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People | 16.02.2021

Die ungeschminkte Wahrheit

Seit seiner Jugend steht Alfons Haider im Rampenlicht, lebt sowohl mit tosendem Applaus als auch mit untergriffigen Kommentaren. Der neue Generalintendant über neue Wege für die heimischen Musiktheater, den Kampf gegen Homophobie und Opernball-Hoppalas.

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"Wir werden oft als Abziehbilder gehandhabt – in der Realität sind wir anders, als viele glauben.", Alfons Haider © Vanessa Hartmann

Er trug langes Haar, war „unsterblich in eine Burgenländerin verliebt“ (wir sahen das Foto!) und durfte als Statist vor galoppierenden Pferden zwei Sätze in das „Zigeunerbaron“-Publikum in Mörbisch schmettern. 45 Jahre danach treffen wir Alfons Haider in seiner Dachgeschoßwohnung in Wien; an den Wänden hängen farbkräftige Kunstwerke, eine zauberhafte Sammlung erzählt von seiner Liebe zu Elefanten.

„Ich glaube nicht an Zufälle“, sagt er. Seine Bestellung zum Generalintendanten der Seefestspiele Mörbisch und von Jopera Jennersdorf lässt ihn strahlen, die Interviewanfrage nahm er gerne an. Nur die Anwesenheit der Fotografin irritiert ihn zunächst. „Ich bin ungeschminkt“, gesteht der Medienprofi, der freilich seit Jahrzehnten das Prozedere fürs Scheinwerferlicht gewohnt ist. Wir aber staunen über den jungen 63-Jährigen und es rutscht uns bald ein ehrliches „Sie haben wirklich nichts an sich machen lassen?“ raus. Alfons Haider schüttelt lachend den Kopf: „Alle meine Falten gehören mir.“

Wir gratulieren zur Generalintendanz! Bis zumindest 2022 bleibt Peter Edelmann in Mörbisch künstlerischer Leiter. Wie läuft die Zusammenarbeit?

Peter Edelmann ist ein Operettenliebhaber, ein Operettenstar – ich muss ihm ein Riesenkompliment zu „West Side Story“ machen. Hier werde ich begleitend agieren, es ist ja bereits alles fertig (die Produktion wurde wegen Corona auf 2021 verschoben, Anm.). Ich hatte mich schon einmal für Mörbisch beworben, aber man hielt damals meine Ideen für zu modern. Das Land sagt jetzt: Die Operette ist nicht in Stein gemeißelt; meine Aufgabe ist es, zu überlegen, wie es weitergeht. Es gibt Musicals wie „Hello, Dolly!“, „My Fair Lady“ oder „The King and I“, die wie Operetten, aber exotisch sind. Die musikalische Qualität ist gleich gut – die Lehár-Fans werden mich jetzt töten –, ob das ein Lehár, ein Bernstein oder ein Rodgers und Hammerstein ist. Ein „La Cage aux Folles“ (Ein Käfig voller Narren, Anm.) entführt dich nach St. Tropez und die Seebühne schreit nach St. Tropez! Im Originalfilm „A Chorus Line“ stehen 160 Tänzer*innen auf der Bühne – auch das schreit nach Mörbisch!

Und die Operette?

Sie wird bleiben – in Jennersdorf spielen wir heuer „Die lustige Witwe“ –, aber wir werden schauen, wo es Synergien gibt. Das Musiktheater Burgenland könnte auch wachsen. Das Land wünscht sich außerdem, dass ich mir neue Formate überlege, die Jugend fördere. Es wird nächstes Jahr einen großen Wettbewerb mit den Musikschulen geben, ein Traum ist das Projekt „First Timer“: einem Team aus jungen Absolvent*innen unter der Leitung eines Profis ein eigenes Festival zu geben.


Wie blicken Sie dem Sommer 2021 entgegen?

Wir müssen spätestens im Mai mit den Proben starten, damit wir spielen können. Ich hoffe sehr, aber wir werden nichts riskieren. Ich möchte gerne aufrufen: Kaufen Sie Karten, um die Kultur zu unterstützen! Sie behalten ihre Gültigkeit, selbst wenn wir im „Worst Worst Case“ auf 2022 verschieben müssen.


Sie haben 30 Jahre Bühnenerfahrung in Theater, Musical, Film und Fernsehen. Kann Sie noch irgendetwas erschüttern?

