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People | 18.05.2021

Statt Sonne kam Sturm

Talent und Können sind eine Facette. Damit Garish, My Ugly Clementine oder Lou Asril gehört und gesehen werden, dafür sorgt der Rohrbacher Hannes Tschürtz mit seinem Team.

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Großartige Platten, harte Zeiten. Für 2020 hatten Hannes Tschürtz und seine Ink Music ein starkes Konzertjahr geplant. Bis zu fünf Mal wurden einzelne Shows mittlerweile verschoben. © Vanessa Harmann

Schon klar: Sechs Nominierungen bei den heurigen Amadeus Austrian Music Awards für „seine“ Künstler*innen (siehe Info S. 87) klingen mehr nach Sonne als nach Sturm. Doch das sind Strahlen, die sich nach Monaten voll düsterer Wolken hervorkämpfen. Dabei hatten Musikmanager Hannes Tschürtz und sein Team ein spektakuläres Jubiläumsfest für heuer geplant …


BURGENLÄNDERIN: Du hast vor 20 Jahren das Label Ink Music gegründet und es wenig später um eine Fullservice-­Musikagentur erweitert. Was war deine Motivation?

Hannes Tschürtz: Ich bin in die Musikwirtschaft über meinen ersten Job bei Wiesen Festivals reingestolpert. Das war ein Sprung ins kalte Wasser, eine Schule des Lebens, bei der ich in extrem kurzer Zeit extrem viel lernen konnte. Ich hab’ damals auch begonnen, mit Garish zu arbeiten. Management kann man das noch nicht nennen; man half einander wechselseitig, sich weiterzuentwickeln. Das war ein eher altruistisches Anliegen: Ich mochte die Musik und wollte ihnen helfen, dass sie von vielen Leuten gehört werden, damit sie mehr Musik machen können. Später arbeitete ich bei der Agentur Monkey; Zeronic, ebenfalls eine burgenländische Band, brauchte ein Label. Mein damaliger Chef wollte keines gründen und ich dachte mir: Dann tu ich halt.


Was war ursprünglich dein Ziel?

Als Kind wollte ich Sportreporter werden. Ich hab’ als Zehnjähriger für die Gasse mit ein paar anderen Kids eine Zeitung aufgelegt, die wir handkopiert um zehn Schilling verkauft haben. Als ich fürs Studium nach Wien ging, kam ich zur Presse und hab’ dort die Online-Redaktion mit aufgebaut.
Aber du hast weiter diese zwei Leben geführt, die Musik war immer präsent. Ja. Und mit 24, 25 hatte ich die Naivität zu sagen: Jetzt hab’ ich genug gesehen, jetzt mache ich eine eigene Firma. Rückblickend betrachtet war das eine Schnapsidee: Ich hatte wenig Plan und kein Kapital, um in ein Feld zu investieren, das komplett am Boden lag. Umgekehrt kann man sagen: Da war ein gewisses Entwicklungspotenzial da. Für die Firma und für mich persönlich.


Du hattest also die visionäre Vorstellung, da muss mehr passieren?

Definitiv. Die österreichische Musik war wenig wertgeschätzt und medial nicht präsent. Da war ein Loch. Ich habe damals weniger das Marktpotenzial erkannt, es war eher aus einer menschlichen Perspektive: Da fehlt was. Wieso? Das ist doch nicht schlecht! Daraus ein Geschäftskonzept zu machen, passierte on the go. Das hat Jahre gedauert. Mit Garish ging das Schritt für Schritt; wir hantelten uns hoch und irgendwann spielten in dem Triangel auch die Medien mit; FM4 war ein Vorreiter.


Konntest du damals davon leben?

Ich lebe noch. (lacht) Ich habe daneben Promotion-Jobs etwa für die Toten Hosen gemacht und ein paar Jahre das Jugendprogramm für die Burgenländischen Kulturzentren gestaltet, Festivals wie Pappelpop oder B-volution entwickelt. Ich hatte oft Projekte, mit denen ich die andere Geschichte ko­finanziert hab’. In Wirklichkeit ist es bis heute schwierig, durchzukommen. Aber wir haben vieles weiterentwickelt, das Management findet heute auf höherem Niveau statt, sodass man einigermaßen stolz auf allerhand blicken kann.


Allerdings. Du hast mit Bilderbuch, Ja, Panik und Clara Luzia gearbeitet, aktuell sind es etwa My Ugly Clementine und Leyya, also viele Erfolgsgeschichten. Hast du ein besonderes Gespür?

