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People | 17.03.2021

Wo war der Turnschuh schon?

Eine Begegnung im Südburgenland mit dem vielfach preisgekrönten Autor Heinz Janisch, dem Astrid Lindgren nicht ohne Grund Kinokarten in Stockholm schenkte.

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"Es ist wichtig, dass man sich immer auf die nächste Seite freut: beim Lesen und im Leben.", Heinz Janisch, Autor © Vanessa Hartmann

Das zum Thema Kind in mir“, schmunzelt Heinz Janisch, als er nach dem Interview eine Holzfigur in seiner Jackentasche entdeckt. „Ich hab’ sie auf einem Markt in der Nähe gekauft“, strahlt er. Den Wohnsitz in Wien verdrängt die Kraftoase und der schriftstellerische Rückzugsort in Strem seit dem ersten Lockdown; ebendort dürfen wir den Autor und seine Familie besuchen. Mehr als 150 Werke, eine Vielzahl an Auszeichnungen – das flößt viel Respekt ein. Mit einem höflichen Sie sind die Fragen vorformuliert, aber der Mann mit den (nicht „coronabedingt“) langen Haaren und ebenso seine Frau Cornelia – sie ist Psychotherapeutin – switchen fast unbemerkt auf ein herzliches Du …

2 seiner Bücher
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 Aktuell. Jaromir ermittelt in Güssing. Poetisch und pointiert: „Jaguar, Zebra, Nerz“.

 

 
BURGENLÄNDERIN: Der Große Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Was bedeutet er für dich?

Tiefe Freude, das ist ein Preis für das Gesamtwerk. Ich merke, dass mich das innerlich weiterträgt.

Kennst du Selbstzweifel nach so vielen Werken?

Mit jedem leeren Blatt, Cornelia weiß das. Ob es nicht die falsche Idee ist, ob es dem gerecht wird, was du beobachtest. Wie beschreibst du etwas so, dass der andere es spürt? Ich bin mir immer unsicher. Ich glaube, jeder ist das, man hat nur unterschiedliche Strategien, damit umzugehen. Ich versuche den Kindern in Schreibwerkstätten zu vermitteln: Wenn du ein weißes Blatt hast, ist alles möglich. Wenn du hinschreibst, du bist ein Pirat, dann bist du ein Pirat.

Was sind deine Botschaften?

Das sind ganz simple: Jeder hat Fantasie, jeder will gesehen werden, jeder braucht manchmal eine Ich-Stärkung. Wenn du Kindern eine Sprache gibst, kannst du sie mutiger machen, sie stärken. Jeder hat Kostbarkeiten, der eine kann Fußballspielen, der andere schnell rennen, der Nächste hat super Ideen. Und dass Neugier eine wichtige Kraft für alles ist. Wenn du Bücher anschaust, bist du schon neugierig. Beim Lesen kriegst du ein Gespür für andere; du lebst mit jemandem mit, das weckt Empathie; das ist Charakterbildung.

Woher kommen deine Ideen?

Ganz viel durchs Beobachten. Manchmal sind es Gedichte, einzelne Sätze, die mich berühren. Die schreibe ich mir für später auf.

 

Herzensfrauen. Heinz Janisch mit Ehefrau Cornelia und Tochter Lilli.  © Vanessa Hartmann

 

Wie sammelst du solche Ideen?

Auf Zetteln in Schachteln und vielen Sackerln. Ich habe als Kind wenig Bücher und keinen Fernseher gehabt. Mein Bruder und ich haben gesagt, der Himmel ist unser Fernseher. Wir legen uns auf die Wiese und schauen, was passiert. Das erzähle ich den Kindern heute auch, du schaust hinauf und spielst Wolkenkino: Der Wolkenelefant fliegt gegen die Wand, er verstaucht sich die Hand, jetzt braucht er einen Verband, fährt in ein anderes Land, geht zum Strand, legt sich in den Sand und isst einen Pizzarand.  Ich habe Schachteln mit Gedichten, mit Bilderbuchideen und Detektivgeschichten; das sind meine Schatzkisten, in denen ich meistens nachts herumwühle.

Hast du je Angst, dass die schöpferische Quelle versiegen könnte?

Ich habe immer wieder Durchhänger. Da schaue ich in meine Schachteln und stelle fest: Da liegen sieben Ideen allein für Bilderbücher. Einer hat mir mal ein Foto von einer Hängebrücke geschickt, heute ist „Die Brücke“ eines meiner erfolgreichsten Bücher. Ein Riese und ein Bär treffen dort aufeinander; beide sind stur, die Brücke ist ziemlich kaputt, man muss aufpassen. Ich spiele das mit Kindern in Schulklassen: Wir nehmen eine Turnbank, ich lasse zwei aufeinander zugehen. Dann frage ich sie: Was macht ihr jetzt? Da kommt oft zuerst: „Ich schmeiß ihn runter.“ Dann merken sie, dass sie beim Raufen beide abstürzen. Die Lösung ist – in diesen Zeiten gerade schwierig –, dass sie aufeinander zugehen, sich umarmen und langsam drehen. Die Botschaft: Miteinander geht es besser als gegeneinander.

