Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 02.09.2021

Zwei stabile Egos

Sie befruchten sich gegenseitig künstlerisch und sind darauf bedacht, dass ihnen die „Lorbeeren nicht unterm Arsch wegfaulen“. Ihre Beziehung ist ein ständiges Lernen und Lehren. Paul Pizzera und Otto Jaus im etwas ungewöhnlichen Interview.

Themen:
Bild HEAD_2109_B_pizzeraundjaus_-1.jpg
© Vanessa Hartmann

Die Autorin dieser Zeilen hat unzählige Interviews gelesen, die es vom Duo Pauli & Ottl alias Pizzera & Jaus gegeben hat. Schwerer Fehler! So gut vorbereitet in ein Interview zu gehen, stellt einen vor die Hürde, das Gefühl zu haben, eh schon alles zu wissen (was natürlich Blödsinn ist!). Doch dass der 1983 in Wien geborene Otto Jaus seine gesangliche Ausbildung im harten Alter von neun Jahren bei den Wiener Sängerknaben startete und der sechs Jahre jüngere Paul in seiner milden Jugendzeit seine erste Punkband gründete, ist kein großes Geheimnis mehr. Auch nicht, dass der Steirer dann zu Beginn seiner 20er auf über 100 Poetry Slams (literarische Wettbewerbe, bei denen selbst verfasste Texte knackig-zackig auf der Bühne rausgeschmettert werden) und dann auf Kabarettbühnen sein Talent zum Besten gab, während Jaus wichtige Impulse für seine künstlerische Entwicklung in Meisterklassen bei internationalen Sängern, Komponisten und Schauspielern erhielt und umsetzte. Als sich das ungleich-gleiche Paar bei einer gemeinsamen Rauchpause während der Tour der Langen Nacht des Kabaretts 2013 kennenlernte, beschloss es ziemlich schnell, sich gegenseitig „künstlerisch zu befruchten“. Im Leben abseits der Bühne sind sie fest mit ihren Partnerinnen verbandelt. Otto Jaus hat 2019 die Schauspielerin Eva-Maria Frank geheiratet und 2020 machte ihn seine kleine Tochter zum stolzen Vater. Paul Pizzera ist ebenfalls glücklich liiert. Worüber also noch sprechen? Das Ergebnis ist ein Interview, bei dem viel philosophiert und im Meinungskisterl gegraben wurde – und selten haben wir von Beginn an so viel gelacht. Und sei es nur wegen des Equipments der Fotografin, die à la Mary Poppins plötzlich ein halbes Foto-Studio aus der Tasche zauberte – aber dann wurde es ernst …

 

Lasst uns ein wenig über das Leben und dessen Sinn philosophieren …

Paul: Das Leben ist ein bissl wie eine „Red Bull Jukebox“. Es spielt nicht immer alle Stücke, die man gerne hätte.

Otto: Und manchmal sucht wer anderes aus, was gespielt wird.

Paul: Es liegt aber an einem selber, dass man mit einem großen Maß an Selbstironie und einem nicht minder großen Maß heiterer Gelassenheit das Ganze versucht zu schieben wie ein Wagerl. Deswegen wollen wir uns immer wieder motivieren, positiv zu denken. Wir sind uns gegenseitig Therapeut und Klient, Schüler und Lehrer und Freund. Wir sind so froh, dass wir uns haben, sodass wir auch abseits der Bühne sehr eng miteinander sind.


Wie steht ihr Neuem und Veränderungen gegenüber?

Otto: Wir probieren immer Dinge aus, bevor wir sagen, dass es ein Blödsinn ist. Wir würden auf der Bühne und als Freunde nicht funktionieren, wenn wir alles, was der andere sagt, immer gleich ablehnen würden, wenn es uns nicht taugt. Wenn ich sage: Pauli, probieren wir das so – und ich sehe schon in seinem Blick, dass ihn das gerade überhaupt nicht interessiert, weiß ich trotzdem, er wird es ausprobieren. So funktioniert das in Beziehungen.

