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People | 13.09.2021

Freundinnen in einer Zelle

Sie wollten in die Freiheit flüchten und kamen ins schlimmste DDR-Frauengefängnis. Im Sommer kehrten Regine und Margitta erstmals in die Grenzregion zurück. Eine emotionale Begegnung.

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Freundschaft und Trauma. Regine Engelschalk (r.) und Margitta Becke-Freyer lernten einander in ihrer Haft in der DDR kennen. © Viktor Fertsak

„Schauen Sie mal, der Tauchanzug“, flüsterte sie. Die zuvor strahlenden Augen von Margitta Becke-Freyer füllten sich mit Tränen. „Das geht Ihnen sehr nahe, oder?“, fragte ich am Rande der feierlichen Eröffnung der Ausstellung „100 Jahre Burgenland“ (siehe auch S. 17). „Ja, wir waren gemeinsam im Gefängnis in der DDR.“ Der Tauchanzug, eine Leihgabe von der Polizei Ungarn, sollte vor mehr als vier Jahrzehnten ihrer Freundin Regine Stefan, heute Engelschalk, zur Flucht in die Freiheit verhelfen. Nun standen die beiden vor der Vitrine, waren das erste Mal wieder in jener Grenzregion, in der ihr Leben mit 22 bzw. 23 Jahren in neue Bahnen gelenkt wurde. Wir setzen uns in den Innenhof der Friedensburg, die Musik, die Festgäste, die emsigen Kellner*innen rücken ganz fern, als die Frauen zu erzählen beginnen.

 

BURGENLÄNDERIN: Wie sind Sie einander begegnet?

Regine Engelschalk: Im Gefängnis. Ich war schon (1977, Anm.) in der Zelle in Hoheneck, Gitta kam später und wurde vor mir entlassen. Das war eine der großen Strafen des DDR-Regimes: die volle Haftzeit abzusitzen. Gleichzeitig wurde Menschenhandel betrieben, viele von uns wurden von Westdeutschland freigekauft; nach welchen Kriterien, wissen wir bis heute nicht. Klappte es nicht, musste man in die DDR zurück, meine Horrorvorstellung. Am letzten Tag, nach eineinhalb Jahren, trat jemand zu meinem Bett und sagte: „Strafgefangene Stefan, einpacken, mitkommen.“

Wissen Sie, warum so spät?

Das war wahrscheinlich eine Repressalie, weil ich mich nicht gut benommen habe. Ich hab’ gesagt, dass ich für dieses Land nicht arbeite, dass ich mich nicht versklaven lasse. Ich war Lehrerin in einem kleinen Ort, das war ein hoch angesehener Beruf. Wir galten als Vorbild für die Jugend und sollten spuren. Das hat für mich gar nicht gepasst.

Margitta Becke-Freyer: Wir reden bis heute darüber, was uns die Freiheit gebracht hat, dass es richtig war, dafür zu kämpfen. Ich denke, dass die Mauer fiel, dazu haben auch wir beigetragen.

Ohne Menschen wie Sie wäre es vermutlich nicht so weit gekommen.

Regine: Möglich, aber man darf nicht vergessen, wie viel Mut die gebraucht haben, die in der DDR in geheimen Gruppierungen für die Freiheit gekämpft haben. Dafür war ich zu aggressiv. Ich habe dieses Land so gar nicht gemocht, für mich blieb nur der andere Ausweg.

Wie entstand der Plan zu flüchten?

Regine: Ich hab’ schon als Kind an den Päckchen aus der Bundesrepublik geschnuppert und mir gedacht: Oh, das ist eine andere Welt. Später bin ich oft nach Berlin gefahren, stand am Brandenburger Tor, guckte rüber und sagte mir: Ich will auf die andere Seite. Wir wussten ja nicht, dass die Mauer irgendwann weg sein wird; wir dachten, wir bleiben für immer eingesperrt. Als Studentin war ich in einer kleinen Anti-­DDR-Studentenbewegung, da hatte ich Gleichgesinnte, aber als ich fertig war, fand ich es an der Schule furchtbar. Ungarn war mein Land, da durften wir hin. Wir fuhren nach Budapest und zum Balaton, trafen viele Westdeutsche und irgendwann war für mich klar: Aus. Jetzt machst du es.