Ich beschäftige mich seit meinem fünften Lebensjahr leidenschaftlich gern mit Musik. Da ist heute irgendwas in Bauch und Kopf, das sagt: Das funktioniert. Als Teenager war ich ein Ö3- und ein Charts-Junkie. Später habe ich die Spielarten, die die Musik zu bieten hat, immer tiefgreifender entdeckt. Es hat nicht den Plan gegeben, ein super breit aufgestelltes Poplabel zu werden. Für mich gilt immer das berühmte Zitat: Die Wege entstehen im Gehen.

Schönes Aus dem Hause Ink Music
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Kerosin 95: „Volume 1“ (Debütalbum)

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Sharktank: „Get It Done“ (ab Juni)

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My Ugly Clementine: „Vitamin C“ (Debütalbum)

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Lou Asril, Debüt-EP

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Mira Lu Kovacs: „What Else Can Break“ (Debütalbum)

Neue Alben kommen außerdem von Leyya im August („Longest Day Of My Life”) und von 5K HD im September. Grund zur Freude gab es zuletzt über den Preis für das beste Indie-Album Europas (Impala-Award) für My Ugly Clementine. Die Formation ist außerdem bei den diesjährigen Amadeus Austrian Music Awards gleich drei Mal nominiert: in den Kategorien Album des Jahres, Song des Jahres und Alternative. Ebenso nominiert sind die Ink-Music-Acts Oehl (Alternative), Lou Asril (Best Sound by Fama) sowie Sharktank (Alternative).

Infos, Platten und Merchandising-Schmankerl: www.inkmusic.at

 

 

Es heißt: Gute Musik ist immer nur eine Facette des großen Ganzen.

Das stimmt. Niveau und Erwartungshaltung sind auf allen Seiten gestiegen, finanziell wurde es nicht leichter. Zu den Anforderungen an Musiker*innen gehört heute, dass dein Instagram-Account fit ist, deine Interviews gut sind, du musst auf Fotos gut ausschauen, gute Videos drehen … Dabei ist der Wettbewerb absurd: Wenn jeden Tag rund 40.000 neue Titel auf Spotify kommen, dann musst du erst mal die Nummer liefern, die sich die Menschen anhören und merken. Wir müssen helfen, all das zu steuern und zu koordinieren. Das müssen die Musiker*innen aushalten, wir auch und wir uns gegenseitig außerdem. Das ist eine delikate Aufgabe auf menschlicher Ebene hinter dem Glamour da vorne.


Was hat sich in der Musikwirtschaft in den 20 Jahren verändert?

Sie wurde in dieser Zeit dreimal komplett umgedreht. 2001 war das letzte Jahr, in dem noch CDs gut verkauft wurden; damals ist Napster (Online-Musikdienst, Anm.) voll reingekracht und es ging rasant bergab. Die Sache hat sich dann in Richtung Live-Industrie verschoben: Die Festivals wurden größer, die Tickets teurer. Ab 2006 begannen die MP3-Downloads zu funktionieren, seit 2012 ist Spotify da. Bis sich die eine Veränderung begann auszuwirken, war schon die nächste da. Gerade herrscht ein bisschen Goldgräberstimmung, weil Streaming für die wirklich Großen ein gutes Geschäft ist. Das hat aber den großen Nachteil für die Kleinen, dass der einzelne Stream wenig bringt. Ein Beispiel: Für einen österreichischen Act sind 10.000 Streams schon viel. Das sind allerdings nur 30 Euro. Die schönere Seite der Medaille ist, dass sich innerhalb des österreichischen Marktes ein gewisses Selbstvertrauen entwickelt hat. Das ging über FM4, die Printmedien und die ORF-Kulturredaktion, bis es sich auch bei Veranstaltern durchsetzte: Ja, man kann mit österreichischen Acts ein Festival füllen, ja, da kommen wirklich Leute, und ja, das ist wirklich gut. Ein Statement war und ist das „Popfest“ seit 2010 ausschließlich mit österreichischer Musik.


Welche sind für dich schöne Erfolge?