Paul: Da bin ich voll bei dir. Wenn man merkt, man ist der Klügste im Raum, sollte man den Raum wechseln. Man sollte immer offen sein für neue Einflüsse. Niemand ist unfehlbar und allwissend. Wir lernen stets voneinander und bringen uns beide als Gesamtprodukt weiter.


Keine Angst vor unerwarteten Wendungen oder vor Schicksal?

Otto: Nehmen wir Corona her. Bevor ich jede Maßnahme, die kommt, gleich verachte und beschimpfe, setze ich mich zuerst damit auseinander und lese mich in die Materie ein. Keine Facebook-Kommentare von Leuten, die sich eh nicht auskennen, sondern wissenschaftlich wertvolle Artikel. Dann bilde ich mir meine Meinung. Ich finde es falsch, gleich aufzuschreien. Durchs Nachdenken und Lesen kommt man meist drauf, dass man zu früh geschrien hat. Wer immer nur redet, kann nix lernen.

Paul: Schicksal ist ein romantischer Zugang. Ich bin ein viel zu verkopfter Mensch, als dass ich dem so viel globale Wirkung unterstellen möchte. Es ist schon viel im Leben Zufall und Willkür. Aber es ist schön, wenn das wer so blumig sehen kann. Ich möchte niemandem seine Meinung absprechen, außer es geht um definitiv belegbare wissenschaftliche Argumente, dann schon. (lacht)

Pizzera & Jaus
Bild 2109_B_pizzeraundjaus-3.jpg

"Wenn man merkt, dass man der Klügste im Raum ist, sollte man den Raum wechseln."

Paul Pizzera

Bild 2109_B_pizzeraundjaus-4.jpg

Jedes Problem, das auftaucht, ist dazu da, dass ich eine neue Erfahrung mache.

Otto Jaus

Bild 2109_B_pizzeraundjaus-2.jpg

Die Suite im Hotel Grand Ferdinand in Wien fungierte als Interview-Location.

Bild 2109_B_pizzerajauskonz.jpg

© Matthias Heschl/Red Bull Content Pool

Bild 2109_B_pizzerakonzert.jpg

© Philipp Carl Riedl/Red Bull Content Pool

Habt ihr so was wie ein Urvertrauen ins Leben? Dass es für euch nichts gibt, was ihr nicht stemmen könnt?

Otto: Das ist ein super Zugang. Meine Grundeinstellung ist: Jedes Problem, das auftaucht, ist dazu da, dass ich eine neue Erfahrung mache. Wenn ich diese Erfahrung negativ sehe, habe ich schon verloren. Wenn ich sie positiv sehe und daraus lerne, kann ich nur gewinnen. Und wenn ich dankbar bin, auch für jeden Dreck, der sich mir entgegenwirft, dann werde ich immer was Schönes daraus ziehen können. Dankbarkeit ist das Wichtigste im Leben.

Paul und Otto unisono: Wenn der Tag nicht dein Freund war, dann war er dein Lehrer. (lachen)

Otto: Und blöd daherreden hilft immer. Humor macht das Leben leichter.


Wollt ihr in Zukunft auch über die DACH-Region hinaus bekannt werden?

Paul: Mit österreichischen Mundart-Liedern wird’s in Spanien schwierig. (lacht) Die Idee für englische Lieder war schon da. Aber es muss passen, darf nicht gewollt sein. Wichtig ist, dass du deinen eigenen Kompetenzradius erkennst. Wenn du mit Kalkül versuchst groß zu werden, kann es zwar funktionieren, aber der Beweggrund ist falsch. So haben wir nicht angefangen. Wir sind echt dankbar für unser Standing. Wir machen ein Mal im Jahr zu zweit Urlaub als kleines Team-Building. Es ist wichtig für uns, einfach nur mal Ottl und Paul zu sein und nicht Pizzera & Jaus. Als wir unlängst vier Tage in Hamburg waren, haben sie uns ein Körberl ins Hotelzimmer gestellt mit „Eine ins Kiez-Leben“. Man kennt uns also dort schon, aber wir haben vorerst noch viel in Österreich vor.