Sie wollten über den Neusiedler See. Wie darf man sich das vorstellen?

Regine: Ein Tauchanzug war in der DDR nicht zu kriegen, weil die Regierung Angst hatte, dass man über die Ostsee abhaut. Ich habe mir das zusammengestückelt, es hatte nicht einmal lange Beine. Also habe ich mich mit Schmalz eingerieben, weil ich gelesen habe, dass das die Haut schützt. Ich wollte es im November versuchen, damit am See weniger los ist. Davor habe ich bei uns in der Nähe heimlich geübt, bin immer wieder nachts bei Kälte getaucht, damit niemand mich sieht.

Regine und Margitta
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Historische Fotos

Junge Frauen in der DDR (Regine Engelschalk steht ganz links)

 

 

© privat

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Fluchtversuch

Nach mehr als vier Jahrzehnten sieht Regine Engelschalk jenen Tauchanzug wieder, mit dem sie über den Neusiedler See wollte.

 

 

© Viktor Fertsak

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Mutige Rebellin

Regine Engelschalk (r.) riskierte ihr Leben für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

 

 © privat

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Rückblick

Auszug aus Margitta Becke-Freyers „Freiheits-Album“,
wie sie es nennt. Rechts im Bild: Das Gefängnis Hoheneck

 

 

© privat

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Packendes Gespräch

Die Freundinnen Regine und Margitta mit
Redakteurin Viktória Kery-Erdélyi

 

© Viktor Fertsak

War jemand eingeweiht?

Regine: Nein, das wäre zu gefährlich gewesen. Ich musste das allein durchziehen. Aber ich war blauäugig. Ich wusste nicht, dass nicht einmal die Ungarn einfach so zum See durften.

… und so wurden Sie dann gefasst?

Genau. Anzug und Karten fanden sie im Zimmer, ich wurde schon erwischt, als ich beim Auskundschaften war. Aber ich bin mir sicher, dass ich schon lange beobachtet wurde. Bei den Verhören habe ich gemerkt, wie genau die mein Leben kannten. Sie fragten mich, warum ich als Studentin Jazzkonzerte in Warschau besuchte. Ich hab’ kaum damit gerechnet, dass es klappt, aber ich wollte es versuchen. An der innerdeutschen Grenze hätte ich das nicht getan, dort hätte man mich erschießen können.

Margitta: Man ging mit dem Gedanken hin, dass die Chancen fifty-fifty stehen – aber natürlich mit der Hoffnung, dass man es schafft. Doch das, was dann passiert ist, war fürchterlicher als alles, woran wir gedacht haben.

Regine: Ich kam ins Militärgefängnis Györ; es war eine Zelle ohne Licht, ohne Wasser, ich fühlte mich wie lebendig begraben. Man wurde ständig beobachtet. Die Soldaten waren nicht bösartig; sie haben gesagt: „Wir müssen das machen, wir haben ein Abkommen mit der DDR.“ Einer brachte mir eine Taschenlampe und ein Buch: „Die Ansichten eines Clowns“ von Heinrich Böll. Das Buch war so bedeutend für mich; es gab mir das Gefühl, es wäre jemand bei mir. Dann kamen wir ins Zentralgefängnis nach Budapest und von dort mit dem Flugzeug wieder in die DDR.

Margitta: Wir wurden in Handschellen über den Bahnhof geführt, die Leute haben geguckt … Die haben bestimmt gedacht, wir sind Schwerverbrecher. So war das auch später im Strafvollzug in Hoheneck, im schlimmsten Frauengefängnis der DDR. Wir waren in einer Zelle 24 Gefangene in zwölf Doppel-­Stockbetten. Da waren 22 schwer kriminelle Frauen, aber wir zwei wurden wie Dreck behandelt. Dabei waren wir noch kleine Fische. Was es da für Schicksale gab! Da waren Frauen, die zehn Jahre eingesessen sind, weil sie politische „Gesetze“ gebrochen haben. Es gab Zwangsadoptionen und Kinder wurden weggenommen, das war ein Drama, was dort abgelaufen ist, da wissen Sie die Welt ein bisschen einzuordnen …

Wie war Ihr Fluchtversuch?

