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People | 23.02.2021

The Greatest Love of All

Drei Frauen, drei Lebenskonzepte. Über Liebe in der zweiten Lebenshälfte, das Alleinsein und ein bestimmtes Gefühl, das stark sein muss, damit alles andere klappen kann.

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© SHUTTERSTOCK

Es war einer dieser besonderen Augenblicke, die Teamwork so erstrebenswert machen. Wir suchten nach Interviewpartnerinnen, die bereit sein sollten, möglichst offen über ihr Liebesleben in der sogenannten zweiten Lebenshälfte zu sprechen. Da trafen sich unsere Blicke: unsere Kolleginnen! Sie saßen direkt vor uns! Drei großartige Frauen mit drei unterschiedlichen Liebesbiografien: eine von ihnen seit 38 Jahren in einer erfüllten Partnerschaft, eine in einer neu entflammten „alten“ Beziehung und ein glücklicher Single. Ein bisschen Überredungskunst bedurfte es, Rosemarie Wiedner, Eva Maria Plank und Petra Werkovits, die Medienberaterinnen der BURGENLÄNDERIN, zum Talk zu bitten. Doch es lohnte sich zweifelsfrei.  

 

Frisch getestet. Negative Corona-Tests, positive Stimmung beim Talk. © Vanessa Hartmann

 


BURGENLÄNDERIN: Liebt man mit 50 plus anders?

Rosemarie Wiedner: Liebe ist die stärkste Form der Hinwendung und der Ausdruck tiefer Wertschätzung. Für einen jungen Menschen steht Eros im Mittelpunkt, die sinnliche, erotische Liebe, die Verliebtheit, da macht man sich noch nicht so viele Gedanken. Ich glaube, man liebt mit 50 plus anders, weil man aufgrund seiner Erfahrungen die verschiedenen Arten der Liebe – die hingebungsvolle Familienliebe, die Freundesliebe und auch die Selbstliebe – bewusster erlebt.

Petra Werkovits: Das ganze Leben ist ein Entwicklungsprozess. Ich hätte mir vieles ersparen können, aber dann wäre ich nicht die, die ich heute bin – und die mag ich ganz gern. Ich bin früh Mutter geworden, habe sehr jung die Liebe zum Kind und die damit verbundene Verantwortung gespürt. Ich bin in einer sehr stabilen Familie aufgewachsen. Mein Vater ist der wunderbarste Mann und ich dachte, alle Männer sind so. Dann bin ich draufgekommen, dass es sonst keinen gibt, der so ist (alle lachen). Ich habe viele Jahre versucht, mich zu verbiegen, aber das tut man irgendwann nicht mehr, weil es niemandem etwas bringt. So kam es, dass ich erst mit 48 das erste Mal Single war. „The Greatest Love of All“ – dieses Lied von Whitney Houston berührt mich sehr; ich musste mich und meine Selbstliebe erst finden.

Eva M. Plank: Ich war 20, als ich meinen Mann kennenlernte, und seither nie Single. Das ist 38 Jahre her.

 

 

Liebst du deinen Mann heute anders?

Eva: Da muss ich jetzt aufpassen, was ich sage (alle lachen). Er ist mein Lebensmensch, es hat einfach gepasst. Ich musste mich nie für ihn verbiegen oder verändern. Er hat mich immer unterstützt. Heute ist es eine noch tiefere Liebe. Wir lassen einander Freiraum, picken nicht die ganze Zeit beisammen. Diese grundlose Eifersucht, die ich mit 20 oder 30 hatte, die habe ich nicht mehr. Wir vertrauen uns. Ich fahre auch allein mit Freundinnen auf Urlaub.

Rosemarie: Man kann sich das eine oder andere Mal auch geschmeichelt fühlen, wenn der Partner ein wenig eifersüchtig ist, denn das bedeutet ja grundsätzlich, dass er dich will! Wenn man sich länger kennt, sollte die Eifersucht aber einem beruhigenden Vertrauen weichen.

