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People | 19.06.2017

"Ich bin selbst mein größter Gegner"

Er lebt intensiver als sonst kaum jemand, geht mit einer Willensstärke an Dinge heran, die andere erschaudern lässt, und beweist immenses Durchhaltevermögen – Michael Strasser ist Extrem-Radsportler. Mit uns sprach er über seine abgedrehten Projekte, den Neusiedler See und warum er keine Freundin hat.

Irgendwann kommt jeder im Leben an einen Punkt, an dem er sich fragt, was wirklich wichtig ist. Michael Strasser hat Architektur studiert und danach 3 Jahre in einem Architekturbüro für ziemlich reiche Leute ziemlich luxuriöse Häuser und Wohnungen geplant. Sein Ziel war es, einmal genauso viel Geld zu verdienen wie diese Menschen. „Es hat drei Jahre gebraucht, um mich genau auf die Gegenseite zu bringen. Ich habe gesehen, dass Geld – vor allem in dem Ausmaß – kein Faktor ist, glücklich zu sein oder ein erfülltes Leben und richtige Freunde zu haben. Ich habe mitbekommen, über welche Themen die reden, welche Features das neueste Auto hat und so weiter. Mir ist klar geworden, das interessiert mich alles nicht. Da hab ich mir die Frage gestellt, was im Leben wirklich zählt. Nämlich die Erfahrungen, die Freundschaften, die Begegnungen.“ Sein Zugang war, sich das Rad zu schnappen und durch die Welt zu fahren. Als er vor 12 Jahren auf seinem ersten Rennrad saß, war seine erste Challenge, einmal den Neusiedler See zu umrunden. Von Jahr zu Jahr sind die Herausforderungen immer größer geworden. 2016 realisierte er sein Herzens-Projekt: 11.000 km durch ganz Afrika – von Alexandria bis zum Kap der guten Hoffnung – in 35 Tagen, neuer Weltrekord. Bis zu 20 Stunden saß Strasser täglich auf seinem Fahrrad. Das bisschen Schlaf holte er sich im kleinen Tourbus, wo seine zwei Mitreisenden ihn unterstützten. „Man muss verdammt stur sein im Kopf. Du hast nur einen Gedanken und der ist das große Ziel, dem alles untergeordnet ist. Ab der zweiten Woche ist man ständig übermüdet und Einschlafen während der Fahrt wird zum Problem.“ Doch aufgrund seiner Willensstärke hielt er durch. Diese half ihm auch über die zahlreichen Verletzungen und Überlastungssyndrome hinweg, die er bis heute spürt. Und doch plant Strasser bereits das nächste große Projekt, das im Juni 2018 starten wird – die längste fahrbare Strecke der Welt mit dem Rad zurückzulegen: Ice-to-ice, von Alaska im Norden Nordamerikas bis an die Südspitze Südamerikas, 25.000 Kilometer. „Ich bin selbst mein größter Gegner, das ist zwar gut, weil ich dann genau solche Projekte durchsetzen kann. Aber ich bin ständig am Zweifeln, ob nicht noch mehr gegangen wäre.“

Sarahs Wunsch

Warum er sich das antut, wird er oft gefragt. „Es geht viel ums Ausbrechen aus dem Alltag. Der Grund, warum ich mit meinen Projekten so viele Leute erreiche, ist, weil ich einen Traum lebe, den sich viele nicht zu leben trauen. Aber man muss schon sagen, vor zwei Jahren ist die Öffentlichkeit erst draufgekommen, welchen Sinn das macht, was ich da tue. Die zehn Jahre davor bin ich nur gefragt worden, wann ich einmal was Richtiges im Leben mache. Das muss man halt auch durchstehen.“ Ein Teil des Sinns dahinter ist ein besonderer, den der 34-Jährige nur vorsichtig preisgibt: „Vor einem Jahr hat man bei einer sehr guten Freundin die Diagnose ALS (Anm.: Amyotrophe Lateralsklerose, gilt als unheilbare Krankheit, bei der sämtliche Nerven nach und nach geschädigt werden) gestellt. Durchschnittliche Lebenserwartung ab Diagnosezeitpunkt ist drei Jahre. Sie wohnt seit einem halben Jahr bei mir und ich unterstütze sie, sie spricht schon sehr langsam und kann ihre Hände kaum noch gebrauchen. Sie kommt aus einer Familie, die sich die Therapien leisten kann. Doch es gibt genug Patienten, die sich die Therapien nicht leisten können. Wir wollen mit dem Geld, das wir mit dem nächsten Projekt zusammenbringen, junge Menschen unterstützen, die an der Krankheit leiden. Das ist Sarahs Wunsch.“