Schade ist, dass ich etwas abge­stumpft bin. Das ist aber auch eine Form von Schutzmechanismus gegen diesen bipolaren Zickzack in der Musikwirtschaft. Selbst wenn Erfolge da sind, fehlen Zeit und Gelegenheit, sie zu genießen. Man weiß dann schon, dass es kein Felsbrocken, sondern ein Mosaiksteinchen war. Zuletzt gewann My Ugly Clementine einen europäischen Musikpreis (Bestes Indie-Album Europas,  Impala-Award, Anm.); als ich Sophie (Lindinger, Anm.) von der Band angerufen habe, war sie schmähstad. Das Teilen der Freude war der schönste Moment.


… aber du holst dich wieder schnell auf den Boden.

Der Moment ist brutal kurzlebig und zahlt dir die Rechnung nicht. Das ist der Punkt, den ich am meisten hasse: die Nüchternheit, die mitkommt. Wenn du dein Hobby zum Beruf machst, dann hast du einen Beruf und kein Hobby.


Ich war im Februar 2020 in deiner Agentur, um Lou Asril zu interviewen. Du hast deine neuen Räume gezeigt, warst sehr positiv. Dann kam Corona …

Wir hatten alles auf 2020 hin entwickelt. 2019 war ein starkes Jahr der Investition, wir haben viele Künstler neu aufgebaut. Wir haben viel reingesteckt und gesehen: Die Zeit ist reif, der Boden ist gut gepflügt, die Saat ist gut, gegossen haben wir auch – aber statt der Sonne kam der Sturm. Am 12. März wäre die Release-Show von Lou Asrils Platte gewesen, am 20. März kam „Vitamin C“ von My Ugly Clementine. Wir waren zuvor mit Autor*innen und Komponist*innen in Los Angeles; wir hatten ein Programm zur Internationalisierung gestartet. Als ich daheim gelandet bin, sehe ich die Pressekonferenz, dass all unsere Konzerte nicht stattfinden dürfen. Wenn du so etwas bösartig planen willst, kannst du es nicht besser planen.


Wie bist du damit umgegangen?

Wir haben als Firma schnell und nüchtern reagiert, Konzerte verschoben, auch viel ins Leere gearbeitet. Wir haben mittlerweile eine Hitparade, welches Konzert am häufigsten verschoben wurde. Ich bin in vielen Organisationen; wir haben versucht, schnell Hilfe aufzustellen – vor allem für die Künstler*innen. Das waren teilweise Eigentore. Auch direkt für uns. Wir hätten ein starkes Konzertjahr gehabt; damit wir liquide bleiben, keine Leute kündigen müssen, habe ich Geld, das wir uns für 2022 und 2023 gerichtet hatten, im Voraus besorgt. Damit hatten wir nicht genug verloren, um Hilfe vom Bund zu erhalten. Die nächsten zwei bis drei Jahre durchzutauchen, wird interessant.


Wie geht es euch jetzt?

Es hat sich eine „Nehmen, wie es kommt“-Attitüde breitgemacht. Der Mensch überlebt nur, wenn er sich anpasst. Spontanität und Kreativität sind der Kern unserer Arbeit. Ich habe zuletzt Freunde, die an Corona erkrankt waren, verloren; es gibt Schlimmeres als das Schicksal einer Firma. Wir machen unseren Job weiter; wenn sich’s nimmer ausgeht, dann geht sich’s nimmer aus. Wenn doch, machen wir weiter. Unsere 20-Jahr-Feier haben wir auf 2022 verschoben. Die wird dafür umso lauter.


Kurzbiografie

Hannes Tschürtz wuchs in Rohrbach bei Mattersburg auf und schlug sich als DJ, seit er 16 Jahre alt war, die Nächte um die Ohren. Nach seinem ersten Job bei den Wiesen Festivals ging er nach Wien, studierte Public Relations und arbeitete zunächst bei „Die Presse“, ehe er in die Musikagentur Monkey wechselte. 2001 gründete er das Label Ink Music, 2003 gesellte sich eine Fullservice-Musikagentur hinzu, die er seit 2016 gemeinsam mit Bettina Schöll leitet. Garish betreut er seit der Geburtsstunde der Band 1997, später folgten Ja, Panik, Bilderbuch, Ezra Furman; zu den Ink-Music-Artists zählen heute u. a. My Ugly Clementine, Shark­tank, Leyya, Oehl, Lou Asril. 2011 gründete Hannes Tschürtz das Musikfilmfestival Poolinale, 2015 rief er den Lehrgang Musikwirtschaft ins Leben. Er ist u. a. im Vorstand des Labelverbandes IFPI.