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People | 08.04.2021

Erfolgsgarant mit Bodenhaftung

Christopher Trimmel verkörpert im Fußballsport den Traum von internationaler Erfolgsgeschichte. Wir sprechen mit dem Mittel­burgenländer über Homophobie im Sport, die Berliner Musik-Szene, Tätowieren und die Wichtigkeit von Mode und Styling.

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© Arnela Trimmel

Er erinnerte die Autorin dieser Zeilen – trotz fehlender Fußballkompetenz – sofort an David Beckham. Überraschenderweise war der Fußballstar auch als Jugendlicher schon sein Vorbild. Alles begann am Fußballplatz in Mannersdorf an der Rabnitz. Von dort aus eroberte sich Christopher Trimmel den Traum von vielen: eine internationale Fußballkarriere. Heute steht er als Mannschaftskapitän an der Spitze des 1. FC Union Berlin (auch die „Eisernen“ genannt) und gilt als König der Standards. Der 34-Jährige ging bewusst nicht den klassischen Weg über eine Fußball-Akademie, sondern wollte ursprünglich Zimmermann werden, weswegen er die HTL in Pinkafeld absolvierte. Danach zog es ihn durch Rapid nach Wien und er begann, Sport und Geografie auf Lehramt zu studieren. Nachdem er in die erste Mannschaft bei Rapid aufgenommen wurde, änderte sich alles. Er legte das Studium auf Eis und widmete seine ganze Energie dem Spiel auf dem Rasen. Das brachte ihm 2014 einen Umzug nach Berlin durch den Wechsel zu den Eisernen und 2018 den Aufstieg in die Bundesliga. Neben dem Kicken gehört seine Leidenschaft der Malerei und dem Tätowieren. Das lernte er vom Besten: Tätowierer Klaus „Hu“ Fruhmann war sein Lehrmeister und unterstützte Trimmel in seinen Anfängen – bis heute verbindet beide sowohl eine Freundschaft als auch die Begeisterung für Körperkunst. Durch die strengen Vereins-Richtlinien aufgrund der Pandemie darf Trimmel derzeit nicht nach Österreich reisen, daher führten wir ein Online-Interview mit dem Ausnahmetalent, das sowohl seine Heimat als auch die Fans im Stadion vermisst.


BURGENLÄNDERIN: Unlängst wurde ich von einem deutschen Journalisten gefragt, welche Eigenschaften der typische männliche Burgenländer hat. Meine Antwort: offen, lässig und authentisch. Er meinte, das treffe genau auf dich zu. Siehst du das auch so?

Christopher Trimmel: Ich glaube schon. Ich habe mich nie verstellt. Wenn ich zu Hause in Mannersdorf bei meinen Eltern bin, gehe ich durch die Ortschaft, als wäre ich nie weg gewesen, und die Leute behandeln mich auch so. Viele haben früher geglaubt, wenn ich nach Berlin gehe, werde ich hochnäsig und spreche nur noch Hochdeutsch. Aber das kann ich nicht (lacht). Ich werde immer ein Burgenländer bleiben.


Du hast auch den Ruf, immer cool zu bleiben. Wann kannst du deine Coolness mal nicht abrufen?

In Stress-Situationen versuche ich durchzuatmen und ruhig zu bleiben. Fußball ist jedoch mit sehr vielen Emotionen verbunden. Durch die Pandemie gab es zusätzlich vieles, das neu war. Beispielsweise im Frühjahr 2020, als wir nach einer coronabedingten Pause wieder begonnen haben und das Hygienekonzept für alle eine Umstellung war. Da war viel Verständnis gefordert. Leider wurden oft kleine Fehler, die am Anfang passiert sind – wenn zum Beispiel mal die Maske nicht so richtig saß –, sofort von der Presse aufge­bauscht und die Spieler verunglimpft. Das hat mich sehr geärgert und da bin ich richtig sauer und laut geworden. Vorher spricht jeder von Verständnis und dann wird auf den kleinsten Fehlern herumgehackt. Da hat mir das Menschliche komplett gefehlt.