Ich habe 30 Jahre Festival in Stockerau erlebt, 15 Jahre davon als Intendant – mit je 640 Zuschauern pro Abend, das ist zwar rund ein Zehntel von Mörbisch, aber die Probleme sind dieselben. Die Feinde waren nie die Kritiker*innen, sondern das Wetter. Die Pandemie erschüttert mich – deswegen entscheiden zu müssen, ob wir spielen oder nicht.


Werden Sie auf der Bühne stehen?

Da kann ich nur den Landeshauptmann zitieren: „Ich werde mir nicht den Haider holen, damit der nur ,Guten Abend‘ sagt.“ Ich spiele aber zunächst Zweitbesetzung; Mörbisch ist wichtiger als meine Eitelkeit. In „meiner“ ersten Produktion (frühestens 2022, Anm.) wird ein Star aus Deutschland kommen, da werden die Mädels kreischen (lacht). Ich kann noch nicht mehr verraten, aber das wird eine der schönsten Liebesgeschichten der Welt.


Wie geht es Ihnen damit, dass der Opernball heuer ausfällt?

Es tut weh, aber es wird eine tolle ORF-Sondersendung geben – mit vielen Highlights aus den letzten Jahren. Ich mache das seit 25 Jahren, habe über 300 Leute dort interviewt. Was da Hoppalas passiert sind!

 

© Vanessa Hartmann

 


Lieblingsanekdoten?

Als ich in Paris lebte, wohnte Grace Jones in der Wohnung über mir. Ich wusste das zunächst nicht, hatte schon Mordgedanken, weil es nachts immer so laut war (lacht). Sie ging um sechs Uhr morgens erst ins Bett, ich musste für eine Serie um sieben Uhr im Studio sein. Nach ein paar Wochen bin ich polternd, nur mit einem Handtuch um die Hüften zu ihr rauf – das war der Anfang einer lieben Freundschaft. Jahre später war sie dann Gast bei Lugner am Opernball und wir haben uns ausgemacht, dass ich sie frage: „Would you like to do anything?“ – Sie sollte antworten, dass sie mit mir tanzen möchte. Aber sie sagte: „I would like to go to my box and fuck my boyfriend.“ Ich war live auf Sendung und habe übersetzt: Sie würde gerne mit ihrem Verlobten Händchen halten. Prompt hieß es, ich kann nicht Englisch. Aber jetzt stellen Sie sich mal vor, ich hätte das in einer Live-Sendung eins zu eins übersetzt? (Alle lachen) Unvergesslich waren auch Begegnungen mit Sophia Loren oder US-Außenministerin Madeleine Albright. Irgendwann wird es ein Buch über all das geben.

Sie stehen seit Langem in der Öffentlichkeit. Wie gehen Sie mit Kritik um?

Ich habe oft gehört (in Bezug auf den Opernball, Anm.): Was ist schon dabei, zwei Minuten mit jemandem zu reden? Aber in diesen zwei Minuten sollen die Zuschauer*innen etwas erfahren, das sie noch nicht gehört haben, wobei wir nichts Politisches fragen dürfen. Als ich einmal „Rechts“ attackiert habe, war die Reaktion: Der ist letztklassig, der ist schwul. Dieses Thema kommt dann sofort, das ist immer die Hauptangriffsfläche. Ich finde es furchtbar, wenn ein Produkt oder eine Produktion zerfetzt wurde, nur weil mich jemand nicht mochte. Darum spiele ich im Burgenland in der ersten und zweiten Produktion nicht den Star. Ich möchte niemandem die Möglichkeit geben, diese Festivals zu gefährden, nur um mir eines auszuwischen.


Sie selbst kommen gut damit klar, dass Sie polarisieren?

Das hat mir lang sehr weh getan. Zuerst will man von allen geliebt werden, dann kommt die „Habt’s mich gern“- und dann die „Ist mir wurscht“-Phase. Seit ungefähr zehn Jahren fühle ich mich zwei Seiten verantwortlich: mir selbst und allen, die mich gerne haben. Meine Erlebnisse, weit mehr als zwei Millionen Menschen, die mich bereits auf der Bühne im Theater gesehen haben, das kann mir kein Kritiker nehmen. Natürlich habe ich Fehler gemacht, Produktionen, die nicht optimal waren, wir sind alle nur Menschen. Das Problem ist, dass wir oft als Abziehbilder gehandhabt werden; in der Realität sind wir anders, als viele glauben. Als Schauspieler ist es klarer, da spielst du Rollen und bist natürlich kein Mörder, wenn du den Hamlet gibst. Bei einem Moderator kommt es auf das Format an; die Informations-Stars stehen nicht im Adabei, die Riege der Unterhaltung ist ununterbrochen im Rampenlicht, weil das auch hilft, mehr Zuschauer zu bekommen. Zuerst war ich der Küsser-König, dann der Mister Opernball, dann der Schwule vom Dienst – du wirst sehr schnell gestempelt.