Petra: Eifersucht hat auch mit dem Selbstwertgefühl zu tun. Das kristallisiert sich heraus, je älter man wird.

Eva: Das stimmt. Am eifersüchtigsten war ich, als ich mit unseren kleinen Söhnen daheim war und meine Schwiegermutter gepflegt habe. Mein Mann war arbeiten und auf Betriebsausflügen. Jede Kollegin war mir ein Dorn im Auge, aber das war wahrscheinlich der Neid.


Glaubt ihr, kann man als Single glücklich sein?

Petra: Natürlich. Ich habe eine wundervolle Herkunftsfamilie und habe selbst zwei wunderbare Frauen großgezogen. Ich habe meinen Töchtern immer versucht zu vermitteln, dass sie mit sich selbst gut leben und sich selbst glücklich machen können, dann wird es den Menschen in ihrer Umgebung auch gut gehen. Ich fühle mich wohl in meinem Freundeskreis und mit meinen Kolleg*innen. Mein Single-Dasein ist nur eine Facette in meinem Leben. Ein Partner wäre vielleicht eine weitere Bereicherung, aber nicht unbedingt notwendig.

Eva: Manchmal beneiden Frauen in Beziehungen sogar ihre Single-Freundinnen. Aber in Wirklichkeit kann man auch alles machen, was man will, wenn man in einer guten Partnerschaft lebt und sich gegenseitig unterstützt und sich vertraut.

 

 


Was bedeutet für euch Glück?

Eva: Das Wichtigste für mich ist Gesundheit. Ich habe schon viel erlebt und weiß, wie schnell es vorbei sein kann. Meine Schwester hatte mit 15 einen Unfall und sitzt seither im Rollstuhl, meine andere Schwester starb mit 44. Ich nehme nichts mehr als selbstverständlich an; meine Familie und Freunde bedeuten für mich Glück – und natürlich meine langjährige Ehe.

Rosemarie: Glücklich sein bedeutet für mich zufrieden zu sein. Da gehört das Gefühl der Geborgenheit und auch der Selbstbestimmung dazu. Mit 22 lernte ich meinen ersten richtigen Freund kennen, mit 24 Jahren bekam ich meinen Sohn – ich war unglaublich happy. Auf Anraten meiner Eltern hatten wir dann geheiratet. Nach zehn Jahren Ehe gab es einen einvernehmlichen Schlussstrich. Bis heute besteht ein zwar eher oberflächlicher, aber guter Kontakt zu meinem Ex-Mann, auch im Sinne unseres mittlerweile erwachsenen Sohnes. Dann kamen nacheinander zwei Lebenspartner in mein Leben, mit denen ich viele wichtige Lebenserfahrungen sammeln durfte – wunderschöne und auch traurige. So ist das Leben und ich sehe es positiv! Heute bin ich wieder mit dem ersten dieser beiden Lebenspartner zusammen – die Auszeit hat es dringend gebraucht, jetzt verstehen wir uns richtig gut. Wir kennen uns mittlerweile seit 20 Jahren und haben ähnliche Vorstellungen und Werte. Obwohl wir uns nur an Wochenenden sehen wegen der örtlichen Distanz, passt es dennoch vorerst für uns beide so. Glück in der Partnerschaft ist für mich, wenn ich so sein kann, wie ich bin, und dafür auch noch geliebt werde! Dieses Glück will ich gerne zurückgeben.

Petra: Glück passiert nicht. Glück ist ein Entschluss, den man fasst. Ich halte es so: Alles, was ich beeinflussen kann, mache ich und ändere ich so gut wie möglich, dass es mir und meinem Umfeld guttut. Was ich nicht beeinflussen kann, nehme ich möglichst gelassen hin. Ein glückliches Leben macht aus, dass man viele schöne Momente sammelt.


Welche Eigenschaften sind euch an einem Partner wichtig?

Eva: Ehrlichkeit. Ich kann mit meinem Mann über alles reden. Ohne Humor geht es auch nicht.

