Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 14.05.2021

Von in der Früh bis in der Früh

Angetrieben von der Sehnsucht nach neuen Sichtweisen kam Eveline Lehner 20 Jahre jung in die Cselley Mühle. Vier Jahrzehnte später bereitet sich die vielseitige Künstlerin auf ihren Abschied vor.

Bild 2105_B_ME_ELehner05__051_Bgld Eveline Lehner.jpg
Wir lernen etwas zu tun, indem wir es tun. Es gibt keine andere Möglichkeit.", Eveline Lehner, Keramikkünstlerin, Geschäftsführerin Cselley Mühle © Vanessa Hartmann

Ein kalter Lockdown-Frühlingstag. Im Hof ist niemand und trotzdem fühlt er sich nicht menschenleer an. Als hätten die Künstler*innen, die seit 45 Jahren in der Cselley Mühle ein- und ausgehen, alle ein bisschen Energie dagelassen. Oder es liegt an all den Erinnerungen an Konzerte, Ausstellungen, Hochzeiten, die sich mit noch mehr Vehemenz ihren Weg vors geistige Auge bahnen, seit die zwei Aktionszentrum-Gründer Robert Schneider und Sepp Laubner für immer gingen (2019 und 2020). Wir verlassen den Innenhof, diesmal kein Foto unterm Taubenkobel. Eveline Lehner zeigt uns ein paar andere Plätze. Hinter den Kulissen, wo sie zumeist war. „Ich hätte gerne mehr Konzerte und Auftritte erlebt, aber ich hab’ meistens im Hintergrund gearbeitet“, sagt sie, die junge Musik so mag. Dann bleibt sie vor drei mystischen Gestalten an einer Mauer stehen, Valentin Oman hatte sich dort bei einem Künstlersymposium verewigt: „Hier mag ich’s“, sagt sie zur Fotografin. Eveline Lehner war und ist vieles. Sie ist Keramikkünstlerin mit einer langen Liste an Ausstellungen, sie designt Tafelgeschirr und in der Cselley Mühle war und ist sie … Ja, was genau? Die Antwort ist dieses Interview.


Du bist mit Anfang 20, das war etwa 1980, in die Cselley Mühle gekommen. War dir klar, was das ist?

Nein, das war niemandem klar, aber lustig war’s (lacht). Und spannend! Das war ein Einblick in eine neue Welt: mit Kunst, Literatur und Konzerten. Wir haben in der Mühle fast wie in einer Kommune gewohnt; alle hatten ein Kammerl und ich hab’ gekocht. Mich interessierte alles, da beschloss ich ungeduldiger Mensch, das Gebiet der Keramik zu erlernen. Ich nehme gerne Herausforderungen an, darum habe ich mir auch so einen Mann ausgesucht (Mühle-Mitbegründer und Keramikkünstler Robert Schneider, Anm.). Mein Vorteil war, dass ich bei ihm lernen durfte; ich habe 16 Jahre gebraucht, bis ich mit Ausstellungen begonnen habe.


Du bist dann als Keramikerin durchgestartet, aber es sollte anders kommen …

Meine Tochter war 18, aus dem Gröbsten draußen, wie man so sagt, und ich war schon sehr vertieft in die Keramik. Da nahm die Eventkultur ihren Anfang. In der Mühle war alles möglich: Es konnte sein, dass zeitgleich hinten eine Hochzeit war, oben eine Ausstellung und unten noch ein DJ aufgelegt hat. Das musste jemand koordinieren, zudem hat uns – das war um das Jahr 2000 – gerade ein Koch gefehlt. Das Land hat uns unterstützt, aber wir mussten gut kalkulieren. Die Gastro war wichtig, um die Kultur mitzufinanzieren. Da habe ich gesagt: Ich schaue, dass alles läuft, dann wird’s schon wer machen.


… und hast die Gastro übernommen?

Bei uns hat es immer geheißen: Wer’s kann, macht’s (lacht). Dann hat es mich nicht mehr losgelassen. Aber ich musste viel lernen; für 350 Leute kochen kannst du nicht von einem Tag auf den anderen. Die Logistik hing an mir, ich hatte glücklicherweise ein super Team.


Und die Keramik?

Keramik ist ein langsames Medium, die Zeit hatte ich dann lange nicht. Bis mir die Idee zu einem Buch kam. Ich habe das Projekt 10 Jahre lang hinterfragt, oft weggelegt, weil ich mir diese Wichtigkeit nicht vorstellen konnte.


Dein sehr empfehlenswerter Bildband „Drehbuch“ erschien 2017 (edition lex liszt 12). Was war deine Motivation?

Der Grund war eigentlich meine Enttäuschung darüber, wie sehr die Menschen in Kategorien denken. Ich hörte oft: „Du kochst und organisierst für die Mü und die Kunst bleibt auf der Strecke.“ Ich dachte mir: Was haben die? Ob ich eine Suppe rühre oder eine Glasur, ob ich einen Teig knete oder Ton forme, macht für mich keinen Unterschied. Ich habe beides mit Leidenschaft gemacht. Ich sah die Arbeit als Köchin nicht minder als die als Künstlerin.


Wie ist dein schöpferischer Prozess?

Inspirationsquelle sind für mich Musik, Begegnungen und Gespräche. Manchmal probiere ich einfach; ich sage immer: Es muss ja nix sein. Oft mache ich schöne Gefäße, zerschneide sie, setze sie anders zusammen und verforme sie. Es geht mir um das Suchen und Finden neuer Perspektiven.


Bei aller Liebe für die Mü, war’s dir manchmal auch zu viel?