Otto: Unsere Lieder sind sehr textlastig. In Süddeutschland funktioniert das ganz gut. Natürlich könnten wir auch in Berlin spielen, aber warum sollten wir jetzt anfangen vor 200 Leuten zu spielen, wenn wir hier in Österreich noch so viel erreichen wollen? Die Distanzen sind auch nicht ohne. Wir haben hier unseren Freundeskreis, unsere Familie. Jetzt drei Wochen weg zu sein, würde ich nicht schaffen. Meine Tochter ist jetzt knapp ein Jahr, ich hab so eine Freude mit ihr. Natürlich übernimmt meine Frau den Großteil, aber wenn ich eine Woche nicht da bin, geht sie mir Vollgas ab. Meine Frau Eva ist ein Wahnsinn. Ich sage ehrlich, ich könnte das nicht.

 

Wie steht es um eure Arbeits- und Freundschaftsbeziehung? Schließt ihr viele Kompromisse, die sich nicht wie welche anfühlen, oder muss man auch zurückstecken können?

Paul: Wir haben beide ein stabiles Ego. Für den gemeinsamen Erfolg gilt es, das ab und an ein bissl beiseitezustellen. Das bringt dem Gesamtprojekt dann etwas und man lernt, dass man nicht der wichtigste Stern am Firmament ist.


Und in Liebesbeziehungen?

Paul: Einen Dietrich für das Schloss der Liebe kann ich leider nicht anbieten. Man wird halt so lange versuchen, Kompromisse einzugehen, bis die Kontra-Liste überwiegt. (lacht)

Otto: Ich finde, es gibt Kompromisse, die kann man eingehen, und welche, die sollte man nicht eingehen. Es ist schwierig. Wenn ich einen Kompromiss eingehe, tue ich immer etwas, das ich nicht tun will, und das wird mein Partner irgendwann spüren. Es ist besser, ich sage es gleich, als wenn ich mich ein Jahr lang verbiege und der Schmerz dann noch viel größer ist.

Paul: Man darf sich nicht brechen, um zu entsprechen.


Wie grenzt man sich als Künstler ab, um auf dem Boden zu bleiben? Oder ist euch die Fremdwahrnehmung egal?

Paul: Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Mensch mit Misserfolg viel besser umgehen kann als mit Erfolg. Man hört oft, ihm sei der Erfolg zu Kopf gestiegen, ganz selten hört man, ihm sei der Misserfolg zu Kopf gestiegen. Wenn ich Youtube-Kommentare lese, merke ich mir eher den einen schlechten als die 20 guten. Dabei ist es aber so, dass du genauso wenig die vielen guten wie den einen schlechten an dich heranlassen solltest. Du musst wissen, dass das, was du machst, gut ist. Das macht schon mal 90 Prozent aus. Und wenn du anderen damit auch noch Freude machen kannst, ist das ein wunderschönes Topping. Solange du mit dem, was du machst, in den Spiegel schauen kannst – und das können wir –, ist das das wichtigste Fundament für ein zufriedenes Seelenleben. Es ist auch eine Me­lange aus Arroganz und Neugier, die uns da vorantreibt. Und dass wir immer aufpassen, dass uns unsere Lorbeeren nicht unterm Arsch wegfaulen, sondern dass wir uns gegenseitig pushen.

 

Wie schafft ihr es, euch diese vielen und teils scheinbar komplizierten Liedtexte zu merken?

Otto: Das Schwierige ist nicht, sich die Texte zu merken. Das ist nur Übung und wirklich leicht. Das Schwierigste ist, die Texte jeden Tag aufs Neue zu bringen, als wäre es das erste Mal. Egal, wie du dich fühlst. Das ist viel Handwerk, das kann man lernen. Wichtig ist, sich nicht an Ges­triges zu halten, nur weil es funktioniert hat. Das Publikum merkt, wenn es nicht frisch ist, auch wenn es die drei Aufführungen davor nicht gesehen hat. Das ist eine andere Energie.