Rosemarie: Neben Ehrlichkeit, Flexibilität und Humor ist für mich auch ein harmonisches Miteinander wichtig – wo aber auch diskutiert werden darf. Die Chemie muss passen, er soll mir auch gefallen und ähnliche Grundeinstellungen sind auch wichtig.

Petra: Auf die Frage, was am wichtigsten in einer Beziehung ist, hat André Heller einmal geantwortet: Würde und Geborgenheit. Er hat mir damit aus der Seele gesprochen.

Im Talk
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"Mein Mann und ich haben uns im Laufe der Jahre Eigenschaften voneinander abgeschaut."

Eva M. Plank

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"Wenn die Schmetterlinge weniger werden, können das andere Arten der Liebe aufwiegen."

Rosemarie Wiedner

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"Ich hätte mir vieles ersparen können – aber dann wäre ich nicht die, die ich heute bin."

Petra Werkovits

Gehört die Vergangenheit in einer neuen Partnerschaft besprochen oder schweigt man lieber?

Rosemarie: Ich bin der Überzeugung, dass man schon über seine Vergangenheit reden sollte. Was der Partner wissen will, soll er erfahren. Auf alle Details muss man da aber nicht eingehen, z. B. was Sex betrifft.

Petra: Ich würde grundsätzlich nicht über die Vergangenheit reden, weil ich ja im Jetzt lebe. Wenn ich konkret gefragt werde oder auf etwas komisch reagiere, dann hat er natürlich das Recht auf eine Erklärung. Aber nicht ohne Veranlassung. – Eva, hast du eigentlich je daran gedacht, dass du etwas versäumt hast?

Eva: Nein, ich habe ein erfülltes Leben. Die Jahre vergehen so schnell und wir fragen uns: Wo ist die Zeit hin? Die Kinder sind schon erwachsen.


Hat sich etwas in eurer Beziehung verändert, als die Kinder groß waren?

Eva: Ich habe dann viel gearbeitet, aber wir hatten auch mehr Zeit füreinander, konnten auf Urlaub fahren, wann wir wollten. Aber ich hatte nie das Gefühl, ich hätte meine Aufgabe verloren. Wir behandeln in dieser Ausgabe auch das Thema Scheidung. In Österreich betrug die Scheidungsrate 1960 knapp 14 Prozent, erreichte 2007 den Höhepunkt von knapp 50 Prozent, derzeit werden mehr als 40 Prozent der Ehen geschieden.

Was liegt eurer Meinung nach dieser Entwicklung zugrunde?

Eva: Ich glaube, die Leute geben grundsätzlich zu früh auf. Wie viel wir in den ersten Jahren gestritten haben! Einer unserer Freunde musste uns ein Essen in einem Haubenlokal spendieren, weil er gewettet hatte, dass wir keine fünf Jahre schaffen (lacht). Wichtig sind die „Grundliebe“ und die Streitkultur. Ich habe immer versucht, es so zu halten, dass wir nie böse ins Bett gehen.

Rosemarie: Heute stehen Frauen selbstbewusster zu ihrem Ich, nehmen auf ihre eigenen Gefühle Rücksicht und wollen diese auch leben. Durch ihre Berufstätigkeit sind Frauen wirtschaftlich unabhängiger und meist in der Lage, sich selbst zu erhalten. So haben Frauen die Möglichkeit und meist den Mut zu einer Scheidung.

 

 


Wie wichtig ist Sexualität für euch?

Rosemarie: Sexualität in der Beziehung ist wichtig für mich, sie gibt ja dieses einzigartige tolle Gefühl! Sexualität bringt auch diese spezielle innige Bindung zum Partner mit sich.

Eva: Ich habe immer gerne Sex mit meinem Mann gehabt. Das wird sich nicht ändern, vielleicht nur die Häufigkeit (alle lachen).

