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People | 02.06.2021

„Es gibt keine Seitentür“

Zum 30er der dritte Film beim großen Diagonale-Festival: Mit „Vakuum“ legt Kristina Schranz ein mitreißendes Zeitdokument aus ihrer südburgenländischen Heimat vor.

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"Es gibt jetzt nur den Weg hindurch. Das verbindet uns ein Leben lang.“ Kristina Schranz, Filmemacherin. © Vanessa Hartmann

Drei Landkinder beim Interview in Schönbrunn. Es wimmelt von Eichhörnchen; sie pirschen sich im Zickzack an die Steinbank heran, auf der wir uns niederlassen (und uns später vom Gespräch gefesselt den Hintern abfrieren). „Die glauben, wir haben Nüsse“, sagt Kristina Schranz und lacht mit einer Funken sprühenden Herzlichkeit, dass man meint, die Natur hätte bei ihr auf jegliche dunkle Seiten vergessen. Die gibt es zum Glück schon. Ungerechtigkeit macht sie beispielsweise wütend, verrät sie später. Die Oberwarterin fand für sich ein gutes Ventil: Sie macht Dokumentarfilme; viele Preise bestätigen den Weg der erst 30-Jährigen. Als Bundeskanzler Sebastian Kurz im März 2020 die Österreicher*innen markdurchdringend aufforderte, „sich zu isolieren“, als sich die Klopapierregale und später die Straßen leerten, war Kristina Schranz bei ihren Eltern im Landessüden. Ihr wird schnell klar, dass sie Historisches erlebt und handeln muss. „Es gibt keine Corona-Seitentür. Es gibt nur den Weg hindurch. Das verbindet uns ein Leben lang“, sagt sie.  „Vakuum“ heißt ihr Dokumentarfilm, in dem sie das Leben der Menschen während der Pandemie festhält. In 82 starken Minuten. Da sind viele Szenen, die sich im Gedächtnis festkrallen: Wenn die Kinoangestellte strahlt, dass sie zumindest Popcorn im Lockdown verkaufen darf, wenn einen Konditor Existenzsorgen plagen oder Volksschulkinder übers Abstandhalten grübeln, um dann voller Zuversicht zu betonen: „Wir werden das durchbestehen!“ (sic!) „Vakuum“ ist traurig und witzig, mal wühlen die Bilder und die Gespräche auf, mal umarmen sie das Publikum. Der Film lief beim renommierten „DOK.fest München“, die Österreich-Premiere findet bei der Diagonale statt (siehe Info).

BURGENLÄNDERIN: Deine Doku basiert auf einer Langzeitbeobachtung. Wie entstand die Idee?

Kristina Schranz: Ich bin vor dem ersten Lockdown mit meiner Familie vor dem Fernseher gesessen und wir haben uns gedacht: Passiert das jetzt wirklich? Ich hatte sehr bald das Gefühl, dass es meine Aufgabe ist, ein Zeitdokument zu schaffen. So wie ich gerade kann: mit meinen Mitteln und Ressourcen und dort, wo ich gerade bin. Zuerst wollte ich im Lockdown filmen und die Öffnung danach. Dann wurde das Projekt immer größer und größer. Ich habe Drehpläne gemacht, Leute angerufen, Recherchegespräche geführt …


Wie haben die Menschen auf deine Anfragen reagiert?

Sehr offen.


Denkst du, sie hatten das Bedürfnis zu reden?

Ja und ich höre gerne zu. Ich komme nicht mit einem Fragenkatalog. Ich überlege mir, was mich interessiert, aber vor Ort versuche ich, im Moment zu sein und zu schauen, was vom Gegenüber kommt. Das ist eine Vertrauenssache.


Hast du die Menschen alle gekannt?

Viele. Aber ich habe auch Interviews mit Menschen gemacht, denen ich zufällig begegnet bin. Oft war das spontan. Insgesamt bin ich auf mehr als 50 Drehtage gekommen, aber Daten, Zahlen, Fakten kommen in meinem Film kaum vor. Die kann man täglich in der Zeitung lesen, im Fernsehen sehen oder im Radio hören. Im Dokumentarfilm liegt die Kraft darin, dass du länger hinschaust und Geschichten aus anderen Blickwinkeln oder auf eine andere Art und Weise erzählt werden. Manchmal habe ich auch nur beobachtet, ohne zu kommentieren. Ich mag echte Geschichten. Du musst nichts erfinden, nur zuhören, Zeit und Raum finden. Das Zitat von Fellini trifft es am schönsten: „Nichts ist fantastischer als die Wirklichkeit.“

In „Vakuum“ erlebt man viele besondere Begegnungen. Magst du die eine oder andere beschreiben?

Besonders war es immer mit den Kindern: mit einem Zwillingspaar beim Homeschooling oder im Kindergarten, wie die Kleinen unter einem Coronavirus-Schild mit spitzen Zähnen das Händewaschen üben. Momente, in denen ich merke, dass die Menschen etwas berührt, gehen mir immer nahe. Ein Pfarrer hat mir erzählt, wie schlimm für ihn eine Beerdigung im ersten Lockdown war, als nur die Familie da war, obwohl ein so großartiger Mann gestorben war, wegen dem sonst viele Menschen gekommen wären. Zuvor beschreibt er, dass die Kirche nicht einmal im Krieg geschlossen war, dass die Leute hingegangen sind, um Hoffnung zu suchen. Da ist er noch gefasst, aber als er von der Beerdigung spricht, muss er fast weinen. Das sind einzigartige Momente, die gleichzeitig traurig und bewegend sind.

