich muss weiter nach vorne schauen.“

Weinen, schreien, reden.

Im März dieses Jahres erhielt Andrea dann für fünf Wochen täglich Bestrahlungen, danach bildete eine Brachy-Therapie mit Bestrahlung von innen den Abschluss der Behandlungen. „Was danach ganz wichtig für mich war: die onkologische Reha. Ich habe dort in vier Wochen wieder Kraft aufgebaut und mich ganz viel mit anderen Betroffenen ausgetauscht. Leider nutzen diese Reha laut meinem Arzt nur 5 bis 10 % der Krebspatienten.“ Dabei ist der Austausch mit Betroffenen und im Allgemeinen das Reden mit anderen so wichtig, wie auch die Unterpetersdorferin bestätigt. Mit den beiden Frauen, die sie bei den Chemobehandlungen im Krankenhaus kennengelernt hat, verbindet sie bis heute eine besondere Freundschaft, ebenso mit Betroffenen, mit denen sie die Zeit in der Reha-Klinik verbracht hat. „Ich hab immer alles rausgeweint, rausgeschrien und rausgeredet. Reden war ganz wichtig. Doch meine Freunde, Familie und ich, wir mussten alle das Mittelmaß lernen. Das Mittelmaß zwischen Jetzt-brauch-ich-euch und Jetzt-ist-es-mir-gerade-zu-viel. Ich musste lernen, das zu sagen und sie mussten lernen, das zu akzeptieren.“

Trotz allem ist Andrea heute wieder der lebenslustige und offen-herzige Mensch, der sie auch vor der Erkrankung war. „Man kann viel Positives aus der ganzen Sache mitnehmen. Ich habe gelernt, nur noch das zu tun, was mir guttut und viel genauer zu sagen, was ich will, was ich denke und was ich fühle. Ich bin ein bissl ruhiger geworden und achte mehr auf mich. Und ich erlebe alles viel intensiver. Ich habe zum Beispiel letztes Jahr im Herbst den Herbst gesehen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so einen schönen Herbst gesehen habe.“ Und den heurigen Herbst genießt sie als gesunde Frau in vollen Zügen.

Andrea Reiter

„Beide Male hat man bei der Mammografie den Krebs nicht gesehen, erst beim Ultraschall.“

Paula Winkler

 

 

"Vorm Sterben hatte ich keine Angst."

Genau zehn Jahre, nachdem die Diagnose Brustkrebs sie zum ersten Mal traf, muss Paula Winkler aus Deutschkreutz den Krebs nun zum zweiten Mal bekämpfen. Dabei hat sie damals erst Monate nach der Befundzustellung von ihrer Krankheit erfahren. Denn der Arzt erkannte bei der Routineuntersuchung vor zehn Jahren damals keine gefährlichen Tumore. Doch der Befund sprach dann eine andere Sprache. Nur ließ Paula Winkler den Befund ungeöffnet über drei Monate in der Schublade verschwinden. Zu ihrem Frauenarzt-Termin kramte sie ihn hervor und öffnete ihn … „Es war schlimm für mich, als ich den Befund las. ‚Warum gerade ich?‘, das denkt sich glaub ich jeder.“ Die drei Tumore von damals waren jedoch zum Glück von einer Art, die nicht streute. Nach einer Operation, fünf Wochen Bestrahlung und fünf Jahren Hormontabletten galt die damals 49-Jährige wieder als gesund.

„Heuer war ich wieder auf Kontrolle, wie jedes Jahr. Bei der Mammografie hat man den Krebs jetzt wieder nicht gesehen, sondern nur beim Ultraschall. Jetzt sitzt der Krebs wieder auf der gleichen Stelle wie vor zehn Jahren, nur ist es diesmal ein anderer. Der streut.“ Im Juni dieses Jahres, also kurz nach der Diagnose, wurde Paula wieder operiert, eine Brust musste nun entfernt werden, ebenso wurden die Lymphen entfernt, weil sie schon befallen waren. Nun wird im Nachhinein die Chemotherapie gemacht, zwei von vier Sitzungen hat sie schon hinter sich. Doch in den letzten zehn Jahren seit dem ersten Krebs hat sich viel getan im Leben der 59-Jährigen. Ihr Sohn ist vor fünf Jahren ganz plötzlich an einer Lungenembolie und einem Hirnödem gestorben, ihr Mann starb letztes Jahr nach einer Operation an Herzversagen. „Das mit dem Krebs ist halt jetzt so, aber es wird schon wieder vergehen, denke ich. Das Leben geht trotzdem weiter. Und das ist das Ärgste. Nach dem Tod meines Sohnes ging am nächsten Tag in der Früh die Sonne auf, als wenn nichts gewesen wäre. Das ist der Moment, wo du dir denkst, das kann doch gar nicht wahr sein.“

Ihre Hündin gibt Paula jetzt in dieser schwierigen Zeit viel Kraft. Das größte Glück empfindet sie derzeit, wenn sie ihren wenige Wochen alten Enkelsohn in den Händen hält. „In der Zeit zwischen den zwei Krebsen habe ich so viel durchgemacht, dass ich mir dieses Mal nur dachte: ‚Gott sei Dank ich und nicht meine Töchter.‘ Wenn du in deinem Leben bisher noch nichts anderes hattest als Sonnenschein, dann kann ich mir vorstellen, dass deine Welt zusammenbricht mit dieser Diagnose. Aber bei mir? Was soll mich noch treffen? Ich hätte auch vorm Sterben keine Angst.“

Ihre Offenheit, über die Krankheit und ihr Schicksal zu sprechen, lässt sich Paula Winkler zum Glück nicht nehmen: „Ich habe nie etwas verheimlicht. Ich gehe auch mit der Glatze einkaufen, habe kein Problem damit. Wenn ich das verheimlichen wollen würde, würde es mir sicher schlechter gehen. Niemand kann etwas dafür, wenn er Krebs hat.“ Auch für Paula sind die Vorsorgeuntersuchungen das A und O, wenn es darum geht, den Brustkrebs zu bekämpfen. Früherkennung bei Brustkrebs ist ein wesentlicher Bestandteil einer erfolgreichen Behandlung. Und das positive Denken. „Ich komme nicht damit klar, wenn manche Leute sich mit Stress übernehmen oder wegen jeder Kleinigkeit jammern. Sie wissen gar nicht, wie schwer sie sich das Leben selbst machen. Was ich aus den letzten Jahren gelernt habe, ist: Lebe jeden Tag so, als ob es der letzte wäre.“

Pink Ribbon Tour 2016

• 19. und 21. Oktober in Oberwart

• 19. Oktober: Diesel Kino, ab 19 Uhr Sektempfang, Filmbeginn 20 Uhr

• 21. Oktober: eo Oberwart, ab 9 Uhr, den ganzen Tag Informatives und Unterhaltsames mit Pink Ribbon Botschafterinnen

www.krebshilfe-bgld.at