Als Profi-Fußballer bist du ständig der Öffentlichkeit ausgesetzt. In Zeiten wie diesen ist Kritik auch leicht über Social Media zum Ausdruck zu bringen. Wie gehst du damit um?

Die Rolle in der Öffentlichkeit ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits hast du die Macht, Dinge anzusprechen und etwas zu bewirken. Das habe ich die letzten Jahre immer wieder gemacht, z. B. gegen Rassismus. Eines unserer aktuellen Projekte beschäftigt sich mit Homophobie im Fußball. Dabei zeigen wir Solidarität mit homosexuellen Fußballern. Da ein Coming-out im männlichen Profi-Fußball bisher immer verpönt war, wollen wir Kollegen dazu ermutigen, sie notfalls gegen Anfeindungen verteidigen und ihnen zeigen, dass wir auf ihrer Seite sind. Natürlich gibt es immer Leute, denen das nicht passt, aber im Endeffekt hat das super Wellen geschlagen und wir haben fast durchwegs positives Feed­back erhalten. Da bin ich stolz drauf. Bald wird es auch eine Aktion für Klimaschutz in Kooperation mit Fridays for Future geben. Ich weiß, dass es viele gibt, die Probleme mit Cybermobbing haben und sich zu prekären Themen, bei denen sie einen Shitstorm kassieren könnten, nicht äußern wollen. Aber ich bin der Meinung, das ist der falsche Weg. Ich möchte aktiv bleiben und meine Meinung vertreten. Schließlich haben wir auch für viele Kinder und Jugendliche eine Vorbildwirkung.


Als Kind war David Beckham dein Vorbild. Heute legst auch du viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres und bist Style-Vorbild für andere. Deine Frau Arnela ist Grundschullehrerin, hat jedoch jahrelange Erfahrung in der Life­style-Welt. Wie sehr unterstützt sie dich?

Beckham war mein Vorbild, was seine Flanken und Freistöße angeht. Für Mode und Styling habe ich mich früher nicht interessiert. Da bin ich sehr dankbar für die Beratung durch meine Frau. Sie hat auch meine Karriere von Beginn an unterstützt und daneben immer ihr eigenes Ding durchgezogen. Durch die vielen Tipps von ihr bin ich sehr gut beraten. Sonst würde ich wahrscheinlich immer noch jeden Tag in Jeans und Band-Shirt herumlaufen, was ab und zu ja nicht schlecht ist (lacht).


Christopher Trimmel
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Christopher Trimmel beim Sonnetanken mit Hund Sammy in seiner Wahlheimat Berlin.

© Arnelia Trimmel

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Neben seiner Funktion als Mannschaftskapitän und Fußballprofi nutzt Trimmel (am Foto in der Dress des österreichischen Nationalteams) seine Popularität auch für Themen wie Rassismus, Klimaschutz und Homophobie.

© ÖFB

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Durch seine Frau Arnela macht Trimmel der Umgang mit Mode und Styling mittlerweile sichtlich Spaß.

© Arnelia Trimmel

Deine zweite Leidenschaft ist das Tätowieren bzw. das Zeichnen und Malen. Seit 1,5 Jahren bist du mobiler Tätowierer. Was fasziniert dich daran?

