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People | 14.09.2021

Außergewöhnliche Berufe

... die sich vielleicht nicht jede und jeder vorstellen kann auszuüben. Wir besuchten vier Menschen, deren Arbeitsalltag alles andere als gewöhnlich ist. Ein spannender Ritt durch Orte, die viele von uns ihr Leben lang nicht zu Gesicht bekommen.

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© Shutterstock

Hackln im Häfn

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Am Aussichtsturm im Innenhof der Justizanstalt Eisenstadt hat Michaela Wolf den Überblick. © #viewitlikejenni

Von der Bürokauffrau zur Justizwachebeamtin – Michaela Wolf erzählt über ihren Arbeitsalltag im Gefängnis. Und wir erfahren, warum Frauen im Vollzug gezielt eingesetzt werden.

Etwas mulmig war uns schon zumute – ein Gefängnis zu betreten ist schließlich nicht alltäglich. Für die 32-jährige Michaela Wolf jedoch schon. Sie arbeitet als Justizwachebeamtin in der Justizanstalt (JA) Eisenstadt. Im Gespräch mit ihr und später auch mit ihren Vorgesetzten Mario Schindler und Harald Lipphart-Kirchmeir erfuhren wir vieles, was wir über den Beruf und die Vorgänge in der JA nicht wussten. Bei einem Rundgang durch das Haus – vorbei an verschlossenen Zellentüren und an den Betrieben, in denen die Häftlinge arbeiten – erzählte uns Michaela Wolf von ihrem Arbeitsalltag. Von den 180 Insassen sind derzeit rund fünf Prozent weiblich. Die Frauen sind in einem eigenen Trakt untergebracht. Der Tagdienst beginnt um 7.30 Uhr, das ist auch der Zeitpunkt, an dem die Haftraumtüren aufgeschlossen werden und der Tag für die Insassen beginnt. Zunächst werden Ansuchen und Anliegen der Häftlinge entgegengenommen und um 7.45 Uhr startet die Arbeit im Betrieb. Die Frauen nähen, sticken und basteln für Adventmärkte oder Sozialprojekte, die Männer arbeiten in der Tischlerei oder führen sonstige handwerkliche Tätigkeiten durch. Der Gefängnis­alltag und die gesetzlichen Bestimmungen lassen hier keinen Platz für ein Aufbrechen der Geschlechterklischees.  Auch sind die Bereiche strikt getrennt, ebenso die Höfe, in denen sich die Häftlinge in den Pausen aufhalten. Täglich um 15 Uhr müssen alle Häftlinge wieder in ihren Zellen sein und können diese bis zum nächsten Morgen nicht mehr verlassen. Abendessen wird zwischen 16 und 17 Uhr durch die Speiseklappe geschoben. Bei den Beamt*innen löst um 15 Uhr der Nachtdienst den Tagdienst ab.

 

© Vanessa Hartmann

"Ich bereue es keine Sekunde, diesen Berufsweg eingeschlagen zu haben."

Michaela Wolf, Justizwachebeamtin



Mörder & Pferde

Die Aufgaben von Michaela Wolf sind also täglich die gleichen, jedoch sind die Gegebenheiten trotzdem immer andere. Jede Person, die im Burgenland eine Straftat begeht und gefasst wird, kommt in die JA Eisenstadt. Egal welche Nation oder welcher Aufenthaltsstatus. Die Person bleibt so lange dort, bis die Hauptverhandlung stattfindet. Eine Freiheitsstrafe von bis zu 18 Monaten kann danach auch in der JA Eisenstadt abgesessen werden. Die Menschen, mit denen Michaela es täglich zu tun hat, wurden also aufgrund eines Verbrechens verurteilt oder warten auf ihren Gerichtsprozess. Mord, Vergewaltigung, Betrug, Diebstahl, Suchtgifthandel – die junge Beamtin möchte meist gar nicht wissen, wegen welcher Delikte die Häftlinge einsitzen. Sie begegnet jedem mit Respekt, aber auch mit dem nötigen emotionalen Abstand. „Ich bin da sehr konsequent und fahre eine klare Linie. Wenn jemand ungut ist, weise ich ihn in die Schranken. Mein Instinkt leitet mich auch sehr gut. Es gab noch keine Situation, in der ich wirklich Angst hatte. Verbale Deeskalation hat bisher immer geholfen.“ Wenn sie nach ihrem Dienst die JA verlässt, bleibt der Arbeitsalltag dort und sie denkt schon an daheim. Dort gehören Pferdeställe ausgemistet, Kinder versorgt und die Landwirtschaft betreut. Als sie sich für den Job als Justizwachebeamtin bewarb, war sie 29 und ihr zweites Kind erst 1 Jahr alt. Die gelernte Bürokauffrau, die zuletzt jedoch in Teilzeit im Einzelhandel tätig war, wollte sich umorientieren. Über eine Werbeanzeige kam sie auf die Idee, sich bei der Justizwache zu bewerben. Die Aufnahmeprüfungen dauerten insgesamt fast ein Jahr (Wissenstest, sportlicher und psychologischer Aufnahmetest), in dieser Zeit nahm Michaela 15 kg ab und viel an Selbstbewusstsein zu. Die Ausbildung danach an der Strafvollzugsakademie in Wien dauerte ebenfalls 1 Jahr, wobei da schon sehr viele Praxiswochen in der JA dabei sind – eine Tagesmutter und das Familiennetzwerk sicherten die Kinderbetreuung in dieser Zeit ab. „Ich habe es keine Sekunde bereut. Meine Jobs davor haben mich lange nicht so erfüllt wie meine jetzige Aufgabe und auch der Verdienst ist um Welten besser.“



Frauen als No-Go

Wie wichtig weibliche Justizwachbeamte sind, schildert auch der Leiter der JA Eisenstadt, Harald Lipphart-Kirchmeir: „Wenn Frauen bei Männern im Vollzug tätig sind, ist zu merken, dass die Gefangenen gepflegter sind. Aber es ist auch so, dass wir immer mehr Gefangene aus Ländern haben, in denen Frauen leider eine sozial geringwertigere Stellung haben. Da können wir Frauen aber ganz bewusst einsetzen. Manche Religionen erlauben es einem Mann nicht, von einer fremden Frau berührt zu werden, das ist ein No-Go für ihn. Bei einem Einsatz schicke ich also die Frau voraus. In den meisten Fällen hört er dann auf.“ Aber auch bei Einvernahmen können Frauen gezielt eingesetzt werden, „da sich bestimmte Nationalitäten von Frauen mehr provozieren lassen und dadurch die Wahrheit schneller ans Licht kommt.“ Lipphart-Kirchmeir forciert Frauen im Beruf der Justizwache, weist aber auch darauf hin, dass es nicht immer einfach ist. „Man muss das als Frau natürlich auch wollen – mit Gewalt umgehen können. Aber Diversität ist bei uns durchaus gewünscht.“ Derzeit sind von den 80 Mitarbeiter*innen in der JA Eisenstadt 65 in Uniform, davon sind rund zehn Prozent Frauen.


Interessierte bewerben sich unter: www.justiz.gv.at/home/strafvollzug/karriereportal/online-bewerbung~347.de.html

 

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