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People | 08.06.2021

The Magic of Stinatz

Wo geht’s hier nach Stinatz? Was Thomas Stipsits in die Stockerauer Au verschlug, warum er sich freudig über seinen „Salzburger Stier“ wundert und was es mit dem Eierkratz-Komplott auf sich hat.

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"Ich rechtfertige mich nicht mehr für meinen Erfolg." Thomas Stipsits, Kabarettist, Schauspieler, Buchautor. © Vanessa Hartmann

Stockerauer Au statt Stinatz. Sein Terminkalender ist dicht, da ist es dort näher zu jenem Haus, das das Künstlerpaar Thomas Stipsits und Katharina Straßer vor gut drei Jahren erwarben; beide stehen auf der Bühne und vor der Kamera. Es sollte als kleines Refugium vorm Trubel der Bundeshauptstadt dienen, das kleine Objekt aus Holz, „das wie eine Skihütte ausschaut“, sagt Thomas Stipsits. Während der Lockdowns wurde es wichtiger – es avancierte zur Schreibwerkstatt für den zweifachen Vater, der nach zwei bemerkenswerten Krimi-Erfolgen bereits am dritten Buch arbeitet. Oberhalb der stattlichen Baumkronen türmen sich bedrohliche Gewitterwolken. Wir gehen also effizient vor: Wir plaudern im Gehen und halten parallel Ausschau nach schönen Plätzen zum Fotografieren. Da taucht sozusagen hinterm Gebüsch ein Mann mit einem länglichen Gegenstand in der Hand auf …

BURGENLÄNDERIN: Aaah, hat der ein Gewehr bei sich?

Fotografin Vanessa Hartmann: (lacht) Das ist ein Rechen.

Ich lese sonst keine Krimis. Wegen des Interviews hab’ ich es jetzt gemacht; da siehst du, wie sich das auswirkt?! – Aber ich muss zugeben: Ich mag deine „Uhudler-Verschwörung“ sehr.

Thomas Stipsits: Dankeschön! Im Herbst kommt schon der nächste Krimi.

Wow, fleißig.

Pandemie und lange keine Auftritte.

Aber du hast zwei Kinder daheim.

Ja, das stimmt (Emil fast 7, Lieselotte fast 3, Anm.). Aber ich muss sagen, da ist die Kathi super. Wenn es beim Schreiben ans Eingemachte geht, kann ich hierher rausfahren. Ich habe es neben den Kindern probiert, das klappt nicht. Wenn man in einen anderen Raum geht, kommen sie nach: „Papa, was machst du?“ – Da ist die Konzentration weg.

Das Schreiben ist ein jüngeres Kapitel in deiner Karriere. Wie hat es begonnen?

Der Verlag (ueberreuter, Anm.) hat mich gefragt. Einerseits habe ich mich sehr geschmeichelt gefühlt, andererseits habe ich mir gedacht: Dass ich einfach so ein Buch schreibe, ist eine ganz schöne Behauptung. Wir haben uns zuerst auf Kurzgeschichten geeinigt; das hatte sich ganz okay verkauft („Das Glück hat einen Vogel“, Anm.). Nach zwei Jahren kam der Verlag wieder und ich hatte diese Stinatzer Columbo-Idee schon im Hinterkopf. Man hat sofort gesagt: Super, ein Stinatz-Krimi! Dann ist etwas eingetreten, womit niemand gerechnet hat: Die erste Auflage von „Kopftuchmafia“ mit 8.000 Stück war nach einundeinhalb Wochen vergriffen. Die zweite Auflage auch sehr schnell; das hat sich weiter hochgeschaukelt und jetzt stehen wir bei unfassbaren 80.000 Exemplaren.

Der zweite Krimi, die „Uhudler-Verschwörung“, ist auch sehr erfolgreich.

Das hat uns wieder überrascht. 72.000 Stück wurden bis jetzt verkauft. Man versucht dann irgendwie den Erfolg zu analysieren. Dabei kam heraus, dass das anscheinend Geschichten sind, die generationenübergreifend funktionieren. Das liest das Enkerl und die Oma. Ich hab’ immer gesagt, dass ich nur über ein Thema schreiben kann, bei dem ich mich auskenne. Da steckt einiges drinnen, das ich mit meiner Oma in Stinatz erlebt habe; die Mutter vom Inspektor ist eigentlich meine Oma. Viele Geschichten sind wahr.