Welches Verhältnis habt ihr zu euren Müttern? Habt ihr einen Rat für mich, wie ich meinen fast 11-jährigen Sohn so erziehe, dass er mich nicht irgendwann in den Wahnsinn treibt?

Paul: Wurzeln und Flügel. Meine Mama stand immer vor, hinter, neben mir und war immer da, wenn ich sie gebraucht habe.

Otto: Es ist schön, dass – egal welchen Blödsinn man macht – man immer heimkommen darf.

Paul: … und auch wieder fortgehen darf! (lacht)


Welche Emotionen verbindet ihr mit dem Burgenland?

Paul: Das Burgenland ist für mich der Inbegriff von kulinarischer Nächstenliebe. Ich bin wirklich dankbar für die Vielzahl an Weingütern, die mir schon etliche Abendmahlzeiten veredelt haben.

Otto: Pure Freude, familäre Gastfreundschaft und etwas Melancholie.

 

 


Wordrap mit Pizzera & Jaus

Was liegt auf eurem Nachttisch?
Paul: Mein Handy.
Otto: Das Buch „Endlich Nichtraucher“.


Zwischenfrage: Bringt’s schon was?
Otto: Ja!

Worüber könnt ihr euch maßlos ärgern?
Beide: Ungerechtigkeit!

Wann habt ihr euch zuletzt geschämt?
Paul: Als ich besonders klug wirken und sagen wollte, das Wetter schaut heute ganz passabel aus, aber gesagt habe, das Wetter schaut heute ganz plausibel aus.
Otto: Das ist etwas, wofür du dich wirklich schämst? Das passiert mir in 1,5 Tagen 100 Mal. (lacht)
Paul: Ja, schon. Ich habs auch noch mit Körpersprache untermalt.  
Otto: Es kommen hin und wieder Aussagen aus meinem Mund, für die ich mich dann geniere. Meist meiner Frau gegenüber. Aber es dauert nicht lange, bis ich angekrochen komme und um Verzeihung bitte. (lacht)

Was konntet ihr bisher über die Menschheit lernen?
Otto: Ollas Trotteln! (lacht) Nein, aber der Mensch hat sich die letzten 200 Jahre nicht viel geändert.
Paul: Bildung kann nicht wichtig genug sein!

Welchen klugen Rat über Frauen würdet ihr eurem 15-jährigen Ich heute geben?
Otto: Einfach öfter zuhören.
Paul: (überlegt lange) Sei respektvoll und versuche … (kunstvolle Pause) sie zu sehen!

Wann habt ihr das letzte Mal bis zum Morgengrauen durchgefeiert?
Otto: Puh, wir feiern nicht mehr bis zum Morgengrauen. Das kam nicht durch Corona, sondern durch das Alter.
Paul: Viel zu lange her, keine Ahnung. Wir fangen eher beim Mittagessen an und sind um 21 Uhr streichfähig. (lacht)

 

 

Beim Übereinstimmungsspiel saßen Pauli und Ottl Rücken an Rücken zueinander und hielten jeweils ein Handy und eine Flasche in der Hand. Wir stellten ihnen Fragen und sie gaben ihre Antworten durch das Hochhalten des jeweiligen Gegenstands, der für Paul (Handy) oder für Otto (Flasche) stand.

Hier ist das Interview-Video!! ❤️


Red Bull Jukebox

Beim Konzert „Red Bull Jukebox mit ­Pizzera & Jaus“ am 27. August jubelten über 3.500 Gäste im Steinbruch St. Margarethen dem Duo auf der Bühne zu (siehe Bilder oben). Für Staunen und Begeisterung sorgten unter anderem A-cappella-Versionen, ein Medley von Cover-Songs, Reggae-Töne und natürlich ihre Greatest Hits. Der unerwartete Gastauftritt von Avec bescherte vielen absolute Gänsehaut und war ebenfalls ein Highlight sowie auch der Überraschungsbesuch von DJ Ötzi.
 

TV-Ausstrahlungstermine  zum Nachschauen:

• Red Bull TV: 17. September

• Servus TV: 24. September, 22.10 Uhr