Schon in meiner Kindheit habe ich gerne gemalt und gezeichnet. Mit dem Tätowieren habe ich als Jugendlicher zu Hause am Küchentisch begonnen, wo ich einfach Freunde tätowiert habe. Mittlerweile habe ich in Berlin Stammkunden und bereits einige Mitspieler und Teammitglieder tätowiert. Wenn ich tätowiere, bin ich in einem Design-­Modus, in einem künstlerischen Prozess, der für mich auch eine Art Meditation ist. Fußball ist ein druckvoller und leistungsbezogener Sport. Das Tätowieren hält mich im Gleichgewicht und erdet mich. Körperliche und geistige Fitness spielen in beiden Berufsfeldern eine große Rolle. Als Tätowierer musst du mehrere Stunden in einer Position verharren. Abgesehen von der ständig benötigten Konzentration spielt der mentale Teil eine große Rolle, genau wie während eines Spiels. Nur ein kleiner Fehler und das gesamte „Kunstwerk“ oder „Spiel“ kann sich in einen Flop verwandeln. Und die Weiterentwicklung macht mir total Spaß. Ich bin in ständigem Austausch mit anderen Tätowierern, allen voran natürlich mit Hu, durch ihn bin ich erst auf den Geschmack gekommen.


Auch Musik spielt in deinem Leben eine große Rolle. Wie es sich für einen waschechten Mittelburgenländer gehört, zählen Hardcore und Punkrock zu deinen Vorlieben. Wie ist die Szene dafür in Berlin?

Super, besser als in Wien sogar. Viele internationale, vor allem amerikanische Bands aus der Szene spielen normalerweise wöchentlich hier. Das SO36 ist ein bekannter Club in Berlin-Kreuzberg, sehr klein, so wie ich es liebe. Mein größtes Problem war aber immer: Mit wem gehe ich hin? Weil in der Mannschaft keiner meine Musikvorlieben geteilt hat (lacht). Dann bin ich halt alleine gegangen. Du stellst dich einfach mit einem Bier hin und bist voll in der Community. Das fehlt mir in der Pandemie jetzt extrem. Ich mag die Musik-Szene einfach und habe viele Freunde, die Musik machen.


Zum Schluss noch ein paar Insider-­Tipps für Berlin, bitte …

Nur im Sommer kommen! (lacht) Der Winter hier ist hart. Gefühlt vier Monate durchgehend grau, dunkel, windig und regnerisch. Aber im Sommer ist Berlin unglaublich. Zu jeder Tages- und Nachtzeit sind Menschen auf der Straße. Viele Bars haben durchgehend offen. Es sind viele junge Menschen unterwegs, es herrscht internationales Flair. Eine Besichtigung mit dem Boot über die Spree macht mehr Spaß, als in einem Bus zu sitzen. Es gibt auch tolle Restaurants. Viele bei uns in der Mannschaft sind Veganer, die fühlen sich hier auch sehr wohl. Obwohl ich kein Veganer bin, gehe ich auch gerne in diese Restaurants, es schmeckt einfach wirklich gut. Es gibt aber auch viele gute österreichische Restaurants, wo ich mir ab und zu ein Schnitzel hole. Wir leben seit fast sieben Jahren hier direkt im Zentrum und sind immer noch viel unterwegs, weil wir noch nicht alles gesehen haben. Berlin ist eine weltoffene Stadt. Wenn du vor die Tür gehst, dich in ein Café setzt, hörst du überall Englisch und andere internationale Sprachen. Meine Kollegen nahmen mich damals herzlich auf und fanden meinen Dialekt super, auch wenn sie nicht alles verstehen, wenn ich Burgenländisch spreche.


Wordrap mit Christopher Trimmel

Meine Lieblings-App ist …

… Instagram


Die ersten drei Dinge, die ich in der Früh mache:

Zähneputzen, Kaffee trinken, mit dem Hund Gassi gehen.


Diesen klugen Rat über Frauen würde ich meinem jüngeren Ich aus heutiger Sicht geben:

Achte mehr auf dein Äußeres und dein Styling, um bei Frauen gut anzukommen (lacht).


Das letzte Mal geweint habe ich, als …

… mir Freudentränen bei meiner Hochzeit kamen und beim Aufstieg mit Union Berlin.


Meinen letzten Cent ausgeben würde ich für …

… die Gesundheit.


Das letzte Mal bis zum Morgengrauen durchgefeiert habe ich …

… beim Klassenerhalt in der letzten Saison.