Impressionen
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Kraftplatz. Kristina Schranz lebt und arbeitet in Oberwart und in Wien. Wenn ihr die Stadt zu viel wird, entflieht sie nach Schönbrunn.

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Deine letzten Dokus hast du in Teams gemacht; wieso diesmal der Alleingang?

Das hat sich aufgrund der Idee und der aktuellen Situation so ergeben, aber ich bin sehr daran gewachsen. Ich war Regisseurin, ich habe recherchiert, Kamera, Ton und Produktion gemacht – viel war das schon (lacht). Ab der Schnittphase habe ich den Film mit Kolleg*innen fertig realisiert.


Wie ging es dir emotional mit deinem Filmprojekt?

Ich wurde in Deutschland gefragt, was typisch burgenländisch ist. Ich finde: die Herzlichkeit, die Bodenständigkeit. Das ist das, was ich durch den ganzen Film gespürt habe. Ich habe sogar die Bescherung zu Weihnachten bei einer Familie gefilmt. In einer Zeit, in der kaum soziale Kontakte sein durften, die Herzlichkeit zu spüren, hat mir viel Kraft gegeben. So emotional viele Situationen auch waren, alle Menschen haben viel Durchhaltevermögen gezeigt. Niemand ist mir mit Misstrauen begegnet; die Menschen haben sich eher gefreut, als ich zum Drehen kam.


Das liegt womöglich auch an deiner Ausstrahlung.

(lacht) Mama sagt, weil ich bei Sonnenschein geboren wurde. Aber natürlich kann ich auch zwider sein.


Wann zum Beispiel?

Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit finde ich schlimm. Deswegen habe ich „Spielfeld“ gemacht (Doku über das Grenzdorf, das sich nach kurzer „Berühmtheit“ 2015 im Jahr danach mit einer absurden Situation konfrontiert sieht, Anm.). Was mich berührt und aufregt, möchte ich erzählen und dokumentieren; ich sehe es als meine Aufgabe, ein Sprachrohr bzw. ein Ventil für Menschen zu sein, die sonst keine Stimme haben.


Wie fühlte es sich an, als „Vakuum“ fertig war?

Sehr schön, aber die richtige Freude kommt erst, wenn er im Kino läuft. Wenn ich selbst erlebe, wie die Menschen reagieren, wann es still ist, wann gelacht wird. Das war mir wichtig, dass „Vakuum“ nicht nur ergreifend, sondern auch witzig ist. Humor kann ein guter Kitt sein.


Österreich-Premiere ist bei der Diagonale, wo du schon zwei Mal Preise gewonnen hast. Wie war das?

Damit hatte ich nie gerechnet! Für mich war es eine große Anerkennung, dass meine Filme beim Festival liefen. In zwei aufeinanderfolgenden Jahren. Der zweite Preis war wie ein Déjà-vu. Ich gehe aus dem Kino, es ruft mich eine unbekannte Nummer an. Ich lache noch: Das wird ja nicht wieder die Diagonale sein. Als ich dann höre: „Dein Film gewinnt den Preis“, bin ich in Tränen ausgebrochen. Beim ersten und beim zweiten Mal (lacht). Nicht dass Preise das Wichtigste wären, aber sie sind eine sehr schöne Wertschätzung und lassen mich auch spüren, dass ich einen Weg gefunden habe, mit dem ich hoffentlich ein Leben lang glücklich sein kann.


Wie soll dein Weg weitergehen?

„Vakuum“ ist mein Abschlussfilm an der HFF München (Hochschule für Film und Fernsehen, Anm.); ich möchte weiterhin Künstlerin sein in Wort, Bild und Ton. Ich habe schon als Kind spielerisch Filme gemacht, stand vor und hinter der Kamera. Das will ich fortsetzen: Geschichten erzählen, die mich bewegen, wo ich weiß, dass es wichtig ist für mich und andere, sie zu dokumentieren und aufzuzeigen.


Infos & Termine

„Vakuum“ wird bei der Diagonale in Graz am 9. Juni um 16 Uhr im Schubertkino sowie am 13. Juni um 10 Uhr im Kiz Royal gezeigt; Burgenland-Premiere ist am 26. Juni mit Kristina Schranz im Dieselkino Oberwart statt (Einlass: 18.30, Beginn: 19 Uhr). Realisiert wurde der Film mit Förderungen von BMKÖS – Kunst und Kultur, Land Burgenland, Stadt Wien MA 7.


Produktion: Kristina Schranz/Stella Luce Film, Bayerischer Rundfunk, HFF München. Herausragend ist das Sounddesign von Andrew Mottl. Der Filmtitel ist übrigens eine Art Metapher: Der Lockdown erinnerte Kristina Schranz an den „Zustand“ unter einer Käseglocke.


Kurzbiografie Kristina Schranz

1991 geboren, wuchs sie in Oberwart als das jüngste von vier Kindern auf. Nach der Matura am Gymnasium Güssing studiert sie in Wien Publizistik, macht parallel im Rahmen eines Uni-Projekts eine eigene Radiosendung, später arbeitet sie als Praktikantin/Reporterin im Fernsehen. Seit Jahren moderiert sie in der Kultur- und Filmszene; heuer schließt Kristina Schranz mit Dokumentarfilmregie an der HFF München ab. Preisgekrönte Arbeiten sind u. a. „Ars moriendi“ und „Spielfeld“.

www.kristinaschranz.com

 

Fotos Vanessa Hartmann, LWZ Design & Animation/Kristina Schranz