Margitta: Ich wollte mit meinem damaligen Mann 1978 über die Grüne Grenze. Eine Woche lang haben wir Tag und Nacht die Gegend beobachtet, ehe wir los sind. Es war heiß, Wildschweine kamen und die Angst war ständig da. Wir wollten von Ungarn nach Jugoslawien und hätten es fast geschafft. Um vier Uhr früh wurden wir aber gefasst.

… und kamen in Pécs ins Gefängnis?

Margitta: Das war tragisch: Hunderte Kakerlaken, das Bett war ein Brett, ich dachte, ich verhungere. Ich habe aber einen tiefen Glauben und sagte mir: Ich muss da durch und für mich kämpfen.

 

"770 Seiten Stasi-Akten über mich kleine Motte. Können Sie sich das vorstellen?"
Margitta Becke-Freyer


Wie kam Ihr Entschluss zu flüchten?

Margitta: Ich bin evangelisch und wurde mit 14 konfirmiert. Da bin ich politisch erstickt worden, wurde beobachtet, selbst die Nachbarn standen in den Stasi-Akten. 770 Seiten über mich kleine Motte, eine Röntgen-MTA (Medizinisch-technische Assistentin, Anm.), können Sie sich das vorstellen? Ich war in der Kirche engagiert und arbeitete in einem kirchlichen Krankenhaus, das hat ihnen nicht gepasst, mir gab es Kraft. Ich habe dort auch viel gelernt und wusste: Man wartet auf mich im Westen.

Was war der stärkste Beweggrund, dass Sie Ihr Zuhause verließen?

Regine: Da war viel Schlimmes, aber das Allerschlimmste war zu wissen: Ich werde nie in die Schweiz kommen, nie nach Österreich, Spanien oder Italien reisen. Man redet immer so schön von der inneren Freiheit. Die hatten wir, wir waren gestandene junge Frauen. Aber damit kann man nicht übertünchen, dass wir eben gar nicht frei waren.

Wie war der Start im Westen?

Regine: Sehr schwer. Als die erste Euphorie vorbei war, kam ich zu einer Verwandtschaft, die nicht verstanden hat, wie ich die DDR verlassen konnte. Noch dazu war Lehrereinstellungsstopp und ich stand da mit meinem schönen Beruf und musste mich mit allen möglichen Sachen über Wasser halten.

Margitta: Ich hatte Glück. Wir wurden in der Medizin gebraucht. Ich musste zwar Prüfungen machen, weil man meine Papiere eingezogen hatte, aber das habe ich mit Freude gemacht.

Später haben Sie einander gesucht …

Regine: … und gefunden.

Margitta: Wir sind seither wie eine kleine Familie: immer in Kontakt und wir treffen uns jedes Jahr (Regine lebt heute mit ihrer Familie in Frankfurt am Main, Margitta in Dresden, Anm.).

Als man auf Ihren Tauchanzug stieß, lud man Sie zur Ausstellungseröffnung „100 Jahre Burgenland“ ein – wie haben Sie diese „Rückkehr“ erlebt?

Regine: Ich habe es interessant gefunden, dass etwas, das man selbst ad acta gelegt hat, aufgegriffen wird; ich war sofort einverstanden zu kommen.Ich beschäftige mich sonst mit der Vergangenheit wenig.

Margitta: Ich wurde schon viel zu meiner Vergangenheit gefragt; ich bin auch politisch und aktiv in der Kirche. Ich bin nicht fromm, aber sehr christlich.

Regine: Ich glaube an gar nix da oben. Das ist das Schöne bei uns: Wir sind unterschiedlich, aber das hat uns noch nie gestört. Unsere Freundschaft ist lebhaft, hat viel Inhalt. Wir respektieren das andere, ohne zu urteilen. Wir sehen, was uns verbindet.


© Viktor Fertsak

 

Burg Schlaining: 100 Jahre Burgenland

Die bewegende und ästhetisch anspruchsvolle Jubiläumsausstellung „Wir sind 100. Burgenland schreibt Geschichte“ wurde vom renommierten Historiker Prof. Oliver Rathkolb und seinem Team kuratiert, für die Gestaltung zeichnet der vielseitige Künstler Christof Cremer verantwortlich.  

Infos und Öffnungszeiten:

www.friedensburg.at