Petra: Bei dir ist es ja ein Glück, ihr habt euch in jungen Jahren kennengelernt und es hat gepasst. Bei mir war das Pech, dass es nicht gepasst hat. Dadurch gerät das Leben gleich in eine Schieflage; du gehst dann nicht sofort in eine neue Geschichte rein. Deswegen ist es gut, wenn man zwischendurch auch mal allein ist, um das auszugleichen. Es ist wichtig, in sich zu gehen und sich zu fragen: Was brauche ich wirklich? Auch für die Sexualität ist die persönliche Entwicklung wichtig.


Kann/soll/darf man sich für einen Menschen, den man liebt, ändern?

Eva: Ich habe mich nicht verändert, da hätte mein Mann Pech gehabt (lacht). Aber wir haben uns im Laufe der Jahre Eigenschaften vom anderen abgeschaut. Das sehe ich positiv. Er ist ein bisschen offener geworden, ich ein kleines bisschen ruhiger. Er widerspricht mir heute mehr, das hat er früher nicht gemacht (alle lachen). Aber das ist okay für mich.

Rosemarie: Wenn es Eigenschaften sind, die einem wirklich gegen den Strich gehen, dann wird es nicht funktionieren. Über kleine alltägliche Dinge kann man hinwegsehen oder sich in Gelassenheit üben, aber echte Persönlichkeitsmerkmale sind schwer zu ändern. Ein ordnungsliebender Mensch kann schwer mit einem Chaoten zusammenleben.


Kennt ihr Angst vor dem Alleinsein?

Eva: Ich habe keine Angst, dass ich allein nicht zurechtkommen würde, aber es ist einfach schöner, wenn man heimkommt und es ist jemand da.

Petra: Ich bin sehr gerne allein und brauche viel Zeit für mich. Ich habe ein erfülltes, buntes Leben. Einladungen nehme ich auch alleine an. Es ist nur manchmal etwas unangenehm unter lauter Pärchen als „freie Radikale“; da bist du oft Feindbild für gebundene Frauen, selbst wenn ich ihre Männer nicht mal geschenkt haben möchte (alle lachen).

Rosemarie: Ich habe überhaupt keine Angst vor dem Alleinsein, ich möchte aber nicht allein sein. Ich habe die Zeiten zwischen meinen Beziehungen immer genossen und genützt, um mich weiterzuentwickeln. Aber ich mag es, mit meinem Partner Freude und Leid zu teilen, Entscheidungen nicht immer allein treffen zu müssen. Bei mir ist es vorerst eine Wochenendbeziehung, die ist momentan ideal für mich.


Mögt, habt oder wünscht ihr euch Schmetterlinge im Bauch?

Rosemarie: Wenn man länger zusammen ist, lassen Schmetterlinge und Leidenschaft vielleicht nach, aber es kommen Vertrauen, Ehrlichkeit, Humor, Akzeptanz dazu. Wenn die Schmetterlinge weniger werden, kann das durch andere Arten der Liebe aufgewogen werden; genau das braucht es für eine gute und starke Beziehung.


Wie schwierig ist es, die Liebe in der zweiten Lebenshälfte zu finden?

Petra: Man glaubt automatisch, dass ein Single auf der Suche ist. Wenn ich jemandem begegne, okay. Aber ich suche nicht. Es ist auch ein großer Unterschied, ob ich in jungen Jahren gemeinsam eine Familie plane oder ob ich schon eine Familie habe, in die jemand „reinkommt“. Mein Partner kann zwar meine Enkelkinder lieb finden, aber vielleicht versteht er nicht, warum ich alles für sie täte, damit es ihnen gut geht. Andererseits kann man sich mit den Jahren besser abgrenzen. Du stürzt dich nicht mehr blind irgendwo rein, du verlierst dein eigenes Leben nicht aus den Augen. Mit 20 kannst du viel impulsiver an die Sache herangehen, dafür kann ich jetzt mehr Tiefe erreichen.

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Hochzeitsfoto aus den 80ern: Eva M. Plank mit ihrem Bräutigam Gerhard und den Trauzeugen. © privat