Nicht nur einmal! Es gab Phasen, da bin ich in der Nacht munter geworden und das Programm durchgegangen. Bis Corona war mein Leben 20 Jahre lang im Minutentakt durchgeplant. Aber da war auch viel Halt, etwas Beständiges. Das hört sich jetzt verkitscht an, aber Robert war schon meine große Liebe.


Umso schlimmer der Verlust …

Er war wie ein Felsen; dann war er von heute auf morgen weg. Meine Aufgaben musste ich schon selbst durchziehen, aber er hat mir Kraft gegeben. Oder ich konnte aus mir schöpfen, weil er da war. Als er starb, wurde ich Geschäftsführerin. Für mich hat es kein Aufhören gegeben; es war auch eine Flucht. Noch ein Verlust wäre unerträglich gewesen. Rückblickend weiß ich nicht, wie ich es geschafft habe. Wahrscheinlich auf Grund meiner Sturheit und meines Willens. Und weil mich die Menschen rundherum so stark gestützt haben.

Impressionen
Bild 2105_B_ME_ELehner09__095_Bgld Eveline Lehner.jpg

"Die Keramik lehrte mich vieles über das Leben. Wenn es zu eiern beginnt, musst du das Werkl zentrieren, es in die Mitte bringen.",

Eveline Lehner, Keramik-Künstlerin

 

© Vanessa Hartmann

Bild 2105_B_ME_Eveline Lehner_neu_DSC_0549 Räume.jpg

Wie in Bewegung. Objekt von  Eveline Lehner namens „Räume“.

© Vanessa Hartmann

Bild 2105_B_ME_ELehner11__117_Bgld Eveline Lehner.jpg

Andere Orte. Eveline Lehner zeigte uns Lieblingsplätze abseits der Bühnen.

© Vanessa Hartmann

Bild 2105_B_ME_ELehner01__01EvelineLehner_FotoBirgitMachtinger-24_pp.jpg

Perspektivenwechsel. Im Keramik-Atelier in Schützen: Eveline Lehners Neugier ist stets ihr Motor beim schöpferischen Prozess.

© Birgit Machtinger

Bild 2105_B_ME_ELehner12__128_Bgl.jpg

Evi Lehner im Gespräch mit Redakteurin Viktória Kery-Erdélyi.

© Vanessa Hartmann

 


2020 starb Mitbegründer Sepp Laubner, du musstest dich entscheiden …

Zu verkaufen (an M. Müller Privatstiftung, Anm.) war die einzig gute Lösung. Robert und ich waren sowieso immer vom Besitzdenken weit entfernt; wir haben immer gesagt, die Mü gehört den Gästen. Es war ein offenes Haus und Robert war ein Zulasser und ein Motor, speziell für die jungen Aktionen.


Fiel dir die Entscheidung schwer?

Ich bin mit meiner Tochter durchgegangen, habe alle Interviews mit Robert angehört und gelesen. Irgendwann kam ich zu einer Masterarbeit, in der Robert sagt, dass er sich nicht verpflichtet fühlt, die Mühle zu erhalten, sondern sie weiterzuentwickeln. Das war der Satz für mich! Es darf nicht stehen bleiben, das ist das Verbindende zu Keramik: die Drehung, der Wandel. Die Mühle war einmal im Besitz des Minoritenklosters, dann war sie Getreidemühle, später Aktionszentrum und jetzt kommen wieder Leute, die es neu beseelen werden. (Sie hält inne) Und ich mache Keramik! Ich werde mich spielen! Was glaubt ihr, auf was ich noch alles kommen werde!


Du machst dieses Jahr noch in der Mühle fertig. Was kommt alles?

Hoffentlich viel! Wir haben ein großartiges „C’est la Mü“-Festival Ende Mai, das würde mir das Herz brechen, wenn das wegen Corona nicht geht. Wir haben auch viel für Sommer und Herbst geplant; auftreten werden Konstantin Wecker, Cari Cari, Vodoo Jürgens, Ja, Panik, My Ugly Clementine – wir setzen den Schwerpunkt auf Künstler*innen, die bei uns angefangen haben.


Tamburizza und HipHop – dass alles sein durfte, war schön in der Mü …

Wir haben immer alle Genres abgedeckt, es hat sich alles miteinander vertragen. Wir waren vor Ort, es hat uns interessiert, was die Leute wollten. Das war auch zeitintensiv: oft von in der Früh bis in der Früh. Aber genau darum konnte so viel entstehen. Klar kann man mit großen Namen angeben (sie zeigt auf ein Joe-Cocker-Plakat), aber wenn ich auf 45 Jahre Mü schaue, ist es vor allem befriedigend, dass sich bei uns so viele junge Menschen verwirklichen und den Grundstein für ihre Karrieren legen konnten.


Eveline Lehner & ihr Abschied


Kurzbio

Eveline Lehner wurde 1959 in Eisenstadt geboren und wuchs ebendort auf. Nach einer kaufmännischen Ausbildung lernte sie bei Robert Schneider Töpfern, ehe sie nach jahrelanger Übung zur vielfältigen Künstlerin mit eigener Handschrift avancierte. Sie waren fast 40 Jahre lang ein Paar, lebten und arbeiteten in Schützen. Gemeinsam haben sie eine Tochter und zwei Enkelkinder. Er starb nach kurzer schwerer Krankheit 2019. Seit 1996 hatte Lehner zahlreiche  Ausstellungen im In- und Ausland (Kreta, Schweden). 2021 ist sie noch Geschäftsführerin der Cselley Mühle und plant mit ihrem Team (je nach Corona-Lage) fulminante Events mit Tanz, Pop-up-Stores, Kinderprogramm, Tamburizza, Eu-Art-Künstlersymposium, Kabaretts, Konzerte mit Voodoo Jürgens, Garish, Cari Cari …

www.cselley-muehle.at