Krieg ich also einen Berlusconi, wenn ich ihn in Stinatz bestelle? (Siehe Rezept aus dem Krimi unten.)

Ja, kriegst du. Ich wollte, dass das Ganze halbwegs authentisch ist.

Ihr selbst hattet dort lange auch einen Wohnsitz in der Nachbargemeinde …

Die Fahrten mit den Kindern nach Wien, die Entfernung, das wurde zu viel. Uns von dem Haus zu trennen, war sehr emotional. Dann kam durch einen glücklichen Zufall mein Bruder daher, der mit seiner Frau ins Burgenland ziehen wollte (Christian ist Tontechniker, u. a. auch bei Thomas Stipsits’ Auftritten, Anm.). Er hat das Haus dann wirklich gekauft und so ist es doch noch ein bisserl da.

Ihr habt offenbar eine gute Beziehung, denn viele sagen doch: Innerhalb der Familie lieber nichts verkaufen, weil das Konfliktpotenzial birgt.

Wir sind wirklich Freunde! (lacht) So sehr wir uns als Kinder gestritten und gehasst haben, so wunderbar ist unser Verhältnis heute.

… und ihr seid dann mit der Familie in die Stockerauer Gegend gezogen.

Wir haben rund um Wien gesucht. Weißt eh, wie das mit den Kleinen ist: Nach fünf Minuten wollen sie schon das erste Mal wissen, wie lange wir noch fahren. Und diese ganze Infrastruktur, die du mit kleinen Kindern mitzahst! Wir haben hier ein kleines Sommerhaus gefunden, das wir winterfest gemacht haben. Papa ist Dachdecker und hat uns ein neues Dach gemacht; wir bewohnen das Haus mit großer Freude. Bei gutem Verkehr sind wir in 25 Minuten in Wien.

Drehtage, Abendauftritte und Co. – wie managt ihr eure Wochen?

Gott sei Dank haben wir Omas und Opas, die helfen sehr viel, zudem unterstützt uns in Wien ein Kindermädchen. So schön und frei unsere Berufe sind, haben wir null Regelmäßigkeit. Kathi hat ein super organisatorisches Talent; so sitzen wir Woche für Woche beieinander und machen Pläne.

Apropos Pläne: Die Stinatzer-Krimis werden nun also eine Reihe?

Absolut. Wir hatten das schon beim ersten Buch im Hinterkopf. Wenn es den Leuten gefällt, sie sich mit den Geschichten identifizieren können, wenn man den Inspektor mag, dann sind in diesem Biotop weitere Geschichten möglich. Stinatz bietet noch viele Themen, das ist ein besonderer Ort.

Wieso ist das so?

Lukas Resetarits, der auch von dort kommt, und ich diskutieren oft, was den Ort so magisch macht. Optisch unterscheidet er sich nicht sonderlich von anderen Straßendörfern. Aber irgendwas ist da, vielleicht eine Wasserader? Jedenfalls gibt es viele besondere Bräuche. Um einen geht es im nächsten Buch, es wird „Eierkratz-Komplott“ heißen.

Impressionen
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On the go.

Thomas Stipsits beim Interview mit Redakteurin V. Kery-Erdélyi

 

Fotos Vanessa Hartmann

Die Stinatzer sind schon einiges von dir gewöhnt. Dein aktuelles Kabarett heißt auch „Stinatzer Delikatessen“. Hast du dort viele Fans oder  …

Klar gibt es auch die, die das nicht mögen. Von Angesicht zu Angesicht hat mich aber dort noch nie jemand kritisiert; ich höre dann über mehrere Ecken: „Der tut uns da verarschen.“ Dann ist mir leider beim ersten Roman passiert, dass eine Figur einen Namen trug, den es in Stinatz wirklich gibt. Noch dazu ist das eine Cousine vom Lukas Resetarits, die dann geglaubt hat, sie sei damit gemeint. Ich hab’ gesagt: Es tut mir so leid, das war nur ein Zufall. Die Namen sind erfunden, nur der Pfarrer David heißt wirklich David. Er ist ein Kindsfreund von mir, der immer Pfarrer werden wollte. Heute ist er in Wulkaprodersdorf und beim Schreiben denke ich wirklich an ihn; er findet das lustig.