Wie kommen Kinder durch diese Zeit?

Es tut weh, dass Distanz ein guter Wert wird. Gerade aktuell ist mein Bilderbuch mit Silke Leffler „Ein Geschenk für den König“. Alle erfinden die tollsten Sachen, Pflanzen und Zauberapparate, dann kommt ein kleines Mädchen, stupst ihn an und sagt: „Ich habe auch ein Geschenk für dich“ – und umarmt ihn.

Wie gelingt es dir, die gute Verbindung zum Kindsein zu behalten?

Mit 60! (lacht) Christine Nöstlinger hat gesagt, man muss die Tür zur Kindheit immer einen Spalt offenlassen. Etwas in mir kauft noch immer Wundertüten und freut sich über die Plastikindianer meiner Kindheit am Schreibtisch. Ich stelle den Kindern bei den Schreibworkshops oft einen Stein oder einen Turnschuh hin und sage: Nichts ist zu klein für die Literatur. Wo war der Turnschuh schon überall? Der hat eine Weltreise gemacht, war auf einem Vulkan, weil er da ein bisschen schwarz ist … Dieses Reden, das gemeinsame Nachdenken fehlen jetzt sehr. Das tut den Kindern gut, wenn ich sage, dass ich nie gut in Deutsch war und jetzt schreibe ich Bücher.

Wirklich?

Ich war ein Fußballer. Lehrer sagen auch heute manchmal: Der ist Fußballer, das wird nix. Aber das stimmt nicht, die schreiben die besten Geschichten, es muss halt ein Fußball vorkommen.

Wolltest du Fußballer werden?

Ja, klar. Mein Vater war Tormann und Schiedsrichter im Burgenland, mein Bruder und ich sind am Fußballplatz aufgewachsen und waren selbst lange beim Verein. Mein erstes Moped habe ich mit Fußball verdient, da war ich noch dünn wie Spaghetti.
Du bist auch Redakteur der Ö1-Radio­porträtreihe „Menschenbilder“ … Ich habe zwei Herzensberufe. Heute haben wir 1.800 Sendungen im Archiv, viele habe ich gemacht. Das ist eine Bereicherung für mein Leben.

Magst du eine von vielen unvergesslichen Begegnungen beschreiben?

Ein Highlight war Astrid Lindgren. Ich durfte zu ihr nach Stockholm fliegen, sie hat sich einen ganzen Nachmittag Zeit genommen, einen Kuchen gemacht und mir Kinderlieder vorgesungen. Wir waren im Wasa-Park gegenüber ihrer Wohnung spazieren, wo ihr Buch „Mio, mein Mio“ spielt. Das waren sehr schöne Momente. Zum Schluss hat sie noch Kinos angerufen, wo ihre Filme gelaufen sind, und mir Karten weglegen lassen. So habe ich „Ronja Räubertochter“ auf Schwedisch gesehen (schmunzelt).

Was macht dich glücklich?

Geliebt zu werden, mich freuen zu können. Schwere Frage … Das Leben. Ich lebe gerne, weil es spannend ist. Ich habe zur Geburt unserer Tochter Lilli das Buch gemacht „Wie war das am Anfang?“. Darin spiele ich durch, was man alles werden kann. Es hört auf mit: „Du wirst ein Mensch sein.“ – Dann musst du umblättern und da steht: „Jetzt.“ Immer wenn du eine neue Seite aufschlägst, gibt es ein neues Jetzt. Es ist wichtig, dass man sich immer auf die nächste Seite freut: beim Lesen und im Leben.


Kurzbio

© Vanessa Hartmann

Heinz Janisch

… wuchs im Bezirk Güssing auf, ist seit 1984 Ö1-Radioredakteur („Menschenbilder“) und schreibt vorwiegend Kinder- und Jugendbücher. Für seine mehr als 150 Titel wurde er vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Aus Arne Rauterbergs Laudatio: „Janischs Poesie führt wie eine Fahrradschnellstraße ins Reich der Fantasie.“ Janisch ist Vater eines erwachsenen Sohnes und lebt mit seiner Frau Cornelia Janisch-Binder und der gemeinsamen Tochter Lilli in Wien und in Strem. Aktuell: „Das versteckte Gold. Ein Fall für Jaromir“ (Obelisk), „Jaguar, Zebra, Nerz“ (Tyrolia), „Ein Geschenk für den König“ (Annette Betz). www.heinz-janisch.com