Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 09.08.2021

Freundschaft versetzt Berge

Von Mörbisch bis Hollywood. Vier Geschichten über besondere Verbindungen.

Bild 2107_B_EM_Friends-2.jpg
© Shutterstock

Die ersten Umarmungen mit Freund*innen. Nach einer schmerzhaften Durststrecke. Tränen in den Augen und Herzklopfen hatte die Autorin dieser Zeilen, als die (Corona-)Umstände endlich wieder (zumindest ausgewählte) Nähe erlaubten. Und eben das inspirierte zu dieser Geschichte: über Freundschaften. Zwischen namhaften und weniger namhaften Menschen, denn groß können Freundschaften freilich unabhängig von Bekanntheit sein. Gemeinsam haben sie, dass sie so viel Kraft geben und so viel möglich machen können. Wie beispielsweise eine Tour in die Berge, selbst wenn einen die eigenen Beine nicht mehr tragen können.


Unmögliches möglich machen
Bild 2107_B_EM_besFreundschaften_Sarah20 (2).jpg
 
Bild 2107_B_EM_besFreundschaften_Sarah55.jpg

Für immer geliebt. 24 Jahre jung erkrankt Sarah an ALS. Ihre Freund*innen – im Bild links der Radsportler Michael Strasser – ermöglichen ihr noch Touren, als sie sich selbst kaum mehr bewegen kann.

Bild 2107_B_EM_besFreundschaften_Sarah48.jpg
 

Unmögliches möglich machen

S arahs zweite Familie ist eine sportliche Clique; mühelos bezwingt die zierliche Mountainbikerin noch bis vor wenigen Jahren abenteuerliche Bergrouten. Bis zu ihrer Diagnose: Mit 24 wird bei ihr ALS (amyotrophe Lateralsklerose) festgestellt, jene seltene Krankheit, bei der die Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark absterben. Sie studiert zu dem Zeitpunkt Bildungswissenschaften, ist frisch verliebt und voller Energie. Zwei Jahre später ist sie ein Pflegefall: eine kluge, lebensfrohe Frau bei vollem Bewusstsein, gefangen in einem Körper, der bald kaum noch etwas tut, was sie von ihm möchte. Eine liebende Familie und Freunde umgeben sie; zu ihnen gehört der charismatische Sportler Michael Strasser, der 2018 mit seiner „Ice2Ice“-Challenge für viel Aufmerksamkeit sorgt. Mit dem Rad fährt er von Alaska nach Patagonien, rund 23.000 Kilometer, in etwas mehr als 84 Tagen und knackt einen Weltrekord; der Reinerlös der eingefahrenen Spenden- und Sponsorengelder kommen Betroffenen wie Sarah zugute bzw. fließen in die medizinische Forschung. Auf die Frage, woran er denkt, wenn ihn unterwegs Müdigkeit und Schmerzen plagen, antwortet er damals: „An Sari, meine Mitbewohnerin. Sie motiviert und inspiriert mich seit Jahren.“ Was er damit meint, spürt man hautnah in einem Video auf der Vereinswebsite „Racing4Charity“. „Grenzen gibt es nur im Kopf“, sagt darin Sarah lächelnd, obwohl ihr die Krankheit bereits das Reden erschwert. „Wenn man lernt umzudenken, hat man enorm viele Möglichkeiten.“ Als sie nahezu nichts mehr selbst bewegen kann, ermöglichen ihr die Freunde eine Alpenwanderung: Sie tragen sie in einer Art Sänfte über die Berge. Ihren statistisch prognostizierten Tod überlebt Sarah um mehr als zwei Jahre; sie stirbt im März 2021. „Wir denken nach wie vor täglich an Sari, gerade jetzt im Sommer, wo die Hummeln auf unserem Balkon um den Strauch herumschwirren, den sie uns geschenkt hat“, erzählt Michael Strasser. „Kerstin (seine Partnerin, Anm.) und mich erfüllt es mit großem Stolz, dass wir sie ein paar Tage vor ihrem Tod noch in das Spezialfahrrad gepackt haben, um mit ihr eine kleine Runde zu drehen. Es war regnerisch, aber das war uns egal. Wir fuhren los – und plötzlich war da ein Sonnenfenster. Für zehn Minuten. Sari hat die Augen geschlossen und nur die Sonne genossen. Vier Tage später hat sie uns verlassen.“ Mit erst 29 Jahren.


Krisen überstehen
Bild 2107_B_EM_Friends-1.jpg

Mentorin und Freundin. Greta Garbo lernte die knapp 20 Jahre ältere Schauspielerin und spätere Drehbuchautorin Salka Viertel in Hollywood kennen; ihre Freundschaft hielt trotz Höhen und Tiefen ein Leben lang.