Du hast heuer den Salzburger Stier bekommen, DEN Kleinkunst-Preis im deutschsprachigen Raum …

Das freut mich besonders, weil das für mich immer so etwas war wie im Gymnasium die Matura: Ich hab’ mir immer gedacht, das werde ich nie schaffen. Noch dazu hatten die Preisträger*innen zuletzt eher alternative oder innovative Programme … Ich mache klassisches österreichisches Kabarett. Dass – vorsichtig formuliert – etwas Kommerzielles einen Preis kriegt, hat mich auch überrascht.

Ich finde es oft auch schade, dass „kommerziell“ so negativ besetzt ist …

Ich habe lange gesagt, ich bin gar nicht so gut, es gibt sicher talentiertere als mich; das stimmt auch sicher. Aber heute rechtfertige ich mich nicht mehr für meinen Erfolg. Auch wenn es leicht ausschaut, steckt sehr viel Arbeit dahinter. Natürlich gibt es auch die Leute, die meine Bücher kritisieren …

Wie geht es dir damit?

Wenn etwas leicht ausschaut, ist das in Wahrheit die größte Auszeichnung. Dass beispielsweise im Kabarett ein irrsinniges Konzept dahinter ist, mit Figurenfindung, Probenarbeiten und mehr, das sieht man ja nicht. Ich bin einfach dankbar, dass es ein Publikum gibt, das meine Sachen mag.

Früher habe ich mir schlechte Kritiken sehr zu Herzen genommen; mittlerweile ist mir das wurscht.

Wenn es eine fundierte Kritik ist oder wenn viele sagen, dass etwas nicht gut ist, dann ist es mir nicht egal. Beim Film „Love Machine“ haben wir alle versucht, das Beste zu machen; niemand hat gesagt: Das drehen wir auf einer Arschbacke runter. Dann wurde es teilweise zerrissen, es war eine Hinrichtung, es sei der schlechteste Film aller Zeiten …

… schließlich wurde er publikumsstärkster Kinofilm in Österreich.

Wir drehen im Juni den zweiten Teil.

Zweifelst du trotzdem manchmal?

Immer. Ganz furchtbar vor Premieren. Da hat man so viel geprobt, dass man nichts mehr lustig findet. Ähnlich ist es mit der Finalisierung vom Buch. Manchmal wache ich in der Nacht auf und denke mir, hoffentlich weiß man nicht sofort, wer der Mörder ist.

Wie schaust du in die Zukunft?

Mit der Gerda Rogers meistens (lacht). Ich bin absolut happy mit dem Ist-Zustand (er tourt wieder mit dem Erfolgskabarett „Stinatzer Delikatessen“, Anm.); ich genieße das bewusst, das kann sich immer ändern. Ich will weiterhin nicht mit Kalkül vorgehen, sondern bei dem bleiben, was ich bin.
Es hieß, meine Bücher seien „old school“. Ich hab’ überlegt, ob ich die Geschichten moderner erzählen müsste. Aber nein, das bleibt so. Umgekehrt: „Retro is the new modern“; vielen gefällt gerade, dass es um ein kleines kriminalistisches Rätsel geht und nicht um eine große Verschwörung. 

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Stinatz-Krimis. 

Thomas Stipsits: „Uhudler-Verschwörung“, ueberreuter, € 17. Davor erschien der erste Teil „Kopftuch-Mafia“, im Herbst kommt „Eierkratz-Komplott“. Quereinsteigen bei jedem Teil möglich.


Katrins Berlusconi

Rezept

Zutaten (4 Personen)

• 4 Scheiben Schwarzbrot

• 1 Zwiebel

• 200 g Geselchtes vom Stinatzerhof (Wenn nicht anders möglich, dann Geselchtes von einem anderen Fleischhauer.)

• 1 scharfe Pfefferoni

• 1 milde Pfefferoni

• 4 Scheiben Gouda

• Knoblauch


Zubereitung

Die Zwiebel klein schneiden und die Brote damit belegen. Anschließend das Geselchte schneiden und auf den Broten verteilen. Danach die klein geschnittenen Pfefferoni auf den Broten verteilen. Frischen Knoblauch je nach Geschmack dazugeben (kein Pulver!). Am Schluss mit Käse bedecken. Auch diesen kann man reiben oder klein schneiden und die Brote damit bestreuen. Im vorgeheizten Backrohr oder Tischherd bei 180 Grad Celsius etwa 10 bis 15 Minuten überbacken. Zu Berlusconi passt am besten ein Glas Uhudler.