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People | 10.05.2021

Was ist eine gute Mutter?

Pfeffer und Salz braucht es für diese Rezepte nicht. Wir demontieren mit Philosophin Bettina Zehetner ein verhängnisvolles Idealbild und sammeln lieber menschliche, wohltuende Ingredienzen.

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Lana Lauren/Illustration

Der Rückschritt ist näher gerückt. Er ist sogar hörbar. Durch die Distance-Learning-Tür höre ich die Lehrer*innen aus dem Laptop sprechen: „Frag deine Mama.“ Wieso nicht „deine Eltern“, frage ich mich.
Seit mehr als 20 Jahren ist die promovierte Philosophin Bettina Zehetner psychosoziale Beraterin bei „Frauen* beraten Frauen*“ (siehe Kurzbio). Dabei forciert sie einen feministisch-philosophischen Ansatz: „Die Beratung ist eine tolle Gelegenheit, sich vom Alltag wegzubewegen, auf sich, die eigene Identitätsentwicklung zu schauen und zu überlegen: Wie wünsche ich es mir anders? Wie könnte es in Zukunft sein?“, beschreibt Bettina Zehetner. Sie ist außerdem Autorin einer Vielzahl spannender Publikationen; die Lektüre ihres Buchbeitrags „Karrieregeile Rabenmutter!“ (siehe Info auf S. 48) veranlasste mich, sie um ein Interview zu bitten.


BURGENLÄNDERIN: Rabenmutter und gute Mutter – was steht dahinter?

Bettina Zehetner: Spannend ist, dass es kein Gegenstück, also keinen Rabenvater gibt. Das deutet schon auf eine unterschiedliche Bewertung der Geschlechter hin: Eine Mutter steht unter strengerer Aufsicht. Das ist eine problematische Haltung.  Gerade wird für einen Gesetzesentwurf diskutiert, den Begriff Obsorge in elterliche Verantwortung umzubenennen. Das halte ich für sinnvoll. Es gibt keine Aufgaben, die für Mütter leichter wären, besser gingen oder wo es notwendig wäre, das Geschlecht einzubeziehen. Darum: Aufgaben nicht nach „weiblich“ und „männlich“ aufteilen, nicht die gesamte Sorgearbeit einer Person zumuten, sondern durchmischen. Kindern vielfältige und neue Vorbilder zu liefern ist zudem gesundheitsfördernd. Wir sollten davon wegkommen, dass nur Frauen zu fürsorglichem Verhalten verpflichtet werden; das wäre eine Entlastung.


In Ihrem Artikel sprechen Sie von einer „Pseudofreiheit“ …

Es heißt, Frauen können heute wählen, das sei ein Fortschritt. Im Gegenteil: Es ist eine Zumutung, dass Frauen zwischen Lebensformen wie kinderbetreuende Mutter oder Karrierefrau wählen sollen; Männern wird das nicht zugemutet und es sollte auch niemandem zugemutet werden. Wir brauchen vielmehr Bedingungen und Strukturen, die allen Geschlechtern ermöglichen, ihr Leben möglichst glückverheißend zu führen. Warum ruft der Kindergarten vor allem Mütter an, selbst wenn es einen Vater gibt? Oft sind auch Mütter mit anwesenden Partnern ziemliche Alleinerzieherinnen. Die Pandemie zeigt wieder: Frauen erledigen die unbezahlte Arbeit, bei Männern ist der Job wichtiger. Warum sollte das so sein?


Oft passiert das mit der Geburt des ersten Kindes: Ein zuvor gleichberechtigtes Paar macht einen Rückschritt. Wieso?

Das ist ein gesellschaftliches Phänomen. Die Stereotype in den Köpfen sind noch vorhanden und wenn eine Krise kommt, wie Corona oder die Geburt eines Kindes – das ist eine positive Krise –, dann greift man oft auf konservative Modelle zurück, weil man sich denkt: Die müssten doch funktionieren. Für unsere heutige Welt funktionieren sie aber nicht mehr. Ein häufiges Thema bei Trennungen: die nicht gut aufgeteilte Arbeit von Sorge- und bezahlter Arbeit.

Unsere Mütter und Großmütter mussten durch harte Zeiten. Sollten wir mehr die Zähne zusammenbeißen?

Kürzlich hat mir eine Frau in der Beratung erzählt, dass ihre Schwiegermutter sagt: Frauen müssen für die Familie leiden. Wir haben gemeinsam festgestellt, dass das eine entsetzlich destruktive Haltung ist, die auch den Kindern nicht guttut. Vielmehr sollte man sich fragen: Was will ich? Was ist sinnvoll? Die Freiheit muss man sich nehmen, die wird einem nicht geschenkt. Im Idealfall erfindet man ein eigenes Modell. Das Vorbild Superpowerfrau, die dann ausgepowert zusammenbricht, ist nicht empfehlenswert.

Bettina Zehetner Kurzbiografie

Bettina Zehetner ist promovierte Philosophin und Lehrbeauftragte am Institut für Philosophie der Universität Wien. Seit 1999 ist sie psychosoziale Beraterin und Vorstandsfrau im Verein „Frauen* beraten Frauen*“ mit Sitz in Wien und Projektleiterin von  „frauenberatenfrauenONLINE“. Die webbasierte Plattform kann bereits seit 2006 datensicher und anonym genützt werden; insbesondere seit Corona sind hier die Anfragen aus ganz Österreich explodiert. Maximale Wartezeit: 48 Stunden. Geboten wird u. a. psycho­soziale, rechtliche, Gesundheits- und Laufbahnberatung, Psychotherapie, Konfliktklärung und Supervision.

wwww.frauenberatenfrauen.at

Was ist eine gute Mutter?

