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People | 24.04.2021

Es begann mit vielen Likes

Vieles zu, Instagram offen: Dem Bad Tatzmannsdorfer Künstler John Petschinger gelingt während der Pandemie via Social Media der Durchbruch.

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Durchstarter John Petschinger, 26 © John Petschinger

In den Pensionen rundherum war es in den vergangenen Monaten oft still. Corona ist schuld. Umso mehr farbkräftiges Leben, begleitet von den Beats des belgischen Star-DJs Lost Frequencies, herrschte in der Bad Tatzmannsdorfer Werkstatt von John Petschinger. Auch daran ist gewissermaßen Corona schuld. Der 26-Jährige malt, seit er denken kann. Das tat auch sein Großvater, das tut auch seine Mama; herausragend, leidenschaftlich gern, aber nicht als Beruf. Noch vor gut einem Jahr verkaufte John Petschinger ab und an ein Bild um ein paar Hundert Euro an Freunde; er forcierte das kaum. „Wegen des Geldes hab’ ich nie Kunst gemacht“, zuckt er lachend mit den Achseln. Eigentlich ist er selbst in einem Hotel in Stegersbach angestellt, aber zuletzt passierte offenbar etwas Bahnbrechendes, sodass Kunstliebhaber*innen heute bis zu 15.000 Euro für ein Werk des Südburgenländers bezahlen.


Vor der Kamera

Einen Künstlernamen trägt er nicht, er heißt wirklich John, benannt nach seinem Vater, der wiederum in Kanada auf die Welt gekommen war. Die Großeltern waren ausgewandert und kehrten dann in den Landessüden zurück. John Petschinger junior, also der hier Porträtierte, lebte seine Kreativität als Kind zunächst vor der Kamera aus; er spielte in Serien wie „Medicopter“ und „Kommissar Rex“ mit, im Film „Gebürtig“ sogar eine Hauptrolle. Dass er das Schauspielen schließlich bleiben ließ, bereut er nicht. Sein schöpferisches Zuhause wurden mit der Zeit seine großformatigen Bilder, die mitunter bis zu drei Mal zwei Meter groß ausfallen. Seinen Stil entwickelte er seit Jahren stets weiter; Inspirationsquell waren und sind in erster Linie die qualitativ hochwertigen Bildbände aus dem namhaften Verlag „Taschen“. Es gibt welche „zum Normalpreis“, aber auch Limited Editions und begehrte, ausverkaufte Exemplare; es kam schon vor, dass der Südburgenländer sagenhafte 1.500 Euro in eine Ausgabe investierte. Irgendwann begann er die Bücher zu sammeln; er las und studierte sie, zunächst waren es vorwiegend Kunstbücher, später gesellten sich Porträts von Stars oder bemerkenswerte Erfolgsgeschichten großer Labels hinzu. Er wollte die Bücher danach nicht einfach ins Regal stellen, „also habe ich die Seiten auf Bilder gepickt und begonnen, drüberzusprayen und -zumalen“, schildert er. Er dehnt seine Experimente zunehmend aus, Lkw bringen nunmehr die großen Metallplatten und Leinwände, auf denen seine Collagen in monatelangen Prozessen entstehen. „Wie lange ich an einem Bild arbeite, kann ich gar nicht sagen. Es kommt vor, dass ich zwei Wochen pausiere und dann wieder nächtelang male“, erzählt er. Einige seiner Werke überzieht er außerdem in einem aufwendigen Verfahren mit mehreren Schichten Epoxidharz, „um einen besonderen Glanz und 3D-Effekt zu erreichen“, erklärt er. Das Risiko: „Wenn die Mischung missglückt, ist das Bild kaputt.“

 

 

John Petschinger
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"Sein Glück muss man sich erarbeiten.", John Petschinger

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Aufwendig

Die großformatigen Collagen entstehen in einem wochenlangen Prozess auf Metall oder Leinwand.

Social Media

„Als Corona kam, hatte ich plötzlich mehr Zeit. Ich hab’ entschieden, nicht in ein Loch zu fallen, sondern die Krise positiv zu nutzen.“ Der 26-Jährige beginnt, seine Arbeiten verstärkt auf Instagram zu präsentieren, er schreibt eine Vielzahl an Galerien persönlich an. „Sein Glück muss man sich erarbeiten“, findet er. „Ich habe nicht eine, sondern zig Mails geschickt. 90 Prozent haben zuerst Nein gesagt, die anderen aber eben nicht.“ Auf eigene Kosten und Risiko verpackt und versendet er die ersten Bilder – manche wiegen gar 30, 40 oder mehr Kilogramm – an Kunsthändler in Italien, Deutschland und der Schweiz; allmählich wendet sich das Blatt. „Heute werden die Kosten für mich übernommen, wenn ich ein Bild verschicke“, schmunzelt er.Erst kürzlich verkaufte er einer Familie in Wien das bereits vierte Bild; es soll mit einem Kran in deren Haus befördert werden. „Hätte mir das jemand vor einem Jahr erzählt, ich hätte es nicht geglaubt“, sagt John Petschinger. Seinen Job im Tourismus will er nicht an den Nagel hängen. „Ich möchte etwas tun, weil ich es möchte, und nicht, weil ich muss“, betont er. „Das gilt für beides: für meine Arbeit im Hotel und für meine Kunst.“ Für den Herbst plant der Künstler – mit dem Support seiner Familie und seiner Freundin – eine große erste Ausstellung in Wien.


Instagram: @john.art