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People | 11.01.2021

Zum Abschied ein Bier

Wie sieht ein gutes Lebensende aus? Das neue Buch „99 Fragen an den Tod“ und die ehrenamtliche Hospizbegleiterin Liane Barilits aus Pöttsching gaben uns Antworten.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten die Möglichkeit, den Tod zu treffen, ohne gleich Gefahr zu laufen, von ihm mitgenommen zu werden. Das wäre die perfekte Situation, ihm all die Fragen zu stellen, die Ihnen längst auf der Seele brennen.“
Mit diesen Worten beginnt das kürzlich erschienene Buch „99 Fragen an den Tod“ (Verlag Droemer, Infos auf S. 48). Das Autor*innenduo sind Claudia Bausewein, Direktorin der Klinik und Polyklinik für Palliativmedizin am Klinikum der Universität München, sowie Rainer Simader, Leiter des Ressorts Bildung bei Hospiz Österreich. Sie haben täglich mit Sterbenden zu tun, sprachen mit vielen Kolleg*innen und sammelten die Fragen von Patient*innen und Angehörigen, damit sie einen – wie es im Untertitel heißt – „Leitfaden für ein gutes Lebensende“ erstellen konnten. Das Buch fokussiert unterschiedliche Blickwinkel – etwa die Perspektive der Sterbenden oder die der Angehörigen – und begleitet bis hin zu Fragen zum Begräbnis und zur Trauer. Der Fragenkatalog ist facettenreich und bricht mitunter erfrischend mit scheinbaren Tabus: Wie lange bleibt mir noch? Darf Sexualität am Ende des Lebens eine Rolle spielen? Darf man einen toten Menschen berühren? Darf man mit einem Sterbenden lachen? Warum es sinnvoll ist, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, verrät das Autor*innenduo auch: „Untersuchungen zeigen, dass Menschen, die sich schon zu Lebzeiten mit dem Tod und dem Sterben beschäftigen, Lebensentscheidungen anders treffen (…). Diese Menschen haben gedanklich und manchmal auch praktisch bereits gut für den Moment oder die Zeitdauer vorgesorgt, wenn ,es dann wirklich so weit ist‘. Und das ist von entscheidendem Vorteil. Denn wenn der Tod konkret näher rückt, bleibt oft wenig Zeit.“ Eine der im Buch enthaltenen Fragen inspirierte zu vielen weiteren Fragen und zum nachstehenden Interview: Was ist eine ehrenamtliche Hospizbegleiterin? Wir trafen Liane Barilits in Pöttsching, Bezirk Mattersburg. Die 53-Jährige ist zweifache Mutter und bereits Oma. Sie ist Angestellte im Unternehmen ihres Mannes. Seit 1984 ist sie als ehrenamtliche Mitarbeiterin – sie war lange Sanitäterin – beim Roten Kreuz tätig. Sie absolvierte ebenso eine Ausbildung zur Krisenintervention, Hospizbegleitung macht sie seit gut sechs Jahren. Eigentlich wollte Liane Barilits Krankenschwester werden, 22 Jahre jung, machte ihr eine Gehirnhautentzündung einen Strich durch ihre Lebensplanung. „Ich war lange auf der Intensivstation, musste danach wieder gehen lernen.“ Mit ihrer aktuellen Mission hat ihre frühere Erkrankung nichts zu tun, sagt sie. „Mich hat die Ausbildung interessiert.“


BURGENLÄNDERIN: Wie sieht Ihre Tätigkeit als Hospizbegleiterin aus?

Liane Barilits: Ich bin für Schwerkranke, Sterbende und ihre Angehörigen da. Manchmal helfen den Familien Gespräche, manchmal tut es ihnen gut, dass sie einfach mal eine Runde spazieren gehen können. Ich bleibe dann bei der Patientin oder dem Patienten: Wir plaudern oder ich lese vor. Bei Schwerkranken sitze ich am Bett, erzähle ein bisschen, manchmal wird gar nicht geredet.

Wieso diese freiwillige Arbeit?

Mir liegen soziale Tätigkeiten, ich habe auch eine Zeit lang bei einem Arzt gearbeitet. Ich finde einfach, dass man in einer schwierigen Zeit Angehörige ein bisserl unterstützen sollte, und weil ich mir meine Arbeit relativ flexibel einteilen kann, kann ich auch mal spontan und zu unterschiedlichen Zeiten kommen.

Wieso ist die Unterstützung wichtig?

Einzelne Angehörige sind rund um die Uhr auf die oder den Sterbenden fokussiert. Sie stecken ihr Leben komplett zurück, aber es ist wichtig, mal abends turnen oder mit einer Freundin auf einen Kaffee zu gehen.