Ihre 63 Jahre sieht man Ihnen kein bisschen an. Was ist Ihr Jungbrunnen?

Disziplin, Sporteln, Alkohol in Maßen – und nach jedem Glas ein bis zwei Einheiten Wasser – und ich rauche nicht. Ich bin auch genetisch gesegnet durch meine Mama; bis der Krebs bei ihr mit 70 zugeschlagen hat, war sie bildschön.
Ich war als Kind bulimisch, als Teenager richtig „blad“ und dann ging es wieder von 98 auf 63 Kilo runter. Was ich als Teenager alles mitgemacht habe, das habe ich mir bis heute gemerkt.


Was bedeutet Liebe für Sie?

Das Schönste ist, wenn du jemanden liebst und keine Gegenleistung erwartest. Liebe ist ein ewiges Geschenk. Unser Beruf ist tödlich für die Liebe. Mit jemandem, der in der Öffentlichkeit steht, zusammen zu sein, ist oft die Hölle. Aber ich habe dazugelernt; meine letzte Beziehung war nicht mehr öffentlich. Davor dachte ich mir immer: Warum darf ich nicht mit meinem Freund Hand in Hand spazieren gehen? Ich habe sicher auch gesellschaftspolitisch etwas bewegt, weil ich immer gegen Homophobie und für Gleichberechtigung eingetreten bin. Es hat sich auch viel getan in den letzten Jahren, aber wir sind noch lange nicht so weit, wie wir glauben.


Um Ihre Mama aus gesundheitlichen Gründen zu unterstützen, leben Sie zusammen. Wie funktioniert Ihre WG?

Hervorragend! Wir sind das einzige Ehepaar, das nach 63 Jahren immer noch jeden Tag miteinander frühstückt und redet (lacht). Ich verdanke ihr alles, sie hat so viel für mich getan. Ich habe meinen Papa mit 17 verloren. Ich war sehr traurig, aber 20 Jahre später hat es mich richtig geflasht. Da habe ich erst die Tragweite verstanden. Diesen Ring (zeigt auf seinen Finger, Anm.) habe ich von meinem Vater und ich trage ihn immer bei mir. Wenn ich auf der Bühne stehe, lasse ich ihn in die Kostüme einarbeiten.


Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn der Corona-Wahnsinn vorbei ist?

Zu wissen, dass meine Lieben in Sicherheit sind, und ich freue mich darauf, bei schönem Wetter in Mörbisch und Jennersdorf die Gäste begrüßen zu dürfen. Mir geht das Publikum sehr ab.

 

Chefredakteurin Nicole Schlaffer und Redakteurin Viktória Kery-Erdélyi beim Gespräch mit Alfons Haider. © Vanessa Hartmann


Wordrap

Was bringt Sie zum Lachen?

Meine Hoppalas.

Was fehlt in Ihrem Leben?

Ein Lebenspartner.

Was können Sie gut, was andere nicht können?

Nicht eifersüchtig sein.

Wenn Sie 2020 mit drei Worten beschreiben müssten …

Woa des notwendig?

Worauf könnten Sie keinen Tag lang verzichten?

Auf meine Mutter.

Die schönste Operette ist …

Eigentlich „Sissi“, durch die Nummer: „’S ist einmal im Leben so / Allen geht es eben so / Was man möchte so gern / Liegt so fern / Wenn man alles haben könnt / Wenn man ohne Mühe fällt / Was man nie erreicht / Ja dann wär’s leicht (Kaisers Lied / ’S ist einmal im Leben so).

Das schönste Musical ist …

Kein Musical zeigt so real wie „A Chorus Line“, wie brutal unser Geschäft ist. „The King and I“ ist deshalb so faszinierend, weil ein Mörder eine halbe Stunde vor Schluss zwei Menschen hinrichten lässt, dann selbst stirbt und alle heulen Rotz und Wasser. Es ist eine wahre Geschichte.

 

Tickets

Seefestspiele Mörbisch: „West Side Story“, 8. Juli bis 14. August 2021, www.seefestspiele-moerbisch.at

JOPERA: „Die lustige Witwe“, 5. bis 15. August 2021, www.jopera.at

Sollte es coronabedingt zu einer Verschiebung der Produktionen kommen, behalten alle Tickets ihre Gültigkeit.