Bild 2107_B_EM_besFreundschaften_Cover_978-3-351-02738-4.jpg
 
Bild 2107_B_EM_besFreundschaft_Greta2_9783847713135.jpg
 

Krisen überstehen

Fünf Jahrzehnte Zeit hatten der Hollywoodstar Greta Garbo und Salka Viertel füreinander – und für eine Freundschaft, die oftmals einer Achterbahnfahrt geglichen haben soll. Die gebürtige Schwedin war 24, als sie die knapp 20 Jahre ältere Schauspielerin und spätere Drehbuchautorin Salka Viertel in Los Angeles, wo sie damals beide lebten, kennenlernte. Die deutsche Autorin Nicole Nottelmann spürte der Beziehung zwischen den beiden Frauen in einem Buch nach, das sich unter anderem auf viel private Korrespondenz und Tagebucheinträge stützt: „Ich liebe dich. Für immer“ – der Titel ist ein Zitat von Greta Garbo. Die Faszination, die sie sofort fürei­nander empfanden, war laut Nottelmann ganz unterschiedlich gelagert: „1930 war Garbo die berühmteste Schauspielerin der Welt, doch Salka Viertel empfing Signale einer großen Versehrtheit und Verletzlichkeit von ihr, und was wohl noch wichtiger war, sie war bereit, Salka rücksichtslos zu bewundern.“ Und umgekehrt: „Viertels Familie gehörte dem galizischen Großbürgertum an, sie war gebildet und kultiviert, sprach fünf Sprachen – ein familiärer Hintergrund, der die aus einer Arbeiterfamilie stammende Greta Garbo offensichtlich faszinierte.“ Als sie einander begegnen, ist Salka Viertel dreifache Mutter und verheiratet mit dem Schriftsteller und Regisseur Berthold Viertel. Sie gilt in Hollywood als intellektuelle Gastgeberin; zum Freundeskreis gehören etwa Bertolt Brecht, Charlie Chaplin, Albert Einstein, Franz und Alma Mahler-Werfel. Sie avanciert für Greta Garbo zur Mentorin und soll sie darin bestärkt haben, sich selbstbewusst von der „Vamp-Rolle“ auf der Kinoleinwand zu entfernen, auch indem sie Figuren für sie erfand und diese später in Drehbüchern umsetzte. Wie nah sie einander standen, vermag eine der vielen Anekdoten im Buch zu bestätigen: Als eine junge Stalkerin in Garbos Haus eindrang, „rief Garbo nicht die Polizei, sondern Salka, die herbeieilte und die fanatische Verehrerin zum Rückzug bewog“. Phasen, in denen sie sich voneinander entfernten – etwa aufgrund beruflicher Differenzen –, und Phasen, in denen gar über eine Liebesbeziehung zwischen ihnen spekuliert wird, wechselten einan­der ab. Verbunden bleiben die beiden einander aber ein Leben lang. Ihren Lebensabend verbringt Salka Viertel in Klosters in der Schweiz, bis zuletzt besucht Greta Garbo ihre Freundin, die schließlich auf ständige Pflege angewiesen ist. „Sie konnte nicht sprechen, und ich glaube, sie hörte auch nichts, doch die Garbo unterhielt sich trotzdem mit ihr, und sie schienen sich zu verstehen“, beschrieb ihr Begleiter Sam Green. Garbo soll einmal gesagt haben: „Man muss nicht verheiratet sein, um einen guten Freund als Lebenspartner zu haben.“


Gemeinsam stark sein
Bild 2107_B_EM_besFreundschaften_Ariane_WhatsApp Image 2021-06-17 at 17.59.24.jpg

Happy am Grossglockner. Gemeinsam radeln Ariane und Martin
der Krankheit der Mörbischerin immer wieder ein Stück weit davon.

Bild 2107_B_EM_besFreundschaften_Ariane_191261065_251486863397157_7321469706361175712_n.jpg

Herzliche Partie. Cristian Gemmato, Siegbert Filzmoser, Ariane Schrauf und Martin Karall. Wie man das Team und ihr „Race Around Austria“-Vorhaben unterstützen kann, erfährt man via
www.foahrmaarunde.at