Wie verhalten Sie sich in einer Situation, die sicher oft auch sehr emotional aufgeladen ist?

Ich rede eher wenig, lasse die Angehörigen und die Sterbenden reden und höre zu. Erst wenn ich weiß, was die Menschen brauchen, worauf sie Wert legen, kann ich mich gut einbinden.

Wie war Ihre allererste Betreuung?

Ich war ein einziges Mal bei der Familie, auch das kann vorkommen. Dem Patienten ging es sehr schlecht, die Frau war Tag und Nacht bei ihm; sie hat das allein gemacht. Sie hatte um Hilfe gebeten, unsere Unterstützung wäre wirklich angebracht gewesen, aber die anderen Angehörigen waren schließlich dagegen.

Wie viel kriegen Menschen mit, die die Augen fast nur geschlossen halten?

Wenn man ihnen erzählt, verändert sich die Mimik, manchmal versuchen sie zu blinzeln, bewegen den Kopf ein bisschen. Sie bekommen etwas mit.

Wie ist es mit Berührungen abseits von Corona-Zeiten?

Ich berühre die Hand, wenn es passt, mache ich ein Kreuz auf die Stirn.

 



Liane Barilits

Sind Sie gläubig?

Ja, aber keine Kirchengeherin.

Glauben Sie, dass es ein Weiterleben nach dem Tod gibt?

Zu den Kindern hat man früher gesagt, der hellste Stern am Himmel ist die Oma oder der Opa. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Mein Papa ist im Februar gestorben, da denke ich oft: Meinst, schaut er runter, was denkt er sich?

Wie haben Sie den Verlust erlebt?

Er war lange sehr krank, ich habe gespürt, dass er nicht mehr kann. Aber dann hat es mich sehr getoffen. Wann ist schon der richtige Zeitpunkt? Nie.

Worüber reden Sie mit Schwerkranken während ihrer Hospizbetreuung?

Über alles Mögliche, auch über Alltägliches: „Hast du gestern ,Zeit im Bild‘ gesehen, was sagst zum Trump?“ Ich werde umgekehrt auch gefragt: „Warst heute schon mit dem Hund spazieren?“

Wie verarbeiten Sie die Begegnungen?

Wir haben laufend Fortbildungen, wie man gewisse Dinge auf Distanz hält. Wenn eine Betreuung vorbei ist, mache ich eine Pause und gebe unserer Koordinatorin erst Bescheid, wenn ich wieder bereit bin. Wir haben Schweigepflicht, aber anonym können die Fälle in regelmäßigen Supervisionen besprochen werden. Das nehme ich manchmal in Anspruch.

Wann beispielsweise?

Einmal habe ich eine Dame eineinhalb Jahre betreut. Als sie gestorben ist, hat mir die Familie nur eine Parte ins Postkasterl geschmissen. Das hat mich getroffen. Natürlich bauen auch wir Beziehungen auf, möchten uns verabschieden. Aber wenn die Menschen sterben, denken manche nicht mehr an uns, das ist verständlich.

Darf man mit einem sterbenden Menschen lachen?

Wenn es passt: Unbedingt! Ich finde auch, dass man sich bemühen sollte, nach Möglichkeit den letzten Wunsch zu erfüllen, sei es nach Mariazell zu fahren.

Was braucht ein/e gute/r Hospizbegleiter*in?

Es ist wichtig, Ruhe ausstrahlen zu können, damit man auf die Patientin oder den Patienten und die Angehörigen eingehen kann. Damit man nach Möglichkeit ihre Wünsche erfüllen kann.

Konnten auch Sie schon mal einen kleinen letzten Wunsch erfüllen?

Ja, tatsächlich! Bei meiner letzten Betreuung sagte der Patient: „Ich hab’ so einen Gusto auf ein Bier, aber ich darf ja nicht.“ Ich hab ein alkoholfreies Bier gekauft – ich mag Bier gar nicht –, aber wir haben dann wirklich gemeinsam eines getrunken, das war schön.

Begleiten in Zeiten von Corona

Empfehlungen

Ob man nun einen Kontakt zur Palliativ- und Hospizbe­treuung sucht oder Informationen zum Umgang mit Sterben, Tod und Trauer, die Website www.hospiz.at bietet umfassendes Material. Ob eine Begleitung mit physischem Kontakt möglich ist, variiert aktuell. Empfehlungen findet man auch unter www.trauerbegleiten.at/corona-2020
Wenn aufgrund restriktiver Zugangsregeln kein Besuch in Spital oder Pflegeeinrichtung möglich ist, empfehlen Expert*innen beispielsweise: Treten Sie – nach Absprache mit dem Personal – in persönliche Beziehung mit Betroffenen: telefonisch, mit SMS, per WhatsApp, skypen, zoomen, E-Mail, Briefe …