© Emmerich Mädl

Keine Verbissenheit

Die Begegnungen und Erfahrungen mit Menschen sind es, die für Strasser – der in Breitenbrunn aufgewachsen ist – das Leben ausmachen. „Als ich in Kenia oder Äthiopien gefahren bin, haben mich die Kids von der Weite gesehen, sind auf ihre Räder gesprungen, ein paar hundert Meter mitgeradelt und haben mich angelächelt. Sie sprechen nicht meine Sprache und ich nicht ihre, aber für diese paar Minuten waren wir auf einer Linie.“ In den letzten Monaten bereiste Strasser die ganze Welt, um auf Kongressen Vorträge über das Radfahren zu halten. Und um zu sehen, wie andere Länder versuchen, das Rad als Transportmittel voranzutreiben. Darum geht es auch in seiner Doktoratsarbeit im Rahmen seines Architekturstudiums, die jedoch derzeit aufgrund von Zeitmangel etwas auf der Strecke geblieben ist. Denn auch der Tag von Michael Strasser hat nur 24 Stunden. Zeit für Privates bleibt da nicht viel. Neben seinem Job als Trainer an der Sportuni in Wien bringt er täglich 4–6 Stunden Training unter (reine Belastungszeit). „Mein ganzer Tag dreht sich darum, die Trainings unterzubringen. Dazwischen gibt es auch oft Shootings, Interviews.“ So ein tägliches Training sieht zum Beispiel so aus, dass er mit dem Rad von Wien zum Neusiedler See fährt, diesen einmal umrundet und dann wieder nach Wien zurückradelt. Als Tipp für angehende Profi- oder Hobby-Radler stellt Strasser fest: „Wenn man weiterkommen will, darf man nie vergessen, warum man damit begonnen hat – und das sollte der Spaß an der Bewegung sein. Wenn ich mit Sportlern trainiere, die wirklich an der Weltspitze sind, denen merkt man an, die haben immer noch Spaß an der Sache. Das Training ist fucking hart und es tut scheiß weh, aber sie haben trotzdem Spaß, da gibt es keine Verbissenheit.“ Dabei spielt auch das Wetter keine Rolle, egal ob Eis, Regen, Wind oder Schnee, das Rad ist bei Strasser jeden Tag outdoor im Einsatz. „Wenn du professionell sein willst, kannst du nicht im Bett bleiben, obwohl du nicht aufstehen willst.“

Von seiner Afrika-Fahrt sind Strasser nicht nur die menschlichen Begegnungen in Erinnerung geblieben. © beigestellt

Zeit für eine Freundin bleibt da nicht wirklich

„Die Frau, die das mitmacht, was ich grad abziehe, gibt es, glaube ich, nicht. Die Intensität, mit der ich derzeit lebe, könnte ich keiner Partnerin zumuten.“ Und doch möchte er viele Menschen erreichen. Sie dazu bringen, ebenfalls Spaß an der Bewegung zu haben. „Es gibt viele, zum Beispiel im Kreis meiner Eltern, so um die 60, die nie Sportler waren. Die fahren jetzt aber zwei Mal die Woche zum See mit dem Rad. Und wenn sie zum Heurigen wollen, fahren sie auch mit dem Rad, weil sie sich denken: »wenn unser Bua mit dem Radl durch Afrika fährt, dann können wir ja wohl zwei Ortschaften weiter zum Heurigen fahren«. Wenn es nur das gebracht hat, bin ich schon zufrieden.“

Michael Strasser signiert für Redakteurin Nicole Schlaffer eines seiner Bücher. © Emmerich Mädl

Die zweite Auflage seines Buches „Cairo2Cape“ über seine Erlebnisse quer durch Afrika bringt Michael Strasser im Juni heraus. Erhältlich unter www.strassermichael.at

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BURGENLÄNDERIN-TIPP

Rosalia-Rad-Wander-Weg

Der etwas anspruchsvolle, teilweise steile, jedoch durchgehend asphaltierte Rosaliaradwanderweg ist insgesamt 58 km lang und führt großteils durch die sanft-hügelige „süße“ Region Rosalia, vorbei an Obst- und Erdbeerkulturen. Er verläuft als Rundweg u.a. durch Bad Sauerbrunn, Mattersburg, Schattendorf, Antau und Pöttsching.