Gemeinsam stark sein

Eine zweifellos besondere Freundschaft verbindet Ariane Schrauf und Martin. An einem Tiefpunkt ihres Lebens, als sie die Diagnose Sklerodermie bekommt, eine seltene und schwere Auto­immunerkrankung, gelingt es ihm, in ihr das Feuer fürs Radeln zu entfachen (wir porträtierten Ariane Schrauf in der März-Burgenländerin). „Hätte ich damit nicht angefangen, würde ich heute nicht mehr so dasitzen“, sagt die Mörbischerin. Immer wieder machen ihr Schübe zu schaffen, beim bislang schwersten kann die 45-Jährige ihr Bett nicht verlassen. Doch auf dem Rad und mit Martin an ihrer Seite scheint sie der Krankheit immer ein Stück weit davonzufahren. Als sie erstmals den Großglockner bezwingt, grenzt das an ein Wunder, sagt ihre Ärztin. Die Kombination aus Sport und Glücksgefühlen wirkt sich auch auf die Krankheit aus; in den Beinen, die nunmehr ständig in die Pedale treten, verspürt sie das schmerzende, einengende Gefühl weniger als beispielsweise in den Händen. Als das radelnde Duo 2020 in etwas mehr als 21 Stunden die 560-Kilo­meter-Strecke des Ultraradrennens „Race Around Austria“ knackt, setzt sich Ariane Schrauf ein weiteres kühnes Ziel: die 2.200-Kilometer-Strecke – und zwar noch diesen Sommer. Sie will keine Zeit verlieren, „ich weiß nicht, wie lange ich so etwas noch machen kann“, sagt sie – und Martin hat Verständnis dafür. Gemeinsam stellen sie ein Team mit zwei weiteren ehrgeizigen Sportlern auf; als wir Ariane Schrauf für diesen Artikel kontaktieren, trainiert sie gerade in Salzburg. Der Magen macht ihr zu schaffen; bei „ihrer“ Form der Sklerodermie sind auch innere Organe betroffen. Trotzdem flötet sie fröhlich ins Handy: „Waßt wie schei, gestern waren wir auf dem Großglockner!“ – „Race Around Austria“ startet am 9. August; Ariane Schraufs Partie alias „foahrmaarunde“ fährt für den guten Zweck – für die Skle­rodermie-Forschung am LKH Graz.


Den Panzer fallen lassen
Bild 2107_B_EM_besFreundschaften_JohannaStill 1_AnnemarieAufreiter.jpg

Lieblingsfoto. „Das ist das schönste Bild von der Johanna; genauso frech und sympathisch war sie“, sagt ihre Lebenspartnerin Annemarie Aufreiter in Sabine Derflingers Filmdoku „Die Dohnal“. Das Foto machte die große Elfie Semotan.

Bild 2107_B_EM_besFreundschaften_JohannaFD_1911_dohnal_poster_lay-sOK.jpg
 

Den Panzer fallen lassen

Johanna Dohnal, Österreichs erste Frauenministerin und Ikone im Kampf für die Gleichberechtigung, wirkte stets besonnen und stark; doch um die Flut an Anfeindungen und vieles andere mehr aus der patriarchalen Ecke auszuhalten, brauchte es mitunter einen Panzer. Sich von der verletzlichen Seite zeigen zu dürfen, gehört zu den schönsten Qualitäten einer besonderen Verbindung. „Einmal ist sie nach einer Debatte im Parlament zur Vergewaltigung in der Ehe nach Hause gekommen und hat nur noch erbrochen“, beschreibt Annemarie Aufreiter in Sabine Derflingers Filmdokumentation „Die Dohnal“ (erst 1989 wurde Vergewaltigung in der Ehe mit einer Vergewaltigung außerhalb der Ehe gleichgestellt). „Sie hat gesagt, es war fürchterlich, was da manche von sich gegeben haben.“ In solchen Situationen setzte ihre Lebenspartnerin oft einen Kamillentee auf „und ich hab’ geschaut, dass sie zur Ruhe kommt“. Dass sie Kraft tanken konnte, war nicht nur gegen den politischen Gegenwind und für ihr Engagement für die Unabhängigkeit der Frauen essenziell; sie hörte zudem „ganz grausliche Geschichten“, wenn Frauen ihr persönliches Leid klagten, ehe es am Land flächendeckend Frauenservicestellen gab. Manche berührten sie besonders, erzählt Annemarie Aufreiter in der Doku. Wie jene Begegnung mit einer alten Bäuerin aus dem Zillertal, die seit 40 Jahren von ihrem Mann geschlagen wurde und nun Johanna Dohnal um Hilfe für eine Scheidung bat. Ihr persönliches Refugium, die Beziehung mit der Erwachsenenbildnerin und Friedensaktivistin Annemarie Aufreiter, verlangte von den beiden Frauen Anfang der 1980er, aber auch noch später Zurückhaltung. „Wir haben keine Rundschreiben geschickt, es aber auch nicht verheimlicht“, sagt die Witwe später. Johanna Dohnal habe nicht gewollt, dass das Interesse an ihrem Privatleben inhaltliche Themen verdrängt. Ihre mehr als drei Jahrzehnte währende Beziehung besiegelten die Frauen einen Monat vor Johanna Dohnals Tod im Jänner 2010 mit einer Verpartnerung.


Info & Tipps

  • Salka Viertel: „Das unbelehrbare Herz. Erinnerungen an ein Leben mit Künstlern des 20. Jahrhunderts“, Verlag Die Andere Bibliothek (2012)

  • Nicole Nottelmann: „Ich liebe dich. Für immer. – Greta Garbo und Salka Viertel“, Aufbau Verlag (2011), erhältlich als E-Book

  • Ariane Schraufs Charity-Projekt(e) zugunsten der Sklerodermie-Forschung: www.foahrmaarunde.at

  • Filmdokumentation „Die Dohnal“ (2019), Regie: Sabine Derflinger; beispielsweise via www.vodclub.online