Eine gute Mutter ist eine, die auch als eigenständiger und selbstbestimmter Mensch für die Kinder greif- und erlebbar wird. Für die kleinen Kinder sind fürsorgliche, haltende, liebevolle Momente wichtig. Aber je größer sie werden, desto mehr brauchen sie ein Gegenüber, das eigene Wünsche hat – auch zur Auseinandersetzung. Geborgenheit zu geben und liebevoll zu sein, ist die Basis für alles. Gleichzeitig soll die Mutter raus aus der Symbiose; sie darf das Bedürfnis nach Ruhe haben und die Tür vor dem Kind zumachen, ohne zu transportieren, dass sie es nicht mehr liebt. Zwei sind aber zu wenig. Das muss nicht unbedingt ein Vater sein – fein, wenn es ihn gibt –, aber es braucht auch andere Menschen, „das ganze Dorf“, wie man sagt. Eine gute Mutter „opfert“ sich nicht auf; schlimm ist es für Kinder, wenn sie sagt: „Ich bleibe nur für dich mit dem Papa zusammen.“ Das macht Schuldgefühle und ein schlechtes Bild von Frau- und Mannsein und Beziehungen. Man kann auch nach einer Trennung gut Eltern miteinander sein.


Ungesunde Jause, Leiberl mit Flecken: Die Gesellschaft zieht ständig Rückschlüsse auf die (Un-)Fähigkeiten der Mutter. Wie kommen wir da raus?

Ich arbeite in der Beratung auch gern mit Humor. Es kann konkret der Vater benannt werden: „Hat der Papa wieder nicht gewaschen?“ Aber es geht auch um eine Schicht darunter: um die Ansprüche. Es muss erlaubt sein, dass es der Pullover von gestern ist, der genauso wärmt. Frauen sollten einander solidarisch stärken und nicht versuchen, alles perfekt zu machen. Perfektion gibt es in der Realität nicht, das sind nur unsere Ideale, die sehr destruktiv wirken können. Wenn ich mir Ideale auferlege, die ich nicht erfüllen kann, leide ich selbst darunter, und das ist oft sogar für Kinder schädlich. Ich empfehle: schauen und benennen, was wirklich wichtig ist. Dann ist die Hose nicht gewaschen, dafür wurde ein Konflikt gut besprochen. Es gilt: mehr Großzügigkeit mit sich selbst. Wir müssen die Idealisierung von Müttern abbauen. Muttersein kann viel Freude machen, ist aber ein harter Job mit enormen Anforderungen.


Wie sieht feministische Erziehung aus, wenn wir für unsere Kinder eine gleichberechtigtere Welt wollen?

Eine gute Basis ist: nicht den Unterschied zu machen, ob das jetzt eine Tochter oder ein Sohn ist, sondern zu schauen, wie sind diese kleinen Menschen, wie entwickeln sie sich. Stereotype dürfen sein; ein Mädchen darf sich als Prinzessin verkleiden und wenn ein Bub das auch will, würde ich ihm das genauso ermöglichen. Natürlich ist die Vorbildfunktion nicht wegzudenken. Wenn die Beziehung der Eltern partnerschaftlich gelebt wird, tut das den Kindern gut, weil es selbstverständlich ist, dass der Papa kocht oder sie zum Arzt bringt und dass die Mama auch andere Bereiche im Leben hat, die ihr wichtig sind.


In Ihrer Publikation „Reparaturprojekt Mann – Erholungsgebiet Frau“ schreiben Sie: „Nicht-geschlechterrollenkonformes Verhalten ist gesundheitsfördernd – für alle Geschlechter“. Inwiefern?

Buben sollen zeigen dürfen, wenn sie traurig sind und Hilfe brauchen. Umgekehrt sollen sich Mädchen nicht dauernd darum kümmern, wie sie anderen fürsorglich begegnen können, sondern auch selbstbewusst sagen dürfen: Das will ich jetzt so für mich. Wenn Buben keine Schwäche zeigen dürfen, kann das in der sogenannten toxischen Männlichkeit gipfeln; die kann gesundheitsgefährdend und krankmachend wirken und zu Aggression führen. Alle Geschlechter sollten beziehungsorientiert UND auf Autonomie hin erzogen und sozialisiert werden, damit allen das ganze Gefühlsspektrum offensteht. Ein Gleichgewicht ist gesundheitsfördernd für Mütter, Väter und alle beteiligten Personen.

Buchtipps
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Bettina Zehetner:
„Reparaturprojekt Mann – Erholungsgebiet Frau. Frauen beraten Frauen. Feministische psychosoziale Beratung bei Beziehungskonflikten, Gewalterfahrung, Trennung und im Umgang mit Arbeit, Geld und Körper“,
Diametric Verlag

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Verena Florian:
„Mut zum Rollentausch. 50 beruflich erfolgreiche Frauen und Männer in Väterkarenz erzählen“,
Falter Verlag

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Sorority (Hg.):
„No More Bullshit. Das Handbuch gegen sexistische Stammtischweisheiten“,
Kremayr & Scheriau Verlag


Fotos: Stockhammer, Lana Lauren/Illustration, Verlage